23. Dezember 2008

Krsms überzeugt

Vor ein paar Tagen saß ich für eine Stunde in einem Kaufhaus fest und durfte Kleider beurteilen. Mir wurden Kaffee und Prosecco angeboten, damit mir die langelange Zeit des Wartens angenehm würde. Auf dem Sofa, in dem ich fläzte, lagen Kinderspielsachen und Auslegeware zum Lesen und Betrachten für Männer. Keine Männermagazine im engeren Sinne hielten die Geschäftsinhaberinnen für das männliche einkaufsbegleitende Personal parat sondern lediglich Autoinfolektüren, an denen ausgerechnet ich wenig Spaß finde. Automagazine sind ähnlich zu lesen wie Sportreportagen, sie überraschen selbst den tiefgründigsten Leser noch mit neuen Einsichten – natürlich habe ich, tiefgründiger Leser, ausgerechnet jetzt keine parat; klare und schlüssige Einsichten verschwinden bei mir ziemlich schnell in den Abwasserkanälen, die mein Hirn durchspülen.

Neben dem Sofa stand ein Spiegel; immer wieder erstaunt über das mürrische Gesicht, das drüben in den von mir gesehenen Spiegelwelten lebt und mich ansieht, erkannte ich mich schnell wieder, als es sich im Profil zeigte. Der Satz aus der Zeitung, die ich aufgeschlagen hatte, paßte darauf: Charaktergesicht und seitliches Profil bilden die Schokoladenseiten. Gebildete Schokoladenseiten im Profil, nie zuvor erblickt, nun vor meinem geistigen Auge. Ich kann mir das vorstellen. Eine Seite weiter las ich im Männermagazin: Der aufgeschnittene 15er überzeugt. Autos verstehe ich nicht und Autojournalisten noch weniger, und einen 15er kann ich mir aufgeschnitten nicht vorstellen, einen 17er vielleicht.

Während der ganzen Zeit über hörte ich Musik, die mich zu unterhalten versuchte. In fünf oder sechs Liedern schrie eine Frau gar fürchterlich; auf Nachfrage wurde mir gesagt, es könnten Mariah Carey oder Celine Dion oder eine andere sein; die klängen aber nun alle ähnlich, sagte die Auskunftgebende mit einem leisen Ton der Enttäuschung über dahingeschmolzene einstige Vielfalt. Was sangen die Stimmen? Weiß ich nicht, aber ich hörte ein oftmaliges Krsms aus verborgenen Lautsprechern, its Krsms, immer wieder Krsms, Mähri und Häbbi Krsms, das Geschwisterpaar, das mich hier einsitzen ließ: die Krsmsteim.

Diese spezielle Teim hat mich wieder auf die Fährte der Wirklichkeit um mich herum gebracht, raus aus der virtuellen Welt um Schäuble hin zum sogenannten »Konsumterror«, gegen den keiner was auf Gesetzesebene unternehmen will; alle reden davon, (natürlich nicht alle aber mindestens jeder zweite), keiner gibt zu, selbst Opfer geworden zu sein, jeder Befragte will sich ihm entzogen haben und doch sind ihm angeblich so viele unterworfen. Man könnte annehmen, dieser Terrorismus wäre ein Phantom, würde er nicht so oft beredet. Wenn es ihn aber gibt, dann sind auch hier dieselben gewissen geheimen verschworenen Mächte, die doch jeder schnell beim Namen nennen kann, am Machwerk. Selbst die »Finanzkrise« hat diesen Terror nicht vertrieben.

Später während einer Wartepause in einem Zeitschriftenladen an einem Bahnhof erahnte ich wie viel ich auf meinem „Schlagzeilenkorso“ niemals sehen werde. Ich sehe tatsächlich zwar die großen Plakate, schaue allerdings weg wenn ich etwas Carl-Lagerfeld-ähnliches erkenne. Warum ausgerechnet Carl? Ist er synonym für irgend etwas »Relevantes«? Sicherlich, ich kann‘s nicht nennen. Carl war auf der ersten aufgeschlagenen Seite einer Zeitschrift mit silberner Frontseite zu sehen. Die Zeitschrift hieß »Material Girl«, Untertitel »Too much is never enough« bzw. »Glück kann man kaufen«. Daß man Glück kaufen kann, fand ich erst später durch das Internet heraus, auf der Material-Girl-Seite. Die Suche nach „Material Girl, Zeitschrift“ brachte zunächst nicht die gewünschte Zeitschrift auf den Bildschirm, führte mich aber zu einer anderen, »Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität« und einem Artikel »Material girl – Sex, Gender, Video«, den ich mit Interesse las.

