2. August 2008

Umstellerei

Wie oft ging ich von Zimmer zu Zimmer, sah mich um nach dem geeigneten Platz, an dem ich arbeiten konnte! Hatte ich ihn gefunden, begann ich umzustellen, zerrte den schweren Tisch durch den Gang, stellte ihn hoch, damit er durch den Türrahmen paßte, zog ihn zum neuen Platz und ruckelte so lange herum, bis er richtig stand. Dann holte ich den Stuhl und alle Utensilien, die ich benötigen würde; möglichst wenige: auf leerer Platte sollte ich wieder zu arbeiten beginnen. Ich zog herum, weil sich unnötige Dinge um mich herum anhäuften, die sich nicht ohne weiteres beseitigen ließen. Reinen Tisch machen war zur Manie geworden, vor der sich nicht flüchten ließ: vor meinen Fluchten konnte ich nicht fliehen. Dann begann ich meine Arbeit vorzubereiten, die nichts anderes sein sollte als die Worte, die sich beim Spazierengehen oder wo immer so gut gefügt hatten, daß ich daran glaubte, Gedanken zu haben, die der Formulierung wert wären. Es kam nicht weiter, als daß ich mich davor setzte, vor den Computer und meine Datei der fortlaufenden Notizen vor mir sah, nur um weitere Notizen hinzuzufügen. Zufrieden damit beendete ich das Programm; beim Überfliegen, beim fehlerhaften Eintippen schon war ein neuer Text entstanden, im Geiste, weiter brauchte ich wieder einmal vorerst nicht zu arbeiten, so lange nicht, bis die richtige Zeit kam. Wie sehr, ja wie lange bereits sehnte ich mich nach der Formulierung!

Die richtige Zeit, das weiß ich, ist jetzt, stets jetzt. Der richtige Ort war das Problem, an dem ich herumlaborierte. Ich war der „richtige Mann“ – noch am falschen Ort. Die Magie der Orte, die ich vom Verstand her verneinte hielt mich fest. So zog ich in dieser Wohnung, in jeder noch, in der ich arbeitete, von einem Zimmer zum andern und in jedem Zimmer selbst stellte ich um, an Fenster, vom Fenster weg, mit dem Rücken zur Türe, mit dem Gesicht zur Tür. Ich fühlte den richtigen Platz, ich fühlte den falschen. Mit der Zeit kam ich zur Gewißheit am falschen Platz zu sein. Blickte ich zurück auf mein Leben, wurde es zur Gewißheit: nicht die Zeit war falsch, nicht die Person, sondern der Ort. Ich habe es bereits auf anderen Kontinenten versucht, habe es auch schon mit dem Ort versucht, an dem es liegt, der Ort in meinem Kopf. Dieser Ort ist hier, bei mir selbst. Bei mir selbst bin ich falsch.

Bei mir selbst – kann ich nicht arbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich mir die Sicht auf mich selbst angewöhnt, als wäre ich nur eine Linse, nur ein Auge, vom Auge nur die Pupille, die Linse, die das Licht bricht. Weder bin ich die Innenwelt, die das Licht empfängt und daraus eine Welt formt, eine abgebildete, noch bin ich die Welt außerhalb, von der das Licht kommt. Daß ich mein Innenleben von meinem äußeren unterscheide liegt am Ort meines Ichs. Ich suche ihn, gehe nur ein paar Meter weiter, setze mich. Alles kenne ich seit langem. Ich muß das Auge zu etwas anderem machen: Das Auge nimmt auf und gibt nichts heraus. Meine Vermutung ist seit längerem, daß dies falsch ist. Es geht Licht vom Auge nach draußen.

Heute bin ich wieder so weit, mir einen anderen Ort zu suchen, meinen Schreibtisch nur ein weniges zu drehen, um 90 Grad. Ich muß mich bewegen in diesen Zimmern, die mein eigen sind.