22. Dezember 2008

Abgehört & zwangsverwertet

Über 250.000 Aufrufe »für totale Überwachung« gab‘s bis heute. Schäubles »Vorstöße« sind nicht mitgezählt, denn es handelt sich nur um Aufrufe eines Videos, das Frau Doktor Angela Merkel auf einer Kundgebung im CDU-Wahlkampf 2006 in Berlin-Steglitz, Kranoldplatz zeigt. Das Video wurde vor einem Jahr auf YouTube ins Netz eingestellt, lese ich, auch die Kommentarfunktion wurde vom Einsteller inzwischen eingestellt. Er schreibt dazu: „Ist ja eh schon alles gesagt, und zwar wahrscheinlich auch von jedem.“ Ich hab‘s zu spät entdeckt. Will aber auch zu jedem gehören, also hier der Kommentar des 251.152sten Aufrufers.

Was Überwachung betrifft, hielt ich bislang das Schäuble für relevanter. Das Schäuble spricht eckig und wie unter Zwang, das Merkel dagegen redet fließend wie „der kleine Mann von der Straße“, der mit dem gesunden Menschenverstand; sie ist eine von uns ist, eine ganz Brave.

Es gibt viele Begründungen für Überwachung, wie sie uns von der Presse mitgeteilt werden, und es gibt auch viele die behaupten, wo die Möglichkeit zum Mißbrauch bestehe, dort werde sie begangen – sie haben wieder mal gar nicht recht. Was wir Ängstlichen als Mißbrauch bezeichnen, ist keiner, es ist Sinn und Zweck, nicht Mißbrauch sondern bald Brauch.

Ich habe das Merkel abgehört! und dabei mitgetippt, damit man beim Lesen mit eigener Stimme an Merkels Stammtisch dabei sein kann und mitreden kann im Wir-Gefühl eines verantwortungsvollen Politikers:

Die CDU hat seit Jahr und Tag dafür plädiert, daß an großen Plätzen genau solche Videoüberwachung eingesetzt wird. Wenn es die CDU (…unverständlich) nicht gegeben hätte, dann würden wir heute noch eine lange Diskussion mit SPD, Grünen und andern führen, ob das nun notwendig ist oder nicht. Das sind aber Dinge, über die darf man nicht diskutieren, die muß man einfach machen (Applaus). Man darf nicht sagen: Ach das ist doch nicht so schlimm! Hier ein bißchen was weggeschmissen und dort einen angerempelt, hier mal auf den Bürgersteig gefahren und dort in der dritten Reihe geparkt, immer so unter dem Motto, ist alles nicht schlimm, ist alles nicht nach dem Gesetz. Und wer einmal Gesetzesübertretungen duldet, der kann anschließend nicht mehr begründen, warum’s irgendwann schlimm wird und irgendwann nicht so schlimm ist. Deshalb Null-Toleranz bei innerer Sicherheit.

Bei Frau Merkel kommen der Macher und der Antidemokrat ganz gut zusammen. So weit geht nicht einmal das Schäuble, wenn es von innerer Sicherheit redet beim Falschparker anzufangen.

Hinter allem, ja hinter allem vermute ich natürlich Hintermänner, ich weiß nicht wer sie sind, habe nicht einmal eine Vermutung, außer daß es eine Putzkolonne sein muß. Und daß Putzen auch eine Zwangshandlung sein kann, der den Wind leere Straßen fegen sieht (zur Erklärung wie‘s zu diesem Vergleich kommt: warum putzt der Wind eine offensichtlich saubere Straße, wenn er doch eine ruhige Kugel schieben könnte?)

Heute Abend habe ich mal wieder reinen Tisch gemacht auf dem Zeitungstisch, und da fällt mein Auge, auf eine Anzeige, deren Bedeutung ich erst jetzt begreifen kann. Hinter allem stecken gar nicht hintermänner sondern: Die
Anzeigentext Titel: Zwangsverwertung
Das ist ein Prinzip, vielleicht eine psychische Krankheit. Die Datensammler unterliegen ihm. Ich unterliege ihm; es sind diese verflixten Notizen, die ich nicht loswerde und glaube verwerten zu müssen.

Wie der Merkel-Video-Einsteller, dem ich an dieser Stelle danken möchte, schrieb: „Nun mache ich mal die Kommentare zu“ – mit einem abschließenden Gruß an das Merkel, von Paulchen Panthers sprechenden Begleiter aus „Der rosarote Geheimagent“ – hier leider nicht zu hören im Originalton (fabulös gesprochen von Gert Günther Hoffmann, wilhelm-buschig gedichtet von Eberhard Storeck), sondern mit der eigenen langweiligen Stimme:

Wer flüstert lügt
und wer lügt zündet auch Häuser an
und wer Häuser anzündet, muß beschattet werden,
denn wo Schatten ist, ist vielleicht eine Wolke
und wo Wolken sind, gibt’s vielleicht Regen
und der löscht dann vielleicht die angezündeten Häuser.
Tja, das sind kriminalistische Schlußfolgerungen.