10. Juli 2017

Sieben Anfänge für schlechte Zeiten

Man kann aus alten Büchern noch manches ziehen, was Bezug zur jetzigen Jetzt-Zeit hat, zum heutigen Heute, um mindestens einen kleinen Gewinn auf seinem Konto verbuchen zu können – in Zeiten des Minus-Zinses zählt auch schon ein gutes Wort! Es kommt vor, passiert aber nicht oft. Mir ist es passiert. Ich las Denis Diderots »Rameaus Neffe«, um 1760 verfaßt – 2017 gelesen. Da wird man sich fragen: Warum liest einer noch so was? Ich habe mich das auch gefragt, frage mich oft, wenn ich lese: Warum lese ich das? und: Wer liest so was noch? Um eines Tages demonstrieren zu dürfen, was alles von mir gelesen worden ist, welchen Stand der Halbbildung ich augenblicklich erreicht habe, bin ich dabei, mir eine Liste anzufertigen, die ich zum gelegentlichen name-dropping verwenden werde – wenn’s nicht so auffällig ist wie gerade jetzt an dieser Stelle.

»Rameaus Neffe« stand schon lange in meinem Bücherregal, ungelesen, bis ich mir eine weitere Ausgabe gekauft habe, Dünndruck – ich lese mit Vorliebe Gesamtausgaben-Dünndruck von längst verstorbenen Dichtern und Schriftstellern. Ich schlug das neu gekaufte alte Buch auf, blätterte, las einige Zeilen, und blieb hängen, 90 Seiten tief – und las nach der letzten Seite gleich weiter, kam ins nächste Buch, das auf Seite 97 beginnt: »Jacques der Fatalist und sein Herr« – und dieses Buch empfehle ich noch mehr; es ist nicht ganz so alt, es wurde einige Jahre später geschrieben – man kann es auch 2030 noch lesen:

Wie hatten sie einander gefunden? Durch einen Zufall, wie alle Welt. Wie war ihr Name? Was liegt Ihnen daran? Woher kamen sie? Aus dem nächsten Ort. Wohin ging ihre Reise? Weiß man je, wohin man geht? Was sagten sie? Der Herr sagte nichts; und Jacques sagte, sein Hauptmann habe immer gesagt, alles, was uns hienieden an Gutem und Bösem zustoße, stehe da oben geschrieben.

Und wie liest sich der Anfang, der mich ursprünglich einfing (»Rameaus Neffe«)? – so geht er – kostproben Sie:

Qu’il fasse beau, qu’il fasse laid, c’est mon habitude d’aller sur les cinq heures du soir me promener au Palais-Royal. C’est moi qu’on voit, toujours seul, rêvant sur le banc d’Argenson.

Ich las es aber auf Deutsch – Fremdsprachenzitate gefallen mir besser als name dropping … aber nur, wenn die Übersetzung irgendwo zu finden ist. Hier ist sie:

Es mag schön oder häßlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um fünf Uhr abends im Palais Royal spazierenzugehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder töricht. So sieht man in der Allée de Foi unsre jungen Liederlichen einer Kurtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine andre, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.

Man merkt auf den ersten Blick wie altertümlich das ist: Kurtisanen, Dirnen … welcher Rapper würde so schöne Wörter verwenden, wenn’s derber, herablassender und verächtlicher geht? Wer andererseits würde schreiben: Meine Gedanken sind meine Huren. Vielleicht paßt es ja auch besser, ich glaub’s, manche Gedanken sind nichts anderes als »Schlampen« – das sind selbstverständlich die Gedanken anderer – man braucht sie, und wer sie braucht, der mißbraucht sie. Zwischen Brauch und Mißbrauch unterscheidet vielleicht nur der Blickwinkel.

Es sind bestimmt mehr als zwei-drei Aufsätze über Romananfänge und ihre »Magie« geschrieben worden – ich habe keinen parat, sonst würde ich daraus einen passenden Satz koppi-änd-päistn – – Mir fällt jetzt (live vor der Tastatur) ein weiterer Anfang ein, der mich ein weitaus dickeres Buch hat durchlesen lassen, 600 Seiten bestimmt. Er geht so:

Man nenne mich Ismael. Als ich vor einigen Jahren – wie lange es genau her ist, tut wenig zur Sache – so gut wie nichts in der Tasche hatte und von einem weiteren Aufenthalt auf dem Lande nichts mehr wissen wollte, kam ich auf den Gedanken, ein wenig zur See zu fahren, um die Welt des Meeres kennenzulernen. Man verliert auf diese Weise seinen verrückten Spleen, und dann ist es auch gut für die Blutzirkulation. Wenn man den scheußlichen Geschmack auf der Zunge nicht loswerden kann; wenn man das Frostgefühl eines feuchten und kalten Novembers auf der Seele hat; wenn man unwillkürlich vor jedem Sargmagazin stehenbleibt und jedem Leichenzug nachsieht, wenn man sich der Schwermut nicht mehr erwehren kann, daß man auf die Straße stürzen und vorsätzlich den Leuten den Hut vom Kopfe schlagen müßte, dann ist es allerhöchste Zeit, auf See zu gehen. Das ist für mich Ersatz für Pistole und Kugel.

Die Kur für düstere Lebensüberdrußgedanken ist dem jungen Mann, der hier schreibt, sich aufs Meer einzuschiffen; auf einen Walfänger ausgerechnet – da haben sich Zeiten und Empfindlichkeiten sehr gewendet. Ismael bucht keinen Kurztrip nach irgendwohin, auf daß er dasselbe sieht wie überall, und klickt sich nicht in vorgefertigte Gerechtigkeitsdebatten über … halt-halthalt – Ismael beginnt bei sich, das unterscheidet ihn.

Und deshalb zu mir. Es gibt einen Roman, der deutsche Empfindlichkeiten einmal sehr getroffen hat – ich wollte ihn auch nicht lesen, blieb aus persönlichen Gründen hängen:

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr.

Ich war selbst mal ein Kind.

Ich war selbst einmal Kind, das viel träumte – nicht am liebsten, aber viel – am Ohr leide ich noch mehr als damals, und das hat inzwischen Gründe, die von innen nach außen sich verlagern, ja Innen und Außen einander viel zu nahe bringen, so daß ich mich manchmal gezwungen sehe, einen Ausgleich zu schaffen und ein paar unmutige Zeilen über die Zeit und ihre Zumutungen zu schreiben – doch das ist die traurige Geschichte meiner peinlichen seelischen Krankheiten, die ich noch nicht bereit bin zu erzählen – ich bin noch zu sensibel.

Ich habe gelernt, man solle keine Sätze mit Und anfangen und auch nicht immer mit Ich – im Vorstellungsgespräch schon gar nicht – stellen Sie sich ein Gespräch vor … da haben Sie schon ein Vorstellungsgespräch (wirklicher wird es nicht: ein Gespräch wird es nie werden) – Man entlarvt Sie als Egomanen, der Sie nun einmal sind, fangen Sie mit ich-ich-ich an, und dabei sind Sie kein, sagen wir, schreiben wir … Rapper und haben Diamantringe an den zwölf Fingern (zehn sind zu wenig, wenn man was vorzuzeigen hat). Großmäulig gegen Großmäuler – das spricht dem Publikum und Ihnen, der Sie in Ihrer Stadt, in Ihrem Haus unter Ihresgleichen Ihre gehaltvollsten Sätze mit Ich beginnen, aus dem Mark:


– vorsagen, nachsagen, applaudieren, gottverdammt: verpissen.

Wenn aber ein Ich etwas zu sagen hat, dann soll es das:

Ich bin kein Held. Ich habe Angst vor Ratten und vor Schlangen. Ich gehe ungern durch einen dunklen Wald. Ich liebe es nicht, mißhandelt zu werden. Schlachtenlärm und Weltuntergänge sowie alle historischen Ereignisse, die sich geräuschvoll abspielen, sind mir unsympathisch. Ich liebe Bücher und Bilder, gute Musik und gute Weine. Ich esse gern gut. Ich lebe gern bequem. Unter normalen Umständen wäre ich gewiß ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden.

Wer hat das geschrieben? Hans Sahl. Wer ist / war Hans Sahl? Nach 300 Seiten wissen Sie mehr – und nicht nur das. Es ist der Anfang des Romans »Die Wenigen und die Vielen – Roman einer Zeit« in der nützliche Mitglieder der Gesellschaft auf kürzester Strecke einem Endziel entgegenarbeiteten – ich will Sie nicht abschrecken – der Roman ist nicht nur aus deeer Zeit.

Lesen ist Vergnügen, wenn das Hirn noch etwas weiterarbeitet, (ohne daß Schweiß die Stirn herunterläuft). Arbeit sollte sich selbst erledigen, im Hintergrund, im Unbewußten – wie im Schlaf. Am Morgen erwacht man und weiß wieder mehr von allem. Das wäre ein Dasein, »Unser Dasein« – Alfred Döblin läßt es so beginnen – er schreibt von sich in der Vater-Unser-Form:

Die Arbeit läßt einen los. Man geht allein durch sein Zimmer, blickt die Schränke an, die Bücher, den Tisch, die Stühle. Es ist sehr still im Haus. Da kann man sich am Tisch niederlassen. Der Blick irrt über die Tischplatte. Da ist nichts, was einen lockt. Briefe schiebt man beiseite. Auch keine Bücher. Es ist nicht ihre Zeit. Wessen Zeit ist eigentlich?

Da ist das Eigentliche: wessen Zeit? Wir sind immer versucht zu sagen: Unsere. Nachdenken darüber führt uns schon in Politik und Gesellschaft, Verhältnisse und Unverhältnisse.

Hier geht es auch um Ihre Zeit, hochwohlgeschätzter, erwünschter und zum Bildschirm geneigter Leser, sie ist mir nicht kostbar, und da sie schon vergeudet ist, kann ich auch fortfahren, um zum Abschluß zum Anfang zurückzukommen, zu »Rameaus Neffe«. Das Buch ist mit Anmerkungen versehen, so daß man zu manchem Namen, den man überließt, eine kurze Biografie bekommt, um ein Bild der Vergangenheit, die einfach nicht zur Ruhe kommt, sich vor Augen zu führen. Es ist eine Anmerkung des Übersetzers, die mich diesen Text zu schreiben veranlaßte:

Eine Bemerkung die den heutigen Leser an Abgründe der jüngsten Vergangenheit denken läßt!

Ich weiß nicht, aus welcher Zeit die Übersetzung ist, es muß eine schreckliche Zeit gewesen sein, und doch: Wie nachdenklich, wie nachdenklich und wie nachdenklich (dreimal anders betont) stimmt mich das, wenn ich an heute, direkt an heute und gestern denke.

Die Bemerkung zur Anmerkung, der Anlaß (1760), ist gut, aber nicht so wesentlich (vielmehr immergrün):

Je schlechter die Zeiten sind, desto mehr vermehren sich die Idiotismen.

Denkt man über die »jüngste Vergangenheit« nach, scheint mir, man denkt immer dasselbe, ob vor 250 Jahren, vor 100, vor 40 und vor einem Monat – die Zukunft wird das endlich ändern – wenn das Ende schon vorüber ist.

Doch wäre ich versucht, wenn ich das Netz nach »Idiotismen« absuchte, zu glauben, in noch schlechteren Zeiten zu leben als Diderot. Die näheren Umstände sollte man allerdings außer acht lassen – nur dann läßt sich sagen: Damals war besser.

Wegen dieses müden Gedankens habe ich all das geschrieben? Es ist zum Fremdschämen – kenne ich mich? Ich kenne mich nicht wieder – das können doch nicht alle meine Gedanken gewesen sein …

Meine Gedanken sind meine Dirnen.

