Archiv für das Jahr: 2008

13. Oktober 2008

Punkt 20 Uhr war früher oder Der Renner ist ein Heuler

Seit einigen Monaten zahle ich für ein Fernsehgerät wieder Gebühreneinzugszentralegebühren. Um ein optimales Preis-Leistungsverhältnis zu erzielen, sah ich anfangs den ganzen Tag fern. Nach über 20 Jahren ohne Television suchte ich zuerst die Klassiker auf. »Lange Pause«, »Kurze Pause« gab‘s nicht mehr, »Bezaubernde Jeannie«, »Mini-Mäx« wurden nicht wiederholt, auch ein »Kurier der Kaiserin« war nicht mehr unterwegs. Nur Punkt 20 Uhr war früher. (Ein unverständlicher, unvollständiger Satz, doch ich muß ihn lassen – warum?).
»Die Tagesschau«, der kurze Überblick über alles, blieb sich trotz neuer Gewandung treu: Deutsche Politik, Weltpolitik, Kriege und Terror (auch damals schon), Sport, und zur Ausleitung ein bißchen Gesellschaftstratsch. Vor der Tagesschau gibt es jetzt Infotainment zum Stand von Dax & Dow Jones, stellte ich fest.

Wann ist das eingeführt worden? Zur Zeit der Entstehung der Idee einer »Volksaktie«, dem Verkauf von »Volkseigentum« an ausgewählte Teile des Volkes? Ich kann mich erinnern, daß deutsche Experten medial sehr präsentiert waren, die den Deutschen zu viel Behäbigkeit in Sachen Geld attestierten und ihre zu geringe Aktivität an der Börse bedauerten. Das hatte sinnlose Wirkung auf mich: Zu spät und ohne Aussicht auf Erfolge begann ich mich für den Wirtschaftsteil in allem, woran ich dachte, zu interessieren. An den lukrativen Insiderhandel, der mir, mit neuen Vokabeln allmählich vertraut werdend, besonders vor Augen schwebte, begriff ich, ließe man mich ich als Anfänger nicht ran. Die alle paar Tage eingeschobenen Berichte über märchenhafte Gewinne anderer machten mich sehr traurig. Ich mußte mich als Verlierer ansehen, der die beinahe schon zahllosen Aufschwünge, die‘s die letzten 20 Jahre durch Privatisierungen und Börsengänge gegeben hat, einfach nicht mitmachen konnte und deshalb nicht durfte. Ungeheure Verluste türmten sich vor meinen gierigen Augen auf, weil ich nicht börsen-aktiv an meiner Erfüllung arbeiten konnte.

Das Debakel an der Börse hat meinen Status verändert. Ich bin, nach Ansicht eines Freundes, jetzt ein Beinahe-Gewinner, nicht in der besten aber in einer besseren Lage als viele andere: momentan gäbe es nur Verlierer, sagte er, da wäre einer wie ich, der kein Geld besitze, im Grunde ein Gewinner. Nun hätte ich mich sehr gefreut, wenn er zumindest teilweise nicht tatsächlich recht gehabt hätte. „Über Geld spricht man nicht, man hat es“ – anscheinend hatte ich in letzter Zeit zu viel über zu wenig Geld geredet.
Ich bin infolge dieses »Crashs« zufriedener geworden. Meine Millionenverluste haben sich als virtuell erwiesen, gar nicht existent! Besser als wären meine Gewinne am Ende nur gedacht gewesen.
Es ist bald 20 Uhr, Zeit den täglichen Gong zu hören; Fernsehgerät anschalten und prüfen ob auch vor 20 Uhr wieder wie früher ist, kein Dax & Dow Jones mehr, gemäß dem Intendantenmotto: nur Seichtes »zur besten Sendezeit«, Gala-Abende, Dokudramen und Liebesschmalzgebäck, auch Mord- und Totschlag in Krimiverpackung, aber nur keine Sachen, die den Unterhaltungsabend verderben können.
Ein erster Schritt […] wäre schon mal die Abschaffung des täglichen Börsenfernsehens in der ARD kurz vor der Tagesschau, zitierte der »Spiegel« einen Politiker in einem angeblich enttäuschenden TV-Finanzkrisen-Palaverabend. Und der Kommentar zu dieser Politikermeinung: Da war sie wieder, die Austreibung der Wirklichkeit durch die Zerschlagung ihres Spiegelbilds. Ein schöner Gedanke.
Auch umgekehrt, ist meine Annahme, geht es: Wirklichkeit gestalten durch die Vermarktung eines Wunschbildes: mediale Präsenz zeigen, auf Wunsch von Intendanten ohne weitere Intentionen zur besten Sendezeit, und die »Volksaktie« wird ein Renner. Wenn aus dem Renner ein Heuler wird, wie geschehen, Mikrofone andrehen, Abscheu über schlechte Manieren und Gier äußern lassen von Experten, geladenen Gästen und Beförderern von Gier und Raffsucht. Zu Schwarzsehern (zu dem man bei diesem Programm werden kann) GEZ-Detektive ausschicken; es soll ja nicht nur Product-Placement finanziert werden sondern auch Kultur.

