Archiv für das Jahr: 2008

31. Dezember 2008

Käsepapst in Qualitätsdiskussion

Vom Käsepapst Antony hätte ich mir ein Video auf Spiegel online ansehen können. Es wurde dort versprochen, daß er den Genuß „zelebriere“. Ein Filmchen in minderer Qualität über meinen Bildschirm ruckeln zu sehen, bespaßt mich aber wenig, ich lasse den Käsepapst beim Spiegel, der ihn offensichtlich produziert hat. Ich bin nur froh, daß er nicht Benedikt heißt. Das würde mich beleidigen, denn ich bin in päpstlich geehrtem Umland zur Welt gekommen und darf mich daher irgendwie verwandt fühlen.

Päpste sind nicht so singulär wie man‘s meinen könnte. Vor einigen Jahren tauchte ein anderes Papst-Double in den Schlagzeilen auf: der Sexpapst. Man hört nichts mehr von ihm. Ich nehme an, daß er seiner päpstlichen Beschäftigung nachgeht – ein Papst kann nicht in Rente gehen, es sei denn Altersschwäche übermannt ihn.

Das beweist der Literaturpapst. Der sorgte für den Fernseh-Höhepunkt des Jahres 2008: seine Schmähworte stießen eine Diskussion an, die stets als Qualitätsdiskussion beschrieben wurde, Diskussion der Qualität, nicht Qualität der Diskussion (die aber auch bemängelt wurde).

Ein Wort blieb mir von der Diskussion, das mir zwar bekannt war, über dessen genaue Bedeutung ich noch nie nachgedacht hatte: der Intendant. Was ist ein Intendant? Ein Beabsichtiger?

Ein Intendant ist gewiß „ein hohes Tier“. Intendanten saßen in der ersten Reihe, als der Literaturpapst das Fernsehen abkanzelte. Sie zeigten sich empört und waren konsterniert – so hatte man es von ihren Gesichtern abgelesen. Intendanten sind Männer in der vordersten Reihe, an der Qualitätsdiskussion beteiligte sich keiner. Einer ließ aber verlauten, daß durch den Papst die gesamte deutsche »Fernsehkultur« (auch »Fernsehlandschaft« genannt) beleidigt worden sei. 200.000 Fernsehstunden habe das Fernsehjahr, hieß es in seiner Note. Wie könne jemand, der selbst nicht fernsehe, beurteilen wie die Qualität dieser Stunden sei – die immerhin 23 gewöhnliche Erdenjahre dauern. Auch ich schimpfe oft auf das Fernsehen und sehe aber wenig fern, benehme mich also wie ein Kritiker es tut: ich weiß nicht wovon ich rede, und rede gerade deshalb darüber. 200.000 Stunden will ich nicht absitzen, nur um ein Urteil abgeben zu dürfen.

Unwidersprochen bleibt daher die Note des Intendanten, der sich als Fernsehpapst gezeigt hat: widersprechen mag man nicht, aber glauben will man auch nicht alles, was ein Intendant so vorpredigt.

Versprochen wurde dennoch auf mehr Qualität und Inhalt zu achten. Es wird so werden wie‘s auf manchen Flaschen steht: jetzt mit 33% mehr Inhalt. Anstatt 200.000 270.000 Stunden. Wer kontrolliert nach wie die Kwalität ist? Bewerben kann man sich als Controller & Qualitäts Manager auf dem heimischen Sofa. Nach absolvierter Arbeit hat man sich die Ehrenbezeichnung Couch Potato hart erarbeitet.

Einen angenehmen Fernsehabend wünscht
Beh

23. Dezember 2008

Krsms überzeugt

Vor ein paar Tagen saß ich für eine Stunde in einem Kaufhaus fest und durfte Kleider beurteilen. Mir wurden Kaffee und Prosecco angeboten, damit mir die langelange Zeit des Wartens angenehm würde. Auf dem Sofa, in dem ich fläzte, lagen Kinderspielsachen und Auslegeware zum Lesen und Betrachten für Männer. Keine Männermagazine im engeren Sinne hielten die Geschäftsinhaberinnen für das männliche einkaufsbegleitende Personal parat sondern lediglich Autoinfolektüren, an denen ausgerechnet ich wenig Spaß finde. Automagazine sind ähnlich zu lesen wie Sportreportagen, sie überraschen selbst den tiefgründigsten Leser noch mit neuen Einsichten – natürlich habe ich, tiefgründiger Leser, ausgerechnet jetzt keine parat; klare und schlüssige Einsichten verschwinden bei mir ziemlich schnell in den Abwasserkanälen, die mein Hirn durchspülen.

Neben dem Sofa stand ein Spiegel; immer wieder erstaunt über das mürrische Gesicht, das drüben in den von mir gesehenen Spiegelwelten lebt und mich ansieht, erkannte ich mich schnell wieder, als es sich im Profil zeigte. Der Satz aus der Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte, paßte darauf: Charaktergesicht und seitliches Profil bilden die Schokoladenseiten. Gebildete Schokoladenseiten im Profil, nie zuvor erblickt, nun vor meinem geistigen Auge. Ich kann mir das vorstellen. Eine Seite weiter las ich im Männermagazin: Der aufgeschnittene 15er überzeugt. Autos verstehe ich nicht und Autojournalisten noch weniger, und einen 15er kann ich mir aufgeschnitten nicht vorstellen, einen 17er vielleicht.

Während der ganzen Zeit über hörte ich Musik, die mich zu unterhalten versuchte. In fünf oder sechs Liedern schrie eine Frau gar fürchterlich; auf Nachfrage wurde mir gesagt, es könnten Mariah Carey oder Celine Dion oder eine andere sein; die klängen aber nun alle ähnlich, sagte die Auskunftgebende mit einem leisen Ton der Enttäuschung über dahingeschmolzene einstige Vielfalt. Was sangen die Stimmen? Weiß ich nicht, aber ich hörte ein oftmaliges Krsms aus verborgenen Lautsprechern, its Krsms, immer wieder Krsms, Mähri und Häbbi Krsms, das Geschwisterpaar, das mich hier einsitzen ließ: die Krsmsteim.

Diese spezielle Teim hat mich wieder auf die Fährte der Wirklichkeit um mich herum gebracht, raus aus der virtuellen Welt um Schäuble hin zum sogenannten »Konsumterror«, gegen den keiner was auf Gesetzesebene unternehmen will; alle reden davon, (natürlich nicht alle aber mindestens jeder zweite), keiner gibt zu, selbst Opfer geworden zu sein, jeder Befragte will sich ihm entzogen haben und doch sind ihm angeblich so viele unterworfen. Man könnte annehmen, dieser Terrorismus wäre ein Phantom, würde er nicht so oft beredet. Wenn es ihn aber gibt, dann sind auch hier dieselben gewissen geheimen verschworenen Mächte, die doch jeder schnell beim Namen nennen kann, am Machwerk. Selbst die »Finanzkrise« hat diesen Terror nicht vertrieben.

