Archiv für das Jahr: 2009

31. Dezember 2009

Hädi-daadi …

Vor einigen Monaten habe ich mir, weil ich die Gelegenheit dazu hatte, einen Wunsch erfüllt, von dem ich glaubte, er würde mich mit Freude erfüllen: ich habe mir eine Klangschale gekauft und mich auf harmonische Klänge gefreut, die ich innerlich schon lange erwarte. Die Gelegenheit dazu bot sich auf einem Kongreß Chinesischer Medizin, den ich nicht besucht hätte, wäre der Ort, an dem er stattfand nicht einer der von mir meistgeschätzten Flecken in meiner näheren Umgebung. Als Zugabe bekam ich einige Glücksmünzen geschenkt, die ich vor die Türe zu legen hätte, mit der Symbolseite nach oben – so käme Geld ins Haus. Nach mehreren Monaten Symbol-Benutzung könnte ich nun darüber berichten, ob es sich um hier um einen Glauben oder einen Aberglauben / Humbug handelte. Über meine Finanzen gebe ich aber nur negative Auskünfte; über Geld rede man nicht, heißt es, man habe es – so weit kann ich mich allerdings schon ausschweigen: dieser Satz stimmt bei mir nicht. Glaube oder Aberglaube – dem Zweifler ist ohnehin beides sehr ähnlich, er wird bei der Unterscheidung, ob sich eines zum andern gewandelt habe, den Mund nach unten ziehen: Rabulistik – hier spalten sich die Haare!

Manchem ist Haarspalterei ein großes Problem. Bislang bin ich nur vom Hören-Sagen davon betroffen, wenn ich mir aber die Haare weiter so wachsen lasse wie die letzten Monate, werde ich mich bald um Haarspray und Drei-Wetter-Tafte bekümmern. Ich weiß nicht, was mich zur Zeit davon abhält, mir es wie gewöhnlich mit der Schere auf die zu meinem Typ gefühlte, passende Länge zu kürzen. Wenn ich mich selbst deuten will, und niemand hindert mich daran es beständig und wiederholt zu tun, dann hängt das mit einem gewissen Lebensalter zusammen. In meiner Jugend, kaum daß mir der Bart sproß, ließ ich mir einen Vollbart wachsen. Jetzt wo ich allmählich ins Alter eines würdevollen Vollbartträgers schreite, lasse ich mir die Haare wachsen! Wahrscheinlich will ich mir‘s noch einmal, ja zum ersten Mal überhaupt, beweisen. Oft lese ich es: Dieser oder jener wolle es sich beweisen, noch einmal. Das ES ist dabei das schon einmal Bezwungene. Ich hätte die Gelegenheit dazu in meiner Jugend gehabt – jeder mag mal: Verkehrte Welt! sagen. Ich sage es hiermit.

Die Klangschale gongt nicht von selbst, sie hat, außer daß sie einen schönen Klang erzeugt, auch den tieferen Sinn, laut Gebrauchsanleitung: an den Augenblick zu erinnern, der gerade da ist. Sie kann somit Zerstreuung zerstreuen und auf den rechten Weg führen, der, wenn man‘s mal genau nimmt, überhaupt keiner ist. Hin und wieder bräuchte ich einen selbst schlagenden Gong, der mich herausreißt aus dem Wegsein (lesen wie: weggsein), damit ich den Faden wieder aufnehmen kann, den ich einige Zeilen weiter oben ausgelegt habe. Hätte ich von den Mitschülerinnen, die im Erdkunde-, im Deutsch-, im Englisch- und im Biounterricht strickend saßen nur diese gleichmäßige, beruhigende Tätigkeit gelernt, dann könnte ich in meinem Blog gelassen an meinen Texten stricken, Zeile für Zeile. So füllten sich hundert Zeilen mit buntem Inhalt – und wär doch wie bei einer Schallplatte immer nur eine Rille, eine fortgesetzte Zeile.

Mit dem Gong bekam ich nicht nur einige Glücksmünzen geschenkt, auch ein Kalender wurde in die Tüte gepackt, der mich anschließend in die verschiedensten Formen des Chi-Gong-Handlungs- und Ausrichtungszwanges einführte. Jedes Monatsblatt ist begleitet von einer Tabelle mit rot-weiß-schwarzen Feldern für die richtige Handlung zur richtigen Uhrzeit. Nette Piktogramme sagen mir die beste Stunde für Liebe an, für Hausarbeiten, für Reisen, für „getting married“. Wie und wo ich etwas hinstellen kann, dabei könnte mir der Gong helfen, indem er den Ort reinigt. Die Hausgeister aber kommen immer wieder, das weiß ich längst.

