Archiv für den Monat: Dezember 2008

31. Dezember 2008

Käsepapst in Qualitätsdiskussion

Vom Käsepapst Antony hätte ich mir ein Video auf Spiegel online ansehen können. Es wurde dort versprochen, daß er den Genuß „zelebriere“. Ein Filmchen in minderer Qualität über meinen Bildschirm ruckeln zu sehen, bespaßt mich aber wenig, ich lasse den Käsepapst beim Spiegel, der ihn offensichtlich produziert hat. Ich bin nur froh, daß er nicht Benedikt heißt. Das würde mich beleidigen, denn ich bin in päpstlich geehrtem Umland zur Welt gekommen und darf mich daher irgendwie verwandt fühlen.

Päpste sind nicht so singulär wie man‘s meinen könnte. Vor einigen Jahren tauchte ein anderes Papst-Double in den Schlagzeilen auf: der Sexpapst. Man hört nichts mehr von ihm. Ich nehme an, daß er seiner päpstlichen Beschäftigung nachgeht – ein Papst kann nicht in Rente gehen, es sei denn Altersschwäche übermannt ihn.

Das beweist der Literaturpapst. Der sorgte für den Fernseh-Höhepunkt des Jahres 2008: seine Schmähworte stießen eine Diskussion an, die stets als Qualitätsdiskussion beschrieben wurde, Diskussion der Qualität, nicht Qualität der Diskussion (die aber auch bemängelt wurde).

Ein Wort blieb mir von der Diskussion, das mir zwar bekannt war, über dessen genaue Bedeutung ich noch nie nachgedacht hatte: der Intendant. Was ist ein Intendant? Ein Beabsichtiger?

Ein Intendant ist gewiß „ein hohes Tier“. Intendanten saßen in der ersten Reihe, als der Literaturpapst das Fernsehen abkanzelte. Sie zeigten sich empört und waren konsterniert – so hatte man es von ihren Gesichtern abgelesen. Intendanten sind Männer in der vordersten Reihe, an der Qualitätsdiskussion beteiligte sich keiner. Einer ließ aber verlauten, daß durch den Papst die gesamte deutsche »Fernsehkultur« (auch »Fernsehlandschaft« genannt) beleidigt worden sei. 200.000 Fernsehstunden habe das Fernsehjahr, hieß es in seiner Note. Wie könne jemand, der selbst nicht fernsehe, beurteilen wie die Qualität dieser Stunden sei – die immerhin 23 gewöhnliche Erdenjahre dauern. Auch ich schimpfe oft auf das Fernsehen und sehe aber wenig fern, benehme mich also wie ein Kritiker es tut: ich weiß nicht wovon ich rede, und rede gerade deshalb darüber. 200.000 Stunden will ich nicht absitzen, nur um ein Urteil abgeben zu dürfen.

Unwidersprochen bleibt daher die Note des Intendanten, der sich als Fernsehpapst gezeigt hat: widersprechen mag man nicht, aber glauben will man auch nicht alles, was ein Intendant so vorpredigt.

Versprochen wurde dennoch auf mehr Qualität und Inhalt zu achten. Es wird so werden wie‘s auf manchen Flaschen steht: jetzt mit 33% mehr Inhalt. Anstatt 200.000 270.000 Stunden. Wer kontrolliert nach wie die Kwalität ist? Bewerben kann man sich als Controller & Qualitäts Manager auf dem heimischen Sofa. Nach absolvierter Arbeit hat man sich die Ehrenbezeichnung Couch Potato hart erarbeitet.

Einen angenehmen Fernsehabend wünscht
Beh

23. Dezember 2008

Krsms überzeugt

Vor ein paar Tagen saß ich für eine Stunde in einem Kaufhaus fest und durfte Kleider beurteilen. Mir wurden Kaffee und Prosecco angeboten, damit mir die langelange Zeit des Wartens angenehm würde. Auf dem Sofa, in dem ich fläzte, lagen Kinderspielsachen und Auslegeware zum Lesen und Betrachten für Männer. Keine Männermagazine im engeren Sinne hielten die Geschäftsinhaberinnen für das männliche einkaufsbegleitende Personal parat sondern lediglich Autoinfolektüren, an denen ausgerechnet ich wenig Spaß finde. Automagazine sind ähnlich zu lesen wie Sportreportagen, sie überraschen selbst den tiefgründigsten Leser noch mit neuen Einsichten – natürlich habe ich, tiefgründiger Leser, ausgerechnet jetzt keine parat; klare und schlüssige Einsichten verschwinden bei mir ziemlich schnell in den Abwasserkanälen, die mein Hirn durchspülen.