Später während einer Wartepause in einem Zeitschriftenladen an einem Bahnhof erahnte ich wie viel ich auf meinem „Schlagzeilenkorso“ niemals sehen werde. Ich sehe tatsächlich zwar die großen Plakate, schaue allerdings weg wenn ich etwas Carl-Lagerfeld-ähnliches erkenne. Warum ausgerechnet Carl? Ist er synonym für irgend etwas »Relevantes«? Sicherlich, ich kann‘s nicht nennen. Carl war auf der ersten aufgeschlagenen Seite einer Zeitschrift mit silberner Frontseite zu sehen. Die Zeitschrift hieß »Material Girl«, Untertitel »Too much is never enough« bzw. »Glück kann man kaufen«. Daß man Glück kaufen kann, fand ich erst später durch das Internet heraus, auf der Material-Girl-Seite. Die Suche nach „Material Girl, Zeitschrift“ brachte zunächst nicht die gewünschte Zeitschrift auf den Bildschirm, führte mich aber zu einer anderen, »Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität« und einem Artikel »Material girl – Sex, Gender, Video«, den ich mit Interesse las.

»Zeitschrift gegen die Realität«! Ich bin mit den Links, die ich auf meinem Korso gebe noch nicht im reinen, erst recht nicht mit der »Gegenrealität« oder »Gegenöffentlichkeit«, die vor allem politisch links orientierte Seiten aufbauen wollen, doch was ich bislang in dieser Zeitschrift „gegen die Realität“ gelesen habe, das möchte ich zum Lesen weitergeben [viel ist es noch nicht, und leicht zu lesen ist es auch nicht: »Material girl – Sex, Gender, Video« und ein Artikel über „attac“, der nicht hierher gehört, sondern in den 2. Teil meiner Reise des Tages]. Mehr weiß ich nicht über die »Phase 2«. Der Titel »Phase« riecht nach Übergang, Reform und Umbruch, nach gesellschaftlichem Umgestaltungsplan, dem ich mich, falls dort jemand einen findet und Gesinnungen erkennt, nicht widmen werde. Was ist Phase 1? Fäis Woann?

Als ich über die silberne Material-Zeitschrift nachdachte und darüber, warum ich im Internet keine Info gefunden hatte, begriff ich meinen Fehler: Falsche Etikettierung. Die Zeitschrift war keine, sondern das was sich ein „Magazin“ nennt. »Der Spiegel« zum Beispiel ist ein Magazin, »Material Girl« ist auch eines. Aus dem Inhaltsverzeichnis kupferte ich nur eine Zeile ab: Werkzeuge für Ihre Haut. Wer mit Werkzeugen seine Haut bearbeitet, der spürt darauf nicht mehr viel – so ist der Outlook und der oder das Outfit von Material Girl. Meinen Sinn für das Schöne jedoch berührt es nicht. Carl Lagerfeld und andere ähnliche Moddls sind einfach nicht schön.

Zum Abschluß des Tages stand ich an einer Kasse in einem Kaufland. Wie weit von der Realität entfernt ich bin, sah ich beim Blick in Nachbars Einkaufswagen, Mama & Papa und zwei Kinder im Fast-Food-Rausch: Ein dicker Wagen randvoll gefüllt mit Chemiekost, ausschließlich! Chips, Flips, Fertiggerichte & Softdrinks. Stop! Wenn ich‘s bei dieser Beschreibung belasse, ist das eine Denunzierung. Es ist zu einfach: weder war das Essen reine Chemie (sondern verunreinigte) noch war die Familie so wie‘s angedeutet wird durch das flapsige, verunglimpfende »Mama-Papa und zwei Kinder« eine durchschnittliche. Sie war etwas dicker als gewöhnlich, von dieser Art Dickheit, die nicht gesund dick oder mollig ist sondern im Ästhetischen Sprachbereich unter Formlosigkeit firmiert (firmiert!), also durchaus modernisch ist. Womöglich sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Konsumterroristen am Werk!

Um politisch bzw. gesellschaftlich etwas Korrektheit nicht missen zu lassen, möchte ich sagen: Dick finde ich nicht schlecht – ich selbst bin leider dem Schlankheitswahn verfallen, kann dagegen aber nichts unternehmen, noch nicht mal viel, gerne und gut essen.

Beim Zahlen hatte ich‘s eilig, wollte schnell zu Hause sein um etwas zu notieren, was ich außerdem noch gesehen hatte. Zum wiederholten Male überhörte ich die nicht abzustellende belästigende Frage an der Kasse, ob alles in Ordnung gewesen sei. Ich murmle nur vor mich hin, damit ich nicht antworten muß. Es gibt nämlich Fragensteller, die fragen müssen, Philosophen und Verkäuferinnen, niemand von beiden will ich aber beleidigen, deshalb wünsche ich: Ein Häbbi Krsms! für kommende Zeiten.

22. Dezember 2008

Abgehört & zwangsverwertet

Über 250.000 Aufrufe »für totale Überwachung« gab‘s bis heute. Schäubles »Vorstöße« sind nicht mitgezählt, denn es handelt sich nur um Aufrufe eines Videos, das Frau Doktor Angela Merkel auf einer Kundgebung im CDU-Wahlkampf 2006 in Berlin-Steglitz, Kranoldplatz zeigt. Das Video wurde vor einem Jahr auf YouTube ins Netz eingestellt, lese ich, auch die Kommentarfunktion wurde vom Einsteller inzwischen eingestellt. Er schreibt dazu: „Ist ja eh schon alles gesagt, und zwar wahrscheinlich auch von jedem.“ Ich hab‘s zu spät entdeckt. Will aber auch zu jedem gehören, also hier der Kommentar des 251.152sten Aufrufers.

Was Überwachung betrifft, hielt ich bislang das Schäuble für relevanter. Das Schäuble spricht eckig und wie unter Zwang, das Merkel dagegen redet fließend wie „der kleine Mann von der Straße“, der mit dem gesunden Menschenverstand; sie ist eine von uns ist, eine ganz Brave.

