Archiv für den Monat: Juli 2008

30. Juli 2008

Traumhaftung

Ich gehöre zu denen, die Träume nicht verwirklichen. Während mancher, von dem ich lese, offenbar ein traumhaftes Leben führt, bleibt mein Lebenstraum ein Traum. Mein Leben ist kein Traum, ich bin kein Träumer!

Täglich habe ich ein paar Träume, an die ich mich erinnere, seit Jahrzehnten; täglich erwache ich aus den merkwürdigsten Welten und finde mich dennoch wieder zurecht hier, in dieser im Vergleich stabilen und daher auch etwas trägen Umwelt.

Ungern erzähle ich meine Träume, sie scheinen mich in meinem Versteck zu verraten. Einem Freund erzählte ich mal einen. »Oooh! das läßt aber tief blicken«, sagte der Freund. Über die Tiefe befragt, zuckte er nur die Schultern. Entweder wußte er nichts Tiefes über mich zu sagen, oder er hatte Angst, daß ich, was er über mich sagt, ihm umdeute zu nichts weiter als Eigenauskünften, von der Art: »Du spiegelst Dich in mir!« Das kann einem Deuter passieren, Propheten sollte man das einmal so ausdeuten.

Gewiß ist mir: Träume lassen tief blicken. Der vom Träumen Betroffene, der Träumer selbst hat meist keine Ahnung davon – würde er sonst träumen, uns davon erzählen und uns seine Wirklichkeitsentfremdung so offen beichten? Die meisten Träume werden vergessen. Das scheint gut so zu sein, wer wollte von jedem seinen geheimsten Traum wissen? Er könnte sich als zu alltäglich entpuppen; das will keiner von seinem Traum, sonst wär‘s ja nichts als ein Traum.

Als schlimm können sich verwirklichte Träume erweisen. Sie können die Menschheit verfolgen. Ein Beispiel ist das Fliegen, das dem lesenden Volk noch immer mal als »Menschheitstraum« präsentiert wird. Es ist Wirklichkeit geworden. Nun billig-fliegen wir überall hin; sehe ich die Kondensstreifen draußen an, geht‘s zur Zeit kreuz und quer über mich hinweg in alle Weltgegenden. Bald scheint der Stoff für weitere Souvenirs und Geschäfte, die durch diesen Traum in Wirklichkeit umgesetzt werden, auszugehen, der traumhafte Stoff ist Öl und die Umsetzung ergibt Rauch und dicke Luft. Träume können sich auch in Luft auflösen!

Mit einem anderen Menschheitstraum hatte ich vor ein paar Tagen beim Lesen einer Biografie eine Wiederbegegnung: dem Kommunismus. Der verwirklichte Kommunismus war mehr als ein Alptraum, der idealisierte lebt nur noch vereinzelt weiter, er findet nicht einmal mehr als Wort Eingang in gescheite Aufsätze; ihn als lebendigen Traum zu erwähnen, wird kaum einem Schreiber, der sich sein Brötchen verdienen will, einfallen. Die Menschheit hat ihn ausgeträumt, den Traum von gerechter Macht- und Geldverteilung.

Vom großen Sieger beim Rennen um die Weltherrschaft, dem Kapitalismus, hat noch keiner gehört, daß er ein Menschheitstraum sei. Im Kapitalismus träumt womöglich keiner. Andererseits können wir alle im Kapitalismus alle unsere Träume verwirklichen. »Du hast einen Traum – dann mach ihn wahr!« Die größten und am meisten bewunderten Kapitalisten werden uns so zitiert, Bill Gates zum Beispiel. Hatte er nicht einen Traum, der für alle wahr geworden ist? Nirgends habe ich gelesen, Bill sei ein Träumer gewesen; er galt vielmehr, seiner Zeit weit voraus, als ein Spinner oder als jemand, der eine Vision hatte. Visionäre und Spinner haben wenig mit Träumen zu tun, sie sind eine eigene Kategorie. Visionäre heben sich über alles hinaus, sie sind insofern doch Träumer als sie für sich selbst entscheiden, was ein wünschenswerter und Opfer fordernder Menschheitstraum sei. Dank der besonders magischen Kraft innerer Mobilisierung gelingt ihnen dann und wann eine Umsetzung, die das allgemeine, unwürdige Leben wieder auf höhere Standards zurücksetzt.