Während Diderots Dirnen sich jedem hingeben, (er hat sie schließlich zu unserem Vergnügen aufgeschrieben), sind meine scheu – ja ich hab sie noch nicht einmal halbwegs nahe kennengelernt – und zu schüchtern bin ich auch, zu jung außerdem um als dirty old man wieder richtig ins Leben zu steigen … Ich empfehle mir stattdessen – Aufwachen:

Auch in dieser Nacht wachte ich auf und hörte, wie Vater und Mutter stritten. Mutter sagte, mit seinen ewigen Seitensprüngen, den ständigen Trennungen und all seinen Allüren versaue Vater ihr Leben, und daß sie es satt habe, daß sie es satt habe; er gab ihr zur Antwort, er habe es auch nicht leicht, und er ersticke, und er habe das Gefühl, auf der Stelle zu treten, und seine Zeit renne und renne, und er bringe einfach nichts zuwege, worauf sie meinte – –

lesen Sie aber selbst weiter auf Seite 7, Benny Barbasch: Mein erster Sony … oder begnügen Sie sich mit dieser Antwort:

… Und sie, Messieurs, haben sie gut geschlafen?
– Sehr gut.
Der Himmel ist nach allen Seiten verhangen.
– Wir sind sehr verärgert darüber.
Die Herren haben es noch weit?
– Das wissen wir nicht.
Die Herren folgen jemandem?
– Wir folgen niemandem.
Sie reisen, oder sie machen halt je nach den Geschäften, die sie auf ihrem Weg haben?
– Wir haben keine Geschäfte.
Die Herren reisen zu ihrem Vergnügen?
– Oder zu ihrem Leid.
Ich hoffe, daß das erste der Fall ist.

Die Ausschnitte, die dieser Textur das Muster gaben, sind aus folgenden Büchern: Denis Diderot: Rameaus Neffe / Jacques der Fatalist und sein Herr || Hermann Melville: Moby Dick || Heinrich Mann: Der Untertan || Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen || Alfred Döblin: Unser Dasein || Benny Barbasch: Mein erster Sony

25. Februar 2017

Wozu bin ich deutsch?

„Was ist deutsch? Irgendwann könnten wir uns vielleicht darüber unterhalten.“

Wenn ein allgemeines Bedrohungsgefühl herangefühlt worden ist, wenn die Bedrohung der (Volks-)Gemeinschaft oft genug besprochen worden ist, wenn wir Verfall um uns herum wittern, ergibt das gewiß eine »Debatte« über unseren »Volkscharakter« – wie oft hab ich schon: Was ist deutsch? gehört! Es wird die Debatte angerührt, die uns in unsere kulturellen Landesgrenzen einsperren möchte – das wäre schon eine Antwort auf die Frage. Daß ich hier so selbstverständlich »bei uns« schreibe, bezeugt, daß der Autor ein Heimatgefühl mit allen andern teilt, die hier sind; innerhalb der deutschen Grenzen hat er, da von deutsch-gebürtigen Eltern geboren, eine stammesgeschichtliche Berechtigung sozusagen als Insider, als Inländer darüber zu reden, mit bald 6 Jahrzehnte währender eigener Erfahrung.

Politisch links Orientierung Suchende mögen eine Debatte über das Wort Deutsch nicht; sie spüren die Schande in den eigenen Knochen noch auf; ein prickelndes Schaudern, ein leichtes Gefühl der Reinheitsglückseligkeit überkommt sie, wenn sie im Klassenfeind ein Deutschsein erkennen, dem sie ihre ganze mitmenschliche Verachtung widmen dürfen.

Deutsche Schande[J. Augstein]

Politisch rechts Empfindenden behagt auch aus Opportunismus gerade deshalb darüber zu reden um so mehr; die Mitte ist dagegen nicht neutral, sie wogt mit den Extremen, fragt sich, was ist dran? hakt sich unter, ist bewegt und schunkelt gerne mit lauten Wortführern, seinerzeit Bierzeltrednern; heute sind’s Prediger, Parteigänger und kristliche Sarazine, die ihre Fans zum Kulturbewußtsein und deutschen Kulturgutgebet auferwecken. Deutschland hat sich mit ihnen und durch sie schon längst abgeschafftet. Ist die Show zu Ende, bekommt die Menge nicht einmal einen Kater.

Vielleicht ist »Was ist deutsch?« nur eine online-Debatte unter Kolumnisten? Doch scrollt man vom schön geschriebenen, ausgewogenen Text nach unten in den Kommentarbereich, fühlt man sich wieder mehr zuhause im Deutschsein. Man ist augenblicks von der Wirkungslosigkeit guten Journalismuses überzeugt, und hört wieder Volkes Stimme [da liegt ein Wort in der Luft!].

Die Volksauflösung der FAZ[FAZ, Reinhard Müller]

Wenn sie doch nur im Glashaus sitzen würden, dann könnte man ihnen die Scheiben einschlagen – das geht oft seitenlang dahin.

Wie wagen sich Kolumnisten an sooo große und wichtige Themen immer wieder heran? frage ich mich. Wie recherchiert man über Deutschsein ohne in der Geschichte zu buddeln. Es scheint unbedingt erforderlich, Geschichte außen vor zu lassen: die einen berufen sich nur darauf, die andern finden die anderen 1000 Jahre doch weit gewichtiger.

So viel sei verraten[Volkesstimme vertreten durch einem aus dem Volk: Dennis B.]

Warum aber debattiert man wieder einmal? Man will den rechten Strömungen im Volk entgegentreten, damit im Deutschtum nicht das hervortritt, was am Wort so stört. Es ist nicht die NPD, die Wortführer ist – laut Verfassungsgericht, eine kleine, wenn auch blamable Partei ohne Wirkungsgeschichte – es ist die Partei mit Bedeutung, die ein Wort okkupiert hat, das seinerzeit, vor etlichen Jahrzehnten eine Szene für sich entdeckte, die so alternativ wie bio war und ist. Die Alternative für Deutschland gibt die Richtung vor und debattiert selbstverständlich gar nicht mit. Alternativen sind gerade nicht, was ihre Redner und Wähler wünschen.

Es ist Nebensache, was da alles diskutiert und herausgefunden wird – hört eh keiner, hat eh jeder seine Meinung schon längst.

Wichtig dagegen ist, dem Wort Deutsch eine Lautstärke zu geben, eine Würze, einen Geschmack, es in den Magen hinabzudrücken, serviert auf einer Curry-Wurst, auf der Leberkässemmel oder im Kartoffelpuffer – und nicht auf einem Döner oder einer Falafel (man braucht gar nichts diskutieren, man merkt vom Bauchgefühl her schon, da gehört’s nicht hin!). Ist es erst einmal im Magen, kommt des Deutschen hochgepriesenes Bauchgefühl – auf das immer Verlaß ist – zum Wirken. Das Bauchgefühl ist uns, den deutschen Feinschmeckern, den Gesundheitsesoterikern, ein Heiliges. Wir reden gerne davon. Im Bauch kommt alles zusammen. Das gibt uns Magendrücken, dort ist nichts mehr rein, sauber und unvermischt. Kein Wunder, daß so viele es würgt, denn ihr vergeistigter Zorn ist ihnen heilig. Eine Umstellung auf etwas gedämpftere Kost aber käme nicht in Frage, da wird mal ein Groß-Reine-Machen zum Allheilmittel werden.

Wozu deutsch sein? Warum – es kommt mir Mitleiden hoch – gibt es denn bei uns kein ungetrübtes Nationalgefühl? kein Fahne-Schwenken beim Fußball ohne Debatte – wir sind doch im Grunde kein Volk, das Debatten je geliebt hat, darüber sollten Fernsehtalkshow nicht hinwegtäuschen. Woanders geht’s doch auch, bei den Franzosen, den Amerikanern, den Italienern, den Russen.

Deutsch ist man aus Gefühl
»Nationalbewußtsein«, schreibt Herr Krause in der Welt richtig oder falsch, hängt nicht mit dem Intellekt zusammen. Gefühle wollen sich nicht begründen lassen – das scheint ja vor allem Aufgabe des Intellekts zu sein: Verunsichern. Der Intellekt sollte dem Gefühl mal nachgeben anstatt ihm nachzugehen, und schauen, in welche dunklen Wege es wandert.

Deutsch ist man aus Gefühl (»Lesedauer«: 30 Jahre und mehr). Fühlen ist unsere Stärke; wir fühlen Unverträglichkeiten und allergische Reaktion.

Man könnte es dabei belassen: die einen fühlen, die andern nicht. Am Ende (gar nicht abzusehen) wird es erneut heißen: Diese ganze Diskussion ist sooo deutsch – darin sind sich alle einig. Ratlos stehen wir wieder vor einem blinden Spiegel und hauchen unser Bild an, polieren mit dem Ärmel herum. Wir fragen uns das falsche. Warum reden wir gerade jetzt wieder ums Deutsche herum? darüber sollte man reden: Es geht um die Grenzen des Deutschseins, nicht was innerhalb ist, sondern darum, wen man draußen haben will. Es muß ein Ergebnis her! Man muß mit dem Finger darauf zeigen können, vorort: der und die gehören hier nicht her.

Ich persönlich brauche den Akkord deutsch in meinem Alltag nicht. Er wäre nur ein zusätzlicher Pfeifton an meinem Ohr; er bringt mir kein neues, schöneres Lebensgefühl nahe, aber deutsch verbindet sich auch nicht automatisch mit Schmach und Schande. Die ganze Geschichte ist verworren: Aus der Nähe betrachtet wird der Begriff verschwommen, aus der Distanz gewinnt er an Klarheit. Wer länger im Ausland gelebt hat, hat womöglich erfahren, wie sehr deutsch er ist; im Inland braucht er sich dessen nicht zu versichern; auch Ausländer werden hier schnell zu Deutschen und machen viele unserer Macken zu ihren eigenen und mutieren zu Inländern.

Was ist deutsch? – Deutsch ist meine Sprache.

Natürlich kann man da seine Zweifel haben. Deutsch ist voller Tücken und Regeln, und Fallen und Fälle. Die Sprache ist unbeherrscht, sie kann sogar gebrochen gesprochen werden: Deutsch bleibt deutsch; verstehen tun wir’s allemal, oft nur zu gut. Vorsichtig bin ich dort, wo der Redner und Schreiber »Klartext redet«. Klartext verdeckt die Zwischentöne, wenn nicht gar die allermeisten Farben.

15. Januar 2016

Rudern im Wörtersee

Rudern

Da sitzen sie in einem Boot, auf offenem Meer oder auf einem See, oder, wahrscheinlicher, einen Meter vom Steg, und schon rudern sie – zurück natürlich; denn eine Richtung kann keiner vorgeben und ein Ziel ist nicht in Sicht. Ob sie beim Zurückrudern an ihre Autoren denken, die am Ufer noch auf festem Boden stehen?
Der Leser hat das Wort, und Marktführer sorgen für seine Mitbestimmung. Der Leser steht auf flat!

Amazon und Lesegeld

Mehr …? Weniger!
Manch Autor von dicken Schmöckern wird sich in Zukunft, wenn die Verlage das Rudern im Swimming Pool gelernt haben, wundern über den kargen Lohn für seine Schreibleistung. Romane werden vielleicht dünner dank e-book und der Gehalt schrumpft auf Anfang und Ende zusammen.
Andererseits wird gerne gelesen wie geplappert wird, nicht tiefer nicht besser, sondern genau so! oder so? Ach ja? Ja.

Lukas und ich

Okay. Amazons angedachtes Bezahlsystem finde ich persönlich zu großzügig und paßt nicht zum Konzern.
Mein Vorschlag dagegen würde dem Traum eines jeden Autors gerecht werden – welcher wünschte sich nicht, daß jedes einzelne seiner gemessenen Worte auch angemessene Beachtung fände: Eine Bezahlung nach gelesenen Wörtern würde ihn, nach Rückfragen bei Amazon, endlich erfahren lassen, welche seine gehaltvollsten, seine meist gelesensten sind, um sie demgemäß in seinen weiteren Arbeiten besser einsetzen zu können. Keine Wortsuch-Zeitverschwendung mehr, kein überflüssiges Nachdenken und Grübeln, keine Denkerposen vor der Tastatur mehr, nur fürs Image-Foto (oder Foto-Image).