Neben dem Sofa stand ein Spiegel; immer wieder erstaunt über das mürrische Gesicht, das drüben in den von mir gesehenen Spiegelwelten lebt und mich ansieht, erkannte ich mich schnell wieder, als es sich im Profil zeigte. Der Satz aus der Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte, paßte darauf: Charaktergesicht und seitliches Profil bilden die Schokoladenseiten. Gebildete Schokoladenseiten im Profil, nie zuvor erblickt, nun vor meinem geistigen Auge. Ich kann mir das vorstellen. Eine Seite weiter las ich im Männermagazin: Der aufgeschnittene 15er überzeugt. Autos verstehe ich nicht und Autojournalisten noch weniger, und einen 15er kann ich mir aufgeschnitten nicht vorstellen, einen 17er vielleicht.

Während der ganzen Zeit über hörte ich Musik, die mich zu unterhalten versuchte. In fünf oder sechs Liedern schrie eine Frau gar fürchterlich; auf Nachfrage wurde mir gesagt, es könnten Mariah Carey oder Celine Dion oder eine andere sein; die klängen aber nun alle ähnlich, sagte die Auskunftgebende mit einem leisen Ton der Enttäuschung über dahingeschmolzene einstige Vielfalt. Was sangen die Stimmen? Weiß ich nicht, aber ich hörte ein oftmaliges Krsms aus verborgenen Lautsprechern, its Krsms, immer wieder Krsms, Mähri und Häbbi Krsms, das Geschwisterpaar, das mich hier einsitzen ließ: die Krsmsteim.

Diese spezielle Teim hat mich wieder auf die Fährte der Wirklichkeit um mich herum gebracht, raus aus der virtuellen Welt um Schäuble hin zum sogenannten »Konsumterror«, gegen den keiner was auf Gesetzesebene unternehmen will; alle reden davon, (natürlich nicht alle aber mindestens jeder zweite), keiner gibt zu, selbst Opfer geworden zu sein, jeder Befragte will sich ihm entzogen haben und doch sind ihm angeblich so viele unterworfen. Man könnte annehmen, dieser Terrorismus wäre ein Phantom, würde er nicht so oft beredet. Wenn es ihn aber gibt, dann sind auch hier dieselben gewissen geheimen verschworenen Mächte, die doch jeder schnell beim Namen nennen kann, am Machwerk. Selbst die »Finanzkrise« hat diesen Terror nicht vertrieben.

Später während einer Wartepause in einem Zeitschriftenladen an einem Bahnhof erahnte ich wie viel ich auf meinem „Schlagzeilenkorso“ niemals sehen werde. Ich sehe tatsächlich zwar die großen Plakate, schaue allerdings weg wenn ich etwas Carl-Lagerfeld-ähnliches erkenne. Warum ausgerechnet Carl? Ist er synonym für irgend etwas »Relevantes«? Sicherlich, ich kann‘s nicht nennen. Carl war auf der ersten aufgeschlagenen Seite einer Zeitschrift mit silberner Frontseite zu sehen. Die Zeitschrift hieß »Material Girl«, Untertitel »Too much is never enough« bzw. »Glück kann man kaufen«. Daß man Glück kaufen kann, fand ich erst später durch das Internet heraus, auf der Material-Girl-Seite. Die Suche nach „Material Girl, Zeitschrift“ brachte zunächst nicht die gewünschte Zeitschrift auf den Bildschirm, führte mich aber zu einer anderen, »Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität« und einem Artikel »Material girl – Sex, Gender, Video«, den ich mit Interesse las.