Es gibt viele Begründungen für Überwachung, wie sie uns von der Presse mitgeteilt werden, und es gibt auch viele die behaupten, wo die Möglichkeit zum Mißbrauch bestehe, dort werde sie begangen – sie haben wieder mal gar nicht recht. Was wir Ängstlichen als Mißbrauch bezeichnen, ist keiner, es ist Sinn und Zweck, nicht Mißbrauch sondern bald Brauch.

Ich habe das Merkel abgehört! und dabei mitgetippt, damit man beim Lesen mit eigener Stimme an Merkels Stammtisch dabei sein kann und mitreden kann im Wir-Gefühl eines verantwortungsvollen Politikers:

Die CDU hat seit Jahr und Tag dafür plädiert, daß an großen Plätzen genau solche Videoüberwachung eingesetzt wird. Wenn es die CDU (…unverständlich) nicht gegeben hätte, dann würden wir heute noch eine lange Diskussion mit SPD, Grünen und andern führen, ob das nun notwendig ist oder nicht. Das sind aber Dinge, über die darf man nicht diskutieren, die muß man einfach machen (Applaus). Man darf nicht sagen: Ach das ist doch nicht so schlimm! Hier ein bißchen was weggeschmissen und dort einen angerempelt, hier mal auf den Bürgersteig gefahren und dort in der dritten Reihe geparkt, immer so unter dem Motto, ist alles nicht schlimm, ist alles nicht nach dem Gesetz. Und wer einmal Gesetzesübertretungen duldet, der kann anschließend nicht mehr begründen, warum’s irgendwann schlimm wird und irgendwann nicht so schlimm ist. Deshalb Null-Toleranz bei innerer Sicherheit.

Bei Frau Merkel kommen der Macher und der Antidemokrat ganz gut zusammen. So weit geht nicht einmal das Schäuble, wenn es von innerer Sicherheit redet beim Falschparker anzufangen.

Hinter allem, ja hinter allem vermute ich natürlich Hintermänner, ich weiß nicht wer sie sind, habe nicht einmal eine Vermutung, außer daß es eine Putzkolonne sein muß. Und daß Putzen auch eine Zwangshandlung sein kann, der den Wind leere Straßen fegen sieht (zur Erklärung wie‘s zu diesem Vergleich kommt: warum putzt der Wind eine offensichtlich saubere Straße, wenn er doch eine ruhige Kugel schieben könnte?)

Heute Abend habe ich mal wieder reinen Tisch gemacht auf dem Zeitungstisch, und da fällt mein Auge, auf eine Anzeige, deren Bedeutung ich erst jetzt begreifen kann. Hinter allem stecken gar nicht hintermänner sondern: Die
Anzeigentext Titel: Zwangsverwertung
Das ist ein Prinzip, vielleicht eine psychische Krankheit. Die Datensammler unterliegen ihm. Ich unterliege ihm; es sind diese verflixten Notizen, die ich nicht loswerde und glaube verwerten zu müssen.

Wie der Merkel-Video-Einsteller, dem ich an dieser Stelle danken möchte, schrieb: „Nun mache ich mal die Kommentare zu“ – mit einem abschließenden Gruß an das Merkel, von Paulchen Panthers sprechenden Begleiter aus „Der rosarote Geheimagent“ – hier leider nicht zu hören im Originalton (fabulös gesprochen von Gert Günther Hoffmann, wilhelm-buschig gedichtet von Eberhard Storeck), sondern mit der eigenen langweiligen Stimme:

Wer flüstert lügt
und wer lügt zündet auch Häuser an
und wer Häuser anzündet, muß beschattet werden,
denn wo Schatten ist, ist vielleicht eine Wolke
und wo Wolken sind, gibt’s vielleicht Regen
und der löscht dann vielleicht die angezündeten Häuser.
Tja, das sind kriminalistische Schlußfolgerungen.

18. Dezember 2008

Reise des Tages: Verirrt in Notizen

Nicht alleine um mich in weltpolitischen Belangen und dem Bereich Vermischtes in meinem Leben auf dem Laufenden zu halten, sörfe ich gelegentlich sondern auch schon mal nahezu den ganzen Tag, so wie heute. Das liegt an den Fundstücken, die zwar nicht immer so interessant sind, daß man daraus Strandgut-Skulpturen bauen könnte, noch nicht mal Sandburgen, aber doch so aufregend die ganz Ruhe zu verlieren. Wenn‘s besonders aufregend ist, weiß ich oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ihn mir wieder zurechtzurücken, begebe ich mich auf die lange Reise von Link zu Link – ich wünschte in mir gäb‘s einen »Home-Button«.

Süchtige verirren (?) sich auf pornografischen Seiten und zeigen offensichtlich eine Ausdauer, von der durchschnittlich Aktive nur träumen können. Ich bin weder süchtig noch besuche ich Pornografie, doch in gewissem Sinne könnte man das was ich lese schon als Pornografie bezeichnen, wenn es sich, wie mir Wikipedia erklärt, bei Pornografie wörtlich um »unzüchtige Darstellung« handelt. »Grafie« deutet auf eine bildliche Darstellung hin. Die Darstellungen, die ich finde, behaupten allerdings Klarstellungen zu sein.

Das System Wikipedia habe ich anscheinend verinnerlicht, aber zurecht komme ich damit nicht: am Ende des Tages sitze ich verwirrt vor einem Haufen miteinander verlinkter virtueller Notizzettel – und diese Links sind ziemlich lästig; nach den vielen Klarstellungen, die ich durchlaufen habe, muß ich erst wieder klar sehen lernen.

Die Reise, die ich zu beschreiben versuche, ist die durch meine Notizen. Fände ich wenigstens einen Trampelpfad auf dem sie mir nicht beständig verlinkt erscheinen, ginge es schneller voran auf meinem Korso. Schlagzeilen sind kurz, aber was es drumherum zu sagen gibt dehnt sich aus.

Der zweite Teil der Reise, die Arbeit zuhause, das Ordnen des touristisch wahllos fotografierten Ansichtsmaterials und die Vorbereitung für Dia- und Videoabende mit Punsch und Plausch für Freunde läßt mich oft davonrennen, in Kaffee- und Teepausen. Ich spekuliere hin und besonders auch her wie ich meine Arbeitsabläufe zu einem richtigen „Workflow“ machen könnte. Im Gespräch mit mir ist ein zweiter Bildschirm, auf dem nur Notizzettel sind – aber auch da werde ich mich in zahllosen Fenstern verlieren, obwohl ich kein einziges Windows habe. Erst vor ein paar Tagen habe ich einem Freund, für den ich Anlaufstation in Computerfragen bin, gesagt, wie wichtig es sei sich beim Arbeiten am Computer zu organisieren. Ich habe den Erfahrenen (leider nur) gemimt, der sicheren Schrittes auf der Computerwelt herummarschiert. Es ist gut solange man nur an der Oberfläche geht. Das Oberflächliche gefällt mir, dem schönen Schein bin ich erlegen. Diese Welt hat Löcher – das gehört zum ersten Teil der Reise.