Ich bin schon lange ein Chi-Gong-Mensch, wenngleich ich mein Haus nicht nach einem Berg und einem See ausrichten kann, fließendes Wasser als Energiefluß-Symbol in meiner Nähe nur aus dem Wasserhahn benütze.

Das ist kein Spott auf die, die da glauben – ich sehe mich selbst oft genug als benütztes Opfer überflüssiger Ritualhandlungen und Ritualgedanken, aber dann fällt mir kurz die Formel ein, die da lautet: Hädi-daadi-kanndi-waari, die eine Freundin gerne sagt, wenn in ihrer Nähe jemand ihr zu viel in Betrachtung der gemeinen und allgemeinen unabänderlichen Zustände zu verschwimmen droht. In meiner Verwandtschaft gab es Tanten, von denen habe ich nur ein Bild in Erinnerung: in der Küche sitzend und jeder Auskunft über eigenes Befinden abgeneigt gegenüber eingestellt, von sich gebend: „Sei duads wos!“ Wer „Hädi-daadi-kanndi-waari“ nicht versteht, kann es sich langsam sprechend eindeutschen: Hätte ich, täte ich, könnte ich, wäre ich.

Hätte ich mir heute nicht vorgenommen, noch etwas zu Ende zu schreiben, täte ich jetzt etwas Gescheiteres. Es könnte sein, daß ich herausgefunden hätte, was es wäre, dann wäre ich: Wo? Wer? Was?

30. November 2009

Geflüstere über Flüsterer

Es ist nicht leicht sich kundig zu machen über die Flüsterer, die durch die Nachrichten huschen. Der letzte (zeitlich) von dem ich gelesen habe, ist der Asien-Flüsterer. Einen Käfer-Flüsterer habe ich mir notiert – er war eine Käfer-Flüsterin. Mit dem Pferdeflüsterer hatte es begonnen, daß man auf leise Töne achtete, im Kino zuerst. Der Pferdeflüsterer war ein hübscher Mann, Robert Redford, der seine weibliche Seite nach außen kehrte, er hat sich also von links gewaschen. Er war metro-sexuell; ob das stimmt, weiß ich nicht. Das Wort fiel bei einem Gespräch mit zwei Frauen über berühmte Männer. Metro-sexuell hielt ich für androgyn, aber das ist wieder etwas anderes.

Frauen erhoffen sich von Männern einen Frauenflüsterer; der ist kein Frauenversteher, denn ein Frauenversteher ist ein Weichei ist ein Warmduscher und trägt unsexy Latzhosen – die hab ich zuletzt in der Sendung mit der Maus gesehen, und das ist lange her. Es gibt sie nicht mehr, die Latzhosen, sie wurden mit der selig machenden Rundum-Kritik an den 68ern den 68ern ausgezogen; keiner will sie mehr tragen. Auf Fotos auf denen man darauf zu sehen ist, kann man sich noch herausschneiden. Das Internet gab‘s noch nicht, sonst wäre diese Mode- und Gesinnungssünde auf ewig sicht- und abrufbar.

Vom Frauenflüsterer ist es nicht weit zum Käferflüsterer, wie oben schon erwähnt. Während uns Frauen menschlich/seelisch doch irgendwie nahe stehen und mann mit Flüstern Zärtlichkeit und Verständnis nahe bringen kann, weiß ich nicht was ein Käferflüsterer dieser fernen Spezies zuflüstern mag, und überdies war‘s eine Frau, die als solche bezeichnet wurde. Kann man Käfern zuflüstern, daß sie aus dem Salatbeet verschwinden? Käfer machen sich nicht über Salat her. Es braucht den Schneckenflüsterer dazu. Den wünsche ich den Schnecken, auf daß die Schnecken nicht mehr die unwiderstehlich erfolgreiche Erfindung des Schneckentodes ereile oder eine Schere sie halbiere.