Der Leser würde an der neuen Lektüre erkennen, daß man seinen Wünschen und Vorstellungen folgt und würde es selbstverständlich honorieren mit einem Wunsch nach Mehr, weiter so! Die Honorierung wird zwar nur flätt ausfallen, doch vom Autor her gesehen sind ja auch die Romangeburtswehen/mühen erheblich schmerzgemildert. Ausgerüstet mit dem entsprechenden wichtigen Wortbestand kann er sich schneller ans neue Werk machen. Am geeignetsten scheinen meiner persönlichen Meinung nach dafür Krimis zu sein. Publikum und Schriftsteller sind bereits eingeschossen auf dasselbe Fortsetzungs-Personal. Man kennt es, man liebt es und liest gerne dasselbe Ähnliche wieder.

Technisch läßt sich der entscheidende Erfolgs-Wortbestand auf einem e-book Reader mit dem Scannen von Augenbewegungen beim Lesen gewiß einrichten: Dein Buch liest Dich mit. Das ist Kommunikation 4.0 oder schon 5.0.


Die Autorin obigen Roman-Textausschnitts, verkündet der Verlag in seiner Autoreninfo, liebe „Kaffee und Ohrringe, weil sie auch dann passen, wenn man mal eine Kleidergröße mehr braucht“.
„Zehntausende begeisterter Leser“ beförderten das Buch, zuerst im Internet veröffentlicht, aufs Papier, schreibt der Verlag – der rudert in den richtigen Gewässern: er läßt sich treiben. Es ist eine fröhliche Kahnfahrt, an der wir alle teilhaben können, vielleicht sogar interaktiv mitschreiben.
Ja?
Ach! Ja.
Okay.

13. April 2014

Berlin, vielleicht

Als ich das erste Mal Berlin besuchte, hatte man mir empfohlen, eines der Stadtmagazine gleich am ersten Kiosk zu kaufen, um all die kulturellen Angebote, die in einer solchen Großstadt auf einen warten, durchzustudieren und auszuwählen. Das Angebot ist immer so überragend, daß man als ganzer Mensch die Pflicht hat, es im bescheidenen kleinen Teil zu überblicken und wahrzunehmen. Das Versäumte nachholen kann man in der Provinz nicht mehr, die ist außerhalb der Stadtgrenzen Berlins überall, und hört erst wieder vor Paris/London auf.
Berlin, ein Nest
Nun kaufe ich mir seither zuallererst so kleingedruckte Information, daß ich inzwischen glaube, das Kleingedruckte gehöre nicht nur in Miet- und sonstige Verträge, sondern auch zur Subkultur der Stadtmagazine. Noch bevor ich herausfand, daß ich für das kulturelle Mega-Ereignis dieses Jahres (»Ein Kran hebt tonnenschwere Werke in den Gropius-Bau«) zu früh angekommen war, befand ich mich schon in der »Coolness-Debatte«, die in New York angestoßen (»Berlin is over«), die Berliner beschäftigt, die sich mit so etwas beschäftigen. Da wurde ich schon auf der Titelseite belehrt, daß das Wort Cool nun doch wieder cool ist; ich hielt es für aut.

Coolness

Zur Berliner Coolness-Debatte gehört die »Gentrifizierung«. Alleine die Anwesenheit des Wortes »Gentrifizierung« zeigt, wie heip Berlin ist, zeigt, daß diese Stadt wächst, gedeiht und prosperiert und verdrängt.

Menschen wie ich, die manche Künstler nennen, sind Mitverantwortliche der Gentrifizierung alter Stadtteile, hat man mir neulich in familiärem Kreis gesagt. Kurz erklärt: Es beginnt mit jungen Künstlern, die in die Großstadt ziehen, in billige Viertel, weil sie zu wenig Geld haben, um gleich in Nobelviertel ihre Galerie aufzumachen; ihnen folgen Kunstinteressierte und Studenten; daraus keimt wie ein Sauerteig eine Szene (meist ist sie »lebendig«); neue Geschäfte folgen, Cafés & Kneipen; Geld strömt in den Kiez, Graffitis verschwinden, Karottenhosen kommen, Haustüren werden gestrichen; Wohnblocks mutieren zu begehrten Immobilien – das ist das Ende für die Künstler im Viertel. Gebätschelorte Studenten ergreifen, wenn sie können, Mode-Berufe, verdienen ordentlich Pimpes [**] zum Ererbten hinzu, kaufen sich 2-, 3-, 4-Zimmerwohnungen, und behängen weiße Wände hoffentlich ordentlich voll mit Kunst. Am Ende hat die Kunst erreicht, was sie sein soll: Hip-itätisch. Künstler, die immer noch kein Geld haben, sind bereits in andere arme Wohngegenden verzogen, um dort mit ihrer eigentlichen Arbeit, Perspektiven zu öffnen, Gentrifizierung vorzubereiten und anzupacken.

Gentrifizieren und darüber zu reden ist wichtiger Bestandteil einer sich selbst sehr bewußten Coolness, die zu ausführlichen Debatten über die Dekoration des eigenen Ichs führt; das ist ein alle paar Jahre wiederkehrender Vorgang, er heißt »Schweinezyklus«.

Berlin debattiert nähere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seiner Hype- und Coolness.

Gehyptes Berlin

Das Resümee läßt sich kurz ziehen, eine »Lesebühnenautorin« faßt es prägnant:

Fuck, das waren Zeiten
Man sollte jetzt nach Chemnitz, Leipzig oder nach Görlitz, da seien die Mieten noch billig, da gäb’s auch schon ein Poetry Slam und Club-Mate – was wollte man sonst dort! Ernst gemeint sind diese Statements oder sind es Meinungen? nicht, da bleibt die Szene sich treu, der Wahlberliner liebt Berlin und verdrängt sanft, mit Kultur und Kunst demnächst die alten Moabiter, wenn ihm Friedrichshain zu gesellig geworden ist.

Daß all das nicht nur Geschreibsel ist, das ich gelesen habe, bevor ich ins Getümmel fuhr, erfuhr ich dann im Getümmel. Die Hipster, die als barttragend (1,37cm lang), karottenhosig und bebrillt beschrieben werden, sah ich dann in persona grata. Der Blick schärft sich auch bei näherem Hinsehen nicht, kleine Unterschiede fallen aber ins Gewicht. Das Modebewußtsein ist: bewußt unmodisch gedresste Erscheinung. Natürlich findet man das in meinem Alter (55-75) lustig. Die Brille alleine macht aus mir keinen coolen Alten.

Irgendwie müssen sich die jungen Leute ja kleiden! Was war’s zu meiner Zeit (die ist natürlich noch nicht ganz vergangen)? Ich hab’s vergessen, und krame heute keine Fotos aus; da müßte ich mich ja in Selbstironie besichtigen; aber bloß keine Ironie, hinter Ironie versteckt sich der zersetzende Intellekt Zersetzung, der keine Werte ernst nimmt.

Da bin ich nicht weit von Kuratoren entfernt, die Marotten haben:
Kurator
Daß Große Kunst ohne Kuratoren nicht richtig abgeht, ist mir bereits geläufig. Wie sehr Kuratoren der Kunst die Ohren lang ziehen und das Publikum auf Lego-Pädagogik und abgerundeten Lehrplan abrichten, darüber darf ich für mich grübeln. Künstler sagen zu jedem Thema etwas, aber immer in einer Form, die Kunstexegeten in ihrer Auslegung ihnen schwurbelig zur erneuten Interpretation vorlegen. Es ist ohne Belang. Ich grüble gerne über Bedeutungen – wenn ich den Kuratoren im Hasenkostüm kennenlernen würde, könnte ich schon meine Meinung über Kuratoren ändern.

Weiterer Beleg, daß Berlin etwas für seine umherziehende hippe Schwarm-Bevölkerungsschicht zu bieten hat: Es gibt nicht nur Grillbuden, den Alex und das KaDeWe und Cafés, Berlin hat auch eine »Rache-Agentur«, bei der nur der Kulturvierte seine Rache kultivieren sollte
Rache ist Psycho-Hygiene
»Rache ist Psychohygiene« – ziemlich psycho dieser Spruch.

Nach intensiver Vorbereitung ging’s von Zehlendorf aus in die Stadt. Das Stadtmagazin blieb in der Bleibe.

[**] »Pimpes« – man kann keinen Unsinn erfinden, ohne daß ebay nicht schon auch dafür einen Artikel hat. Darüber hinaus gab ixquick zu dem Wort nichts her:
Artikel zu Pimpes

11. April 2014

Populäres Thema: Haltungsschaden

Rätsel in Schlagzeilen lösen sich meist auf, wenn man den Text dazu liest; man bekommt im geringsten Aufklärungsfall einen Hinweis, worin das Rätsel besteht.

Maler gibt weiter Rätsel auf

zieht mich aus Berufsgründen an: Ich male (Sie malen? Ich auch! Wollen Sie es sich ansehen?). Ungern nehme ich Themen zur schriftlichen Meinungsäußerung an, die im Wohnort meiner Zweitwahl bitter und heiß beredet werden. Man hat mir berichtet, daß so etwas geahndet wird – »über deeen schreiben wir nicht!!! Der will nur Aufmerksamkeit!« Man kann weinen, schreiben und betteln, aber es hilft einem nur Verzweiflung über die strafende, schreiend ungerechte Nichtbeachtung hinüber. Dabei bedauert ein Großteil der lesenden Deutschen Bevölkerung, daß die »Mainstream-Medien« über so vieles ganz und gar nicht schreiben, daß diese »Mainstream-Medien« Mitläufer seien, gelenkt von Kräften, über die man sich nur in Foren ausgiebig unterhalten könne, weil nicht gesagt werden dürfe, was keiner einem verbietet zu sagen. Man hält sich die Hand einfach so vor den Mund und verbreitet dann schon das Geheime, das jeder sich denkt, dem das Wort Kompliziert zu kompliziert ist und nach Gehirnwindungen klingt.
Achtung Redaktionen: worüber ihr gar nicht schreiben wollt, das diskutieren die Leser am meisten.

Es wird einer Redaktion schon mal »Mut« anerkannt, wenn sie einen nicht maingestreamten Leserbrief veröffentlicht, der die »scheinheilige« Weltpolitik der USA mal deutlich benenne:

… [USA-Krieg] Nr. 223 im Jahre 2014 (Anstiftung eines bewaffneten Umsturzes in der Ukraine).

Eine detailreiche Analyse, die nicht viel Schnurz macht; mit der Faust auf dem Tisch. Eine Liste der Kriege/Konflikte der USA findet sich auch auf Wikipedia (»Liste der Militäroperationen der Vereinigten Staaten«). Da läßt sich ein Blick auf Kriege/Konflikte mit deutscher Beteiligung wirklich nicht vergleichen, es findet sich auf Wikipedia keine Liste; lohnt nicht, die Anzahl wird eine gutes Dutzend nicht überschreiten.

Anerkennung gebühre dem

Abdruck einer Meinungsäußerung, die von der in unseren Medien vorherrschenden, recht einseitigen politischen Sicht zur Weltpolitik abweicht

meint der ebenfalls abgedruckte Leser. Man hört die Erleichterung, den befreienden Seufzer darüber, daß endlich einmal in einer »offiziellen« Zeitung deutliche Worte in Richtung Amerika erhoben werden. So arbeite ich mich von Abdruck zu Abdruck nicht mainstreamiger Meinungen und komme doch immer wieder auf dieselben Quellen zurück, wenn ich die Wörter im Internet rückverfolge – auch eine Art »stream«, vielleicht ein »undertow«.

Demselben Leserbriefschreiber, ein Oberfeldwebel d. R., den 223 Kriege der USA sehr beschäftigen, wurde bereits vor Jahren mehrspaltig das Wort gegeben, als es um die Verlegung von »Stolpersteinen« ging:

Ich lehne »Stolpersteine« solange ab, bis auch für die zwei Millionen Frauen, Kinder und alten Männer aus Ostpreußen, Schlesien, Böhmen, Siebenbürgen usw., die 1945 bei der Vertreibung von Polen, Tschechen oder Russen erschlagen wurden, verhungerten oder erfroren, ein Mahnmal errichtet wird. Oder ist eine grausam zu Tode geschändete 16-jährige Schlesierin weniger wert als eine im Konzentrationslager vergaste 16-jährige Jüdin?
Aufrechnen? Relativieren?