»Zeitschrift gegen die Realität«! Ich bin mit den Links, die ich auf meinem Korso gebe noch nicht im reinen, erst recht nicht mit der »Gegenrealität« oder »Gegenöffentlichkeit«, die vor allem politisch links orientierte Seiten aufbauen wollen, doch was ich bislang in dieser Zeitschrift „gegen die Realität“ gelesen habe, das möchte ich zum Lesen weitergeben [viel ist es noch nicht, und leicht zu lesen ist es auch nicht: »Material girl – Sex, Gender, Video« und ein Artikel über „attac“, der nicht hierher gehört, sondern in den 2. Teil meiner Reise des Tages]. Mehr weiß ich nicht über die »Phase 2«. Der Titel »Phase« riecht nach Übergang, Reform und Umbruch, nach gesellschaftlichem Umgestaltungsplan, dem ich mich, falls dort jemand einen findet und Gesinnungen erkennt, nicht widmen werde. Was ist Phase 1? Fäis Woann?

Als ich über die silberne Material-Zeitschrift nachdachte und darüber, warum ich im Internet keine Info gefunden hatte, begriff ich meinen Fehler: Falsche Etikettierung. Die Zeitschrift war keine, sondern das was sich ein „Magazin“ nennt. »Der Spiegel« zum Beispiel ist ein Magazin, »Material Girl« ist auch eines. Aus dem Inhaltsverzeichnis kupferte ich nur eine Zeile ab: Werkzeuge für Ihre Haut. Wer mit Werkzeugen seine Haut bearbeitet, der spürt darauf nicht mehr viel – so ist der Outlook und der oder das Outfit von Material Girl. Meinen Sinn für das Schöne jedoch berührt es nicht. Carl Lagerfeld und andere ähnliche Moddls sind einfach nicht schön.

Zum Abschluß des Tages stand ich an einer Kasse in einem Kaufland. Wie weit von der Realität entfernt ich bin, sah ich beim Blick in Nachbars Einkaufswagen, Mama & Papa und zwei Kinder im Fast-Food-Rausch: Ein dicker Wagen randvoll gefüllt mit Chemiekost, ausschließlich! Chips, Flips, Fertiggerichte & Softdrinks. Stop! Wenn ich‘s bei dieser Beschreibung belasse, ist das eine Denunzierung. Es ist zu einfach: weder war das Essen reine Chemie (sondern verunreinigte) noch war die Familie so wie‘s angedeutet wird durch das flapsige, verunglimpfende »Mama-Papa und zwei Kinder« eine durchschnittliche. Sie war etwas dicker als gewöhnlich, von dieser Art Dickheit, die nicht gesund dick oder mollig ist sondern im Ästhetischen Sprachbereich unter Formlosigkeit firmiert (firmiert!), also durchaus modernisch ist. Womöglich sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Konsumterroristen am Werk!

Um politisch bzw. gesellschaftlich etwas Korrektheit nicht missen zu lassen, möchte ich sagen: Dick finde ich nicht schlecht – ich selbst bin leider dem Schlankheitswahn verfallen, kann dagegen aber nichts unternehmen, noch nicht mal viel, gerne und gut essen.

Beim Zahlen hatte ich‘s eilig, wollte schnell zu Hause sein um etwas zu notieren, was ich außerdem noch gesehen hatte. Zum wiederholten Male überhörte ich die nicht abzustellende belästigende Frage an der Kasse, ob alles in Ordnung gewesen sei. Ich murmle nur vor mich hin, damit ich nicht antworten muß. Es gibt nämlich Fragensteller, die fragen müssen, Philosophen und Verkäuferinnen, niemand von beiden will ich aber beleidigen, deshalb wünsche ich: Ein Häbbi Krsms! für kommende Zeiten.

22. Dezember 2008

Abgehört & zwangsverwertet

Über 250.000 Aufrufe »für totale Überwachung« gab‘s bis heute. Schäubles »Vorstöße« sind nicht mitgezählt, denn es handelt sich nur um Aufrufe eines Videos, das Frau Doktor Angela Merkel auf einer Kundgebung im CDU-Wahlkampf 2006 in Berlin-Steglitz, Kranoldplatz zeigt. Das Video wurde vor einem Jahr auf YouTube ins Netz eingestellt, lese ich, auch die Kommentarfunktion wurde vom Einsteller inzwischen eingestellt. Er schreibt dazu: „Ist ja eh schon alles gesagt, und zwar wahrscheinlich auch von jedem.“ Ich hab‘s zu spät entdeckt. Will aber auch zu jedem gehören, also hier der Kommentar des 251.152sten Aufrufers.