Es ist Zeit wieder zu träumen, (23 Uhr). Halb im Schlaf schon höre ich Stimmen: »Wage einen Traum zu haben!« »Erzähl mir deinen Traum!« »Erzähl keine Träume!« »Hör endlich auf zu träumen!« »Kauf Dir das Haus deiner Träume!« Es geht eine Traumfrau an mir vorbei, nicht zu mir, sie wandelt zu ihrem Traum von einem Mann; so kann ich weiterträumen und muß mich nicht mit einer Traumfrau plagen, dafür mit Hunderten, die in Traumfabriken produziert werden. Traumfabriken sind eine Industrie, die Träume schaffen, indem sie Phantasie vernichten. Wer haftet für die Träume, die produziert werden? Habe ich geträumt oder hat mir geträumt? Solche Fragen sind es, die ich mir ratlos stelle. Wenn Träume wahr werden, haben sie erst dann mit Wahrheit zu tun, wenn sie im Diesseits auftauchen? Als architektonischer Traum zum Beispiel. Lassen auch solche Träume tief blicken? Fragen stellen sich im Halbschlaf, zwischen Träumen und Wachen, die würde ich mich nie fragen.

Der Tag ist so gestaltet, daß ich stets viel beim Feststellen bin; die Nacht gehört dem Vagen. Ich stelle fest: Das Leben ist wie ein Traum; und ich stelle fest, es ist keiner. Traumatisch kann etwas sein – das zeigt wie ernsthaft schädigend ein Traum ist, der keiner ist (und Alptraum genannt wird). Mal bin ich ein Träumer, mal bin ich bloß ein Träumer. Manche leben in einer Traumwelt; traumhaft schön ist sie oft genug nicht, lese ich im Bericht danach. Auch traumwandlerische Sicherheit hat man in Träumen nicht so oft wie es vermuten läßt. Traumversunken ist man mehrere Stunden am Tag, man ist so versunken, daß man nicht ein Bildchen davon übrig hat.

Ich träume tatsächlich so viel, daß ich gar nicht erst Lust habe, einen Traum zu verwirklichen, denn schon bin ich im nächsten. Ich klammere mich an die Erkenntnis von anderen, daß das Leben sowieso vielleicht nur ein Traum sei, den folglich ein anderer nicht verwirklicht. Das ist gut so, denn wer seine Träume verwirklicht, hat vielleicht ausgeträumt, und dann hat es mich nie gegeben. Das will ich noch weniger als in Träumen zu leben. Irgendeinen Traum halte ich stets fest – auch festhalten soll man nicht. »Du sollst nicht ewig an deinen Träumen festhalten«, sage ich mir, wenn ich die Zeitung lese, »hör auf zu träumen! Hier sind die Tatsachen.«

Schon ist es passiert: ich habe die Traumhaftung verloren, wieder Bodenhaftung gewonnen und bin hart gelandet. Dem Traum vom Fliegen folgt jedes Mal eine kleine Bruchlandung.

23. Juli 2008

Durch Anschlußkauf Humankapitalist

Beim Spaziergang fielen mir heute zwei Worte ein. »Der Humankapitalist« ist das eine, das andere »der Anschlußkauf«. Ob ich das meine kreative Ausbeute vom heutigen Tag nennen darf, werde ich später bewerten, nach dem Gute-Nacht-Gebet und der eindringlichen Rede mit meinem guten und schlechten Gewissen. Es plaudert mit mir, einer alten Gewohnheit aus Beichtstuhlzeiten folgend, dann und wann über vertane Stunden in meinem Leben, und stiehlt mir dadurch weitere wertvolle Zeit, die ich sinnvoller mit Plänen für einen gesellschaftlichen Aufstieg gefüllt hätte. Immerhin zeige ich mich hier schon so getrimmt am Ende eines guten Tages von der Tagesausbeute und Auswertung zu reden: Was hat mir der Tag gebracht? Zwei Worte.