Die Veröffentlichung solchen Briefes kann man mutig finden, wenn die Hoffnung zugrunde liegt, daß jemand antwortet. Es blieb still. Stolpersteine wurden schließlich doch verlegt.

Die Frage, wer weniger wert sei, bleibt mir im Gedächtnis: »Die vergaste Jüdin« oder »die grausam zu Tode geschändete Schlesierin«. Vergasen ist nicht grausam, man braucht das Wort nicht davor zu setzen. Den größten Wert hat der Vergleich: Er ist kein Aufrechnen und kein Relativieren, wie der Schreiber selbst über seine Gedanken urteilt, er ist ein Fundstück aus einem bedrängten Unbewußtsein. Die ungerechte Behandlung der Deutschen in der Welt läßt sich so kreischend aufzeigen, während die Juden überall ungeniert mit ihrer Art weitermachen:

Oder halten sie (Stolpersteine) Israel davon ab, demnächst (mit deutschen Waffen) den Iran anzugreifen?

Stolpersteine hätten für den Oberfeldwebel wenn überhaupt nur dann einen Sinn, wenn die israelische Politik darüber stolpern würde. Stolpersteine als Mahnung an den Staat der Juden. Der Brief ist nun schon einige Jahre alt; man möchte also sagen, da hier ein Kausalzusammenhang gesponnen worden ist: Israel hat sich durch Stolpersteine davon abhalten lassen – bislang!

Der Jude Henryk M. Broder bezeichnet die Gedenktafeln und Stolpersteine als Inflation.

Es ist nie falsch zu sagen: der Jude Broder, der Jude Heinrich Heine, der Jude Rothschild, der Jude Kissinger, der Jude Madoff, der Jude Einstein, der Jude Judas, denn dann kann man »den Juden« besonders gut für die eigene Besessenheit gegen die Juden verwenden, wenn’s einen alltäglich über Jahrzehnte hinweg würgt, daß den Deutschen unrecht widerfährt in der Würdigung ihres eigenen Leides.

Halten Holocaust-Mahnmale die 400 radikalen jüdischen Siedler in Hebron davon ab, 40 000 Palästinenser zu demütigen, ihre Brunnen zu zerstören und ihr Land zu rauben?

Nein! Das zeigt wie überflüssig Mahnmale sind – – wenn man sie nicht dem unbekannten Soldaten widmet, dessen vergangenes Leben sie würdig weiterführen.

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Man hat mir einen Brief zum Lesen gegeben, indem sich jemand über den »Neujuden« in der Redaktion beschwert, ein undruckbares, nicht minder unsägliches Geschreibsel wie zitierter Brief. Ich weiß mittlerweile, seit ich zweitwohne, wer alles Jude in der Welt ist, und wo die sind und was die treiben! So unwissend naiv war ich noch vor 10 Jahren, daß ich den Juden Mendelssohn-Bartholdy nur als Mendelssohn-Bartholdy kannte und hörte. Ich gehe nun den aufgeklärten Weg mit einer Klingel im Kopf und bin empfindlich auf die schrillen Töne, die in den Foren abseits des »vom Kapital gelenkten Mainstreams« gesungen werden.
»Das sind alles Judnfüaz!« höre ich noch öfters sagen; es ist gar nicht so gemeint wie gemein es ist, man sagt’s einfach, weil’s schon so gesagt wurde in vordenklichen noch christlicheren Zeiten.
Meinen Hut sollte ich in einer Gastwirtschaft bei einer Künstlerversammlung abnehmen, weil wir hier, Künstler unter uns, nicht unter Juden seien. Wo wurden hier Juden in den letzten 70 Jahren gesehen, daß so ein Spruch noch wie selbstverständlich jemandem mit nachdrücklicher Heiterkeit aus dem Munde fällt? Die Juden, das ist ein Volk, von dem ich nun annehme, es sei so ungehörig, den Hut an ehrenvollen Plätzen nicht abzunehmen, keinen Anstand zu haben und auf unsere Kosten die eigenen Untaten weiter zu verfolgen, durch den Staat Israel und durch die USA; aber der Nicht-Mainstream deckt sie schon langsam auf. In den »offiziellen« Medien kann man das noch nicht lesen.

Haben die denn nichts aus der Geschichte, die wir ihnen beigebracht haben, gelernt? Gerade die Juden müßten es doch wissen!

Solche Sprüche kann man gar nicht unschuldig genug vorbringen. Sie sind »Mainstream« und trotzdem muß man erklären, was daran widerlich ist (indem man sie ein bißchen überzieht).

Geht man Links und Worten nach, um herauszufinden, woher so manch Empörter sein Nicht-Mainstream-Weltwissen bezieht, kommt man auf Honigmänner, Bewußtseins-Televisionäre, Sekret-Televisionäre, Kompakte Magazine oder Infokrieger und gerät in einen Mahlstrom, der einen völlig benommen direkt am Südpol ins Innere – man wird pessimistisch – einer durch und durch hohlen Erde stößt; man sieht sich am Himmel langatmige Chem-Trailer an, lauscht in der Nähe von Windrädern dem lebensbedrohlichen, Feinstofflichkeit zerstörenden Infra-Schall, und begreift das System dahinter: Romantischer Größenwahn und politische Zurücksetzung. Bedeutungslosigkeit. Auf alle Fragen eine Antwort: Meditativ-monoton immer dasselbe denken; Nicht-Denken. Verstand ist schädlich. Nur das Gefühl zählt, das unbestimmte Bauchgefühl.

Nun lese ich also einen Artikel über einen Maler, der weiter Rätsel aufgibt. Mein Bauchgefühl sagt mir: Maul halten, hier ist ein Thema, das man besser, als Ausländer, nicht aufgreift – wie etwa die Frage nach der Berechtigung einer Namensgebung der Straße gegenüber nach einer der großen bayrischen Parteigrößen, die in einem Land regierten, »das in brauner Vorzeit Juden in die Emigration (!) trieb«. [Joachim Jahn, FAZ], die Ludwig-Siebert-Straße. Man macht sich Feinde fürs Leben, ohne daß man sie jemals zu Gesicht bekommt, oder man hört offene Drohungen. Ohnehin komme ich von außerhalb der Mauer, ein Bayer im Frankenland. Wo ich herkomme, da sei es doch mindestens genauso schlimm gewesen, wenn nicht sogar noch schlimmer. – Es darf nur von innen kommen, was einen bewegt (tiefes mystisches Geheimnis). Was nicht gerüttelt wird, bewegt sich eben nicht. Rede du von dir, und kehr vor deiner eignen Tür. Wechsle niemals deine Wohnung, zieh nicht um, bleib Zuhause, ernähr dich nicht unbedingt redlich, doch immer so wie die andern. So wie’s war, ist’s selbstverständlich, das wissen wir alle, Schwamm drüber. Oder Schwamm ausquetschen.
Reden wir nicht über Details, machen wir’s allgemein: Es war eine dunkle Zeit für jeden. Juden wurden in die Emigration getrieben – wenn sie entkommen konnten.

Besagter Maler war als »Angehöriger der Propaganda-Abteilung« »verpflichtet Kampfhandlungen zu heroisieren«, seine »pathos-triefenden« Bilder (aus brauner Vorzeit) lassen sich als »nationalsozialistische Propaganda einordnen«. Unmittelbar nach dem Krieg habe sich der Maler, sagte ein Bekannter des Malers aus »Furcht vor Entnazifizierungsmaßnahmen« versteckt. Danach ging alles wieder seinen Weg mit Landschaften, Stadtansichten, Portraits.
Was ist nun das Rätsel? Ob der Maler vielleicht »vom Gedankengut des Nationalsozialisten infiziert war«. Der Nationalsozialist? Gab’s nur den einen, den einen Hitler?

Das Rätsel ist die Frage selbst. Es sollte ein Ausrufesatz sein. Das ist ein bißchen pathetisch zwar, aber doch nicht triefend. Wenn er nicht infiziert war, was dann? Dann war sicherlich kaum jemand infiziert vorort. Über Opa oder Oma in der Familie gibt’s nichts zu sagen.

Das Rätsel ist das Glück der Bildenden Künstler. Man kann nie genau wissen, was sie meinen, selbst wenn sie zu Tausend Themen etwas malen: Bilder lassen sich nicht eindeutig verworten. Das hält die Kunst immer noch am Leben, es macht sie zwiespältig, zwielichtig mitunter. Es ist ihr Recht, es ist ihr Gut.
Vom »Gedankengut des Nationalsozialisten« konnten Maler nicht infiziert sein: Da waren weder Gedanken, noch waren die Reste davon gut.

Manchen geht es wirklich schwer auf die Nerven, daß sie mit ihrem Gedankengut immer wieder in die »rechte Ecke« gestellt werden. Die rechte Ecke ist aber keine Ecke mehr, sondern offenes Hinterland.

Befrägt man eines Tages unsere Generationen so milde darüber, ob wir inmitten von Konsumberauschten von Konsum berauscht waren, wenn in vermülltem Land nach Wertstoffen gegraben wird, dann stehen wir vor einem milden Gericht. Wir haben es uns verdient, es ist unser Mindest-Lohn und wird das höchste Lob auf uns sein.

23. November 2013

Als Humorkenner in der Witzfalle

„Eva-Maria aus dem Saarland folgte dem Aufruf und erzählte, wie ein harmloser Facebook-Flirt hässlich endete.“
So begann ein Artikel, den ich nicht zuende las, da ich es nicht mehr ertragen kann, wenn die Schöne auf den Häßlichen trifft. Der Tod und das Mädchen, die Schöne und das Biest, Lady Gaga und die Kunst – nichts mehr für meine Ästhetik. In meinen Notizen steht dazu noch: „Folge 1 der Sommerloch-Serie“, was ja nur von mir selbst stammen kann. Wenn das „Sommerloch“ das Strickmuster aufreißt, wenn alle Politiker in Badelatschen über den Strand watscheln, kein Taifun in Sicht, kein Hoch Ursula mit keinem Tief Herbert ringt, kein Erster Toter vermeldet werden kann, ist das Schreibnotprogramm angeknipst, dann gibt’s Rosamunde-Pilcher-Nachrichten jeden Tag. Die Geschichte von Eva-Maria (wahrscheinlich sogar ein falscher Name!) stand im Artikel: Flirtfalle Facebook. Er kam in meine anschwellende Fallensammlung. Nun ist sie inzwischen so groß geworden, daß ich mein Gewissen befreien muß von den Hirnschlingen und krummen, heimtückischen Gedanken und sie als Gedankenpause präsentiere.

Es ist nicht so lange her, daß ich mir der Fallen in meiner Lesewelt bewußt geworden bin – was sind schon ein paar Jahre, inzwischen. Vielleicht war’s die Stolperfalle Liebesleben, über die ich länger sinnierte, weil ich für einen Moment meinte, sie würde wirklich existieren, oder es war die Stilfalle Schreibtisch, als ich mich bei mir selbst umsah
Cafe Sprüngli
und nach Deckung zwischen persönlicher und beschriebener Wirklichkeit suchte.

Wer in eine Falle tappt, ist nicht immer Opfer, oder glaubt jemand Kapitalismus wäre ein Opfer? Die »ZEIT« schrieb im Wirtschaftsteil über Kapitalismus in der Reichtumsfalle. Dieser Titel legt viele Interpretationen nahe – kurze Gedankenpause. Gehen wir weiter:

SPD in der Sarrazin-Falle – wer weiß noch, wie sich die SPD da heraus gewunden hat, ob überhaupt; wer kann sicher sein, ob die SPD noch Hand und Fuß hat, ob sie nur noch ein Torso ist? Eine Wirkung muß die Falle doch gehabt haben – die SPD-Zunge jedenfalls kann wieder gut reden und versprechen und sogar, wie man liest, verhandeln und fordern. Dabei ist sie an einen Partner gelangt, der gefährlich, weil fallenerprobt, ist: SPD in der Merkel-Falle. Skeptische, kritische Journalisten fragten kurz nach der Wahl im September: Wer geht in die Merkel-Falle? Es sieht nach der SPD aus, die die Stelle der blutentleerten FDP an Merkels Seite antreten möchte.