30. September 2008

Der Leserfehler

Es könnte Ihnen passiert sein, daß Sie diesen Titel falsch gelesen haben – dann war‘s ein Lesefehler. Mir passiert oft, daß ich etwas falsch lese, so oft und auch mit großem Vergnügen, daß ich daran zweifle, ob es mir tatsächlich passiert, ob ich nicht willentlich daran beteiligt bin. Die Wirklichkeit will ich nicht wahrnehmen wie sie ist, daran zweifle ich nicht; ein Grund sich zu verlesen. Ein weiterer könnte mein tiefer, unerschütterlicher Glaube an den »Freudschen Versprecher« sein. Im tiefen, unerschütterlichen Mißtrauen meinen Mitmenschen gegenüber leuchtete mir vor Jahren, als ich davon hörte, sofort ein, daß, wenn man sich verspricht, man das sagt, was man sagen wollte. Ich wende das nicht mehr auf meine Umwelt an, sondern beziehe es auf mich und möchte das Vergnügen nun nicht mehr missen, ein Freudscher Verleser zu sein. Ob es sich hier im Sinne Freuds, so wenig ich davon verstehe, um eine »Fehlleistung« handelt, kann ich nicht sagen, gewiß ist meine Absicht etwas zum Vorschein kommen zu lassen. Ich schaue somit in die Wolken nicht der Wolken wegen, sondern um mich im schauenden Phantasieren zu üben. Bei meinem täglichen In-die-Wolken-Schauen ist es in der Tat nicht so, beim Lesen aber oft.

Das nenne ich einen Leserfehler. Ein Lesefehler ist bloßer Zufall, hat keinerlei Bedeutung, hinter einem Leserfehler dagegen steht eine Person, die verborgene Ansicht, daß das Verborgene wichtiger als das Offensichtliche sei und, daß es nicht anders hervorzuholen sei als durch Selbstüberlistung. Ich lese lieber zwischen den Zeilen als mit den Zeilen, eine schädliche und anstrengende Untugend.

So las ich vor einigen Tagen »Empörung über Trauer« wo es hieß »Trauer und Empörung«. Geblieben ist mir die Empörung über Trauer, nicht weil ich mich über Trauer empöre, sondern weil es manchmal durchaus angebracht sein könnte, wenn beide sehr eng beieinander liegen und zugleich geäußert werden.

In einem bemerkenswert weisen Film, der im Unterhaltungsprogramm gesendet wurde!, sagte einer, Fehler machten uns Menschen erst zu den unverwechselbaren Persönlichkeiten, als die wir herumlaufen. Unglaublich unverwechselbare Persönlichkeiten begegnen uns im realen, erst recht im irrealen/medialen Leben.
Der Leserfehler also gehört zu mir; und er gehört mir: ich habe ihn entdeckt (d. h. aus meinem Unbewußten hervorgeholt).

Dabei fällt mir ein Tippfehler ein, den ich als Leserfehler bezeichnen möchte. Er hat eines meiner Lieblingsgedichte so sehr verändert, daß ich es nicht mehr ohne ihn denken kann. Er zieht das Edle, Hohe & Schöne so sehr ins Profane, daß es mich an die 70er erinnert, als ich genau das entdeckte: die Erziehung zum Edlen und Guten und Wahren läßt das Gewöhnliche völlig außer acht und erschafft ein Zerrbild, das man von sich selbst in der Welt gewinnt.

Das Gedicht ist von Friedrich Gottlieb Klopstock. Ich fand es mit dem Tippfehler in einer Gedichtsammlung des Insel-Verlages. Ich habe das Buch jemandem geschenkt, den ich sehr mochte. Zu meinem Entsetzen las ich die Entstellung, und habe sie beseitigt mit einem kleinen, aber deutlichen Strich. So machte ich den Fehler erst sichtbar, (und erhalte ihn für die Ewigkeit, wenn es stimmt, daß das Internet/Google nichts vergißt). Das Buch ist sicherlich schon eingestampft worden. So stand das Gedicht zu lesen:

 
 
Die frühen Gräber

Willkommen, o silberner Mond,
Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.

Des Mayers Erwachen ist nur
Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Thau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
Und zu dem Hügel herauf röthlich er kömt.

Ihr Edleren, ach es bewächst
Eure Maale schon ernstes Moos!
O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
Sahe sich röthen den Tag, schimmern die Nacht.

 
 
Ich liebe das Gedicht immer noch, mit Fehler und ohne Fehler.

26. September 2008

Eigenüberwachung für die Hosentasche

Ich weiß nicht mehr wie sich die Überschrift erklärte und woher ich sie habe, ob es sich um Sexualaufklärung für Jugendliche handelt, oder um Suchtprävention für hoffnungslose Fälle, ob es um ein kleines Hosentaschengerät geht für Probanden eines wissenschaftlichen Experiments zur restlosen Aufklärung menschlichen Verhalten, oder nur um einen kleinen Piepser, der uns vor extremistischen oder seltsamen Gedanken warnt, wenn sie in uns hochsteigen. Viele könnten so ein Gerät brauchen, Leute, die Mut aufbringen, wenn sie zur Wahl gehen (»mutig wählen«), und Leute, die blau sind, wenn sie wählen (»blau wählen«).

Für viele kommt die Eigenüberwachung zu spät: 536.000.000 Euro von Bänkern verbrannt. Es muß eine große Party gewesen sein, auf der sie mit Saus und Braus Geld ins Feuer warfen, jetzt stehen sie als Buhmänner (auch ein schöner Ausdruck) da. Hätten sie sich doch ein wenig eigenüberwacht und nicht nur in die eigene löchrige Hosentasche gewirtschaftet! Einmal müssen auch Bänker ihre antikapitalistischen Ressentiments ausleben dürfen, wir wollen‘s ihnen nicht verübeln, es waren gewiß nur Peanuts.