Der Humankapitalist muß nicht erst noch geboren werden. Er lebt schon unter uns. Ich will das Wort gar nicht erklären, denn erstens ist es mir vor kurzem erst in den Sinn gewandelt, und zweitens erklärt es sich fast von selbst. Mein unterbewußtes Sein hat es schlicht nur abgeleitet aus einem marktliberalen Formelkoeffizienten, dem Humankapital, das heutzutage niemand mehr braucht, es sei denn, es wird freigestellt, und fährt so erst, als Kapital, den Zins ein.
Fast war ich beleidigt, daß mir ein anderes Wort, das in Zusammenhang mit dem Humankapitalisten stehen könnte, nicht selbst eingefallen war, als ich auf der Seite eines durch viele Parteien wechselnden Politikers das Wort Arbeitsplatzbesitzer fand. Unter einem Besitzer kann man sich jemanden vorstellen, der im Grunde nichts tut – so eine Vorstellung flößt mir ganz unschuldig diese Schöpfung ein. Ein Arbeitsplatzbesitzer ist das neoliberale Wort für das was früher ein Arbeiter war. Als Arbeiter tut der Arbeiter noch etwas, als Arbeitsplatzbesitzer macht er sich breit, stellt sich seiner Freistellung entgegen, »einseitig begünstigt durch eine Koalition aus Gewerkschaften und Sozialpolitikern«.
Da sollte sich der Humankapitalist, für den obiger Politiker ein hochbezahlter Propagandaredner ist, seiner eigenen Tugend besinnen, auf das Besitzen, und wie schön es ist, nichts zu tun (was er vom Arbeistpaltzbesitzer abschaut). Aber das wird er sich verbitten. Kapital anzuhäufen ist eine Heidenarbeit; nicht nur für den, der‘s schon hat.

Das zweite Wort, der Anschlußkauf, folgte einige Schritte nach dem Humankapitalisten. Ich habe mich also während des ganzen Spaziergangs nur um‘s Geld gekümmert – so schlecht war mein Tag gar nicht! Wie kam ich zu dem Wort? Ich ging um ein Einkaufsparadies herum, sah Käufer gedankenvoll reinströmen und beladen rausströmen. Man sollte als Käufer (siehe Als-Beitrag, Worter 1) nicht nur an den Kauf denken, sondern bei jedem Kauf sogleich an den Anschlußkauf. Tatsächlich geschieht das sehr häufig: der Frust nach dem Kauf kann groß sein, sagen uns Identitätswissenschaftler, die feststellen, daß so manche Identität am Kauf hängt. Wenn man nicht unmittelbar nach getätigtem Kauf ein neues Ziel sieht. Ein solches ist der Anschlußkauf. Mit meinem neuen Wort dringt das Kaufen noch tiefer in unser Bewußtsein ein. Das möchte ich mit diesem Beitrag erreichen.
In einem Computerforum las ich einen Beitrag (einen Poust, Posst?? Posting?, ich weiß nie wie das genau heißt) mit folgender Frage: »Konsumgeil, aber wunschlos, was kaufen?« Hier kommt nicht einmal ein Anschlußkauf in Frage. Der heitere Fragensteller ist weiter als es ich es denken kann. (Anmerkung: er bekam nur etwas Taschengeld in Form einer Prämie geschenkt, und wollte es sinnlos verprassen und dafür sinnvolle Tips einsammeln).

23. Juli 2008

Weltweite Empörung – ähnliche Seiten gefunden

Es ist nicht das »Bundesinstitut für Risikobewertung« sondern der »Spiegel«, der in einem Artikel über die Geschichte weniger der Unterdrückung als der Wunderwaffe der Frauen: den BH / Wonder-Bra, schrieb: »Weltweit setzten Männer Autos gegen Laternenpfähle«. Es war damals als das erste Plakat eines Wonder-Bras der Welt gezeigt wurde (hier klicken zu einem Bild des Wunderbüstenhalters mit Inhalt).

