28. Oktober 2008

Im Mittelpunkt: Butter- & Muttermilch

Als ich mit Moreno um die Ecke eines Supermarktes ging, an den Abfalltonnen und der kleinen Müllpresse vorbei, an der Anlieferrampe, wo Moreno eine alte Hundedame umhüpfte, fiel mir folgender Titel eines Aufsatzes von Kleist ein, den ich vor langer Zeit gelesen hatte: »Über die allmähliche Verfassung des Gedankens beim Gehen«, und dachte, das träfe ja vorzüglich auf diese Abendrunde zu, allerdings ohne daß auch nur ein Gedanke bislang aufgetaucht wäre.

In der Müllpresse verschwanden geräuschvoll Verpackungen, eine lag am Boden vor meinen Füßen: ein Plastikbecher, in dem Buttermilch gewesen war. Buttermilch erinnert mich an Sommer, denn wenn es heiß ist, ist sie mein Durstlöscher. Ist das alles, was es zur Buttermilch zu sagen gibt, fragte ich mich. Ich habe mir die Frage der Bedeutung auch bei wichtigeren Dingen schon mal gedacht und kam stets zu herumzirkelnden Ergebnissen, das heißt: »nichts gewisses weiß man nicht« (sprachlich dialektisch eingefärbt allerdings, nix gwiss woas ma ned). Wenn ich um etwas herumkreise, dachte ich mir, sollte ich versuchen, auf den Mittelpunkt zu sehen. So kam der Mittelpunkt ins Zentrum meiner Gedanken, und dabei der verwegene Gedanke, ob der Mittelpunkt eines Kreises das Essentielle vom Kreis sei, etwa so wie es ein Bestes vom Wasser geben soll, wie man auf einem zeitweise verbreiteten Plakat lesen mußte. Noch mal anders ausgedrückt: Ist alles was nicht im Zentrum liegt nicht von zentraler Bedeutung? Ist alles was außerhalb des Zentrums liegt, nur Drumherum? Was ist der Mittelpunkt alleine, sozusagen ganz für sich betrachtet? Ich versuchte die Bedeutung des ständigen Bedeutungssuchens an der Buttermilch zu erproben.

Die Buttermilch war an Gedankenflügen noch nicht weit gekommen, da stand in einer schnellen Wendung um eine Hausecke schon die: Muttermilch. Mit der verknüpft sich untrennbar die Zeit meiner Studien an einer Akademie, an einen Vortrag in der großen Aula. Ein bekannter Wiener Künstler verbreitete sich mit Genuß über die Kochkunst als Kunstform. Mittendrin öffnet sich geräuschvoll die Doppeltüre und herein schwankt ein Mann. Betrunken und lallend fährt er in seinem inneren Monolog laut fort und erklärt, daß Muttermilch bedeutsam sei; inwiefern bleibt bei weiterem Brummen und Lallen unverständlich. Es wird still, Spannung liegt im Saal, denn der Betrunkene ist nicht irgendein Straßenpenner sondern ein hoch geehrter Professor der Kunstakademie. Der Professor wankt nach einigem Gezänk wieder hinaus und hinterließ in mir die Frage der Bedeutung von Muttermilch für Alkoholiker.

Ich marschierte weiter und wies Moreno an, an der Straßenkreuzung stehenzubleiben. Dann liefen wir auf die andere Seite am Haus entlang, an dem Mauersegler Nester unter dem vorstehenden Dach haben – leider war es zu spät ihr Srrrrrn zu verfolgen und mich zu freuen und zu wundern über ihre Flugkunst – solche Flugkunst durch meine Gedankengebäude möchte ich gerne beherrschen – und verbuchte hier eine Notlandung. Kopfweh kündigte sich an, die bedeutungsvollste Äußerung von Gedankenschwere, über die ich auch nicht weiter nachdenken wollte. Moreno und ich waren wieder Zuhause angekommen.

Heute war etwas ganz von Anbeginn schon falsch, kam es mir in den Sinn. Ich wollte Kleists Aufsatz noch mal durchlesen und bemerkte, daß ich mich bereits beim Titel geirrt hatte, Kleists Aufsatz heißt: »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«.

Kein Wunder, daß nie ein Gedanke beim Spazierengehen herauskommt; ich verwende die falsche Methode. Ich werde in Zukunft laut vor mich hinreden. Passen Sie auf, wenn Sie jemanden plappern hören; es könnte ich sein; und wenn nicht, horchen Sie hin, sie erleben wie ein Gedanke entsteht.