30. September 2008

Der Leserfehler

Es könnte Ihnen passiert sein, daß Sie diesen Titel falsch gelesen haben – dann war‘s ein Lesefehler. Mir passiert oft, daß ich etwas falsch lese, so oft und auch mit großem Vergnügen, daß ich daran zweifle, ob es mir tatsächlich passiert, ob ich nicht willentlich daran beteiligt bin. Die Wirklichkeit will ich nicht wahrnehmen wie sie ist, daran zweifle ich nicht; ein Grund sich zu verlesen. Ein weiterer könnte mein tiefer, unerschütterlicher Glaube an den »Freudschen Versprecher« sein. Im tiefen, unerschütterlichen Mißtrauen meinen Mitmenschen gegenüber leuchtete mir vor Jahren, als ich davon hörte, sofort ein, daß, wenn man sich verspricht, man das sagt, was man sagen wollte. Ich wende das nicht mehr auf meine Umwelt an, sondern beziehe es auf mich und möchte das Vergnügen nun nicht mehr missen, ein Freudscher Verleser zu sein. Ob es sich hier im Sinne Freuds, so wenig ich davon verstehe, um eine »Fehlleistung« handelt, kann ich nicht sagen, gewiß ist meine Absicht etwas zum Vorschein kommen zu lassen. Ich schaue somit in die Wolken nicht der Wolken wegen, sondern um mich im schauenden Phantasieren zu üben. Bei meinem täglichen In-die-Wolken-Schauen ist es in der Tat nicht so, beim Lesen aber oft.

Das nenne ich einen Leserfehler. Ein Lesefehler ist bloßer Zufall, hat keinerlei Bedeutung, hinter einem Leserfehler dagegen steht eine Person, die verborgene Ansicht, daß das Verborgene wichtiger als das Offensichtliche sei und, daß es nicht anders hervorzuholen sei als durch Selbstüberlistung. Ich lese lieber zwischen den Zeilen als mit den Zeilen, eine schädliche und anstrengende Untugend.

So las ich vor einigen Tagen »Empörung über Trauer« wo es hieß »Trauer und Empörung«. Geblieben ist mir die Empörung über Trauer, nicht weil ich mich über Trauer empöre, sondern weil es manchmal durchaus angebracht sein könnte, wenn beide sehr eng beieinander liegen und zugleich geäußert werden.

In einem bemerkenswert weisen Film, der im Unterhaltungsprogramm gesendet wurde!, sagte einer, Fehler machten uns Menschen erst zu den unverwechselbaren Persönlichkeiten, als die wir herumlaufen. Unglaublich unverwechselbare Persönlichkeiten begegnen uns im realen, erst recht im irrealen/medialen Leben.
Der Leserfehler also gehört zu mir; und er gehört mir: ich habe ihn entdeckt (d. h. aus meinem Unbewußten hervorgeholt).

Dabei fällt mir ein Tippfehler ein, den ich als Leserfehler bezeichnen möchte. Er hat eines meiner Lieblingsgedichte so sehr verändert, daß ich es nicht mehr ohne ihn denken kann. Er zieht das Edle, Hohe & Schöne so sehr ins Profane, daß es mich an die 70er erinnert, als ich genau das entdeckte: die Erziehung zum Edlen und Guten und Wahren läßt das Gewöhnliche völlig außer acht und erschafft ein Zerrbild, das man von sich selbst in der Welt gewinnt.

Das Gedicht ist von Friedrich Gottlieb Klopstock. Ich fand es mit dem Tippfehler in einer Gedichtsammlung des Insel-Verlages. Ich habe das Buch jemandem geschenkt, den ich sehr mochte. Zu meinem Entsetzen las ich die Entstellung, und habe sie beseitigt mit einem kleinen, aber deutlichen Strich. So machte ich den Fehler erst sichtbar, (und erhalte ihn für die Ewigkeit, wenn es stimmt, daß das Internet/Google nichts vergißt). Das Buch ist sicherlich schon eingestampft worden. So stand das Gedicht zu lesen:

 
 
Die frühen Gräber

Willkommen, o silberner Mond,
Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.

Des Mayers Erwachen ist nur
Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Thau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
Und zu dem Hügel herauf röthlich er kömt.

Ihr Edleren, ach es bewächst
Eure Maale schon ernstes Moos!
O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
Sahe sich röthen den Tag, schimmern die Nacht.

 
 
Ich liebe das Gedicht immer noch, mit Fehler und ohne Fehler.