30. Oktober 2008

Mit brennendem Kapitän unter einer Decke

Es gibt Tage, an denen mir fast alles gefällt, was ich lese. Eine Hochstimmung hat mich erfaßt, mein persönlicher Dax liegt im Tagesplus. Der Auslöser ist nicht die VW-Aktie, die 15.000.000.000 von Hedgefonds verspekulierten Eurosen oder »die Autoindustrie«, die an »Brüssel« gewendet durch ihre Manager verkünden läßt, daß sie den »weltweiten Wettbewerb verlieren werde«, wenn man nicht bald auch für sie ein Weihnachtspaket schnüre. Hochstimmung herrscht in den oberen Etagen, Verdrußfalten schminken sich ihre Bewohner an, wenn sie herabsteigen und uns (den Empfängern von Nachrichten aus den Elfenbeintürmen) vom Klima, das sie selbst anheizen, Düsteres erzählen. Ich brauche mich nicht an »Brüssel« zu wenden, das ist unnötig, ich werde dort vertreten. Also bleibe ich im Bahnhof sitzen, in dem ich wohne, und fahre auf einem Bißchen Poesie ab, das ein verregneter Tag für mich übrig hat: die Abtippse, der ausgedruckte Schlagzeilen-Notizzettel, das Abgeschriebene und Herauskopierte – eine Collage ohne Formung, ohne Entwicklung, dafür mit viel ungeschliffenem Sinn. Was steht hier alles! Abfallregelungen, Klassiker, Opfer und Decken und allerlei Maße, zu Beginn darf ich feststellen:

Weltgericht in beklagenswertem Zustand. Wenn das Weltgericht in schlechtem Zustand ist, in welchem befindet sich dann erst die Welt! Ich habe die Gänsefüßchen beim „Weltgericht“ unterschlagen aus Respekt vor dem wirklichen Weltgericht.

Mancher hätte schon glauben können, es sei für ihn gekommen, wenn er die folgende Zeile gelesen hat: Abfallregelung trifft vor allem Senioren. So etwas führt meine Fantasie geradewegs in die düsteren Randzonen menschlicher Verordnungen, wie ich sie aus bösartigen Zukunftshochrechnungen mancher Science Fiction Filme der 70er Jahre kenne. Noch bin ich nicht betroffen. Ich bin im sogenannten besten Alter.

Jemand der breiter und dringender Diskussion in einer nun untergegangenen Literatursendung wert gewesen wäre, ist: Der Beschwerdeklassiker. Nicht jeder, der viel gelesen hat, wird ihn kennen; ob er überhaupt in einem Bücherschrank steht, kann ich nicht sagen. Was steckt dahinter und was darin? Ein Werde-Klassiker wie Handke (Peter)? Übrig bliebe ein rätselhaftes Besch (eine ähnliche Farbe wie Beige? Graubraunblaß?). Vom Beschwerdeklassiker fehlt die kritische Gesamtausgabe, sie ist in Arbeit; bitte keine Beschwerden mehr!

Zwei Sätze, die gemeinsam zu lesen sind und doch nicht zusammengehören: „Beim Mord ist das Maß voll“ war ein Ausspruch, bei dem es nichts hilft, ihm Gänsefüße anzuziehen; er bleibt richtig!

Maßgenuß bei Ingrid ist eventuell Männern vorbehalten, (wenn ich da richtig kombiniere), Vorsicht jedoch: „in Maßen sollst Du genießen“. Das Wort wird weder in der richtigen noch in der falschen Rechtschreibung sprachgerecht getippt. Das bayrische Maß, die Maß spricht sich Mass aus anstatt Maas. Sie kann maßvoll getrunken werden und wird gleichzeitig von Massen getrunken. Wer die Maß mißt, hat oft keinen Genuß daran, denn die Maß ist meist nicht voll. Bei Ingrid soll das angeblich besser sein.

Ich habe den/die Maßgenuß nicht selbst gefunden, er/sie wurde mir telefonisch von einem aufmerksamen Zeitungsleser übermittelt. Ich tappe mit der Bedeutung sehr im Dunkeln herum, ohne irgendeine Fühlung aufnehmen zu dürfen, aber sollte es sich tatsächlich um „Holz vor der Hütte handeln“, dann hat sich vielleicht der nächste daran angezündet: Der Kapitän brennt schon. Er sollte gelöscht werden. Brennt er vor innerem Durst? ist er hungrig, gierig, oder ein Selbst-Mord-Attentäter, der sich entbrannte im Eifer der umgreifenden Weltverbesserung?

Opfer steckte mit dem Täter unter einer Decke ist für viele kein besonders drastischer Fall, es soll Ehen geben, deren Beziehungsgeflecht so beschrieben wird. Während Juristen die Verhältnisse von Opfern und Tätern erst klären müssen, sehen (nicht nur) Esoteriker solche Sachverhalte mit ruhigem Welten umspannenden Gewissen an: sie wissen‘s eh, daß es so ist: das Opfer ist der Täter. Der Täter mußte so oder so handeln, kein Ausweg, kein nachträgliches Bedenken. Schicksalsgläubigkeit degradiert Untatmenschen zu Handlangern und man sieht armen Würstchen ins Angesicht. So ist ein bißchen Glauben und Denkbequemlichkeit in jeder perversen Umkehrung.

»Gut-Menschen« (erinnert noch jemand das Wort?) sind anders. Gutgläubig verteidigen sie überkommene Vorstellungen von Recht und Ordnung, ohne zu fordern, daß ein Strafmaß heraufgesetzt werden muß oder eine „Abschiebung durchgeführt“ wie der allseits bedauerte Beckstein seine Praktiken gegenüber Asylsuchenden, „Asylanten“, bezeichnete. Würden er oder Edmund S. wieder zurückberufen werden auf die landespolitische Ebene, von der sie gefallen bzw. abgestiegen sind, gäbe es folgende Zeile erneut zu lesen: Nun droht die Rolle des Edelhelfers. Wenn Hilfe wie Bedrohung anmutet, ist Entwicklungshilfe gemeint? Geld gegen Abkommen zur steuerfreien Ausbeutung von Ressourcen? Das wäre nicht edel, denke ich, und gehe zum nächsten Satz, aber

Kein Denkzettel lag im Sicherheitsweg. Es wäre zu wünschen, daß man gerade dort denkt. Womöglich ging Schäuble vorbei. Er hat für uns alle Denkzettel weggepustet, damit wir sicher den Weg in Kauf- und Wohnländer finden können, wo wir ruhig und beobachtet ein Paar eigener Gedanken konsumieren dürfen.

Zum Abschluß zur Mittagszeit – ich will nicht mehr denken, sondern essen – lese ich: Nackt-Scanner vom Tisch und bin froh darüber, ich hätte ihn dort nicht gerne gesehen. Lieber ist mir ein »Jäger im Reisrand«. Wenn Sie nicht wissen, wie der zuzubereiten ist, sehen Sie nach unter es-ist-angerichtet-de. Mahlzeit.