»Zeitschrift gegen die Realität«! Ich bin mit den Links, die ich auf meinem Korso gebe noch nicht im reinen, erst recht nicht mit der »Gegenrealität« oder »Gegenöffentlichkeit«, die vor allem politisch links orientierte Seiten aufbauen wollen, doch was ich bislang in dieser Zeitschrift „gegen die Realität“ gelesen habe, das möchte ich zum Lesen weitergeben [viel ist es noch nicht, und leicht zu lesen ist es auch nicht: »Material girl – Sex, Gender, Video« und ein Artikel über „attac“, der nicht hierher gehört, sondern in den 2. Teil meiner Reise des Tages]. Mehr weiß ich nicht über die »Phase 2«. Der Titel »Phase« riecht nach Übergang, Reform und Umbruch, nach gesellschaftlichem Umgestaltungsplan, dem ich mich, falls dort jemand einen findet und Gesinnungen erkennt, nicht widmen werde. Was ist Phase 1? Fäis Woann?

Als ich über die silberne Material-Zeitschrift nachdachte und darüber, warum ich im Internet keine Info gefunden hatte, begriff ich meinen Fehler: Falsche Etikettierung. Die Zeitschrift war keine, sondern das was sich ein „Magazin“ nennt. »Der Spiegel« zum Beispiel ist ein Magazin, »Material Girl« ist auch eines. Aus dem Inhaltsverzeichnis kupferte ich nur eine Zeile ab: Werkzeuge für Ihre Haut. Wer mit Werkzeugen seine Haut bearbeitet, der spürt darauf nicht mehr viel – so ist der Outlook und der oder das Outfit von Material Girl. Meinen Sinn für das Schöne jedoch berührt es nicht. Carl Lagerfeld und andere ähnliche Moddls sind einfach nicht schön.

Zum Abschluß des Tages stand ich an einer Kasse in einem Kaufland. Wie weit von der Realität entfernt ich bin, sah ich beim Blick in Nachbars Einkaufswagen, Mama & Papa und zwei Kinder im Fast-Food-Rausch: Ein dicker Wagen randvoll gefüllt mit Chemiekost, ausschließlich! Chips, Flips, Fertiggerichte & Softdrinks. Stop! Wenn ich‘s bei dieser Beschreibung belasse, ist das eine Denunzierung. Es ist zu einfach: weder war das Essen reine Chemie (sondern verunreinigte) noch war die Familie so wie‘s angedeutet wird durch das flapsige, verunglimpfende »Mama-Papa und zwei Kinder« eine durchschnittliche. Sie war etwas dicker als gewöhnlich, von dieser Art Dickheit, die nicht gesund dick oder mollig ist sondern im Ästhetischen Sprachbereich unter Formlosigkeit firmiert (firmiert!), also durchaus modernisch ist. Womöglich sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Konsumterroristen am Werk!

Um politisch bzw. gesellschaftlich etwas Korrektheit nicht missen zu lassen, möchte ich sagen: Dick finde ich nicht schlecht – ich selbst bin leider dem Schlankheitswahn verfallen, kann dagegen aber nichts unternehmen, noch nicht mal viel, gerne und gut essen.

Beim Zahlen hatte ich‘s eilig, wollte schnell zu Hause sein um etwas zu notieren, was ich außerdem noch gesehen hatte. Zum wiederholten Male überhörte ich die nicht abzustellende belästigende Frage an der Kasse, ob alles in Ordnung gewesen sei. Ich murmle nur vor mich hin, damit ich nicht antworten muß. Es gibt nämlich Fragensteller, die fragen müssen, Philosophen und Verkäuferinnen, niemand von beiden will ich aber beleidigen, deshalb wünsche ich: Ein Häbbi Krsms! für kommende Zeiten.