Das Merkel ist in der Tat sehr sehr fallenerprobt. Es stellt Fallen, wie wir gelesen haben, aber es wird alle paar Wochen selbst von einer gezwickt. Kurze Zeit befand sich das Merkel in der NSA-Falle. Die abgeschnorchelten Bürger warteten Monate vergebens auf ein schmächtiges Kanzlerwörtchen, durch einen Sprecher ließ es erklären, die Affäre wäre beendet, so einfach geht das für uns Ameisenmenschen.
Niemand wird abgehorcht, wir haben das schriftlich
Aber dann, als irgendjemand in die Öffentlichkeit whiselte, daß ES selbst, auf ihrem eigenen Handy, abgehorcht würde, vom Amerikanischen und vom Britischen Geheimdienst, war die Merkel-Empörung groß, ja schlug Wellen durchs ganze Nachrichtenland: Das gehe nicht, das gehe gar nicht, nein, das gehe schon gar nicht, ließ das Merkel verlauten, unter Freunden gehe Abhorchen schon gar nicht. Verärgerung in der Stimme, beinahe schon echtes Gefühl. Es befürchten also auch schon ausländische Freunde, daß das Merkel durchaus gefährlich nicht nur dem eigenen Land, sondern auch befreundeten Ländern sein kann. Als Bürger unter merkelscher Obhut sollte man endlich einmal aufhorchen und nachprüfen, was das Merkel und ihre Mannschaft denn wirklich tut, wenn es öffentlich etwas sagt. Millionen mündige und unmündige Bürger abhorchen: kein Problem. Das Merkel abhorchen sollte kaum jemandes Befindlichkeit treffen, es sollte unsere Pflicht sein! (Wenn nicht Abhorchen, so doch Hinhören).

Das Merkel trägt keinerlei Blessuren, Schrammen oder sonstige Verwundungen von all den Fallen, in die es geht, in denen es steckt, die ihr drohen. Um mit unserer grauen Eminenz nicht gleich einen ganzen Artikel zu verplempern, noch eine Auswahl an Merkel-Fallen, bevor wir nach Skurrilerem Ausschau halten:

Merkel in der Schengen-FalleMerkel steckt in der Maut-FalleMerkel steckt in der Griechenland-FalleMerkel droht die Euro-FalleMerkel in der Nachkauf-Falle. Und die SPD war es, die in ihrem Heimatblatt online verkündete: Merkel treibt Frauen in die Mini-Job-Falle (eine Falle, die noch vom guten alten Schröder aufgestellt worden ist. Die SPD kommt aus der Schröderfalle gar nicht mehr heraus, sie schrumpft und schrumpft sich gesund bis mager).

Ein Kulturmagazin hat es am schlichtesten, mit etwas Mitleiden, gefaßt: Merkel in der Falle. Es drängt sich die Vermutung auf, daß all diese Merkel-Fallen, salopp ausgedrückt, nur Betten sind, in denen es sich räkelt und döst. Die Falle, das ist bei Merkel Zuhause, und insofern könnte es sich bei dem Artikel Merkel in der Falle um aufregend politische Stellungs-Geschichten aus dem Schlafzimmer der mächtigsten Frau der Welt handeln: Merkel in der Lobbyismus-Falle – da will sie gar nicht raus, denn es ist keine Falle mit Stricken oder Eisen, sondern eine gesteppt mit Daunen. Unwahrscheinlich dagegen, daß man das Merkel in der Transparenzfalle sichten wird. Transparenz macht unsichtbar und nicht, wie ihre Wähler glauben: sichtbar.

Googeln oder Bing!en Sie, so lange Sie noch wollen, selbst nach „Merkel + Falle“, bevor dieses Begriffepaar auf Grund der nun verkündeten Säuberungsaktionen dieser Monopol- und Zensur-Giganten
 
Google und Microsoft säubern die Welt
gelöscht wird, bevor Ihre Nachfrage ohne jede Nachfrage in einer Geheimdienstdatei mit Ihrem Namen abgespeichert wird; fragen Sie nicht zu oft nach Merkelwürdigem, es wird vermerkt und wird gegen Sie verwendet werden.

Googelten Sie am Anfang des Jahres etwa nach Cohn-Bendit, bekamen Sie den Vorschlag »Kinderschänder« an erster Stelle. (Politische Gegner waren hoch erfreut!). Kennen Sie noch Bettina Wulff? Escortdame oder einst Erste Frau im Staate? Google gibt die am häufigsten kombinierten Vorschläge der Benutzer an erster Stelle — Das Gerücht ist eben unser zuverlässigster und schnellster Meinungsbildner!
100.000 schmutzige Begriffe werden entsorgt
100.000 Suchbegriffe (auf der Basis eines Grundbegriffes) werden nach perversen Zusammenhängen und Kombinationsmöglichkeiten durchgeforstet auf einen Index gesetzt – aber schauen Sie besser nicht nach, welche Begriffe das sind, Sie machen sich verdächtig, kombinieren Sie nicht; es wird für Sie kombiniert, ein unsichtbarer Schleim bleibt an Ihnen haften, ein Geruch, der in der Ferne sehr wohl erspürt wird.

Merkel in der Atomfalle, Atomboss in der Strategiefalle das sagt schon, daß es um nichts Wichtigeres als um Blablabla-Volltext für uns geht.

Das Magazin »FOCUS« (Fakten-Fakten-Fakten) hat sinkende Verkaufszahlen, womöglich steckt es In der Fakten-Falle. Vor einigen Tagen wurde ein Ferrari vor einer Parteizentrale der Grünen gesichtet – was ergibt das? Die Grünen in der Ferrari-Falle.

Grüne waren schon in der Zombie-Falle. Ob damit respektlos ein paar Junge Fischer oder Trittin meinten? Während die Piraten in der Glaubwürdigkeits-Falle sich heillos verzankten, hört man von Google, CDU/CSU, die auch schon drin gesehen wurden, nichts dergleichen. Die können machen, was sie wollen; man denkt, sie seien „alternativlos“. Google-Chef Eric Schmidt kündigt sogar für die nächsten zehn Jahre das Ende aller Zensur an und man glaubt ihm. Keine Falle, keine Finte, Wirklichkeit wird sein, wenn alles über Google-Software läuft und mit Microsoft Word schreibt und alles, wirklich alles, was man an privaten Daten erzeugt, nur noch in der Cloud und nicht mehr Zuhause gespeichert werden kann.

Da gibt Die teure Traumfrau-Falle immerhin noch ein schönes Bild ab. Zinsfalle (Commerzbank lässt Studenten in Zinsfalle laufen), Wohlstandsfalle (Kind), Fettfalle (Apfeltyp), Sexfalle (gedankenverlassene Männer), Die Braune Falle (geistloses Gewäsch), Teig-Falle, Armutsfalle, Chef-Falle, Flirtfalle (Weihnachtsfeier) Handy-Falle, Reiz-Reaktions-Falle, Virtuosenfalle und Lebenslang in der Rürup-Falle, das sollte genügen, um dem Unvorstellbaren einen klangvollen Namen zu geben. Gut, daß wir gewarnt werden, wenn wir aufmerksam lesen. Lernen können wir aus all den Nachrichten natürlich nichts, weil wir’s gar nicht wollen – was wäre das Leben, wenn wir uns nicht einfach mal fallen lassen könnten?

Wer festen Willens ist, sucht sich die Wiedergeburtsfalle als Rettungsanker aus – unerträglichste Zustände sind jedes Menschen persönlichster Fehler! Wenn wir zu viel suchen, laufen wir in die Sinnfalle – ohne zusammengereimten Sinn halten wir es schwer aus, (Abschlußwort:) in dieser Welt voller Fallen.
Die Menschheit steckt in der Menschenrechtsfalle (man muß sie abschaffen).

Von der Sinnfalle, der Wiedergeburtsfalle und der Menschenrechtsfalle dürften Sie erstmals hier gelesen haben; Gedankenpausen geben einem so etwas ein.

6. September 2013

Augendiagnose des Mondkalendariums

In meinem sehr engsten Freundeskreis gibt es mir sehrsehr teure Menschen, die manches in ihrem Leben nach Vorstellungen ausrichten, bei denen mich mein eiskalter, zersetzender Verstand dazu bringt, mich herablassend, verächtlich, überheblich und besserwisselnd zu äußern. Ich fühle mich dann beleidigt, genötigt und gehetzt (in dieser Reihenfolge). Schließlich setze ich mich hin, übe ein Weilchen Gelassenheit anstatt hitziger Diskussion (gebräuchlicher: Debatte) und schreibe im Zorn darüber folgendes:

Ich lasse mir zum Beispiel keine »Augendiagnose« mehr vormachen. Ich habe sie machen lassen, weil ich auf esoterische, heilswirksame Einflüsterungen und Ratschläge dennoch reagiere. Ich habe dafür bezahlt und etwas bekommen. Der Augendiagnostiker – er kennt selbstverständlich noch weitere Diagnose- und Heilmethoden mit aussageschwangeren Namen, sagte mir unverblümt, mein Körper wäre vermüllt, völlig verschleimt und ich solle keine Bananen mehr essen, eine Reinigung von Grund auf wäre nötig und würde alles wieder in Fluß bringen, Energie fände wieder ihren Weg, Blockaden würden abgebaut. Wie recht der Mann doch hatte. Bananen gehören nicht in unsere Kultur.

Die Vermüllung betreffend ist das Besorgniserregende und äußerst extrem Ärgerliche, daß ich damit dem Kenner der feinstofflichen Materie zugleich meine zage Seele zur Schau stelle, indem ich hier meine Vermüllung öffentlich mache. Nichts ist nur äußerlich! Ich dachte mir, vielleicht hilft mir ein befreiendes Bekenntnis, ein Satz wie: Dazu stehe ich (mit Ausrufezeichen). Ich bekenne meine Zweifel an allem & jedem und ich erkenne vor allem die Ironie des Schicksals (ist das ein Gemeinplatz oder nur eine abgedroschene Frase?), daß alles, was ich kritisiere zuerst mich selbst betrifft. Würde ich über atomare Verstrahlung des Grundwassers im Meer der Stille (Pazifik) reden, wäre nicht nur von dieser grob stofflichen Verseuchung die Rede sondern auch von meiner inneren Ruhe – siehe oben bei Augendiagnose. Ein fragwürdiges Analyseverfahren zwar, lediglich mit „hinweisendem Charakter“ wird versichert. Hinweise bin ich jederzeit bereit, anzunehmen und auszuspinnen, das ist Teil meines Denkalltags. Wichtig ist, was hinten rauskommt, nicht, wer untern Tellerrand fällt. Das gilt nur im mathematischen Verfahren nicht: Richtiges Ergebnis / falscher Weg = alles falsch. Daß alles falsch sei, kann nicht richtig sein, aber etwas Wahres dürfte schon daran sein! Volksweistum.

Der Mondkalender ist schon länger von Bedeutung in meinem menschlichen Umfeld. Näher damit beschäftigt hatte er mich bislang nicht. Ich weiß zwar um die Wirkung des Mondes: er zieht gewaltig große träge Wassermassen an und ist Hauptverantwortlicher der Gezeiten, doch so mächtig träge fühle ich mich nicht, daß er mich bewegt, auch wenn ich zu 90% Wasser aus Wasser bestehen sollte. Ich habe weder in einer Regentonne Gezeiten beobachtet noch in einem Wasserglas. Ich glaube daran so kräftig wie an die Wirkung von Pluto, Uranus und Saturn auf mein Leben. Diese zersetzenden Gedanken könnten sich als grober Fehler herausstellen: Hieß es nicht früher, vor Jahrzehnten, „das kümmert mich so viel, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt!“ Wie hat sich das geändert. China ist nach langer Abwesenheit wieder in den Brennpunkt der wirtschaftlichen und spirituellen Welt zurückgekehrt, (nicht nur mit Feng-Shui, das beides gleich angenehmst miteinander verbindet).