Während ich also den Anspruch unserer Gesellschaft (und ihren leitbildenden Optimierern und controllenden Effizienzausrufern) der beständigen Selbst- und Neuorganisation zu erfüllen versuche und seine Notwendigkeit eingesehen habe, bin ich doch hintendrein: sich neu erfinden ist angesagt. New York erfindet sich immer wieder neu, und Schauspieler erfinden sich immer wieder von Neuem neu, Madonna ist vor jeder Welt-Tour vollständig neu erfunden – die Liste der Neu-Erfindungen ist unbeschreiblich lang und sehr ermüdend).

Ich wollte für mein Blog etwas Neues erfinden, das all die Notizen schnell herausbringt, kurz kommentiert und weiter kann‘s dann gehen, weiter immer weiter mit den gelesenen Geschehnissen des Tages, am Ende des Tages im Beichtstuhl das Tagwerk hinterlassend. (Solchen Abschluß kann nur ein katholisch Erzogener für sich neu-erfinden).

Ich möchte gerne fortschreiten wie die Zeit um mich es vorgibt. Ich bleibe aber sitzen, nicht nur auf meinem Hintern in meinem Zimmerchen. Wenn ich mich treiben lasse von Link zu Link und immer schön sörfe: irgendwo schwemmt es mich an einen Strand, in den Abwasserkanäle strömen. Den Weg zurück zu finden ist nahezu unmöglich. Also frage ich mich: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und natürlich: Wo bin ich hier? Und: Was will ich hier? Die großen vier Wehs des WWW.

Zur Organisation am Computer, mit der ich nun viel gerungen habe, kann ich sagen: benutze niemals ein gutes Schreibprogramm zum Sammeln von Notizen.

3. Dezember 2008

Pochen auf Probelauf

Vor einigen Wochen schrieb ich, daß eine unappetitliche Mahlzeit von einer Speisetafel genommen wurde (Nackt-Scanner vom Tisch). Ein paar Tage später dachte ich, er sei eingefroren worden. Ich las: Nackt-Scanner auf Eis gelegt. Nun erfährt meine Vorstellung eine neuerliche Korrektur. Der Nackt-Scanner ist keine Mahlzeit, er ist ein „Flitzer“, der noch etwas wacklig auf den Beinen zu sein scheint: Doch Probelauf für „Nackt-Scanner“ – Regierung pocht auf Test.

Ich höre aus dieser Schlagzeile heraus den Nackt-Scanner um Hilfe rufen; er scheint nicht recht zu mögen was von ihm eine gewisse »Regierung« verlangt. Seit Wochen ist er nackt, ihn friert und nun soll er doch (noch) zum Laufen gezwungen werden. Galten früher „Flitzer“ als Belästigung und konnten verklagt werden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, wird dieser nun von der »Regierung« bestellt!

»Nicht wirklich!« Bestellt wurde er vom Schäuble, das auch in der »Regierung« sitzt, in einem seiner zahlreichen »Vorstöße«. Abbestellt hat ihn danach das Europa-Parlament.

Wenn die »Regierung« jedes Mal pochen würde, wenn das Schäuble in bekannt finströses Terrain vorstößt, gäbe das bald, vielleicht auch unter uns Christen einmal einen großen „Heiden-Lärm“. Doch die »Regierung« wird sich hüten. Es ist besser, die »Regierungsarbeit« geht still und leise von Vorstoß zu Vorstoß, macht kein Getöse drumherum und auch nicht viel Aufhebens um Grundgesetzänderungen; sie schlägt lieber woanders Alarm.

Wenn das Schäuble etwas tut, schrillen nur bei merkwürdigen Gesellen und finsteren Gestalten, die etwas zu verbergen haben, die Alarmglocken; sie wollen das Schäuble überwachen, aber verstehen nicht, daß das völlig unnötig ist; es macht seine Vorstöße in aller Öffentlichkeit (und Zeitungen schreiben, Gott sei‘s getrommelt und gepfiffen, Gott sei Lob und Dank noch darüber!). Das Schäuble braucht für sich weder Überwachung noch Kontrolle. Es ist Die Kontrolle.

Ich kann das Schäuble nicht mehr weiter beobachten, mir ist sein Treiben zu anstößig, (das nennt man »Fremd-Schämen«). Zukünftigen, jetzt schon angedeuteten »Vorstößen« ist zu entnehmen, daß Es mich („mich“ hier in Stellvertretung für die gesamte Deutsche Bürgerschaft) überwachen will. Ein Vorschlag von mir zu diesem unleidlichen Thema, der sicherlich nicht fehl geht: Das Netz absuchen nach verdächtigen Begriffen wie »Schäuble«. Wer das Wort verwendet, bei dem ist womöglich etwas im Busch.

Liegt das Schäuble eines Tages von Psychologen und Historikern nackt gescannt als Abbild eines öffentlichen Ärgernisses vor uns, sehen wir errötet und dezent weg, wie wir das jetzt schon tun, und überhören die Frage, warum wir auf die »Bedrohungslage«, die von ihm für die Demokratie ausging, nicht rechtzeitig und angemessen reagiert haben.
Aber das ist schrille Zukunftsmusik – die kann noch kein Gehör finden.

12. November 2008

Neues vom ALS

[Der erste Als-Artikel: Nichts als Unsinn]
Was hier geschrieben steht, ist in Ausnahmefällen das Neueste vom Neuen. Es ist gewiß nicht das »Beste aus der Milch«; es ist nicht nahrhaft, aber auch nicht ganz ohne Geschmack:

Rezepte als Liebeserklärung – entstammt nicht der Zeitungsbeilage: »Das hilft bei Liebeskummer – eine Expertin gibt Tips« sonst hieße es »Rezepte für Liebeserklärungen«. Das Rezept selbst ist die Erklärung der Liebe (»Die Erklärung der Liebe«, ein Romantitel in der Art von »Die Entdeckung der Langsamkeit« etc.; muß nur noch jemand den Text dazu schreiben). Früher schenkte Mann etwas Praktisches zum Geburtstag oder zum Hochzeitstag, wie eine Küchenmaschine oder einen Entsafter, um Ihr das tägliche Küchenleben zu erleichtern, heute ist es ein Lieblings-Rezept, das man ihr gibt, und wenn sie einen liebt, bereitet sie es mit Liebe zu. »Liebe geht durch den Magen« in den Darm? und wird verdaut, auf dem Sofa, an einem Ort wo man‘s bequem hat – so muß Liebe sein.
Bei Rezepten halte ich mich zu lange beim Essen auf und der traditionellen Rollenverteilung am Herd. Es kann auch anders gemeint sein. Rezepte gibt‘s für alles mögliche, nur nicht für das, wogegen kein Kraut gewachsen ist.