Vielleicht schrieb den Artikel eine Spiegel-Moddl-Autorin, der es gefallen würde, wenn es so geschehen wäre, vielleicht schrieb ihn ein viriler Kollege, der hinter diesen seinerzeit erfolgten, aber von der Öffentlichkeit nicht genug wahrgenommenen Laternenpfahl-Anschlägen steckt. Ich weiß nicht, ob das im Artikel Erklärung fand, denn ich habe außer der erwähnten Zeile wieder einmal nichts gelesen. Diese ließ mich aber gleich aufhorchen. Vielleicht gab‘s etwas worüber ich mich empören konnte.

Ein schnelles Guugln über »Weltweit« brachte eine Menge fast gleichlautender Nachrichten, an oberster Stelle das Wort »weltweite Empörung«, dieser Tage über: Diktatoren, und ihr Handeln vor allem. Worüber unser Gutes den Kopf schüttelt. Und man liest, die zumeist und zuerst Empörten sind Politiker, sie haben darauf eine Art Erstvermarktungsrecht. Empörungsveröffentlichungen könnten dem Zweck dienen dem gesunden Menschenverstand ein Wort zu reden. Den laut Empörten und den Empörungslesern verbindet ein gemeinsames Kopfschütteln. Auch ich empöre mich oft, selbstverständlich. Schnell ist mein Gutes wieder weg, die öffentlich gemachten Empörungsträger tragen es mit sich, wenn sie wieder anderes von sich hören lassen. Politiker höchsten Ranges haben eine Waffe staatstragende Empörung zu äußern: in schlimmen Fällen (zu denen Kriege, die sie mit Waffenlieferungen fördern, nicht gehören) senden sie »diplomatische Noten« aus ihren Häusern aus, oder bestellen Botschafter in diese ein.

Das kann ich leider nicht, würde es gerne tun. Unzufrieden über meine Empörungssituation klicke ich im Internet weiter auf »Ähnliche Seite finden«. Was ich da alles finde, es ist nicht nur zum Kopfschütteln, sondern auch zum Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen. Nach ein paar Klicks und Kicks bin ich wieder beim In-den-Spiegel-Schauen. Vielleicht sollte ich den Link zur Wonderbra-Bildserie anklicken.

21. Juli 2008

Nichts als Unsinn

Das ALS hat unsere Identität erfaßt. Das Als ist eine Ableitung vom großen All, es ist allüberall. Mit dem All können sich nur Ausnahmegrößen identifizieren, für die anderen gibt es das Wort ALS. Ein Beispiel: Eine junge Frau sagte letzte Woche aus, daß Spargel eine vorzügliche Nahrung sei, und daß besonders der regionale Spargel eine besondere Qualität habe. Was brachte die junge Frau dazu, das zu behaupten und was die Zeitung dazu, es als zitatwürdig zu veröffentlichen? Das Als! Als Spargelkönigin nämlich hatte sich die Dame geäußert.

Wir hören und lesen solche Fragen oft, die ähnlich lauten: Was sagen Sie, Herr X als … Wetterspezialist, als Wirtschaftsfachmann, als Psychologe zu …

Es sind Expertenmeinungen, die zu unserer Meinungsbildung herangezogen werden. Auch expertenfremde Meinungen von medienbekannten Persönlichkeiten sind beliebte Als-Äußerungen. Um nur drei mögliche Beispiele aus dem Sportwesen zu erfinden, frage ich hier: Was sagen uns Boris Becker als Kammerjäger, Franz Beckenbauer als Steuerexperte, oder Günther Netzer als Filosof?