Was Überwachung betrifft, hielt ich bislang das Schäuble für relevanter. Das Schäuble spricht eckig und wie unter Zwang, das Merkel dagegen redet fließend wie „der kleine Mann von der Straße“, der mit dem gesunden Menschenverstand; sie ist eine von uns ist, eine ganz Brave.

Es gibt viele Begründungen für Überwachung, wie sie uns von der Presse mitgeteilt werden, und es gibt auch viele die behaupten, wo die Möglichkeit zum Mißbrauch bestehe, dort werde sie begangen – sie haben wieder mal gar nicht recht. Was wir Ängstlichen als Mißbrauch bezeichnen, ist keiner, es ist Sinn und Zweck, nicht Mißbrauch sondern bald Brauch.

Ich habe das Merkel abgehört! und dabei mitgetippt, damit man beim Lesen mit eigener Stimme an Merkels Stammtisch dabei sein kann und mitreden kann im Wir-Gefühl eines verantwortungsvollen Politikers:

Die CDU hat seit Jahr und Tag dafür plädiert, daß an großen Plätzen genau solche Videoüberwachung eingesetzt wird. Wenn es die CDU (…unverständlich) nicht gegeben hätte, dann würden wir heute noch eine lange Diskussion mit SPD, Grünen und andern führen, ob das nun notwendig ist oder nicht. Das sind aber Dinge, über die darf man nicht diskutieren, die muß man einfach machen (Applaus). Man darf nicht sagen: Ach das ist doch nicht so schlimm! Hier ein bißchen was weggeschmissen und dort einen angerempelt, hier mal auf den Bürgersteig gefahren und dort in der dritten Reihe geparkt, immer so unter dem Motto, ist alles nicht schlimm, ist alles nicht nach dem Gesetz. Und wer einmal Gesetzesübertretungen duldet, der kann anschließend nicht mehr begründen, warum’s irgendwann schlimm wird und irgendwann nicht so schlimm ist. Deshalb Null-Toleranz bei innerer Sicherheit.

Bei Frau Merkel kommen der Macher und der Antidemokrat ganz gut zusammen. So weit geht nicht einmal das Schäuble, wenn es von innerer Sicherheit redet beim Falschparker anzufangen.

Hinter allem, ja hinter allem vermute ich natürlich Hintermänner, ich weiß nicht wer sie sind, habe nicht einmal eine Vermutung, außer daß es eine Putzkolonne sein muß. Und daß Putzen auch eine Zwangshandlung sein kann, der den Wind leere Straßen fegen sieht (zur Erklärung wie‘s zu diesem Vergleich kommt: warum putzt der Wind eine offensichtlich saubere Straße, wenn er doch eine ruhige Kugel schieben könnte?)

Heute Abend habe ich mal wieder reinen Tisch gemacht auf dem Zeitungstisch, und da fällt mein Auge, auf eine Anzeige, deren Bedeutung ich erst jetzt begreifen kann. Hinter allem stecken gar nicht hintermänner sondern: Die
Anzeigentext Titel: Zwangsverwertung
Das ist ein Prinzip, vielleicht eine psychische Krankheit. Die Datensammler unterliegen ihm. Ich unterliege ihm; es sind diese verflixten Notizen, die ich nicht loswerde und glaube verwerten zu müssen.

Wie der Merkel-Video-Einsteller, dem ich an dieser Stelle danken möchte, schrieb: „Nun mache ich mal die Kommentare zu“ – mit einem abschließenden Gruß an das Merkel, von Paulchen Panthers sprechenden Begleiter aus „Der rosarote Geheimagent“ – hier leider nicht zu hören im Originalton (fabulös gesprochen von Gert Günther Hoffmann, wilhelm-buschig gedichtet von Eberhard Storeck), sondern mit der eigenen langweiligen Stimme:

Wer flüstert lügt
und wer lügt zündet auch Häuser an
und wer Häuser anzündet, muß beschattet werden,
denn wo Schatten ist, ist vielleicht eine Wolke
und wo Wolken sind, gibt’s vielleicht Regen
und der löscht dann vielleicht die angezündeten Häuser.
Tja, das sind kriminalistische Schlußfolgerungen.

