18. Dezember 2008

Reise des Tages: Verirrt in Notizen

Nicht alleine um mich in weltpolitischen Belangen und dem Bereich Vermischtes in meinem Leben auf dem Laufenden zu halten, sörfe ich gelegentlich sondern auch schon mal nahezu den ganzen Tag, so wie heute. Das liegt an den Fundstücken, die zwar nicht immer so interessant sind, daß man daraus Strandgut-Skulpturen bauen könnte, noch nicht mal Sandburgen, aber doch so aufregend die ganz Ruhe zu verlieren. Wenn‘s besonders aufregend ist, weiß ich oft nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ihn mir wieder zurechtzurücken, begebe ich mich auf die lange Reise von Link zu Link – ich wünschte in mir gäb‘s einen »Home-Button«.

Süchtige verirren (?) sich auf pornografischen Seiten und zeigen offensichtlich eine Ausdauer, von der durchschnittlich Aktive nur träumen können. Ich bin weder süchtig noch besuche ich Pornografie, doch in gewissem Sinne könnte man das was ich lese schon als Pornografie bezeichnen, wenn es sich, wie mir Wikipedia erklärt, bei Pornografie wörtlich um »unzüchtige Darstellung« handelt. »Grafie« deutet auf eine bildliche Darstellung hin. Die Darstellungen, die ich finde, behaupten allerdings Klarstellungen zu sein.

Das System Wikipedia habe ich anscheinend verinnerlicht, aber zurecht komme ich damit nicht: am Ende des Tages sitze ich verwirrt vor einem Haufen miteinander verlinkter virtueller Notizzettel – und diese Links sind ziemlich lästig; nach den vielen Klarstellungen, die ich durchlaufen habe, muß ich erst wieder klar sehen lernen.

Die Reise, die ich zu beschreiben versuche, ist die durch meine Notizen. Fände ich wenigstens einen Trampelpfad auf dem sie mir nicht beständig verlinkt erscheinen, ginge es schneller voran auf meinem Korso. Schlagzeilen sind kurz, aber was es drumherum zu sagen gibt dehnt sich aus.

Der zweite Teil der Reise, die Arbeit zuhause, das Ordnen des touristisch wahllos fotografierten Ansichtsmaterials und die Vorbereitung für Dia- und Videoabende mit Punsch und Plausch für Freunde läßt mich oft davonrennen, in Kaffee- und Teepausen. Ich spekuliere hin und besonders auch her wie ich meine Arbeitsabläufe zu einem richtigen »Workflow« machen könnte. Im Gespräch mit mir ist ein zweiter Bildschirm, auf dem nur Notizzettel sind – aber auch da werde ich mich in zahllosen Fenstern verlieren, obwohl ich kein einziges Windows habe. Erst vor ein paar Tagen habe ich einem Freund, für den ich Anlaufstation in Computerfragen bin, gesagt, wie wichtig es sei sich beim Arbeiten am Computer zu organisieren. Ich habe den Erfahrenen (leider nur) gemimt, der sicheren Schrittes auf der Computerwelt herummarschiert. Es ist gut solange man nur an der Oberfläche geht. Das Oberflächliche gefällt mir, dem schönen Schein bin ich erlegen. Diese Welt hat Löcher – das gehört zum ersten Teil der Reise.

Während ich also den Anspruch unserer Gesellschaft (und ihren leitbildenden Optimierern und controllenden Effizienzausrufern) der beständigen Selbst- und Neuorganisation zu erfüllen versuche und seine Notwendigkeit eingesehen habe, bin ich doch hintendrein: sich neu erfinden ist angesagt. New York erfindet sich immer wieder neu, und Schauspieler erfinden sich immer wieder von Neuem neu, Madonna ist vor jeder Welt-Tour vollständig neu erfunden – die Liste der Neu-Erfindungen ist unbeschreiblich lang und sehr ermüdend).

Ich wollte für mein Blog etwas Neues erfinden, das all die Notizen schnell herausbringt, kurz kommentiert und weiter kann‘s dann gehen, weiter immer weiter mit den gelesenen Geschehnissen des Tages, am Ende des Tages im Beichtstuhl das Tagwerk hinterlassend. (Solchen Abschluß kann nur ein katholisch Erzogener für sich neu-erfinden).

Ich möchte gerne fortschreiten wie die Zeit um mich es vorgibt. Ich bleibe aber sitzen, nicht nur auf meinem Hintern in meinem Zimmerchen. Wenn ich mich treiben lasse von Link zu Link und immer schön sörfe: irgendwo schwemmt es mich an einen Strand, in den Abwasserkanäle strömen. Den Weg zurück zu finden ist nahezu unmöglich. Also frage ich mich: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und natürlich: Wo bin ich hier? Und: Was will ich hier? Die großen vier Wehs des WWW.

Zur Organisation am Computer, mit der ich nun viel gerungen habe, kann ich sagen: benutze niemals ein gutes Schreibprogramm zum Sammeln von Notizen.