Manchmal kommt mir vor, das Als funktioniere wie eine Reuse. Völlig harmlose Artgenossen geraten in sie hinein. Die Anfrage einer Zeitung zu einem Gespräch kann genügen. Man wolle Ihre Meinung hören zu einem die Öffentlichkeit interessierenden Gegenstand öffentlicher Diskussion. »Was sagen Sie als … zu …« Sie sagen etwas und sind drinnen in der Reuse. Den Weg hinaus finden Sie nicht mehr. Sie sind mit anderen Experten zusammen gefangen im Adreßbuch der Zeitung. Zu gegebener Zeit werden Sie wieder befragt als etwas, das sie nun sind: ein Sach- und Fachkundiger im Imkereiwesen, im Finanzwesen oder im Bestechungs- und Bespitzelungswesen. Messen Sie diesen Berichten Bedeutung bei, sind sie wahrhaft gefangen und werden zu Talkshows oder qualitativ höherstehenden »Gesprächsrunden« (die gibt es darüber hinaus auch noch) eingeladen, tingeln mit ihrer Als-Identität durch die Lande von Rundfunk-Anstalt zu Anstalt. Sie können dann zum Beispiel sagen: Als Sportreporterin gehört frischer Atem zu meinem Job!

Äußern wir noch nicht Öffentlich-Befragten in privater Runde unsere Meinung, so sind wir einfach nur Menschen; als solche wenig interessant, als schweigende Mehrheit unwichtig, aber als Endverbraucher gerne gesehen.

Das Als ist allerdings weitaus vielseitiger als ich es hier schildere. Beispiele von weitreichenden Sinn- und Zusammenhangsstiftungen finden sich zuhauf (und weit aussagekräftigere als folgende schnell herausgepickte):

Wurst als Kulturträger / Qualität als Leitfaden / Verkohltes Holzbett als Sensation / Lyrik als Lebenselexier / Prominente als Warner / Heiliger als sprechendes Beispiel (leuchtet über die Maßen) / Zufriedene Patienten als Kapital bzw. Firmenfilosofie &: Mehr Rentner als Junge / Mehr tote Rehe als Ziel / Gartenschau als blendende Idee / Spitzenverdiener als Leistungsträger der Gesellschaft, und Geld als Samenspender. Oder auch: Kunst als Grenzüberschreitung, Selbsterkenntnis als Weg zur Heilung. In einem Internet-Forum fand ich: Was lest ihr als Computer-Zeitschrift? Bitte auch an ihn denken: als kein Mann vieler Worte sagte Iggs Übsilon Zett …
Es ist die wahre Identitätskrise, die im Als ihren Ausdruck findet.

Als was gehe ich im Fasching? Als Spieglein im Schrank.
Was sage ich als Blogger dazu? Gar nichts – siehe Titel und darunter folgendes. Sie als Leseopfer können das kommentieren: Kommentare (0). Das ist: mehr als weniger.

15. Juli 2008

Endlich: Gefühlt

Das Fühlen spielte bislang in der Nachrichten- und Tatsachenwelt eine untergeordnete Rolle, so habe ich es gefühlt. Seit heute fühle ich mich besser: ein Sieg ist für das Fühlen errungen worden! Die Welt steht vor einer kleinen Revolution, von der heute fast nur noch diese Gutmenschen träumen und reden, die früher einander auf Demonstrationen die Hände hielten (in den Redaktionen wurde diese verweichlichte Menschengattung aus vergangener Epoche zu Marktliberalen evolutioniert). Gesiegt hat nur, wie‘s oft geschieht, einer über einen anderen, in einem Spiel, in Wimbledon allerdings. Das ist nicht das neue, revolutionäre, das mich so begeistert: Mehrere onlein-Medien zugleich berichterstatten uns von einer neuen gefühlten Nummer Eins; morgen wird‘s gedruckt überall nachzulesen sein.