Vor einigen Tagen wurde ich zart darauf hingewiesen, daß jetzt Haare waschen nicht günstig wäre – „aber Du glaubst eh nicht dran … “. Ich ließ mich, obwohl des Hinweises auf meine Sturheit, nicht davon abhalten, denn meine Haare wasche ich nicht so oft, daß ich einen günstigen Zeitpunkt auch noch abwarten möchte. Trotzdem habe ich nun den Mondkalender für mich entdeckt; er zeigt mir vor allem, daß mein Leben nicht in so geregelten Bahnen schief läuft wie’s gut für mich ist. Ich spüre es sowohl beim Schreiben als beim Malen, und also am ganzen Tagesablauf. Die Ursache von gelegentlichem Magendrücken, Kopfweh und Unzufriedenheit sind hier zu finden. Diese Unregelmäßigkeit ist der Grund, warum ich nun am Schreibtisch sitze und endlich mal wieder schreibe. Ob es gerade günstig ist? Mondkalender onlein befragen. Da steht:

GESUNDHEIT: AMALGAM ENTFERNEN (Amalgam einsetzen? Wann ist das gut? Eine Woche später?) — ENTSCHLACKUNG — ENTSPANNUNGSÜBUNGEN — FETTABSAUGUNG — LEBERREINIGUNG — LYMPHDRAINAGE — MANDELOPERATION — ÖLZIEHEN / ÖLKUR — OPERATION FÜSSE — OPERATION GESCHLECHTSORGANE — OPERATION HALSREGION — OPERATION HAUT/KNOCHEN — OPERATION HÜFTREGION — OPERATION KOPFREGION — OPERATION OBERSCHENKEL — OPERATION UNTERSCHENKEL — OPERATION VERDAUUNGSORGANE — OPERATIONSTERMIN — PARODONTOSEBEHANDLUNG — SCHÜSSLER-SALZ NR.4 — WARZENBEHANDLUNG — ZAHNFÜLLUNG EINSETZEN — ZAHNIMPLANTAT — ZAHNSPANGE REGULIEREN — ZAHNSTEIN ENTFERNEN

Das Durchlesen ist anstrendend und macht angst. Gesundheit setzen die Mondkräfte und ihre Betreiber hauptsächlich mit Operationen in Verbindung – das erklärt die aufgeregten Nachrichten der letzten Wochen, in denen es hieß, in Deutschlands Kliniken werde zu viel operiert. Schüssler-Salze stehen zwischen Parodontose und Warzen, dort wo sie hingehören, auch ich hätte sie nicht besser platzieren können.

Auf der Suche nach etwas für mich, muß ich weitere Aufzählungen durchlesen:

KÖRPER: AKNEBEHANDLUNG — ANTI-CELLULITE BEHANDLUNG — AUGENBRAUEN ZUPFEN (wenn dann im Laufe der Zeit noch welche vorhanden sind) — BODY SUGARING (noch ein süßes Teilchen!) — ENTSPANNENDES BAD — ENTSPANNUNGSMASSAGE — HAUTTIEFENREINIGUNG — HORNHAUT ENTFERNEN — HÜHNERAUGEN ENTFERNEN — LASERLIFTING — PERMANENT MAKE-UP — SAUNA — SCHUPPEN BEHANDELN — TÄTOWIEREN ARME, SCHULTERN — TÄTOWIEREN: OBERER RÜCKEN — TÄTOWIEREN: UNTERER RÜCKEN — TÄTOWIEREN: UNTERSCHENKEL

ERNÄHRUNG: BLATTPFLANZEN — KOHLENHYDRATE

DIÄT: DIÄT (FORTFÜHREN) — OBSTTAGE / SAFTTAGE (Safttage, ein schönes Wort, ich schreib es in meinen eigenen Duden!)

HAUSHALT: BLUMEN GIESSEN — CHEMISCHE REINIGUNG — ENTKALKEN — ENTRÜMPELN — FENSTER PUTZEN — FLECKENENTFERNUNG — MATRATZEN PFLEGEN — METALLREINIGUNG — PUTZEN — SCHUHPFLEGE — WASCHTAG — WOHNUNGSGESTALTUNG

Nix für meine Situation, in der ich feststecke, nur mühsam von Zeile zu Zeile komme – ich hoffe, ich schreibe nicht umsonst und im schlechtesten aller Augenblicke (Jetzt). Ich lese, was heute besser zu unterlassen ist:

NICHT SO GÜNSTIG HEUTE: TROCKNES HAAR BEHANDELN — ENTHAARUNG — PEELING — HAARE WASCHEN/-PFLEGEN — HAARE SCHNEIDEN / WASCHEN — SONNENBAD / SOLARIUM — BIKINIZONE ENTHAAREN — NAGELPFLEGE — DAUERWELLE

Kein Hinweis aufs Schreiben und auf meine spirituellen Bedürfnisse, überhaupt sehr wenig für mich, für mich als Mann, außer sämtliche Körperregionen tätowieren und Metallreinigung (Blumen gießen! Putzen! Dauerwelle! Safttage!). BIKINIZONE ENTHAAREN ist nicht unter Liebesspiele einzuordnen, das soll frau schon selbst machen, wenn sie es (korrekt es es) für wichtig hält. Dagegen regt OPERATION GESCHLECHTSORGANE meine Phantasie deutlich an: mir ein zweites Organ annähen lassen, links rechts vornehinten? Soll ich es vergrößern lassen, strecken ziehen dehnen? Oder gibt es ein radikal-feministisches Redaktionsmitglied beim Mondkalender, das fordert, das penetrante Teil muß gänzlich wegoperiert werden? Hass als Motiv für guten Rat? Gar nicht auszudenken, aber nicht gänzlich unmöglich.

Und alle Punkte, ich hab sie der Genauigkeit wegen gar nicht alle aufgezählt, wechseln Woche für Woche reihum. Das macht des Mondkalender-Menschens Leben aus.

Momentan unsichtbar, aber auf Nachfrage mit klarer Aussage vorhanden, für alle deren Schönheit nicht optimiert genug ist:
Botox-Behandlung
Botox-Behandlung/en sind günstig in den folgenden Wochen, doch wie günstig sagt der Kalender nicht. Das ist ein anderes Geschäft, vielleicht bei den Werbeeinblendungen zu finden – ich seh das nicht, ich lasse Ad-Blocker die Werbung übrig, für die diese bezahlt werden.

Der Mond-Kalender bleibt der Menschheit erhalten und wird sich ausbreiten. Astrologie, Homöopathie, Anthroposophie, Feng-Shui und weitere Heils-, Hilfs- und Glaubenslehren werden uns auf unabsehbare Zeit weiter darin unterstützen, in geistiger Schonhaltung krumm und ängstlich herumzudenken. – Das will ich einmal gesagt haben, das muß ich einmal sagen. Es ist meine Meinung. Ich steh dazu! Es ist die Kernaussage dieser Predigt, ich habe mich lange herumgedrückt um sie.

Doch Augendiagnose, entgegen meiner Aussage zu Beginn, schätze ich hoch: Sie hat mir geholfen, die Augen wenigstens zu einem Blinseln zu öffnen.
– –
Der Mond ist immer zugegen, selbst wenn er neu ist. Nimmt man sich vor, mal Reis zu essen, ist es am besten montags, egal ob der Mondkalender Safttage vorschreibt oder Biertage, Dinkel, oder, pfui: Weizenmehl! – Es geht um unsere Vitalität, die uns trotz oder gerade wegen unseres unablässigen Gesundheitsbewußtseins beständig abhanden kommt:
Beim Müsli besinnen
Auf Einsichten besinnen, schon beim Montagmorgen-Müsli, um locker in die Arbeitswoche zu starten! Nicht einfach nur essen! Multitasking und Performing zum Wochenanfang, trimm die Darm- und Hirnwindungen.
Welche Kräfte hat der Mond überhaupt? … er wirkt auf alles! Ich habe gelesen – wo war das nur? – er habe vor allem die Kräfte des Wachstums, die Kräfte des Wassers. Die sind positiefenwirksam. Mit dem Mond wachsen wir ins Unendliche. Bis uns ein Hochwasser hinwegschwemmt. Das ist zwar zunächst nicht so prickelnd – man muß es aus höherer Warte nur anders bewerten, von astraler Ebene herab wird es beschaulich!

Für die Botox-Anwenderinnen habe ich diese Zeile zum Abschluß gefunden:
Faltenkiller deformieren Gesicht
Meine ich, daß sich jemand davon abhalten ließe? Zombie- und Vampirfilme sind wahre Straßenfeger. Früher hieß es: »Der Tod und das Mädchen« oder »Die Schöne und das Biest«, und stellte männliche Sexualität als tierisch-entstellt vor. Altmodisch. Jetzt ist die Schöne das Biest und man sieht es gern, weil es nicht einmal mehr kitschig und tiefenpsychologisch sondern botoxisch glatt, faltengekillt-entstellt und in Modisch-bauchnabelfreiem Lukk adrett durch die Szenen läuft.

Daß der Mond keine Wirkung auf mich hat, kann ich allerdings nicht sagen. Wenn ich einmal wieder dazu komme, Geschichten anstatt Kommentare zu meinen Gedanken zu verfassen – ich warte nur den richtigen Zeitpunkt ab – wird es auch Mondgeschichten geben, Geschichten, die ich träume, wenn das Mondlicht direkt in mein Schlafzimmer scheint. Und diese Geschichten sind nicht poetisch-nett, verträumt und freundlich sondern wahrlich grausam. Ich erschrecke über mich und das Licht, das das Mondlicht auf mich wirft. Das Mondlicht macht mich nur bei hellem Verstand ein bißchen romantisch. Wenn es in meinen Traum scheint, dann ist die Gute Nacht vorüber!

Könnte ich doch nur an den Mondkalender und sein Sammelsurium aus wichtigen Dingen glauben! Der Weg zum Glauben ist lang, aber Bornierte finden erst gar nicht hin, sie kriechen auf Abwegen durchs Universum und denken, der Glaube sei lächerlich.

Am Ende habe ich alles umsonst geschrieben, und der Mondkalender ist der Spaß eines würdelosen Satiremagazins und ich bin hereingefallen wie alle Femen-Kritiker auf die gestreute Nachricht, daß natürlich nur ein wahrer Macho hinter den schönen Blank-Busen-Aktivistinnen stecken könne. Dann schreiben die, die’s schon immer gewußt haben. Hier habe ich geschrieben! (Aber Ich ist nur ein Erfindung von mir.)

26. Juli 2013

Seisdrum

Im südbayrischen Raum vermute ich das Zuhause einer Formel, die man anderswo gewiß auch hören kann, die aber durch den dort gesprochenen Dialekt nirgendwo auf dieser Welt so sehr Ausdruck ist des vergeblichen Kampfes aller Bemühungen gegen den Lauf des Lebens und des Sich-Dreinfinden-Müssens. Es ist ja schließlich mein eigener Dialekt, und ich weiß deshalb wovon ich rede, und was dahinter steckt. Das ist so. Und so lautet er:
Es ist wie’s ist!

Er kürzt umständliches Reden ab, führt das Jammern als großstädtische Zeitverschwendung vor, und sagt: Gut findet man’s nicht – das soll als Auskunft genügen – und: Ändern steht leider jenseits des Denk- und Machbaren! Es führt aber auch Gespräche ins Stocken, wenn man etwas mehr wissen will von seinem Gegenüber.

Man kann den Satz seufzen. Man kann ihn auch befehlen; dann heißt er: Ende der Diskussion!

Sehr oft höre ich ihn. Er fällt nicht beiläufig, sondern kommt fast unweigerlich, wenn es etwas tiefer geht als das gewöhnliche Gespräch, etwa bei der Frage: Wie geht es Dir? An diesem oder jenem ist nichts zu ändern, es ist nunmal wie’s ist.