Altstadt als Sardinenbüchse – wer das erfindet und bastelt, kann nur ein Künstler sein; die machen die verrücktesten Dinge und dann brauchen sie nur zu sagen: „Das bedeutet das und dies noch mehr.“ Hier wurde keine Sardinenbüchse ausgestellt und behauptet, sie sei eine Altstadt. Es war umgekehrt: Es war umgekehrt: die Altstadt mutierte zu einer Sardinenbüchse, sinnbildlich.

Ähnlich liegt es beim: Mittelalter als Magnet – ein Handtaschenmagnet im Format einer Sardinenbüchse. Der Mittelalter-Magnet liegt vorzugsweise in einer Altstadt. Was wird hier angezogen? Touristen; Nippeskäufer; auch Leute, die für Kunst Geld ausgeben sind sehr sehr erwünscht!
Aus einer Gruppe von unwiderstehlich angezogenen Touristinnen wurde mir einmal vorgehalten, mein Hund, mit dem ich spazierte, sei wohl mein »girl magnet«. Dog as girl magnet would be alright with me! Mein Hund war ein Zugpferd, das mir jedoch ohne Nutzen blieb, weder konnte ich an- noch ausziehen.

Mehr Nutzen wird aus folgendem gezogen: Krankenpolicen als Zugpferd. Was wird hier vor welchen Karren gespannt? Man könnte die Policen vor die Touristen-Kutschen spannen, dann gäb‘s keine Skandale über Kutscherrandale mehr. Ein bekanntes Mittelalter-Magnet-Städtchen wäre eine ungeliebte Attraktion los und hätte dafür eine weitere gewonnen: wandelnde Krankenpolicen. Klingt nicht schön! Man müßte aus den Policen ranke Politessen in sardinenbüchsen-engen Uniformen machen.

„Feriendschobbs sind schwer zu finden“, sagte eine Freundin. Manche kommen aus dem Ferienjob gar nicht mehr heraus: Politik als Ferienspaß. Bei all den gedrückten, zerknitterten und ernsthaften Gesichtern, die wir von Politikern sehen müssen – selten ein fröhlicher Ausdruck oder ein gelungener Witz (das gilt nicht für Silvio Berlusconi) – kann es sich hier nur um eine Ente handeln: Das war ein Jux.

Wer auf Parties geht, wird dagegen sehr viel Spaß haben. Bekannt ist, daß auf Parties viel mit Drogen gehandelt wird. Drogenhändler, die dicke Kohle machen, werden zur Zeit von sparsamen & findigen jungen Leuten ausgebremst, da sie Putzmittel als Partydroge für sich entdeckt haben.

Ich gehe nicht oft auf Parties, sonst wären er oder sie mir mitunter bereits begegnet und es hätte mich geschaudert, nachher: Kriegsverbrecher als Partygänger – keine Verunglimpfung von Partygängern, eher eine Verglimpfung von Kriegsverbrechern. Daß solche sich am ganz gewöhnlichen Leben beteiligen, wird deshalb immer wieder erstaunt festgestellt, weil jeder weiß, sie können einfach nicht aus unser Mitte hervorkommen.

Ich sehe mir keine Krimis an und bin im kriminologischen Wissensbereich wenig bewandert, ich kann auch Dunkelziffern nicht lesen, aber ich glaube »Kriegsverbrecher als Partygänger« sind nicht so häufig wie: Familienvater als Kinderschänder.

Wirklich überraschend traf mich folgende Zeile: Endlich als Verbrechen! Das war‘s, mehr nicht. Hier sind nicht Sprachästheten am Werk, die ein Wort verbannen wollen oder Rabulisten wie ich, für die der Spaßfaktor beim Lesen ganz oben auf ihren Prioritätenlisten steht, hier geht‘s um Verbrechen. Wer das lesen will, für den würde ich hier gerne den Link einfügen, doch es bleibt ihm nur der Weg zum nächsten Kiosk und der Griff zum »Printmedium«. Es lohnt auf Papier zu lesen und es lohnt auch onlein zu lesen, (selbst wenn man den festen Glauben hat, man hätte es nicht notwendig, man sei ja »emanzipiert« – es stellt sich oft heraus, man ist selten emanzipiert genug): Hier.

Und bitte nicht vergessen: Lesen als Selbstverständlichkeit – ist keine Selbstverständlichkeit.

4. November 2008

Ein bißchen Orgon

Vor einigen Wochen wurde mein Computer mit Orgon bestrahlt, aus Versehen. Danach hatte er einige Macken, von denen eine Beunruhigung auf mich überging. Nun scheint alles wieder in Ordnung, aber – das ist meine Beunruhigung – ich glaube, es ist nur vorübergehend besser.

Was Orgon ist, kann ich nicht sagen, ich verweise zur wahrhaftigen Information auf das für im Verborgenen reifende Dinge nahezu allwissende Internet. Das Orgon, das ich meine, kam aus einem Orgonstrahler, den mir Manuel freudig präsentierte, als ich meinen Computer an seinen anschloß, um nachzusehen, ob etwas auf seinem Computer nicht in Ordnung sei. Der Orgonstrahler ist nur ein gewöhnlicher, sehr dicker Stahlstab, an einem Ende flach abgeschnitten, am anderen mit einem Kegel, woraus das Orgon strahlt. Ich hielt den Handteller vor den Strahler, wie mir empfohlen wurde und verspürte einen schwachen, kühlen Windzug. Kinder, sagte Manuel, spürten ihn sogleich, Erwachsene zauderten mit ihrer Empfindung. Mit meiner relativ schnellen Reaktion erzeigte ich mich als kindlich Erwachsener. „Damit“, sagte Manuel, „kann man das Wetter ändern – mit einem größeren Strahler natürlich.“ Man muß daher Vorsicht walten lassen! Noch war es Spaß für mich, aber kurz darauf begann das Orgon eine Wirkung zu zeigen: der Bildschirm meines Arbeitscomputers wurde schwarz. Die Maschine fuhr nicht mehr hoch, erkannte den „Arbeitsspeicher“ nicht mehr, erkannte die Hardware, ihren Körper, nicht mehr. Mitten im besten Arbeiten konnte es nun geschehen, in tiefster Konzentration, daß vom oberen Bildschirmrand eine schwarze, schwach durchsichtige Wand herunterlief, nicht schnell, gleichmäßig bis zum unteren Rand. In der Mitte des Bildschirms stand eine Botschaft in verschiedenen Sprachen, die mir mitteilte, ich solle den Computer nun ausschalten. Dieses Herunterrieseln war wie ein Verdämmern des klaren Bewußtseins, in dem ich soeben noch gewesen, ein Auslaufen aller Kräfte in den Boden. Es traf mich hart, tief innen, hatte sich nach kurzem eingeprägt in meinen Verstand und machte mir angst, (unbewußt natürlich), daß es mit mir selbst auch ähnlich gehen könnte. – ‚Mit mir selbst‘, das schreibt sich einfach und spricht sich auch schnell aus, aber selbstverständlich weiß ich nicht, wer oder was das ist, doch fühlt es sich vom Verdämmern betroffen: es wird daher mein Verstand sein.