Eine falsche Erinnerung taucht an dieser unfreundlichen Stelle auf: Es kann nicht sein, daß ich in einer Todesanzeige als Beruf eines Verstorbenen las: Hundekümmerer & Sachverständiger für Hundewesen. (Das Hundewesen, das mich dreimal am Tag nach draußen treibt, verbringt gerade seine Zeit damit sich auf dem Sofa die Pfoten zu lecken). In Anlehnung an die Todesanzeige könnte sich ein Sachverständiger für Bauwesen auch einen Baukümmerer nennen, ein Sachverständiger für Ingenieurwesen einen Ingenieurkümmerer, der Verständige für Bildungswesen einen Bildungskümmerer.

Es fehlt der Sachverständige für Menschenwesen. Wir selbst rätseln an uns herum und können als keine Verständigen gelten; einen Gott als Menschenkümmerer hätten wir gerne, aber wenn‘s um Götter geht oder auch nur jeweils um den einen richtigen, dann hauen wir uns die Köpfe ein. Der Menschenkümmerer kann den Kummer nicht ertragen. Wer solchen Kummer über Allgemeines hat, ergreift sich einen Kümmerling und kippt ihn hinunter, dort verbittert er im Magen und führt einen Eiertanz auf. Es wird mir schon schlecht davon beim Lesen – und Überwindung kostete es, das Bild so in die Länge gezerrt niederzuschreiben.

Der Sachverständige für Menschenwesen würde mit der Zeit zum Unwesen werden. Lange könnte er gewiß nicht zuhören; bei schlechten Nachrichten schalten wir ab – er wird es auch nicht anders können, mit der Zeit. Das Leid, dem er zuhört, kommt ihm womöglich zu laut vor. Er brauchte nur sein Ohr für die leisen Töne wieder finden und auf das Flüstern lauschen, das immer irgendwo zugegen ist, wirklich leise Töne beherrscht vor allem der Einflüsterer. Man muß nur zuhören, man kann ihm nur zuhören, aber man begreift nicht wie der Einflüsterer es macht, daß man auf ihn hört. Er ist so gegenwärtig, daß ich mich heute nicht weiter um ihn bekümmere, ihm geht es immer gut, er hat ein Dauerlächeln wie der dynamische Herr Strunz, der immer lächelnd und im Spreizschritt über Wiesen und Bäche springt. Die bekannteste Geste des Einflüsterers dürfte das Hand-auf-die-Schulter-legen sein, zum Heranziehen des Opfers. Ich persönlich mag das nicht und schüttle mich oft, wenn mir was zu nahe kommt und auf den Pelz rücken will. Ich hab‘s von Moreno abgeschaut; der springt zwar über jede Pfütze, aber Regenwasser schüttelt er erst in der Wohnung von sich. Dabei möchte ich den Schmutz immer außen vor lassen. Nicht: Außen vorlassen. Er soll draußen bleiben. Ich kenn mich aber zu gut und gebe gewiß kein Geheimnis preis, das nicht jeder selbst kennt: Es gelingt mir nicht; er ist in oder an mir (der Schmutz). Es ist mir zu oft vorgebetet worden, als daß es nicht mehr wahr sein dürfte und nicht tief sitzen müßte. Dieser Glaube an den inneren Schmutz ist die Erbsünde, die mit dem Taufwasser über mich geschüttet wurde. Es war Abwasser, recht betrachtet.

Ob heute noch die Erbsünde gepredigt wird? Ich war schon lange in keiner Kirche mehr während einer Predigt, zeitgemäß scheint die Erbsünde nicht mehr. Erbsünde klingt altmodisch wie Laster und Unzucht und auch die gibt‘s als solche nicht mehr.

Unser aller Papst kann sich kaum jemand als Menschenflüsterer vorstellen, da ihm die Schäfchen davonlaufen. Sie gesellen sich in loser Schar um den Dalai Lama und seinen Glauben, die uns beide als Menschenversteher aufbereitet werden.

Als die bedeutendsten Flüsterer können gegenwärtig die Verteter des Lobbystandes oder die Sachverständigen des Lobbywesens gelten. Sie sind niemandem verantwortlich außer ihrem Auftraggeber. Frägt man nach, kennt allerdings niemand einen einzigen, und keiner kann so richtig deren Einfluß nachweisen.

Was wir dringend brauchen, ist ein Kulturflüsterer, jemand, der steif und fest behauptet, wir seien das Volk der Dichter und Denker und so einen Glauben verbreitet, der kein bißchen Irrlehre ist. Jemand der vorbetet und eine Gebetsmühle dreht, verursacht ja auch keinen Wind und keinen Sturm.