Wenn so viel Geld verbrannt wird, man möchte das schon gesehen haben. Gerne dabei gewesen wäre ich auch als die Autobahn durchs Fichtelgebirge beerdigt wurde. Anstelle der Autobahn, die nun unterirdisch verläuft, wurde ein neuer Nacktwanderweg über 15 km im Harz eröffnet. Welcher Minister, der das Band durchschneiden durfte, hat ihn zuerst begangen?

Noch eine erstaunliche Nachricht die Geographie betreffend, muß ich hier anfügen: Der Vatikan ist traurig. Ist er traurig anzusehen? Nein, er soll die schönsten Gärten in Rom haben, und die tollsten Feste hat‘s dort auch gegeben; darauf reiten Dokumentationen gerne herum. Warum ist er traurig? Wegen Spanien. Wer mehr darüber wissen will, muß sich über die unchristlichen Verhältnisse in Spanien klar werden.

Schöne Grüße vom Kontinent des Staunens möchte ich überhaupt zu meist allem sagen, was ich lese und notiere, eine Überschrift, die mir gefiel – ein solcher Kontinent sieht mit Kinderaugen auf die Kontinente, die ihn umgeben, besonders wenn Bänker Geld verbrennen.

25. September 2008

Werbungsunterbrechung durch Film

Ich habe wieder ein bißchen Werbung zu mir genommen, weil ich vergessen hatte wie ich mein Leben bueno machen konnte, und: weil ich‘s mir (oder ich mir‘s) wert bin. Ich schaltete das Fernsehgerät an, das einen zentralen Platz in meiner Wohnung und meinem Leben innehat und genoß meine Ration Lebens- und Produktberatung. Leider wurde die Werbung immer wieder unterbrochen durch Filme, bei denen ich mich nicht aufhalten wollte.

Da war zum Beispiel der Film über einen jungen Massenmörder, ein sentimentales Epos mit vielen edlen und vielen bösen Leuten, ja, ein Film aus Hollywood. Ich kam gerade von der Schokolade für Kinder, mit der ich mein Leben bueno (oder boing?) machen kann (jetzt weiß ich‘s wieder wie ich‘s mache: einfach nur kaufen), da tauchte dieser junge Mann auf, ein jähzorniger Hitzkopf, der gerade schwere Träume durchlitt. Er träumte, daß seine Mutter in Gefahr sei. Er lag bei seiner Prinzessin, die auch in Film-Wirklichkeit eine Prinzessin war. Vor kurzem erst hatte er ihr gestanden, daß er keinen Augenblick seines Lebens mehr ohne sie atmen könne (darüber sollte man nicht lachen, zumindest nicht ich, denn ich hab‘ das auch schon mal einer Prinzessin verkündet, in ähnlicher, aber doch weniger atemberaubender Form). Man kann sein Leben auch bueno machen, dachte ich, ohne Schokolade, mit Liebe.

Der junge Mann im Film machte wieder mal eine Prüfung durch, die er nur halb bestand: Als er seine Mutter bei den Entführern, die in Zelten lebten, entdeckte, war er gerade noch rechtzeitig gekommen, um sie in seinen Armen sterben zu sehen. In kriegerischen Filmen wie auch in christlichen Leitlebensleidensbildern und -geschichten ist es oft umgekehrt. Großer Schmerz kam im jungen Mann hoch, so groß tief und weit, daß ihn einer seiner Lehrmeister, weiser als das Philosophische Quartet, aber weniger redegewandt als das Literarische, aus großer Distanz verspürte. Er sagte: „Großen Schmerz ich spüre. Etwas Schreckliches ist geschehen!“

Nun fürchtete ich, daß etwas nach menschlichem Ermessen wahrhaft Schreckliches geschehen sei. Es folgte eine Rückblende zum jungen Mann, der seiner Prinzessin beichtete, was ihn nun plagte. Er habe alle getötet, alle Entführer, die ganze Siedlung, die ganze Sippe, alle Frauen und Kinder, die er finden konnte, aus Rache, Wut und Zorn.
Ich war schon in die Geschichte eingetunkt, und dachte, ja da hast Du Schweres getan, Junge, und so sagte es auch die Prinzessin; das sei nur menschlich, sagte sie. Über diese nebenher hingesprochene Erkenntnis unseres menschlichen Wesens schrak ich wieder auf und fiel aus der Geschichte heraus.
Er müsse den Schmerz vergessen, sagte sie dann. Konsequent entwickelt sich der junge Mann in der nächsten Stunde hin zur dunklen Seite der Macht, von der so oft die Rede ist, daß man glaubt, der Spruch, den die Guten sagen: „Die Macht sei mit Dir“ ist aus dem selben Spruchkästchen. Die Autoren des Films waren der Meinung, daß man als Massenmörder erst auf dem Weg zur dunklen Seite ist und nicht bereits dort angekommen. Was mag da noch Schauderhaftes kommen!

