21. Juli 2008

Nichts als Unsinn

Das ALS hat unsere Identität erfaßt. Das Als ist eine Ableitung vom großen All, es ist allüberall. Mit dem All können sich nur Ausnahmegrößen identifizieren, für die anderen gibt es das Wort ALS. Ein Beispiel: Eine junge Frau sagte letzte Woche aus, daß Spargel eine vorzügliche Nahrung sei, und daß besonders der regionale Spargel eine besondere Qualität habe. Was brachte die junge Frau dazu, das zu behaupten und was die Zeitung dazu, es als zitatwürdig zu veröffentlichen? Das Als! Als Spargelkönigin nämlich hatte sich die Dame geäußert.

Wir hören und lesen solche Fragen oft, die ähnlich lauten: Was sagen Sie, Herr X als … Wetterspezialist, als Wirtschaftsfachmann, als Psychologe zu …

Es sind Expertenmeinungen, die zu unserer Meinungsbildung herangezogen werden. Auch expertenfremde Meinungen von medienbekannten Persönlichkeiten sind beliebte Als-Äußerungen. Um nur drei mögliche Beispiele aus dem Sportwesen zu erfinden, frage ich hier: Was sagen uns Boris Becker als Kammerjäger, Franz Beckenbauer als Steuerexperte, oder Günther Netzer als Filosof?

Manchmal kommt mir vor, das Als funktioniere wie eine Reuse. Völlig harmlose Artgenossen geraten in sie hinein. Die Anfrage einer Zeitung zu einem Gespräch kann genügen. Man wolle Ihre Meinung hören zu einem die Öffentlichkeit interessierenden Gegenstand öffentlicher Diskussion. »Was sagen Sie als … zu …« Sie sagen etwas und sind drinnen in der Reuse. Den Weg hinaus finden Sie nicht mehr. Sie sind mit anderen Experten zusammen gefangen im Adreßbuch der Zeitung. Zu gegebener Zeit werden Sie wieder befragt als etwas, das sie nun sind: ein Sach- und Fachkundiger im Imkereiwesen, im Finanzwesen oder im Bestechungs- und Bespitzelungswesen. Messen Sie diesen Berichten Bedeutung bei, sind sie wahrhaft gefangen und werden zu Talkshows oder qualitativ höherstehenden »Gesprächsrunden« (die gibt es darüber hinaus auch noch) eingeladen, tingeln mit ihrer Als-Identität durch die Lande von Rundfunk-Anstalt zu Anstalt. Sie können dann zum Beispiel sagen: Als Sportreporterin gehört frischer Atem zu meinem Job!

Äußern wir noch nicht Öffentlich-Befragten in privater Runde unsere Meinung, so sind wir einfach nur Menschen; als solche wenig interessant, als schweigende Mehrheit unwichtig, aber als Endverbraucher gerne gesehen.

Das Als ist allerdings weitaus vielseitiger als ich es hier schildere. Beispiele von weitreichenden Sinn- und Zusammenhangsstiftungen finden sich zuhauf (und weit aussagekräftigere als folgende schnell herausgepickte):

Wurst als Kulturträger / Qualität als Leitfaden / Verkohltes Holzbett als Sensation / Lyrik als Lebenselexier / Prominente als Warner / Heiliger als sprechendes Beispiel (leuchtet über die Maßen) / Zufriedene Patienten als Kapital bzw. Firmenfilosofie &: Mehr Rentner als Junge / Mehr tote Rehe als Ziel / Gartenschau als blendende Idee / Spitzenverdiener als Leistungsträger der Gesellschaft, und Geld als Samenspender. Oder auch: Kunst als Grenzüberschreitung, Selbsterkenntnis als Weg zur Heilung. In einem Internet-Forum fand ich: Was lest ihr als Computer-Zeitschrift? Bitte auch an ihn denken: als kein Mann vieler Worte sagte Iggs Übsilon Zett …
Es ist die wahre Identitätskrise, die im Als ihren Ausdruck findet.

Als was gehe ich im Fasching? Als Spieglein im Schrank.
Was sage ich als Blogger dazu? Gar nichts – siehe Titel und darunter folgendes. Sie als Leseopfer können das kommentieren: Kommentare (0). Das ist: mehr als weniger.