Welche Auswirkungen wird der gleichzeitige Gefühls-Tsunami, der über die onlein-Redaktionen gerast ist, auf uns Lese-Endverbraucher haben? Wir werden endlich lesen dürfen, was wir fühlen, und nicht mehr nur was wir fühlen sollen! Zumindest kann uns die Leseerwartung erfüllen, endlich mitzubekommen, was unsere Deutungshoheiten fühlen, wenn sie zum Beispiel schwitzen, bei dem was sie schreiben müssen: gefühlten Druck vom Schäff vielleicht. Neue Nachrichten werden in unsere Welt Eingang finden: wir werden auch beim Zeitunglesen wieder fühlen dürfen, und nicht nur wenn wir uns täglich einseifenopern. Den Redaktören bietet sich eine neue Schreibwelt. Sie werden das schreiben können, was bislang nur in ihren Schubladen oder versteckten Dateiablagen landete, wovon nur ihre Gedichte und Romane undsoweiter, handeln: die Welt, gefühlt.

Wir werden also lesen, das denke ich, der Gutmensch, der noch auf keiner einzigen Demo war, und niemandem die Hand halten mag: über Folter z.B.: der gefühlte Schmerz in fremden fernen Nehmerländern, der uns bislang nicht erreichte; über Demütigung: z.B. das alltägliche Gefühl Arbeitsloser beim Behördengang; über Ausbeutung: das Gefühl von Arbeitsplatzbesitzern, die darauf warten, daß sie den Zins einfahren können, den ihr wertloser Besitz ihnen einbringt – vor ihrer Freistellung; und so Millionen Mal weiter.

Ich spür‘s, ich fühle schon einiges; fühle mich zwar nicht als Nummer Eins, denn das darf immer nur einer, sondern als Nummer 58.672, immerhin!

15. Juli 2008

Und jetzt?

Es war, glaube ich, Keith Richards von den Rolling Stones, der einmal in einem Interview sagte, daß er nie in seinem Leben einer geregelten Arbeit nachgegangen sei und nie eine Lohnarbeit angenommen habe. Das habe ich mir gemerkt, es hatte mir sehr imponiert (als ich noch viel viel jünger war als ich heute bin). Der Satz wirkt noch, um so mehr als ich jetzt ein Bild seines uralten zerlebten Gesichtes vor Augen habe. Es drückt nichts von dem aus, was ein Streben nach erfülltem Leben aus einem machen kann; es ist leer, ohne Ziele, ohne Wertung, da stehen keine Gedanken im Weg, da scheint nur Leben gewesen zu sein, das hindurch ging durch seinen Körper. Ideale, Lebensvorstellungen und Träumereien kommen mir bei diesem Anblick belanglos vor.
Ich sollte hier welche erwähnen, aber ich mache es nicht, es sind ja schließlich meine eigenen, in die ich mich täglich verstricke; es sind die, die ich normalerweise gar nicht bedenke, die mich aber beständig begleiten: das gewöhnliche Umfeld an Gedanken, aus dem sich mein Ich zusammenbastelt.

Ratgeber, Philosophen, Therapeuten – aus zahlreichen Mündern hört man die Aufforderung: »Lebe! – Sei! – Jetzt!« Da ich es so oft zu hören glaube (stimmt ja schon einiges nicht), versuche ich das auch immer mal wieder, sage es mir vor, vergesse es, weil irgendwelche Hindernisse, und sei’s nur das Vergessen selbst, mich am Leben mit Ausrufezeichen vorbeigehen lassen. Ich falle schon mal zurück in das Postulat: Du mußt was erreichen, du mußt Ziele haben. Doch ohne Power-Joga schaffe ich‘s nicht, und Power-Joga mag ich nicht. Also sage ich mir einfach nur: Jetzt! Und schon bin ich jetzt … Das war mein Ziel.

Und was mache ich jetzt (also danach)? Für einen Augenblick erkennen, daß das unnötigste ist: Ziele haben. (So erreiche ich leider nichts; nicht mal ein Ende für diesen Text).

Daß manche sagen, Richards habe seinen Verstand mit Drogen ausgelöscht, ändert alles hier Gesagte ins Gegenteil und kehrt es um: Über Richards weiß ich so gut wie nichts; über mich nur ein wenig mehr. Davon entspricht so manches nicht gerade meinen Idealen, Lebensvorstellungen und Träumereien …

Und jetzt? Nehme ich mir vor, einen Traum zu leben und ein wenig zu schlafen. Gute Nacht.

