4. November 2008

Ein bißchen Orgon

Vor einigen Wochen wurde mein Computer mit Orgon bestrahlt, aus Versehen. Danach hatte er einige Macken, von denen eine Beunruhigung auf mich überging. Nun scheint alles wieder in Ordnung, aber – das ist meine Beunruhigung – ich glaube, es ist nur vorübergehend besser.

Was Orgon ist, kann ich nicht sagen, ich verweise zur wahrhaftigen Information auf das für im Verborgenen reifende Dinge nahezu allwissende Internet. Das Orgon, das ich meine, kam aus einem Orgonstrahler, den mir Manuel freudig präsentierte, als ich meinen Computer an seinen anschloß, um nachzusehen, ob etwas auf seinem Computer nicht in Ordnung sei. Der Orgonstrahler ist nur ein gewöhnlicher, sehr dicker Stahlstab, an einem Ende flach abgeschnitten, am anderen mit einem Kegel, woraus das Orgon strahlt. Ich hielt den Handteller vor den Strahler, wie mir empfohlen wurde und verspürte einen schwachen, kühlen Windzug. Kinder, sagte Manuel, spürten ihn sogleich, Erwachsene zauderten mit ihrer Empfindung. Mit meiner relativ schnellen Reaktion erzeigte ich mich als kindlich Erwachsener. „Damit“, sagte Manuel, „kann man das Wetter ändern – mit einem größeren Strahler natürlich.“ Man muß daher Vorsicht walten lassen! Noch war es Spaß für mich, aber kurz darauf begann das Orgon eine Wirkung zu zeigen: der Bildschirm meines Arbeitscomputers wurde schwarz. Die Maschine fuhr nicht mehr hoch, erkannte den „Arbeitsspeicher“ nicht mehr, erkannte die Hardware, ihren Körper, nicht mehr. Mitten im besten Arbeiten konnte es nun geschehen, in tiefster Konzentration, daß vom oberen Bildschirmrand eine schwarze, schwach durchsichtige Wand herunterlief, nicht schnell, gleichmäßig bis zum unteren Rand. In der Mitte des Bildschirms stand eine Botschaft in verschiedenen Sprachen, die mir mitteilte, ich solle den Computer nun ausschalten. Dieses Herunterrieseln war wie ein Verdämmern des klaren Bewußtseins, in dem ich soeben noch gewesen, ein Auslaufen aller Kräfte in den Boden. Es traf mich hart, tief innen, hatte sich nach kurzem eingeprägt in meinen Verstand und machte mir angst, (unbewußt natürlich), daß es mit mir selbst auch ähnlich gehen könnte. – ‚Mit mir selbst‘, das schreibt sich einfach und spricht sich auch schnell aus, aber selbstverständlich weiß ich nicht, wer oder was das ist, doch fühlt es sich vom Verdämmern betroffen: es wird daher mein Verstand sein.

Mein Computer-Arbeitsleben verlief in der Folge normal bis zum nächsten Absturz.

Bewußtseinsausfall hatte ich bislang einen (man weiß das naturgemäß nicht genau). Ob es tatsächlich einer war (oder auch: nur ein einziger), kann ich selbst nicht mit Sicherheit feststellen, ich schließe aus Indizien und den Bildern die mir geblieben sind: Zu früh und zu schnell aus dem Bett aufgestanden ging ich durch die Wohnung als ich mit einem Mal meinen Körper sich leeren fühlte, wie Wasser, das unterirdisch aus einem See abläuft; es blieb nur eine Hülse stehen, die dann zusammenfiel. Ich erwachte wieder, öffnete die Augen, erkannte nichts, wußte nichts, sah einen engen Raum, begriff allmählich, daß ich vom Boden aufsah, ja begann selbst erst das Wort »Boden« zu finden, für das was ich sah. Langsam kamen Worte wieder ins Bewußtsein; der Zusammenhänge gestaltende Verstand folgte dem Sehen nach. Einen Zustand von großer Klarheit möchte ich es nennen: wenn man sieht und noch gar nichts weiß, auch nicht: nichts versteht, (denn das setzt einen Verstand voraus, der sich selbst als unwissend begreift).

Ich konnte mir für einige Momente nichts beantworten, nur daß ich Ich war. Allmählich fügte sich alles andere wieder herzu: mein Name, wo ich war und eine Vergangenheit. Gegenwart war das einzige, was ich fühlte – und die verschwand zunehmend wieder, wurde ausgetauscht gegen Zusammenhänge, gegen das Wissen, mit dem sich B.K. B.K. zu eigen gemacht hat.

Dieser B.K. behauptet von sich ganz selbstverständlich Ich zu sein – ich bin es, der hier schreibt! Seit dem Bewußtseinsausfall scheint mir das Ich weit vielschichtiger zu sein, als ich bislang angenommen. Wie einfach ist es »ich« zu sagen, jeder sagt es; doch ist klar: wir alle sind verschiedene Ichs.

Ich kenne von mir noch einige andere Ichs: Jeder Traum, an den ich mich erinnere, hat sein selbstverständliches Ich. War ich soeben noch in einem Geschehen, handelte und dachte, weiß ich schon im nächsten Moment nach dem Erwachen oft nichts mehr davon, außer daß soeben noch alles anders war, daß ich Ich gesagt, gedacht, gehandelt hatte. Morgens erwache ich zumeist mit dem schönen Gefühl von Einheit und dem gemeinen Gefühl von Getrenntheit: Weiß ich doch, ich bin immer ich, und weiß auch, von den vielen Ichs, die nebeneinander, untereinander, hinter- oder voreinander existieren, sehe ich leider nur eins, das sich stets das Einzige wähnt. Wenn ich nur dieses fixierte Ich erweitern könnte und alle sich aneinander erinnern könnten! Es läuft etwas schief mit meiner erstrebten Bewußtseinserweiterung.

Ich ist immer ein anderer – was ist dabei. Wer einen Schlüssel sucht, sein Bewußtsein zu erweitern, hier findet er einen.

Mein Computer hat seine Zustände aufgegeben; ich folgte dem Hinweis aus einem Forum, in das ich eine Log-Datei über die Abstürze setzte: ein schlichtes Update hat alles bereinigt.

Auch mein Verstand durchläuft ständige Updates und Bereinigungen, die im Hintergrund ablaufen. Vielleicht war auch mein Bewußtseinsausfall eine große Bereinigung, ein großes Gewitter mit Blitz, das mich zum ersten und kurzen Mal das begreifen ließ, wovon die Weisen sprechen: Erfahre den Augenblick, lebe ganz im »Hier und Jetzt«. Ich muß erst zusammenbrechen, um es erfahren zu können. Ich bin wieder in meinem eigenen www, fühle wie die Welt zusammenwächst, und merke doch den Mangel, den dieses Netz hat: es kann einerseits nie engmaschig genug sein, zum andern tendiert es dazu Folie zu werden, die sich über meine Erfahrung legt.

Das Orgon, das meinen Computer bestrahlte, liegt noch etwas außerhalb meiner Erfahrung. Es könnte die Welt verändern, das Wetter beeinflussen, es könnte der Menschheit Energie zuführen: Ein paar Abstürze in die Gegenwart dürften uns nicht allzu sehr schaden. Das ist meine Schlußfolgerung aus dem kleinen Experiment auf dem Tisch in Manuels Wohnung.