Es reizt mich darauf etwas zu erwidern, denn der Satz ist so stur und ist die Einleitung zum Themawechsel. Man kann ihn niemandem abgewöhnen. Niemand redet gerne über die Dinge, die nicht zu ändern sind. Gleichzeitig erfährt man in der Folge wenig über genau diese Dinge.

Vergeblich versuche ich selbst mich der Forderung zu widersetzen, an die er mich gemahnt: es einfach sein zu lassen und weiter zu machen, ohne nachzudenken, worin ich gerade stecke, keinen inneren Widerstand zu leisten. Es gäb ja so viel zu ändern, zu verbessern und anzupacken. Aber hat man was geändert, oder: hat sich etwas geändert, dann gilt unumstößlich wieder: es ist wie’s ist. Und das ist nun schon lange so. Man kann auf Erfahrung zurückblicken! Alle Dinge aufzuzählen, die so sind, wie sie sind, wäre der Mühe Wert, um sie vielleicht einmal in den Griff zu bekommen und den Dreh heraus zu haben, auch irgendwann so zu sein wie man ist – wie man wirklich ist: das nächste Wort mit einer großen Forderung: wirklich! Wirklich wahr?

– Wie es auch ist, ob so oder so, oder komplett anders: es wird immer so sein, wie’s sein wird.

– Sei es wie’s sei: Es ist wie’s ist, und wenn’s anders wär, dann wär’s auch wie es ist! Also, sei’s drum!

Vielleicht ist es anders. Und so ist es immer! Es ist immer alles anders (da man nie genau weiß, wie es ist, wie es wirklich ist).

Mal ehrlich – ist das meine Meinung? Meine ehrliche Meinung?

Eine andere Formel, die ich schon lange nicht mehr gehört habe, die schon fast in die Welt des Bayrischen Volkstheaters gehört, und ähnliche Bedeutung hat, jedoch noch tiefer sitzt in der dunklen Behausung des mühseligen Lebens und durch nichts herauszulocken ist, ist die einer Tante aus meiner Kindheit: Sei-duads-wos!

Das will man nicht übersetzen; jeder Lyriker weiß, große Gedichte verlieren in der Übersetzung. Bei der Kahnfahrt ans andere Ufer kann der gesamte Besitz davonschwimmen. In: Sei-duads-wos ist mehr als nur ein ganzes Leben enthalten. Ich seh es vor mir. Es ist bisweilen auch mein eigenes.

30. Juni 2013

Dokument 12 – Zweiter Ereignisfeldzug

I

Liebe Freunde der Kakophonie,

aus vollem Orchester und mit ganzer Dröhnung verfing sich mein Tag, mein schönster Tag in einem Ich und fing zu verglühen an.

(Sternchen vor den Augen im Andromeda-Nebel.)

Von mir: nichts mehr.

Vor mir: nichts mehr.

Hinter mir: nichts mehr. Und nichts weniger.

Enttäuschung stand im warmen Regen auf einem Bein.

Tränen wurden zu Zähren und großen jugendlichen Gefühlen – ich war: betrogen von Anfang an.

Ich begann die Wanderung durch Gütesiegel und klare Herkunftsetikettierungen gegen Unrechtsstaaten.

Von Schurken kaufe ich nichts!

Es war in der Gesellschaft angekommen: ein positiv bewegtes Bild von erstaunlich gründlicher Ganzheitlichkeit, mit klarem Beuteschema und zweideutigen Aussagen.

Eine Hintertür für Hinterhältigkeit und Diffamierung bleibt immer offen.

Von Schurken kaufe ich nichts!

Die gute Verdauuung ist mein Heiligtum. Mein Darm bin ich.

Willkommen in der Krise. Meine gesunde Haut sprach einstmals Bände.

 

Ich lauschte einer reformierten Predigt in Rein- oder Reimform.

Man bedankte sich mit persönlichen Ratschlägen zum Umgang mit Minderheiten und Wohlstandsrandgruppen.

Der Schnuppernachmittag in der Gemeinde im Kletterwald verging, man konnte sagen: er lief, auf Harmonie hinaus.

 

Als rätselhafter Patient trat ich wieder aus der Öffentlichkeit hervor,

mein Gesundheitscredo: Ich will krank sein und will Power-Näpping.

 

Zaghaft, kleinlaut, ratlos und zerknirscht schmolz der Asphalt in den Betonköpfen:

Darauf war ich zurecht stolz, denn ich war der Stein des Anstoßes dazu gewesen.

Anspruch und Wirklichkeit allerdings trippelten gegeneinander ein spannungsloses Match.

Mein gelobtes Bauchgefühl hing über den Gurt.

 

Mit Bescheidenheit kommen Chefs nicht weit. Meinen Bescheidenheitsberater schickte ich in die Wüste, dort wollte er mich lehren,

Mores, sagte er, Moneten wollte er.

Schick deinen Sicherheitsberater in die Wüste, er ist ein Verräter, riet man mir.

Was sich die Leute erlauben!

 

II

Ich wußte so genau noch nicht, wie ich die Saison vergessen sollte, aber es wurde mir empfohlen, Wochen voller Frust noch einmal zu überschauen, mich in meinem Elend zu suhlen, dann wieder aufstehen und mich schütteln.

Nie auf dem Podest war nicht mein Schicksal, ich nahm es nicht an – mit dem linken Fuß aufstehen, das schon eher.

Sommergewitter wüten über dem Land, in dem ich angeblich überglücklich bin.

Ein Doppelerfolg von Taifun und Tornado.

Eine zarte Beschwerde reichte da nicht, ich reichte einen saftigen Brief beim Vaterlandsverein ein,

mit Dornen an handgeflochtenen Rosenschleifchen.

Solche Kaltschnäuzigkeit war gesucht und bei mir wurde sie gefunden. Ich konnte mir den Mund damit abwischen.

Und wenn ich wissen wollte, was ich da gerade sagte, blätterte ich um und vertiefte mich.

Was Londoner über Olympia denken? Bayerns Berge – wer schafft es bis ganz nach oben?

Willkommen in der Krise, Madame Non.

 

Kennen Sie die Fallstricke der deutschen Sprache, Madame Non?

Kannte ich Malta?

Wie gut kennen Sie die Türkei?

Können Sie Logik? Welcher Anlagentyp sind Sie? Können Sie Chef?

Habe ich Angst vorm Schwarzen Loch? Was trägt der Demonstrant von heute morgen?

Eine Lektion in Sanftmut erteilte mir das Lesen, ein Ausraster war unerwünscht, ich mußte mich am Zaun halten,

mein Haus wurde zu klein,

mein Garten sprengte das Übermaß.

Ich hatte mit widerwärtigsten Einfällen zu kämpfen –

die Fülle brachte sie an den Tag.

Kritische Stimmungsmache gab es zur Panik und zur Panikmache über die Tigermücken-Gefahr, alles bombastisch aufgeblüht,

Enten, nichts als Enten, endlos Enten.

 

Ein Streifzug durchs Kauderwelsch zeigte mir bedeutende Wissenslücken.

Wie gut kennen Sie den Neandertaler?

Wie finde ich das Sahne-Bonbon unter den Jobs?

Wie lange hält Portugal stand?

Haben Sie Kultur?

Welcher Grill passt zu mir? Kugelgrill oder Schwenkgrill? Elektrobruzzler oder Smoker?

Können Sie Bundespräsident, Herr Präsident?

 

Urlaub mach ich jetzt Zuhause im Jetset, am besten mit einem Ochsenherzen am rechten Fleck.

 

III

Sag ihnen nur ruhig die Wahrheit, ja sag sie Erstens.

Zweitens nimm das Gran Wahrheit aufs Korn, aber nicht unter der Lupe! heißt mein oberstes Gebot.

Im Forensport war ich beliebt mit trolligen Wortmeldungen:

Rettet den Troll!

schrieb ich auf vielen Seiten, rettet den Troll! Und schrieb weiter und weiter:

Der unglaubliche Irrtum über Pommes forderte Aufklärung und keine kleinen Opfer.

Muß nicht wahr sein, kann Theorie sein.

Alles gleiche sich wie ein Ei dem anderen, sagen sie einem, aber

bei noch genauerer Betrachtung gleicht ein Ei nur ungefähr dem andern.

Begann ich mal zu dirigieren, folgten mir beste Orchester zu ausgedehnten Höhenflügen,

das Publikum schmatzte vor Vergnügen im Eiltempo, ja im Sauseschritt überkam Verzückung die verladenen Gäste.

Am Ende des Abends lumpelte ich herum, und verunsicherte Menschen aller Farben und Schuhgrößen.

Keine Zeit, sagte ich, bin in Urlaub, mein neuester Gruß.

Ich bin jetzt im Haus der duftenden Hügel, weg vom hektischen Peking.

 

Es war der letzte rassisistisch motivierte Mord, schrieb der Korrespondent aus dem Nachbarort.

Totenstille in 600 Diskotheken war schwer zu ertragen.

Mann bietet verblüffendes Schauspiel am Himmel, als er ruderte und ruderte, aber kein heldenhaftes Wort herausbrachte.

Man muß sein Herz über die Hürde werfen, um es für Opferbereitschaft und Entschlußkraft herzugeben. Nur Mut!

 

Allesamt wurden namentlich genannt und vom Podium aus zu ihrem leichten Hie- und Dasein Glück bewünscht.

Man flüsterte dem Redner durch die Blume bessere Worte zu.

Die Wahrheit aber: sie erschien strahlend im Licht.

Es ging um viel, um nichts geringeres als um das Alles und die Erhaltung des Standes der Dinge auf seinem allerallerhöxtn Niewo.

Lang ist’s her, da war’s noch gut; keine güldnen Zeiten im Hans-Sag’s-Theater.

 

IV

Eines nächsten Tages, ich wußte nicht mehr, was ich vergessen hatte, ging ich aufs Erdbeerfeld, um für frischen leckeren Erdbeerkäse die unumgänglichen Zutaten einzusammeln, und auch um mit anderen Sammlern ins leidenschaftliche Gespräch zu kommen. Erfahrungen Austauschen und Yoga und Tschi Gong Praxis an ausgesuchten Stränden in Indien oder Malaysien oder im Hochgebirge – das ist für mich längst nicht mehr das Wichtigste. Wichtiger ist: Ich bin gegen das Vergessen, und doch, wußte ich nicht mehr, was Vergessen war. Einen solchen Witz wollte ich nicht selbst gelebt haben, aber schon war’s passiert. Federleichte aparte Mini-Tasche in Vogelform flatterte ein wenig vor meinen Augen, und plumpste schließlich auf Lippenstift, Kreditkarte, Hausschlüssel.

Virtualisierung nahm ich aus erster Hand, ein Überzeuger brachte mir die Vorteile bei, bevor er sich verdünnisierte aus der Fläche.

Noch geht es, aber wie lange geht es noch?

Mein Geheimdienstchef arbeitete zu lange Zeit in zu dünner Luft. Dann sprang er vom Achter-Gipfel auf den runden Tisch und servierte sich ab.

Zu faul zum Sprechen? Konnte ihm keiner vorwerfen.

Zum Ausdünnen der Fakten in den Akten, dazu brauchte er keinen Kamm und keinen Langfinger.

Es erlegt sich, sagte ich, wie von selbst.

Die Waffenlobby im ultraleichten Köfferchen, ohne Sicherheitsverwahrung, doppelter Einlage und Patent-Schloß, die Waffenlobby reist mit und sorgt für Anschlußverwendung.

Keine peinliche Sache, kein Vorwurf, nur leere Worte und gefüllte Kassen.

Neuer Tag, neue Milliarde.

 

Der Kracher am Abend: Wolf, Wisent und Wildkatze eroberten sich das Land zurück.

Und im enger werdenden Luftraum: feiern die Seeadler ein Kammbäck.

Alles in einem: Die Rückkehr der Wilden und die Fallstricke des Alltags: Wie viel Dankbarkeit muss man zeigen und wie wie lange noch!

 

Arg Gebeutelt ist nun Schluß mit und ohne Lustig. Das Leben flog mir um die Ohren, in einem Aufwusch!