12. Juli 2008

Vom Fensterbrett im Treppenhaus

Mein Untermieter – er wohnt einen Stock unter mir – legt mir seit Jahren die Tageszeitung, die er abonniert hat, auf das Fensterbrett im Treppenhaus. Er hat mich einmal gefragt, ob ich das Blatt lesen wolle. Ich sagte nicht nein, aber auch nicht ja, unentschieden wie so oft wenn es um Überflüssiges geht: um Info und noch mehr Info. Das ist natürlich schon eine Reduzierung der wahren Bedeutung einer Zeitung auf einen vielbeworbenen aber lästigen Nebeneffekt; Werbung ist allemal wichtiger; Werbung in eigener Sache (Medienrummel), Werbung für Firmenangebote und Werbung für Weltanschauungen (Meinungsmache). Jahrelang kam ich ohne Zeitung aus, ohne ihr jedoch zu entkommen. Nun staple ich sie vor meiner Türe, um sie der Altpapiersammlung gebündelt zu überliefern, denn mein Untermieter hat mir seine Entsorgungspflicht gleich mitübertragen.

Bevor ich sie an der Straße gut sichtbar plaziere, blättere ich dann und wann die Zeitung durch, wie es die Gewohnheit der Augen ist Buchstaben unbedingt lesen zu müssen, auf Plakate zu schauen und: einfach nur zu erkennen, was um mich herum zu sehen ist. Das Ohr, habe ich vor ein paar Tagen gehört, kann nicht abschalten; das Auge tut sich damit aber auch schwer – und kaum bin ich im Schlaf, sehe ich schon wieder, ich sehe – ein wenig klarer!

Es sammelt sich trotz Bemühung um gelassenere Ignoranz einiges an, was ich aus den verstreuten Blättern und neuerdings auch aus dem Internet an Infoinfoinfo aufschnappe. Anders als manches Essen, das ich verzehre, kann ich Gelesenes nicht so leicht verdauen; es gespenstert in meinem Hirnkästchen herum – und dort, gerade dort brauche ich Leere, denn mich hat das Fieber des Einswerdens, des Hier-und-Jetzt-Sein-wollens auch schon längst gepackt; es hat mich gepackt und beutelt mich, will aus mir herausschütteln, was nicht reingehört; und je mehr Infoinfoinfo ich bekomme desto mehr muß auch wieder aus mir herausfallen. Und hierher fällt es, in diese Notizsammlung.

Das ist also Abfall, ein Abfallprodukt wie Farbpigmente der chemischen Industrie eines sind, mit denen ich auch nebenbei Leinwände beschmiere. Nur ein weiterer Mülleimer, der in die Medienlandschaft gestellt wird, von mir, der ich mich, wenn ich das schreibe, gerade im Freizeitpark umschaue, täglich nicht mehr als eine Stunde.

Seit ich auch brause — das mache ich gern; ich dusche nicht so oft wie ich neuerdings brause: ich schreibe einfach falsch, mein Englisch ist miserabel, also deutsche ich ein, und dadurch wird mein Deutsch noch miserabler. Wer hier liest: ich brause anstatt ich browse, muß sich deswegen nicht gleich auf einer deutschtümelnden Seite wähnen. Ich mache das nur, weil‘s mir so gefällt und weil ich Worte in der Werbung lese und höre wie Milchteim (=Milchtime) und oft nicht nur nicht gleich sondern oft überhaupt nicht weiß, was das sein soll – manchmal stelle ich mich diesbezüglich auch sehr doooof. Ich behandle diese kuhlen Wörter so als wär ich jetzt ein Dialektdichter. Die schreiben oft noch nicht einmal groß und klein sondern nur klein und setzen die Buchstaben nach dem Klang; was sie schreiben ist ja keine Schriftsprache sondern eine Maul- und Mundsprache; und Milchtime zum Beispiel kann man nicht einmal geschrieben richtig lesen. Wer also hier liest, der lese nur laut und womöglich wird er die Milchteim verstehen: Milchteim ist einfach gar nichts, so wie das meiste um und in Tschießbörger und Häppimiel auch. Außerdem schrieb die hiesige Zeitung einmal anläßlich einer geplanten und versunkenen Reihe über »Neudeutsch / Denglisch«, so eine Schreibweise verbiete sich von selbst. Bei mir nicht, ich würde es mir höchstens selbst verbieten. Erwarten Sie aber keine Konsequenz – es geht auch drunter und drüber – ich habe nur ein paar Konsequenzen gezogen, so wie mein Zahnarzt früher mir Zähne gezogen hat, schnell und ohne zu bedenken, nur aus dem Bauch des damaligen Fachwissens heraus (da ist schon etwas, was hierher gehört: Der Bauch des Fachwissens, eine runde Sache …)