Mein Computer-Arbeitsleben verlief in der Folge normal bis zum nächsten Absturz.

Bewußtseinsausfall hatte ich bislang einen (man weiß das naturgemäß nicht genau). Ob es tatsächlich einer war (oder auch: nur ein einziger), kann ich selbst nicht mit Sicherheit feststellen, ich schließe aus Indizien und den Bildern die mir geblieben sind: Zu früh und zu schnell aus dem Bett aufgestanden ging ich durch die Wohnung als ich mit einem Mal meinen Körper sich leeren fühlte, wie Wasser, das unterirdisch aus einem See abläuft; es blieb nur eine Hülse stehen, die dann zusammenfiel. Ich erwachte wieder, öffnete die Augen, erkannte nichts, wußte nichts, sah einen engen Raum, begriff allmählich, daß ich vom Boden aufsah, ja begann selbst erst das Wort »Boden« zu finden, für das was ich sah. Langsam kamen Worte wieder ins Bewußtsein; der Zusammenhänge gestaltende Verstand folgte dem Sehen nach. Einen Zustand von großer Klarheit möchte ich es nennen: wenn man sieht und noch gar nichts weiß, auch nicht: nichts versteht, (denn das setzt einen Verstand voraus, der sich selbst als unwissend begreift).

Ich konnte mir für einige Momente nichts beantworten, nur daß ich Ich war. Allmählich fügte sich alles andere wieder herzu: mein Name, wo ich war und eine Vergangenheit. Gegenwart war das einzige, was ich fühlte – und die verschwand zunehmend wieder, wurde ausgetauscht gegen Zusammenhänge, gegen das Wissen, mit dem sich B.K. B.K. zu eigen gemacht hat.

Dieser B.K. behauptet von sich ganz selbstverständlich Ich zu sein – ich bin es, der hier schreibt! Seit dem Bewußtseinsausfall scheint mir das Ich weit vielschichtiger zu sein, als ich bislang angenommen. Wie einfach ist es »ich« zu sagen, jeder sagt es; doch ist klar: wir alle sind verschiedene Ichs.

Ich kenne von mir noch einige andere Ichs: Jeder Traum, an den ich mich erinnere, hat sein selbstverständliches Ich. War ich soeben noch in einem Geschehen, handelte und dachte, weiß ich schon im nächsten Moment nach dem Erwachen oft nichts mehr davon, außer daß soeben noch alles anders war, daß ich Ich gesagt, gedacht, gehandelt hatte. Morgens erwache ich zumeist mit dem schönen Gefühl von Einheit und dem gemeinen Gefühl von Getrenntheit: Weiß ich doch, ich bin immer ich, und weiß auch, von den vielen Ichs, die nebeneinander, untereinander, hinter- oder voreinander existieren, sehe ich leider nur eins, das sich stets das Einzige wähnt. Wenn ich nur dieses fixierte Ich erweitern könnte und alle sich aneinander erinnern könnten! Es läuft etwas schief mit meiner erstrebten Bewußtseinserweiterung.

Ich ist immer ein anderer – was ist dabei. Wer einen Schlüssel sucht, sein Bewußtsein zu erweitern, hier findet er einen.

Mein Computer hat seine Zustände aufgegeben; ich folgte dem Hinweis aus einem Forum, in das ich eine Log-Datei über die Abstürze setzte: ein schlichtes Update hat alles bereinigt.

Auch mein Verstand durchläuft ständige Updates und Bereinigungen, die im Hintergrund ablaufen. Vielleicht war auch mein Bewußtseinsausfall eine große Bereinigung, ein großes Gewitter mit Blitz, das mich zum ersten und kurzen Mal das begreifen ließ, wovon die Weisen sprechen: Erfahre den Augenblick, lebe ganz im »Hier und Jetzt«. Ich muß erst zusammenbrechen, um es erfahren zu können. Ich bin wieder in meinem eigenen www, fühle wie die Welt zusammenwächst, und merke doch den Mangel, den dieses Netz hat: es kann einerseits nie engmaschig genug sein, zum andern tendiert es dazu Folie zu werden, die sich über meine Erfahrung legt.

Das Orgon, das meinen Computer bestrahlte, liegt noch etwas außerhalb meiner Erfahrung. Es könnte die Welt verändern, das Wetter beeinflussen, es könnte der Menschheit Energie zuführen: Ein paar Abstürze in die Gegenwart dürften uns nicht allzu sehr schaden. Das ist meine Schlußfolgerung aus dem kleinen Experiment auf dem Tisch in Manuels Wohnung.