Es kam Werbung für diverse Biere und fantastische Autos. Ich wollte zum Bierholen in die nächste Tankstelle brausen, aber da die Fahrt weniger spektakulär zu erwarten war als ich es vorgemalt bekam, blieb ich sitzen. Nach der Werbung kam Langeweile auf: Das Morden ging weiter seinen gerechten Weg, die Bösen töten böse, die Guten können auch nicht anders; sie verursachen nicht erwähnenswerte Kollateralschäden, Sterben für einen guten Zweck; die Bösen dagegen nichts als Greuel. Fast wie in Wirklichkeit. Froh war ich als wiederum Werbung folgte. Ich mache lieber mein Leben bueno, als daß ich mir erneut so ein Epos antue. Es war zwar nicht irgendeines, sondern ein modernes, und der filmische Massenmörder war nicht etwa nur einer von denen, denen unsere Verabscheuung gilt, sondern Anakin Skywalker, der Menschheit besser bekannt als Darth Vader. Am Ende aber, das weiß ich, ist auch sein Leben bueno geworden: der Autor läßt ihn als Guten sterben. Würde er das auch zum Beispiel für Radovan Karadzic erfinden? Man darf Massenmörder nicht miteinander vergleichen. Ich hab‘s getan und es kam nichts dabei heraus.

So viel zu meinem letzten halben Fernsehabend neulich. Ich muß mal wieder SpongeBob sehen!

12. August 2008

Einladung zum Lindwurmrennen

Schlagzeilen gehören zu meinem größten Lesevergnügen. Sie sind kurz, sie veraltern kaum, können anspruchsvoll sein und sie fordern die Phantasie heraus, wenn sie mißverständlich sind. Manche können ohne Zusammenhang gelesen werden, andere stehen über jedem Inhalt. Die Grammatik von Schlagzeilen ist simpel, ähnlich sogenannten primitiven Sprachen, die Wörter aneinanderreihen ohne sie mit komplizierten Regeln untereinander zu verbinden – das macht sie interpretierbar in viele Richtungen.
Schlichter gesagt: Sie gefallen mir, ich muß sie lesen.
Nicht allzu oft lese ich über sie hinaus, oft verfehlen sie die Funktion, mich zum Weiterlesen anzuregen; die besten helfen mir kurze geistige Höhenflüge zu unternehmen, für die in meinem grau-grauen Alltag keinerlei Anlaß vorhanden ist. Eine gute Schlagzeile ist wie ein Flugzeug auf einer Startbahn; unter der Bedingung stimmt der Vergleich, daß man den Text darunter nicht liest – man landet sonst in Mord, Totschlag, Korruption oder fröhlichen Nachrichten vom fröhlichen Bären im Zoo.

Es gibt Schlagzeilen, bei denen ich nur ungern erfahren möchte, worum‘s wirklich geht, zu schön oder amüsant ist, was ich sehe, zum Beispiel wenn ich lese:
Signale aus dem Weltall führen die Wanderer spinne ich das weiter. Hier werden Worte verwendet, die Signalwirkung für mich haben, Assoziationen reihen sich schnell aneinander: Ich sehe eine mystische Sekte, die Wanderer, unterwegs auf dem Weg zur Erleuchtung. Durch Fantasy-, Mythen- und Science Fiction Romane wandern »die Wanderer«, einsam, heimatlos, unbekannt, vielleicht um verborgene Schuld zu tilgen. Schnell sind die Mystiker entschwunden und ich sehe eine Gruppe schlichter Wanderer durch Wälder und über Wiesen gehen; aber sie folgen nicht den verworrenen Pfaden der Natur sondern Signalen aus dem Weltall. Das Naturerlebnis bekommt eine Verbindung zum Höheren und das ähnelt ja einem tiefen Erlebnis schon sehr. Das Wandern dieser Wanderer verwandelt das Weltall in ein Wandeln.

Schlagzeilen werden nicht alt, sie bleiben frisch. Wo ich sie herhabe, weiß ich oft nicht mehr. Wo und wann ich die Einladung zum großen Lindwurmrennen gelesen habe, kann ich nicht mehr sagen. Sie ist auf meiner Festplatte gespeichert. Die Festplatte gilt nicht nur mir als Hirn & Hirnersatz, d. h. ich hab‘s noch im Gedächtnis, womöglich war‘s eine Art Wett-Sackhüpfen zu Werbezwecken mit Wagners Rheingold-Tölpel Fafner.

Jede Schlagzeile eine kleine Bilder-Geschichte. Grausige Bilder:
Expertin: die Mitte fehlt – wer kann sonst feststellen, daß dort wo wir den Bauch hatten nun ein Loch ist; unsere Mitte ist uns abhanden gekommen.
Zwischen Beruf und Kindern zerrissen – würde die Bilde-Dich-Zeitung nicht schreiben, obwohl es ein blut-triefendes Bild ist.
Das Sterben der Gruppensieger – bleibt unheimlich.
Merkwürdige Dinge wandern außerdem durch die Welt: Weltjugendtagskreuz in Sydney eingetroffen – ein olympisch-sakraler Fackellauf?
Neulich las ich, womöglich in diesem Zusammenhang: Papst sittlich erholt. Es war nur zum Teil falsch, richtig hieß es: Papst sichtlich erholt. Nach seinen Entschuldigungstouren rund um die halbe Welt** für sittlich ungeschickt handelnde Priester, war er vielleicht auch sittlich erholt, als er zuhause im Sommerurlaub fotografiert werden konnte. Aber Erklärungs- und sittlicher Nachholbedarf werden ihn bald wieder einholen, fürchte ich.
Derweil kann auch ich mich erholen: Der Sommer läßt sich nicht lumpen, er ist spendabel und gönnt mir meinen Pernod/Ricard/Pastis.
Zum ausgehenden Sommer habe ich noch einen Rat: Nicht zu viel Augenkontakt mit der Augenweide – er ist von mir. Befolgen Sie ihn nicht, könnte sich ihr Leben verändern!