18. Dezember 2008

Reise des Tages: Verirrt in Notizen

Nicht alleine um mich in weltpolitischen Belangen und dem Bereich Vermischtes in meinem Leben auf dem Laufenden zu halten, sörfe ich gelegentlich sondern auch schon mal nahezu den ganzen Tag, so wie heute. Das liegt an den Fundstücken, die zwar nicht immer so interessant sind, daß man daraus Strandgut-Skulpturen bauen könnte, noch nicht mal Sandburgen, aber doch so aufregend die ganz Ruhe zu verlieren. Wenn‘s besonders aufregend ist, weiß ich oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ihn mir wieder zurechtzurücken, begebe ich mich auf die lange Reise von Link zu Link – ich wünschte in mir gäb‘s einen »Home-Button«.

Süchtige verirren (?) sich auf pornografischen Seiten und zeigen offensichtlich eine Ausdauer, von der durchschnittlich Aktive nur träumen können. Ich bin weder süchtig noch besuche ich Pornografie, doch in gewissem Sinne könnte man das was ich lese schon als Pornografie bezeichnen, wenn es sich, wie mir Wikipedia erklärt, bei Pornografie wörtlich um »unzüchtige Darstellung« handelt. »Grafie« deutet auf eine bildliche Darstellung hin. Die Darstellungen, die ich finde, behaupten allerdings Klarstellungen zu sein.

Das System Wikipedia habe ich anscheinend verinnerlicht, aber zurecht komme ich damit nicht: am Ende des Tages sitze ich verwirrt vor einem Haufen miteinander verlinkter virtueller Notizzettel – und diese Links sind ziemlich lästig; nach den vielen Klarstellungen, die ich durchlaufen habe, muß ich erst wieder klar sehen lernen.

Die Reise, die ich zu beschreiben versuche, ist die durch meine Notizen. Fände ich wenigstens einen Trampelpfad auf dem sie mir nicht beständig verlinkt erscheinen, ginge es schneller voran auf meinem Korso. Schlagzeilen sind kurz, aber was es drumherum zu sagen gibt dehnt sich aus.

Der zweite Teil der Reise, die Arbeit zuhause, das Ordnen des touristisch wahllos fotografierten Ansichtsmaterials und die Vorbereitung für Dia- und Videoabende mit Punsch und Plausch für Freunde läßt mich oft davonrennen, in Kaffee- und Teepausen. Ich spekuliere hin und besonders auch her wie ich meine Arbeitsabläufe zu einem richtigen „Workflow“ machen könnte. Im Gespräch mit mir ist ein zweiter Bildschirm, auf dem nur Notizzettel sind – aber auch da werde ich mich in zahllosen Fenstern verlieren, obwohl ich kein einziges Windows habe. Erst vor ein paar Tagen habe ich einem Freund, für den ich Anlaufstation in Computerfragen bin, gesagt, wie wichtig es sei sich beim Arbeiten am Computer zu organisieren. Ich habe den Erfahrenen (leider nur) gemimt, der sicheren Schrittes auf der Computerwelt herummarschiert. Es ist gut solange man nur an der Oberfläche geht. Das Oberflächliche gefällt mir, dem schönen Schein bin ich erlegen. Diese Welt hat Löcher – das gehört zum ersten Teil der Reise.

Während ich also den Anspruch unserer Gesellschaft (und ihren leitbildenden Optimierern und controllenden Effizienzausrufern) der beständigen Selbst- und Neuorganisation zu erfüllen versuche und seine Notwendigkeit eingesehen habe, bin ich doch hintendrein: sich neu erfinden ist angesagt. New York erfindet sich immer wieder neu, und Schauspieler erfinden sich immer wieder von Neuem neu, Madonna ist vor jeder Welt-Tour vollständig neu erfunden – die Liste der Neu-Erfindungen ist unbeschreiblich lang und sehr ermüdend).

Ich wollte für mein Blog etwas Neues erfinden, das all die Notizen schnell herausbringt, kurz kommentiert und weiter kann‘s dann gehen, weiter immer weiter mit den gelesenen Geschehnissen des Tages, am Ende des Tages im Beichtstuhl das Tagwerk hinterlassend. (Solchen Abschluß kann nur ein katholisch Erzogener für sich neu-erfinden).