30. Oktober 2008

Mit brennendem Kapitän unter einer Decke

Es gibt Tage, an denen mir fast alles gefällt, was ich lese. Eine Hochstimmung hat mich erfaßt, mein persönlicher Dax liegt im Tagesplus. Der Auslöser ist nicht die VW-Aktie, die 15.000.000.000 von Hedgefonds verspekulierten Eurosen oder »die Autoindustrie«, die an »Brüssel« gewendet durch ihre Manager verkünden läßt, daß sie den »weltweiten Wettbewerb verlieren werde«, wenn man nicht bald auch für sie ein Weihnachtspaket schnüre. Hochstimmung herrscht in den oberen Etagen, Verdrußfalten schminken sich ihre Bewohner an, wenn sie herabsteigen und uns (den Empfängern von Nachrichten aus den Elfenbeintürmen) vom Klima, das sie selbst anheizen, Düsteres erzählen. Ich brauche mich nicht an »Brüssel« zu wenden, das ist unnötig, ich werde dort vertreten. Also bleibe ich im Bahnhof sitzen, in dem ich wohne, und fahre auf einem Bißchen Poesie ab, das ein verregneter Tag für mich übrig hat: die Abtippse, der ausgedruckte Schlagzeilen-Notizzettel, das Abgeschriebene und Herauskopierte – eine Collage ohne Formung, ohne Entwicklung, dafür mit viel ungeschliffenem Sinn. Was steht hier alles! Abfallregelungen, Klassiker, Opfer und Decken und allerlei Maße, zu Beginn darf ich feststellen:

Weltgericht in beklagenswertem Zustand. Wenn das Weltgericht in schlechtem Zustand ist, in welchem befindet sich dann erst die Welt! Ich habe die Gänsefüßchen beim „Weltgericht“ unterschlagen aus Respekt vor dem wirklichen Weltgericht.

Mancher hätte schon glauben können, es sei für ihn gekommen, wenn er die folgende Zeile gelesen hat: Abfallregelung trifft vor allem Senioren. So etwas führt meine Fantasie geradewegs in die düsteren Randzonen menschlicher Verordnungen, wie ich sie aus bösartigen Zukunftshochrechnungen mancher Science Fiction Filme der 70er Jahre kenne. Noch bin ich nicht betroffen. Ich bin im sogenannten besten Alter.

Jemand der breiter und dringender Diskussion in einer nun untergegangenen Literatursendung wert gewesen wäre, ist: Der Beschwerdeklassiker. Nicht jeder, der viel gelesen hat, wird ihn kennen; ob er überhaupt in einem Bücherschrank steht, kann ich nicht sagen. Was steckt dahinter und was darin? Ein Werde-Klassiker wie Handke (Peter)? Übrig bliebe ein rätselhaftes Besch (eine ähnliche Farbe wie Beige? Graubraunblaß?). Vom Beschwerdeklassiker fehlt die kritische Gesamtausgabe, sie ist in Arbeit; bitte keine Beschwerden mehr!

Zwei Sätze, die gemeinsam zu lesen sind und doch nicht zusammengehören: „Beim Mord ist das Maß voll“ war ein Ausspruch, bei dem es nichts hilft, ihm Gänsefüße anzuziehen; er bleibt richtig!

Maßgenuß bei Ingrid ist eventuell Männern vorbehalten, (wenn ich da richtig kombiniere), Vorsicht jedoch: „in Maßen sollst Du genießen“. Das Wort wird weder in der richtigen noch in der falschen Rechtschreibung sprachgerecht getippt. Das bayrische Maß, die Maß spricht sich Mass aus anstatt Maas. Sie kann maßvoll getrunken werden und wird gleichzeitig von Massen getrunken. Wer die Maß mißt, hat oft keinen Genuß daran, denn die Maß ist meist nicht voll. Bei Ingrid soll das angeblich besser sein.

Ich habe den/die Maßgenuß nicht selbst gefunden, er/sie wurde mir telefonisch von einem aufmerksamen Zeitungsleser übermittelt. Ich tappe mit der Bedeutung sehr im Dunkeln herum, ohne irgendeine Fühlung aufnehmen zu dürfen, aber sollte es sich tatsächlich um „Holz vor der Hütte handeln“, dann hat sich vielleicht der nächste daran angezündet: Der Kapitän brennt schon. Er sollte gelöscht werden. Brennt er vor innerem Durst? ist er hungrig, gierig, oder ein Selbst-Mord-Attentäter, der sich entbrannte im Eifer der umgreifenden Weltverbesserung?

Opfer steckte mit dem Täter unter einer Decke ist für viele kein besonders drastischer Fall, es soll Ehen geben, deren Beziehungsgeflecht so beschrieben wird. Während Juristen die Verhältnisse von Opfern und Tätern erst klären müssen, sehen (nicht nur) Esoteriker solche Sachverhalte mit ruhigem Welten umspannenden Gewissen an: sie wissen‘s eh, daß es so ist: das Opfer ist der Täter. Der Täter mußte so oder so handeln, kein Ausweg, kein nachträgliches Bedenken. Schicksalsgläubigkeit degradiert Untatmenschen zu Handlangern und man sieht armen Würstchen ins Angesicht. So ist ein bißchen Glauben und Denkbequemlichkeit in jeder perversen Umkehrung.

»Gut-Menschen« (erinnert noch jemand das Wort?) sind anders. Gutgläubig verteidigen sie überkommene Vorstellungen von Recht und Ordnung, ohne zu fordern, daß ein Strafmaß heraufgesetzt werden muß oder eine „Abschiebung durchgeführt“ wie der allseits bedauerte Beckstein seine Praktiken gegenüber Asylsuchenden, „Asylanten“, bezeichnete. Würden er oder Edmund S. wieder zurückberufen werden auf die landespolitische Ebene, von der sie gefallen bzw. abgestiegen sind, gäbe es folgende Zeile erneut zu lesen: Nun droht die Rolle des Edelhelfers. Wenn Hilfe wie Bedrohung anmutet, ist Entwicklungshilfe gemeint? Geld gegen Abkommen zur steuerfreien Ausbeutung von Ressourcen? Das wäre nicht edel, denke ich, und gehe zum nächsten Satz, aber

Kein Denkzettel lag im Sicherheitsweg. Es wäre zu wünschen, daß man gerade dort denkt. Womöglich ging Schäuble vorbei. Er hat für uns alle Denkzettel weggepustet, damit wir sicher den Weg in Kauf- und Wohnländer finden können, wo wir ruhig und beobachtet ein Paar eigener Gedanken konsumieren dürfen.

Zum Abschluß zur Mittagszeit – ich will nicht mehr denken, sondern essen – lese ich: Nackt-Scanner vom Tisch und bin froh darüber, ich hätte ihn dort nicht gerne gesehen. Lieber ist mir ein »Jäger im Reisrand«. Wenn Sie nicht wissen, wie der zuzubereiten ist, sehen Sie nach unter es-ist-angerichtet-de. Mahlzeit.

28. Oktober 2008

Tschießie Bäikn Naggedd

Wenn ich mit meinem Hund einen Spaziergang mache, haben auch meine Gedanken einen Auslauf. Ich lasse mich dabei von meinem Hund führen, er hat einerseits seine Wege, die er liebt, andererseits ein Gespür für Gerüche am Wegrand. Wir haben Auslauf und kommen wieder zurück, woher wir kamen. Meine Gedanken laufen mit, kehren nur ungern an ihren Ausgangspunkt zurück, sondern beschäftigen sich Zuhause mit dem, was ich vom Wegrand aufgelesen habe.