Jubel bei den Gottesteilchen-Suchern wurde mit einer Blasphemie-Klage unterbunden.

Es war ihnen nicht zu helfen auf dieser Welt.

Gut für uns!

Denn Kümmerer sind rar geworden.

Wenig Schlaf, viel Leidenschaft, immer mehr Modefotografen verlebten ihre rastlosen restlichen Tage im Dauerstreß.

Der Unterrockforscher mit Damenbart war ihr schönstes Abbild.

 

… Ich habe mich vergallopiert in Polarlichtern.

Das alles kam aus meinem Datenleck, gedankenunterlaufen.

 

Vom Verräter kam die Hiobsbotschaft über uns.

3. Mai 2013

Das Wetter, wann endlich götterdämmert’s!

Über den Umweg der Analyse von Facebook-Plaudereien wurde herausgefunden, nach „Erstellen präziser Kurven“, daß der Mensch „vorhersagbar wie ein Elementarteilchen“ ist. Das sagt Stephen Wolfram, der Teilchenphysiker, der die „Wolfram-Suchmaschine“ erfunden hat, „das Genie [das] seine Rechenwerkzeuge auf Facebook angesetzt“ hat (Spiegel online). Der Mensch wird durch diese präzise Aussage nach langen Jahrhunderten der wissenschaftlichen Zersetzung seines einheitlichen Weltbildes wieder ins halbwegs rechte Licht gerückt, er bleibt zwar nur ein Teilchen, aber er wird immerhin „elementar“. Der sinnsuchende und der moderne, also der religiöse Mensch haben an der Wissenschaft stets beklagt, daß sie ihnen die geistige Welt zerbröselt. Der moderne westliche Mensch sucht seine Mitte nun in der Ganzheit, in der Spiritualität, in Trommelkursen und in Sortimenten von Wohlfühltees (Innere Ruhe, Magenwohl, Glücksmomente, Gönn Dir den fünften Urlaub). Die Wissenschaft ist Mitschuld an der Viel-zu-Vielfalt, sie verschießt den seelischen Mittelpunkt immer weiter hinaus in dunkle Materie, und läßt uns alleine mit geldgierigen Mitmenschen, Börsenzockern, Umweltzerstörern, Waffenhändlern, verrückten Wissenschaftlern, Videoüberwachern und allzumenschlichen Politikern und sofort. Die Erkenntnis unserer elementaren Berechenbarkeit wird nicht nur die Personalisierungsfreunde anspornen zu persönlicheren Anredeformen,bild: sie kann den im Weltall Verlorenen und in der Vielfalt Verirrten wieder nah heran ans Zentrum bringen, fast von Du zu Du mit dem metaphysischen Kern, dem wahren Eigentlichen, dem eigentlich Wahren, zum Scheitelpunkt, an dem sich die reine Information (über unser Verhalten) mit der körperlichen Existenz (im Elementarteilchen) die ungewaschenen Hände reichen.

Für mich war diese Untersuchung von soziologischer Bedeutung: Ich habe herausgefunden, daß ich zu der Gruppe von Menschen gehöre, zu der ich mich seit einiger Zeit rechne: zu den älteren Menschen (aber die noch älteren Menschen lachen mich aus). „… alle reden mehr und mehr über das Wetter, je älter sie werden“, ist ein Ergebnis der Untersuchung. Zunehmend rede ich mehr und mehr vom Wetter, und das nicht nur, wenn es keinen anderen Gesprächsstoff zum Kauen gibt – nichts hat mehr richtigen Biß, die Zähne werden auch nicht besser! Ich lasse die Rollos herab, bild: um das graue Licht und das graue Wetter nicht hereinzulassen – aber da kommt es mir im Gespräch wieder heraus: nur Klagen habe ich anzubringen über den Gott des Wetters – man versteht mich gut. Die Zahl der Leidenden wächst. Während offensichtlich, laut Untersuchung, Hundertausende sterben, weil sie sich zu viel Salz in die Suppe tun, (und diese Verköstigung kostet) bild: da sie sich nicht selbst bekochen sondern bekaufen, oder sich täglich „übersäuern“ mit vergiftenden Gedanken, gehe ich seelisch ein, weil auch zu allem äußerlichen Grau noch mein Bildschirmhintergrund grau ist. „Das Wetter ist ein Unding!“ heuer, könnte man es zusammenfassen, aber das Wetter ist weder ein Ding noch ein Wesen.

Später öffne ich das Fenster wieder und mache ein Foto eines Regenbogens, der gibt meiner Seite des Himmels ein wenig Farbe zurück. Weil das Malen an bunten Bildern, was ich mir vor Jahren zur Berufung gemacht habe, immer Pause und Abwechslung benötigt, setze ich mich vor den Bildschirm und manipuliere das Foto, das mir so betrachtet langweilig erscheint. Ich gebe mehr Kontrast, verändere die Farben nach meinem Geschmack, das Gefühl für einfache Dramaturgie verleitet mich und peppt mich selbst auf.

Das [Un]wetter, das gerade am Ausklang ist, wird jetzt erst zu einem; ich hatte es gar nicht vernommen, nun sehe ich es vor mir. Auf den ersten Eindruck ist das ein schönes Unwetter! Ich sollte mich wieder in den Fensterrahmen setzen und öfters hinaussehen, wenn’s regnet und Wotans wilde Wetter dräuen. bild:

Das Wetter, das anhaltend graue Wetter hat mich heute morgen also lediglich dazu gebracht, an einem Foto herumzubasteln, während ich aber gleichzeitig über Wagner, deeen Wagner, nachdachte, bild:
bild: unser diesjähriges deutsches Kulturgroßereignis. Es gingen mir nicht nur meine eigenen Gedanken dazu durch den Kopf, sondern auch fremde, die mir weiterverbreitenswert erscheinen. Man hatte schon eine Mailkorrespondenz über Wagner mit mir angezettelt. Alte wunderliche Gedanken und gedankliche Wunden, die bis zur Schulzeit zurückreichen, wurden wieder angerissen. Mein jugendliches Herzblut rinnt nur noch dünn; und die zarten Saiten klappern.

Das staatliche Fernsehen nimmt zur 200sten Verjährung von Wagners Geburtstag seinen Bildungsauftrag wahr und bringt uns Bürgern, dem Volk der Dichter und Denker, (man kann’s nicht mehr hören/lesen, aber es muß hier her!) eines unserer größten Genies nahe. Ein Freund schickte mir einen Zeitungsausschnitt über das mediale Ereignis, mit dem Vermerk, daß wir uns gemeinsam davon etwas ansehen könnten.

Im April führten uns an vier Abenden Wagner-Kenner Elke Heidenreich, Christian Thielemann und der Pianist Stefan Mikisch und andere Bekennende mehr, in die Faszination ein, die sie in Wagners Tetralogie, schlichter einfach nur »Der Ring« genannt, hinein verbannte. Ich habe 15 Minuten davon verköstigt – ich bemerkte bald am eigenen Körper wie Übersäuerung sich anfühlen kann. Alles weitere an Sendungen habe ich versäumt, oder werde ich versäumen; aufzählenswert ist es mir doch, denn es zeigt einen Teil der „Kulturlandschaft“ des Fernsehens, einige grüne Hügel, auf denen das Gras fein säuberlich geschnitten wird; Hügel, die üppig begossen werden, damit sich kaum ein Flecken braun zeigt, wenn die Sonne einmal unser Land beglücken wird.

Auf den Vierteiler zur Tetralogie folgte ein Zweiteiler, „Wahnfried“, über den „Mythos und Alltag“ des Ehepaars Richard und Cosima Wagner. Was haben die beiden wohl so besprochen? Wie man im Alltag lebt und der Nachwelt sein Leben als Mythos andreht? Wie man mit dem Größenwahn seinen Frieden macht? Man sollte nicht fernsehen sondern sich einlesen in einer Leseprobe auf Perlentaucher; vom Mythos bleibt da nur der Mythos: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Es folgte „Hitler und der Wagner-Clan“. Man erwartet sich einen „kritischen“ Ton, etwas Knirrrrschendes – das Wort Clan ist ja schon ungut! Aber laut Inhaltsangabe geht es darum, zu zeigen, wie sich der damalige Clan, Winifried Wagner, sogar gegen Hitler durchsetzte (! noch mächtiger als der !), und den homosexuellen Startenor Max Lorenz vor der Internierung im KZ bewahrte. Das muß man auch einmal sagen, nicht immer nur die „Verstrickungen“ mit engen Banden und Bandagen. Alles halb so schlimm, und weniger als halb so wild – wir haben es mit dem »Bildungsauftrag« zu tun – nicht vergessen. Auch positiver Stolz auf urdeutsches Gedankengut muß in brave Bilder projiziert werden – da muß man den Rechtsverdrehten nachbarschaftlich entgegen kommen – die Arme ausgebreitet: Sind doch alles Menschen. — Wer sollte gerade daran Zweifel haben.

Das leidlich Unwürdige wird dann angegangen mit „Wagner & me“, eine Dokumentation von Stephen Frys: „… warum er als Jude so eine Affinität zu Wagner hat“, heißt es da. Botschaft: so schlimm kann’s nicht sein, ist ja selbst ein Jude begeistert von Mime, Kundry, Beckmesser und Wotan, Gutrune, Grimgerde, Gramholde und „Die Mannen“. So geht man verdrückt, und meint es sei elegant, um das Thema, das Wagner so groß schreibt wie später nur noch ausführende Organe: Antisemitismus (man muß es ganz klein schreiben in diesem Wagnerjahr, nur 6 oder 7 Punkt).

Zu Wort kommen im WagnerTV Bewunderer und solche, die auch mal kritisch waren, aber sich irgendwann doch vom Orchesterklang zuschütten ließen. Bewunderer sind immer die besten. Sie winken uns von Wagners Schlapphut herab, von wo man eine gute Sicht auf alle Künste zusammen hat, denn nichts weniger vereint das Genie Wagner. Sie erklären uns die einfältigsten, gröbsten und unbeweglichsten Charaktere zu großen Tragöden, in denen alle großen modernen Lebenskonflikte angesprochen würden (Umgang der Eliten mit Unseren Ressourcen, Demokratieverdrossenheit, Kaufberauschung bei Billigheimern, Aufforderungen zur Jagd bild: und vor allem: Mülltrennung: schwarz zu schwarz, weiß zu weiß, gut ist gut, böseböse).

Muß man etwas über Wagner wissen? Wenn man ein bißchen besser bescheid wissen will über deutschen Antisemitismus und seine Entwicklung in der neueren Zeit ist Wagner ein guter böser Anfang. Daneben kann man dann auch noch die Musik als Hintergrund laufen lassen. Man kann sie sich auch anhören, vielleicht dirigiert von Loriot, doch am Besten ist der »Ring ohne Worte«, der eingedampfte Wagner auf eine Stunde großartiger Instrumentalmusik, eine sinfonische Dichtung ohne Mythos. Den wagnerschen Gralshütern allerdings wird dann nichts bleiben, wo sie tiefgründeln können – man muß da nicht so lange im Seichten waten und warten, bis endlich, wenn man übermüdet ist, die erfrischende aber schwüle Rauschwelle über einen schwappt und die Ödnis des Verstandes hinwegspült.

Vor dem Fenster ist es immer noch grau, die Rollos bleiben zu! Aber die Welt habe ich mir noch einmal verändert.

Was hat das mit Wagner zu tun? Der eine schwindelt mehr, der andere noch mehr – und irgendwann, wenn man sich selbst vergißt, betrügt man sich. Es kommt die Menge, die sich betrügen lassen will, dann ganz von selbst dazu.

Meine Antennen bleiben ausgefahren, füsisch und metafüsisch:

Zum Weiterlesen noch einmal empfohlen: Matthias Küntzel: Wagner war Avantgarde, als Musiker und Antisemit

Gottfried Wagner: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Auch: Thomas Mann: Leiden und Größe Richard Wagners.

Theodor W. Adorno: Versuch über Wagner.

Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem und Nietzsche contra Wagner, Aktenstücke eines Psychologen.