Ich brause im Internet auch im online-Spiegel. Das ist fast schon Familientradition, hätte mein Vater jemals das Internet benutzt; er war Abonnent, mehr als 40 Jahre lang; ich kenne also den Spiegel schon seit meiner Kindheit. Auf Produkte aus der Kindheit kommt man immer wieder zurück, aus Trägheit und weil man nichts dazugelernt hat. Nicht alles was mir damals schmeckte, schmeckt mir heute noch. Der Spiegel damals und online-Spiegel heute: War er früher schon eine bunte Mischung, die für alles etwas hatte, mehr Politik als Klatsch, ist er heute, da er onlein ist, schon eher eine Art Bunte geworden, in der auch ich über Madonna und Britney Spears stolpere – ja ich habe so ein Stolpergefühl beim Lesen von onlein-Magazinen: es ist wie eine Treppe hinunterfallen und Au-au-au schreien, von einer Schlagzeile zur nächsten nach unten; man fällt aber nicht, man skrollt. Unten angekommen steht das Kleingedruckte als Link, man linkt sich wieder nach oben, auf den oberen Bildschirmrand und skrollt sich wieder nach unten.

Manche lesen vielleicht noch die Zeitung zum Frühstück, so wie mein Vater das tat. Ein Vorzeigen der Herrschaft über die Familie war das, wenn ich es mir jetzt noch einmal vergegenwärtige: Ich bin derjenige, der sich über Politik und die Welt informiert und bescheid weiß. Meine Mutter las allenfalls den lokalen Teil, wir Kinder blätterten herum, und lernten wie mein Vater täglich wiederholte, daß man seinen Kommentar auch abgibt, um sich selbst zu behaupten. Mein Vater war damals noch der Stärkere, »Medien« wie heute jeder Krimskrams genannt wird als »Medien« noch kaum existent. Er war also unumschränkter Herrscher auch über das Lokalblatt, denn es war, obgleich täglich gelesen, nur ein »lausiges Blatt« mit ebensolchen Kommentaren des Chefredaktörs (ja, es dürfte sich um einen Redaktör gehandelt haben).

Heute vernehme ich es kaum anders, wenn ich die hier wiedergeben möchte, die das hiesige Lokalblatt lesen und bewerten. Zu der Zeitung ist allerdings noch viel mehr an die Seite getreten im Laufe der Jahrzehnte. Mein Vater, der sich ohnehin schon geweigert hatte die Zeitläufte mitzumachen oder sie über allgemeines Beschimpfen hinaus anzuerkennen, würde das in was sein Sohnemann hineingewachsen ist mit seiner Zeit, in der er so jünglich war wie ich, erst gar nicht mehr vergleichen wollen. Und so, möchte ich damit nur sagen, will ich der Medienwelt nur einen weiteren Kommentar zurückgeben, als einer der immer wieder das Gefühl hat, daß er sein Hirn, ich sagte es schon, einfach nur entleeren muß, um irgendetwas Vernünftiges tun zu können: vielleicht Nichts-Tun zum Beispiel.