Moreno, mein Hund, scheint nur Wohlgerüche wahrzunehmen, Begeisterung ist ihm anzumerken. Er hätte den »Cheesy Bacon Nugget«, der an mehreren Plakaten an unserem Spaziergang angepriesen wurde, mit ein paar Bissen verschlungen, wäre er im Rinnstein gelegen. Ich dagegen kaute ihn wieder und wieder, vor mich hinmurmelnd: Tschießie Bäikn Naggedd. Ich übersetzte ihn mir in: Käsiger Speckklumpen. Da verging mir der Appetit, den das verführerische Bild einer schönen Mitnehm-Mahlzeit in mir geweckt hatte. Ich fragte mich, wie das ein Engländer bzw. Amerikaner liest und sieht: ist für ihn ein Cheesy Bacon Nugget ein Käsiger Speckklumpen? Er übersetzt es sich nicht, Käsiger Speckklumpen ist schlicht, was es heißt.

In der Werbebranche käme niemand auf die Idee, uns einen Cheesy Bacon Nugget einzudeutschen. Wer ihn ißt, will auch etwas von seiner cheesigen Kultur mit in sich aufnehmen. Man ißt einen solchen Klumpen nicht an einem schönen Ort, sondern an einem, den man schon kennt, aus Fernsehserien zum Beispiel, wo das Essen kaum eine, die Handlung eine wichtige Rolle spielt. Man beißt in den Klumpen hinein, daß es schmatzende Geräusche gibt; fett und käsig fließt es über die Finger wie im Comic, und schnell ist das Essen beendet, Messer und Gabel (nur ein Stück Papier und Plastik), wandern in den Müll oder ins Gebüsch; und weiter geht’s. Nur mein Hund bleibt hinter mir zurück; er trickst mich aus und frißt zusammen, was er findet. Er liebt käsige Speckklumpen und hat, entgegen meiner schnell zusammengedachten Theorie, noch keine einzige Fernsehserie gesehen. Er liebt alles Fett-Triefende.

28. Oktober 2008

Im Mittelpunkt: Butter- & Muttermilch

Als ich mit Moreno um die Ecke eines Supermarktes ging, an den Abfalltonnen und der kleinen Müllpresse vorbei, an der Anlieferrampe, wo Moreno eine alte Hundedame umhüpfte, fiel mir folgender Titel eines Aufsatzes von Kleist ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte: »Über die allmähliche Verfassung des Gedankens beim Gehen«, und dachte, das träfe ja vorzüglich auf diese Abendrunde zu, allerdings ohne daß auch nur ein Gedanke bislang aufgetaucht wäre.

In der Müllpresse verschwanden geräuschvoll Verpackungen, eine lag am Boden vor meinen Füßen: ein Plastikbecher, in dem Buttermilch gewesen war. Buttermilch erinnert mich an Sommer, denn wenn es heiß ist, ist sie mein Durstlöscher. Ist das alles, was es zur Buttermilch zu sagen gibt, fragte ich mich. Ich habe mir die Frage der Bedeutung auch bei wichtigeren Dingen schon mal gedacht und kam stets zu herumzirkelnden Ergebnissen, das heißt: »nichts gewisses weiß man nicht« (sprachlich dialektisch eingefärbt allerdings, nix gwiss woas ma ned). Wenn ich um etwas herumkreise, dachte ich mir, sollte ich versuchen, auf den Mittelpunkt zu sehen. So kam der Mittelpunkt ins Zentrum meiner Gedanken, und dabei der verwegene Gedanke, ob der Mittelpunkt eines Kreises das Essentielle vom Kreis sei, etwa so wie es ein Bestes vom Wasser geben soll, wie man auf einem zeitweise verbreiteten Plakat lesen mußte. Noch mal anders ausgedrückt: Ist alles was nicht im Zentrum liegt nicht von zentraler Bedeutung? Ist alles was außerhalb des Zentrums liegt, nur Drumherum? Was ist der Mittelpunkt alleine, sozusagen ganz für sich betrachtet? Ich versuchte die Bedeutung des ständigen Bedeutungssuchens an der Buttermilch zu erproben.

Die Buttermilch war an Gedankenflügen noch nicht weit gekommen, da stand in einer schnellen Wendung um eine Hausecke schon die: Muttermilch. Mit der verknüpft sich untrennbar die Zeit meiner Studien an einer Akademie, an einen Vortrag in der großen Aula. Ein bekannter Wiener Künstler verbreitete sich mit Genuß über die Kochkunst als Kunstform. Mittendrin öffnet sich geräuschvoll die Doppeltüre und herein schwankt ein Mann. Betrunken und lallend fährt er in seinem inneren Monolog laut fort und erklärt, daß Muttermilch bedeutsam sei; inwiefern bleibt bei weiterem Brummen und Lallen unverständlich. Es wird still, Spannung liegt im Saal, denn der Betrunkene ist nicht irgendein Straßenpenner sondern ein hoch geehrter Professor der Kunstakademie. Der Professor wankt nach einigem Gezänk wieder hinaus und hinterließ in mir die Frage der Bedeutung von Muttermilch für Alkoholiker.

Ich marschierte weiter und wies Moreno an, an der Straßenkreuzung stehenzubleiben. Dann liefen wir auf die andere Seite am Haus entlang, an dem Mauersegler Nester unter dem vorstehenden Dach haben – leider war es zu spät ihr Srrrrrn zu verfolgen und mich zu freuen und zu wundern über ihre Flugkunst – solche Flugkunst durch meine Gedankengebäude möchte ich gerne beherrschen – und verbuchte hier eine Notlandung. Kopfweh kündigte sich an, die bedeutungsvollste Äußerung von Gedankenschwere, über die ich auch nicht weiter nachdenken wollte. Moreno und ich waren wieder Zuhause angekommen.

Heute war etwas ganz von Anbeginn schon falsch, kam es mir in den Sinn. Ich wollte Kleists Aufsatz noch mal durchlesen und bemerkte, daß ich mich bereits beim Titel geirrt hatte, Kleists Aufsatz heißt: »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«.

Kein Wunder, daß nie ein Gedanke beim Spazierengehen herauskommt; ich verwende die falsche Methode. Ich werde in Zukunft laut vor mich hinreden. Passen Sie auf, wenn Sie jemanden plappern hören; es könnte ich sein; und wenn nicht, horchen Sie hin, sie erleben wie ein Gedanke entsteht.