** kann man rund um die halbe Welt reisen?

11. August 2008

Sofortnachricht und Hungermacher

Die Sofortnachricht
Manchmal überkommt mich Müdigkeit & ein bißchen Melancholie, wenn ich an tägliche Nachrichten denke. Müdigkeit, denn irgendwie ist bei all der Vielfalt ein Gewöhnungs- oder Suchteffekt nicht zu vermeiden, die Ereignisse scheinen sich anzugleichen. Melancholie, weil gegen das was woanders sich alles abspielt, mein eigenes Dasein nur ein bloßes Dasein zu sein scheint. Aufpeppen könnte mein Leben die Sofortnachricht – sie fiel mir beim gestrigen Spaziergang ein. Sie scheint mir noch effektiver sein zu können als jegliche Art von Njus in einem Info-Kanal, im Internet oder auf einem AppleFoun. Wer nicht zwei oder drei Sekunden warten kann, um Geschäfte zu tätigen, der wird sie willkommen heißen. Womöglich gibt es sie schon und heißt: Instant-News; aber ich meine etwas anderes als instant news. Die Sofortnachricht dringt tiefer ein in mein Leben; ich will sie, sofort und ohne Umstände. Nachrichten habe ich bislang immer zu spät erfahren, nach dem Ereignis. Mit der Sofortnachricht bin ich dabei, unmittelbar: ist irgendwo ein allgemein wichtiges Geschehen am Entstehen, das sich zum Beispiel zu einem Unfall mit Toten entwickeln kann, wird es mir sofort mitgeteilt. Die Sofortnachricht ist vielleicht das Leben selbst, um ein vielfaches ereignisvoller als das eigene. Ich muß im eigenen Leben keine Zeit mehr mit sinnloser Aktivität, die zu nichts führt, verplempern, die Sofortnachricht läßt mich immer dann aufwachen, wenn etwas geschieht. In mein eigenes Leben bringt sie Ruhe; ich kann schlafen bis etwas geschieht.
Das Allgemein-Gültige dringt tiefer ins Innerste meiner Person durch sie und stellvertritt meine eigene unbedeutende, weil zu persönliche Meinung und Teilhabe am öffentlichen Leben; Privatsphäre ist nicht nur mir sowieso suspekt. Die Sofortnachricht könnte ein weiterer Meilenstein in die richtige Richtung der Vernetzung allen Denkens und Seins sein**. Führen wir sie ein, denken wir sie!

** Das hier neu entstandene Sein-Sein verhält sich womöglich zum Sein wie die Sofortnachricht zur Nachricht. Dem muß nachgegangen werden.

Die Hungermacher
Las er das irgendwo? Oder hatte er es aus Zorn erfunden. Mir ist heute nicht mehr in Erinnerung, was er damit meinte, als er es am Telefon sagte. Sicherlich keine herbeigeführte Ernährungskrise am eigenen Herd hatte er gemeint. Ich kann eine globale Verschwörung dahinter sehen oder auch ganz banal nur global handelnde Geschäftemacher an der Börse. Die Hungermacher sind für manchen vielleicht nur Appetizer, Appetitanreger für mehr, Häppchen auf einer großen Verteilungsparty.
Mich machen sie unzufrieden: sind sie selbst satt oder hungern sie? Ich muß es wissen, bin hungrig nach mehr!

2. August 2008

Umstellerei

Wie oft ging ich von Zimmer zu Zimmer, sah mich um nach dem geeigneten Platz, an dem ich arbeiten konnte! Hatte ich ihn gefunden, begann ich umzustellen, zerrte den schweren Tisch durch den Gang, stellte ihn hoch, damit er durch den Türrahmen paßte, zog ihn zum neuen Platz und ruckelte so lange herum, bis er richtig stand. Dann holte ich den Stuhl und alle Utensilien, die ich benötigen würde; möglichst wenige: auf leerer Platte sollte ich wieder zu arbeiten beginnen. Ich zog herum, weil sich unnötige Dinge um mich herum anhäuften, die sich nicht ohne weiteres beseitigen ließen. Reinen Tisch machen war zur Manie geworden, vor der sich nicht flüchten ließ: vor meinen Fluchten konnte ich nicht fliehen. Dann begann ich meine Arbeit vorzubereiten, die nichts anderes sein sollte als die Worte, die sich beim Spazierengehen oder wo immer so gut gefügt hatten, daß ich daran glaubte, Gedanken zu haben, die der Formulierung wert wären. Es kam nicht weiter, als daß ich mich davor setzte, vor den Computer und meine Datei der fortlaufenden Notizen vor mir sah, nur um weitere Notizen hinzuzufügen. Zufrieden damit beendete ich das Programm; beim Überfliegen, beim fehlerhaften Eintippen schon war ein neuer Text entstanden, im Geiste, weiter brauchte ich wieder einmal vorerst nicht zu arbeiten, so lange nicht, bis die richtige Zeit kam. Wie sehr, ja wie lange bereits sehnte ich mich nach der Formulierung!