Ich möchte gerne fortschreiten wie die Zeit um mich es vorgibt. Ich bleibe aber sitzen, nicht nur auf meinem Hintern in meinem Zimmerchen. Wenn ich mich treiben lasse von Link zu Link und immer schön sörfe: irgendwo schwemmt es mich an einen Strand, in den Abwasserkanäle strömen. Den Weg zurück zu finden ist nahezu unmöglich. Also frage ich mich: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und natürlich: Wo bin ich hier? Und: Was will ich hier? Die großen vier Wehs des WWW.

Zur Organisation am Computer, mit der ich nun viel gerungen habe, kann ich sagen: benutze niemals ein gutes Schreibprogramm zum Sammeln von Notizen.

3. Dezember 2008

Pochen auf Probelauf

Vor einigen Wochen schrieb ich, daß eine unappetitliche Mahlzeit von einer Speisetafel genommen wurde (Nackt-Scanner vom Tisch). Ein paar Tage später dachte ich, er sei eingefroren worden. Ich las: Nackt-Scanner auf Eis gelegt. Nun erfährt meine Vorstellung eine neuerliche Korrektur. Der Nackt-Scanner ist keine Mahlzeit, er ist ein „Flitzer“, der noch etwas wacklig auf den Beinen zu sein scheint: Doch Probelauf für „Nackt-Scanner“ – Regierung pocht auf Test.

Ich höre aus dieser Schlagzeile heraus den Nackt-Scanner um Hilfe rufen; er scheint nicht recht zu mögen was von ihm eine gewisse »Regierung« verlangt. Seit Wochen ist er nackt, ihn friert und nun soll er doch (noch) zum Laufen gezwungen werden. Galten früher „Flitzer“ als Belästigung und konnten verklagt werden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, wird dieser nun von der »Regierung« bestellt!

»Nicht wirklich!« Bestellt wurde er vom Schäuble, das auch in der »Regierung« sitzt, in einem seiner zahlreichen »Vorstöße«. Abbestellt hat ihn danach das Europa-Parlament.

Wenn die »Regierung« jedes Mal pochen würde, wenn das Schäuble in bekannt finströses Terrain vorstößt, gäbe das bald, vielleicht auch unter uns Christen einmal einen großen „Heiden-Lärm“. Doch die »Regierung« wird sich hüten. Es ist besser, die »Regierungsarbeit« geht still und leise von Vorstoß zu Vorstoß, macht kein Getöse drumherum und auch nicht viel Aufhebens um Grundgesetzänderungen; sie schlägt lieber woanders Alarm.

Wenn das Schäuble etwas tut, schrillen nur bei merkwürdigen Gesellen und finsteren Gestalten, die etwas zu verbergen haben, die Alarmglocken; sie wollen das Schäuble überwachen, aber verstehen nicht, daß das völlig unnötig ist; es macht seine Vorstöße in aller Öffentlichkeit (und Zeitungen schreiben, Gott sei‘s getrommelt und gepfiffen, Gott sei Lob und Dank noch darüber!). Das Schäuble braucht für sich weder Überwachung noch Kontrolle. Es ist Die Kontrolle.

Ich kann das Schäuble nicht mehr weiter beobachten, mir ist sein Treiben zu anstößig, (das nennt man »Fremd-Schämen«). Zukünftigen, jetzt schon angedeuteten »Vorstößen« ist zu entnehmen, daß Es mich („mich“ hier in Stellvertretung für die gesamte Deutsche Bürgerschaft) überwachen will. Ein Vorschlag von mir zu diesem unleidlichen Thema, der sicherlich nicht fehl geht: Das Netz absuchen nach verdächtigen Begriffen wie »Schäuble«. Wer das Wort verwendet, bei dem ist womöglich etwas im Busch.

Liegt das Schäuble eines Tages von Psychologen und Historikern nackt gescannt als Abbild eines öffentlichen Ärgernisses vor uns, sehen wir errötet und dezent weg, wie wir das jetzt schon tun, und überhören die Frage, warum wir auf die »Bedrohungslage«, die von ihm für die Demokratie ausging, nicht rechtzeitig und angemessen reagiert haben.
Aber das ist schrille Zukunftsmusik – die kann noch kein Gehör finden.