15. Juli 2008

Endlich: Gefühlt

Das Fühlen spielte bislang in der Nachrichten- und Tatsachenwelt eine untergeordnete Rolle, so habe ich es gefühlt. Seit heute fühle ich mich besser: ein Sieg ist für das Fühlen errungen worden! Die Welt steht vor einer kleinen Revolution, von der heute fast nur noch diese Gutmenschen träumen und reden, die früher einander auf Demonstrationen die Hände hielten (in den Redaktionen wurde diese verweichlichte Menschengattung aus vergangener Epoche zu Marktliberalen evolutioniert). Gesiegt hat nur, wie‘s oft geschieht, einer über einen anderen, in einem Spiel, in Wimbledon allerdings. Das ist nicht das neue, revolutionäre, das mich so begeistert: Mehrere onlein-Medien zugleich berichterstatten uns von einer neuen gefühlten Nummer Eins; morgen wird‘s gedruckt überall nachzulesen sein.

Welche Auswirkungen wird der gleichzeitige Gefühls-Tsunami, der über die onlein-Redaktionen gerast ist, auf uns Lese-Endverbraucher haben? Wir werden endlich lesen dürfen, was wir fühlen, und nicht mehr nur was wir fühlen sollen! Zumindest kann uns die Leseerwartung erfüllen, endlich mitzubekommen, was unsere Deutungshoheiten fühlen, wenn sie zum Beispiel schwitzen, bei dem was sie schreiben müssen: gefühlten Druck vom Schäff vielleicht. Neue Nachrichten werden in unsere Welt Eingang finden: wir werden auch beim Zeitunglesen wieder fühlen dürfen, und nicht nur wenn wir uns täglich einseifenopern. Den Redaktören bietet sich eine neue Schreibwelt. Sie werden das schreiben können, was bislang nur in ihren Schubladen oder versteckten Dateiablagen landete, wovon nur ihre Gedichte und Romane undsoweiter, handeln: die Welt, gefühlt.

Wir werden also lesen, das denke ich, der Gutmensch, der noch auf keiner einzigen Demo war, und niemandem die Hand halten mag: über Folter z.B.: der gefühlte Schmerz in fremden fernen Nehmerländern, der uns bislang nicht erreichte; über Demütigung: z.B. das alltägliche Gefühl Arbeitsloser beim Behördengang; über Ausbeutung: das Gefühl von Arbeitsplatzbesitzern, die darauf warten, daß sie den Zins einfahren können, den ihr wertloser Besitz ihnen einbringt – vor ihrer Freistellung; und so Millionen Mal weiter.

Ich spür‘s, ich fühle schon einiges; fühle mich zwar nicht als Nummer Eins, denn das darf immer nur einer, sondern als Nummer 58.672, immerhin!