Die richtige Zeit, das weiß ich, ist jetzt, stets jetzt. Der richtige Ort war das Problem, an dem ich herumlaborierte. Ich war der „richtige Mann“ – noch am falschen Ort. Die Magie der Orte, die ich vom Verstand her verneinte hielt mich fest. So zog ich in dieser Wohnung, in jeder noch, in der ich arbeitete, von einem Zimmer zum andern und in jedem Zimmer selbst stellte ich um, an Fenster, vom Fenster weg, mit dem Rücken zur Türe, mit dem Gesicht zur Tür. Ich fühlte den richtigen Platz, ich fühlte den falschen. Mit der Zeit kam ich zur Gewißheit am falschen Platz zu sein. Blickte ich zurück auf mein Leben, wurde es zur Gewißheit: nicht die Zeit war falsch, nicht die Person, sondern der Ort. Ich habe es bereits auf anderen Kontinenten versucht, habe es auch schon mit dem Ort versucht, an dem es liegt, der Ort in meinem Kopf. Dieser Ort ist hier, bei mir selbst. Bei mir selbst bin ich falsch.

Bei mir selbst – kann ich nicht arbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich mir die Sicht auf mich selbst angewöhnt, als wäre ich nur eine Linse, nur ein Auge, vom Auge nur die Pupille, die Linse, die das Licht bricht. Weder bin ich die Innenwelt, die das Licht empfängt und daraus eine Welt formt, eine abgebildete, noch bin ich die Welt außerhalb, von der das Licht kommt. Daß ich mein Innenleben von meinem äußeren unterscheide liegt am Ort meines Ichs. Ich suche ihn, gehe nur ein paar Meter weiter, setze mich. Alles kenne ich seit langem. Ich muß das Auge zu etwas anderem machen: Das Auge nimmt auf und gibt nichts heraus. Meine Vermutung ist seit längerem, daß dies falsch ist. Es geht Licht vom Auge nach draußen.

Heute bin ich wieder so weit, mir einen anderen Ort zu suchen, meinen Schreibtisch nur ein weniges zu drehen, um 90 Grad. Ich muß mich bewegen in diesen Zimmern, die mein eigen sind.

30. Juli 2008

Traumhaftung

Ich gehöre zu denen, die Träume nicht verwirklichen. Während mancher, von dem ich lese, offenbar ein traumhaftes Leben führt, bleibt mein Lebenstraum ein Traum. Mein Leben ist kein Traum, ich bin kein Träumer!

Täglich habe ich ein paar Träume, an die ich mich erinnere, seit Jahrzehnten; täglich erwache ich aus den merkwürdigsten Welten und finde mich dennoch wieder zurecht hier, in dieser im Vergleich stabilen und daher auch etwas trägen Umwelt.

Ungern erzähle ich meine Träume, sie scheinen mich in meinem Versteck zu verraten. Einem Freund erzählte ich mal einen. »Oooh! das läßt aber tief blicken«, sagte der Freund. Über die Tiefe befragt, zuckte er nur die Schultern. Entweder wußte er nichts Tiefes über mich zu sagen, oder er hatte Angst, daß ich, was er über mich sagt, ihm umdeute zu nichts weiter als Eigenauskünften, von der Art: »Du spiegelst Dich in mir!« Das kann einem Deuter passieren, Propheten sollte man das einmal so ausdeuten.

Gewiß ist mir: Träume lassen tief blicken. Der vom Träumen Betroffene, der Träumer selbst hat meist keine Ahnung davon – würde er sonst träumen, uns davon erzählen und uns seine Wirklichkeitsentfremdung so offen beichten? Die meisten Träume werden vergessen. Das scheint gut so zu sein, wer wollte von jedem seinen geheimsten Traum wissen? Er könnte sich als zu alltäglich entpuppen; das will keiner von seinem Traum, sonst wär‘s ja nichts als ein Traum.

Als schlimm können sich verwirklichte Träume erweisen. Sie können die Menschheit verfolgen. Ein Beispiel ist das Fliegen, das dem lesenden Volk noch immer mal als »Menschheitstraum« präsentiert wird. Es ist Wirklichkeit geworden. Nun billig-fliegen wir überall hin; sehe ich die Kondensstreifen draußen an, geht‘s zur Zeit kreuz und quer über mich hinweg in alle Weltgegenden. Bald scheint der Stoff für weitere Souvenirs und Geschäfte, die durch diesen Traum in Wirklichkeit umgesetzt werden, auszugehen, der traumhafte Stoff ist Öl und die Umsetzung ergibt Rauch und dicke Luft. Träume können sich auch in Luft auflösen!

Mit einem anderen Menschheitstraum hatte ich vor ein paar Tagen beim Lesen einer Biografie eine Wiederbegegnung: dem Kommunismus. Der verwirklichte Kommunismus war mehr als ein Alptraum, der idealisierte lebt nur noch vereinzelt weiter, er findet nicht einmal mehr als Wort Eingang in gescheite Aufsätze; ihn als lebendigen Traum zu erwähnen, wird kaum einem Schreiber, der sich sein Brötchen verdienen will, einfallen. Die Menschheit hat ihn ausgeträumt, den Traum von gerechter Macht- und Geldverteilung.

