13. Oktober 2008

Punkt 20 Uhr war früher oder Der Renner ist ein Heuler

Seit einigen Monaten zahle ich für ein Fernsehgerät wieder Gebühreneinzugszentralegebühren. Um ein optimales Preis-Leistungsverhältnis zu erzielen, sah ich anfangs den ganzen Tag fern. Nach über 20 Jahren ohne Television suchte ich zuerst die Klassiker auf. »Lange Pause«, »Kurze Pause« gab‘s nicht mehr, »Bezaubernde Jeannie«, »Mini-Mäx« wurden nicht wiederholt, auch ein »Kurier der Kaiserin« war nicht mehr unterwegs. Nur Punkt 20 Uhr war früher. (Ein unverständlicher, unvollständiger Satz, doch ich muß ihn lassen – warum?).
»Die Tagesschau«, der kurze Überblick über alles, blieb sich trotz neuer Gewandung treu: Deutsche Politik, Weltpolitik, Kriege und Terror (auch damals schon), Sport, und zur Ausleitung ein bißchen Gesellschaftstratsch. Vor der Tagesschau gibt es jetzt Infotainment zum Stand von Dax & Dow Jones, stellte ich fest.

Wann ist das eingeführt worden? Zur Zeit der Entstehung der Idee einer »Volksaktie«, dem Verkauf von »Volkseigentum« an ausgewählte Teile des Volkes? Ich kann mich erinnern, daß deutsche Experten medial sehr präsentiert waren, die den Deutschen zu viel Behäbigkeit in Sachen Geld attestierten und ihre zu geringe Aktivität an der Börse bedauerten. Das hatte sinnlose Wirkung auf mich: Zu spät und ohne Aussicht auf Erfolge begann ich mich für den Wirtschaftsteil in allem, woran ich dachte, zu interessieren. An den lukrativen Insiderhandel, der mir, mit neuen Vokabeln allmählich vertraut werdend, besonders vor Augen schwebte, begriff ich, ließe man mich ich als Anfänger nicht ran. Die alle paar Tage eingeschobenen Berichte über märchenhafte Gewinne anderer machten mich sehr traurig. Ich mußte mich als Verlierer ansehen, der die beinahe schon zahllosen Aufschwünge, die‘s die letzten 20 Jahre durch Privatisierungen und Börsengänge gegeben hat, einfach nicht mitmachen konnte und deshalb nicht durfte. Ungeheure Verluste türmten sich vor meinen gierigen Augen auf, weil ich nicht börsen-aktiv an meiner Erfüllung arbeiten konnte.

Das Debakel an der Börse hat meinen Status verändert. Ich bin, nach Ansicht eines Freundes, jetzt ein Beinahe-Gewinner, nicht in der besten aber in einer besseren Lage als viele andere: momentan gäbe es nur Verlierer, sagte er, da wäre einer wie ich, der kein Geld besitze, im Grunde ein Gewinner. Nun hätte ich mich sehr gefreut, wenn er zumindest teilweise nicht tatsächlich recht gehabt hätte. „Über Geld spricht man nicht, man hat es“ – anscheinend hatte ich in letzter Zeit zu viel über zu wenig Geld geredet.
Ich bin infolge dieses »Crashs« zufriedener geworden. Meine Millionenverluste haben sich als virtuell erwiesen, gar nicht existent! Besser als wären meine Gewinne am Ende nur gedacht gewesen.
Es ist bald 20 Uhr, Zeit den täglichen Gong zu hören; Fernsehgerät anschalten und prüfen ob auch vor 20 Uhr wieder wie früher ist, kein Dax & Dow Jones mehr, gemäß dem Intendantenmotto: nur Seichtes »zur besten Sendezeit«, Gala-Abende, Dokudramen und Liebesschmalzgebäck, auch Mord- und Totschlag in Krimiverpackung, aber nur keine Sachen, die den Unterhaltungsabend verderben können.
Ein erster Schritt […] wäre schon mal die Abschaffung des täglichen Börsenfernsehens in der ARD kurz vor der Tagesschau, zitierte der »Spiegel« einen Politiker in einem angeblich enttäuschenden TV-Finanzkrisen-Palaverabend. Und der Kommentar zu dieser Politikermeinung: Da war sie wieder, die Austreibung der Wirklichkeit durch die Zerschlagung ihres Spiegelbilds. Ein schöner Gedanke.
Auch umgekehrt, ist meine Annahme, geht es: Wirklichkeit gestalten durch die Vermarktung eines Wunschbildes: mediale Präsenz zeigen, auf Wunsch von Intendanten ohne weitere Intentionen zur besten Sendezeit, und die »Volksaktie« wird ein Renner. Wenn aus dem Renner ein Heuler wird, wie geschehen, Mikrofone andrehen, Abscheu über schlechte Manieren und Gier äußern lassen von Experten, geladenen Gästen und Beförderern von Gier und Raffsucht. Zu Schwarzsehern (zu dem man bei diesem Programm werden kann) GEZ-Detektive ausschicken; es soll ja nicht nur Product-Placement finanziert werden sondern auch Kultur.