Vom großen Sieger beim Rennen um die Weltherrschaft, dem Kapitalismus, hat noch keiner gehört, daß er ein Menschheitstraum sei. Im Kapitalismus träumt womöglich keiner. Andererseits können wir alle im Kapitalismus alle unsere Träume verwirklichen. »Du hast einen Traum – dann mach ihn wahr!« Die größten und am meisten bewunderten Kapitalisten werden uns so zitiert, Bill Gates zum Beispiel. Hatte er nicht einen Traum, der für alle wahr geworden ist? Nirgends habe ich gelesen, Bill sei ein Träumer gewesen; er galt vielmehr, seiner Zeit weit voraus, als ein Spinner oder als jemand, der eine Vision hatte. Visionäre und Spinner haben wenig mit Träumen zu tun, sie sind eine eigene Kategorie. Visionäre heben sich über alles hinaus, sie sind insofern doch Träumer als sie für sich selbst entscheiden, was ein wünschenswerter und Opfer fordernder Menschheitstraum sei. Dank der besonders magischen Kraft innerer Mobilisierung gelingt ihnen dann und wann eine Umsetzung, die das allgemeine, unwürdige Leben wieder auf höhere Standards zurücksetzt.

Es ist Zeit wieder zu träumen, (23 Uhr). Halb im Schlaf schon höre ich Stimmen: »Wage einen Traum zu haben!« »Erzähl mir deinen Traum!« »Erzähl keine Träume!« »Hör endlich auf zu träumen!« »Kauf Dir das Haus deiner Träume!« Es geht eine Traumfrau an mir vorbei, nicht zu mir, sie wandelt zu ihrem Traum von einem Mann; so kann ich weiterträumen und muß mich nicht mit einer Traumfrau plagen, dafür mit Hunderten, die in Traumfabriken produziert werden. Traumfabriken sind eine Industrie, die Träume schaffen, indem sie Phantasie vernichten. Wer haftet für die Träume, die produziert werden? Habe ich geträumt oder hat mir geträumt? Solche Fragen sind es, die ich mir ratlos stelle. Wenn Träume wahr werden, haben sie erst dann mit Wahrheit zu tun, wenn sie im Diesseits auftauchen? Als architektonischer Traum zum Beispiel. Lassen auch solche Träume tief blicken? Fragen stellen sich im Halbschlaf, zwischen Träumen und Wachen, die würde ich mich nie fragen.

Der Tag ist so gestaltet, daß ich stets viel beim Feststellen bin; die Nacht gehört dem Vagen. Ich stelle fest: Das Leben ist wie ein Traum; und ich stelle fest, es ist keiner. Traumatisch kann etwas sein – das zeigt wie ernsthaft schädigend ein Traum ist, der keiner ist (und Alptraum genannt wird). Mal bin ich ein Träumer, mal bin ich bloß ein Träumer. Manche leben in einer Traumwelt; traumhaft schön ist sie oft genug nicht, lese ich im Bericht danach. Auch traumwandlerische Sicherheit hat man in Träumen nicht so oft wie es vermuten läßt. Traumversunken ist man mehrere Stunden am Tag, man ist so versunken, daß man nicht ein Bildchen davon übrig hat.

Ich träume tatsächlich so viel, daß ich gar nicht erst Lust habe, einen Traum zu verwirklichen, denn schon bin ich im nächsten. Ich klammere mich an die Erkenntnis von anderen, daß das Leben sowieso vielleicht nur ein Traum sei, den folglich ein anderer nicht verwirklicht. Das ist gut so, denn wer seine Träume verwirklicht, hat vielleicht ausgeträumt, und dann hat es mich nie gegeben. Das will ich noch weniger als in Träumen zu leben. Irgendeinen Traum halte ich stets fest – auch festhalten soll man nicht. »Du sollst nicht ewig an deinen Träumen festhalten«, sage ich mir, wenn ich die Zeitung lese, »hör auf zu träumen! Hier sind die Tatsachen.«

Schon ist es passiert: ich habe die Traumhaftung verloren, wieder Bodenhaftung gewonnen und bin hart gelandet. Dem Traum vom Fliegen folgt jedes Mal eine kleine Bruchlandung.

23. Juli 2008

Durch Anschlußkauf Humankapitalist

Beim Spaziergang fielen mir heute zwei Worte ein. »Der Humankapitalist« ist das eine, das andere »der Anschlußkauf«. Ob ich das meine kreative Ausbeute vom heutigen Tag nennen darf, werde ich später bewerten, nach dem Gute-Nacht-Gebet und der eindringlichen Rede mit meinem guten und schlechten Gewissen. Es plaudert mit mir, einer alten Gewohnheit aus Beichtstuhlzeiten folgend, dann und wann über vertane Stunden in meinem Leben, und stiehlt mir dadurch weitere wertvolle Zeit, die ich sinnvoller mit Plänen für einen gesellschaftlichen Aufstieg gefüllt hätte. Immerhin zeige ich mich hier schon so getrimmt am Ende eines guten Tages von der Tagesausbeute und Auswertung zu reden: Was hat mir der Tag gebracht? Zwei Worte.

Der Humankapitalist muß nicht erst noch geboren werden. Er lebt schon unter uns. Ich will das Wort gar nicht erklären, denn erstens ist es mir vor kurzem erst in den Sinn gewandelt, und zweitens erklärt es sich fast von selbst. Mein unterbewußtes Sein hat es schlicht nur abgeleitet aus einem marktliberalen Formelkoeffizienten, dem Humankapital, das heutzutage niemand mehr braucht, es sei denn, es wird freigestellt, und fährt so erst, als Kapital, den Zins ein.
Fast war ich beleidigt, daß mir ein anderes Wort, das in Zusammenhang mit dem Humankapitalisten stehen könnte, nicht selbst eingefallen war, als ich auf der Seite eines durch viele Parteien wechselnden Politikers das Wort Arbeitsplatzbesitzer fand. Unter einem Besitzer kann man sich jemanden vorstellen, der im Grunde nichts tut – so eine Vorstellung flößt mir ganz unschuldig diese Schöpfung ein. Ein Arbeitsplatzbesitzer ist das neoliberale Wort für das was früher ein Arbeiter war. Als Arbeiter tut der Arbeiter noch etwas, als Arbeitsplatzbesitzer macht er sich breit, stellt sich seiner Freistellung entgegen, »einseitig begünstigt durch eine Koalition aus Gewerkschaften und Sozialpolitikern«.
Da sollte sich der Humankapitalist, für den obiger Politiker ein hochbezahlter Propagandaredner ist, seiner eigenen Tugend besinnen, auf das Besitzen, und wie schön es ist, nichts zu tun (was er vom Arbeistpaltzbesitzer abschaut). Aber das wird er sich verbitten. Kapital anzuhäufen ist eine Heidenarbeit; nicht nur für den, der‘s schon hat.

Das zweite Wort, der Anschlußkauf, folgte einige Schritte nach dem Humankapitalisten. Ich habe mich also während des ganzen Spaziergangs nur um‘s Geld gekümmert – so schlecht war mein Tag gar nicht! Wie kam ich zu dem Wort? Ich ging um ein Einkaufsparadies herum, sah Käufer gedankenvoll reinströmen und beladen rausströmen. Man sollte als Käufer (siehe Als-Beitrag, Worter 1) nicht nur an den Kauf denken, sondern bei jedem Kauf sogleich an den Anschlußkauf. Tatsächlich geschieht das sehr häufig: der Frust nach dem Kauf kann groß sein, sagen uns Identitätswissenschaftler, die feststellen, daß so manche Identität am Kauf hängt. Wenn man nicht unmittelbar nach getätigtem Kauf ein neues Ziel sieht. Ein solches ist der Anschlußkauf. Mit meinem neuen Wort dringt das Kaufen noch tiefer in unser Bewußtsein ein. Das möchte ich mit diesem Beitrag erreichen.
In einem Computerforum las ich einen Beitrag (einen Poust, Posst?? Posting?, ich weiß nie wie das genau heißt) mit folgender Frage: »Konsumgeil, aber wunschlos, was kaufen?« Hier kommt nicht einmal ein Anschlußkauf in Frage. Der heitere Fragensteller ist weiter als es ich es denken kann. (Anmerkung: er bekam nur etwas Taschengeld in Form einer Prämie geschenkt, und wollte es sinnlos verprassen und dafür sinnvolle Tips einsammeln).

23. Juli 2008

Weltweite Empörung – ähnliche Seiten gefunden

Es ist nicht das »Bundesinstitut für Risikobewertung« sondern der »Spiegel«, der in einem Artikel über die Geschichte weniger der Unterdrückung als der Wunderwaffe der Frauen: den BH / Wonder-Bra, schrieb: »Weltweit setzten Männer Autos gegen Laternenpfähle«. Es war damals als das erste Plakat eines Wonder-Bras der Welt gezeigt wurde (hier klicken zu einem Bild des Wunderbüstenhalters mit Inhalt).

Vielleicht schrieb den Artikel eine Spiegel-Moddl-Autorin, der es gefallen würde, wenn es so geschehen wäre, vielleicht schrieb ihn ein viriler Kollege, der hinter diesen seinerzeit erfolgten, aber von der Öffentlichkeit nicht genug wahrgenommenen Laternenpfahl-Anschlägen steckt. Ich weiß nicht, ob das im Artikel Erklärung fand, denn ich habe außer der erwähnten Zeile wieder einmal nichts gelesen. Diese ließ mich aber gleich aufhorchen. Vielleicht gab‘s etwas worüber ich mich empören konnte.

Ein schnelles Guugln über »Weltweit« brachte eine Menge fast gleichlautender Nachrichten, an oberster Stelle das Wort »weltweite Empörung«, dieser Tage über: Diktatoren, und ihr Handeln vor allem. Worüber unser Gutes den Kopf schüttelt. Und man liest, die zumeist und zuerst Empörten sind Politiker, sie haben darauf eine Art Erstvermarktungsrecht. Empörungsveröffentlichungen könnten dem Zweck dienen dem gesunden Menschenverstand ein Wort zu reden. Den laut Empörten und den Empörungslesern verbindet ein gemeinsames Kopfschütteln. Auch ich empöre mich oft, selbstverständlich. Schnell ist mein Gutes wieder weg, die öffentlich gemachten Empörungsträger tragen es mit sich, wenn sie wieder anderes von sich hören lassen. Politiker höchsten Ranges haben eine Waffe staatstragende Empörung zu äußern: in schlimmen Fällen (zu denen Kriege, die sie mit Waffenlieferungen fördern, nicht gehören) senden sie »diplomatische Noten« aus ihren Häusern aus, oder bestellen Botschafter in diese ein.

Das kann ich leider nicht, würde es gerne tun. Unzufrieden über meine Empörungssituation klicke ich im Internet weiter auf »Ähnliche Seite finden«. Was ich da alles finde, es ist nicht nur zum Kopfschütteln, sondern auch zum Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen. Nach ein paar Klicks und Kicks bin ich wieder beim In-den-Spiegel-Schauen. Vielleicht sollte ich den Link zur Wonderbra-Bildserie anklicken.