Flüstern ist nicht nur für Lobbyisten ein wichtiges Handwerk, auch für Journalisten. Ihrem Flüstern verdanken wir Njus und Skandale und Berichte über Wahres und Erlogenes, Erstunkenes und Erdichtetes.

Alle Flüsterer zusammen formen ein vollständiges stimmstarkes Orchester. Diesem komplexen Apparat steht als Dirigent vor: der Meinungsgeiger. Kaum ein geneigter oder unwirscher Leser wird ihn kennen, aber jede Redaktion kennt ihn namentlich; einer muß ja den Ton angeben, der angeschlagen werden soll.

Dem Meinungsgeiger folgt als Erste Geige der Heimgeiger. Der hat keine süßen Töne und keine zarten Worte mehr, er zeigt mir jetzt eine Nachricht: fünf vor Zwölf, und erklärt damit die Zeit des Flüsterns sei zu Ende und deutet auf eine Notiz, ich lese: »Der Walschreier des kleinen südafrikanischen Orts hat Glattwale gesehen.«

Nun kommt die Zeit des Schreiens. Das Flüstern hat ein Ende. Wen oder was hören wir schreien? Nur Glattwale, Eisbären, Schlachtvieh oder Käfighühner? Alles, was lautlos gestorben wird.

31. Oktober 2009

Die Unfähigkeit zu reimen

Ich habe schon lange nichts mehr gereimt. Mein letztes gereimtes Gedicht ist so lange her, daß ich mich nur noch erinnere, es war ein Sonett gewesen (sehr lange zurück: war gewesen). Mein Sonett-Vorbild damals war Rilke. Mehr als daß ich ein Sonett schreiben konnte, rein äußerlich, wurde‘s nicht. Das Sonett habe ich weggeschmissen und von Rilke bin ich, im Rückblick auf über 30 Jahre Nichtmehr-Lektüre (und nochmal Lesen von Elegien), davongelaufen, (und raufe mir so manches Mal die Haare, wenn ich späte Dichterworte mir vor Augen halte, von denen ich mir als Jüngling anmaßte, sie verstehen zu können).
Mir reimt sich leider nichts. Ich weiß mir auf wenig einen Reim und allzu oft bin ich völlig ratlos. Und was sich nicht reimt, ist einfach nicht gut (Kobold-Weisheit). Ich hätte es aber gerne gut!

Gestern hörte ich in einem Reisebericht über Marseille einen Satz, den ein ratloser Mensch wie ich (mich hier beschreibe) als sehr tröstend empfinden kann, ich schreibe ihn gesperrt:
Hier – darf – man – ratlos – sein.
Die Autorin zitierte Joseph Roth. Beim Nachschlagen in meiner geschätzten Joseph Roth Ausgabe jedoch fand ich, daß ich mich wieder einmal verhört hatte, es hieß: »Hier kann man ratlos sein«. Man könnte das zwar ähnlich verstehen, doch war‘s nicht so gemeint, wie ich‘s empfunden habe: Der Mensch darf ratlos sein! Das wäre eine große Pause in der Hetze vom Sinn machen und Sinn produzieren, ein befreiendes Durchatmen zwischen 2000 bis 4000 Werbebotschaften am Tag und vielhundert Augen, die einem mißtrauisch und abwehrend begegnen.

Das Übel mag auch an mir selbst liegen, an meiner Unfähigkeit zu reimen. Die Unfähigkeit zu reimen ist ein neues Wort, ich erhebe Erstbeschreibungs-Anspruch darauf. Die „Unfähigkeit zu trauern“ ist schon längst ein geflügeltes Wort geworden, meine Unfähigkeit wird das nie erreichen. Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat sie unter Freunden, die teilen das aus Rücksicht aber nicht mit, und geben es hoffentlich auch nicht weiter. Ich dagegen verleihe mir selbst gerne Flügel, möchte abheben, flattere und schwinge herum und hinaus ins Universum, und dann sagt ein jemand zu mir: „Nimm den Hut ab, wir sind hier nicht unter Juden“ – und schon bin ich wieder zuhause (klein geschrieben), denn kaum einer begreift ohne weit ausholende Erklärung, was dieses Sätzchen so an tausendjähriger Geschichte hinter sich hat.
Etwas darüber schreiben gelang mir bislang nicht – ich bin da immer noch in Arbeit und Denken versunken, während ringsum Kritiker und Wahrheitssager wieder sagen, was schon lange mal gesagt werden muß, denen, die die Wahrheit verschweigen. Die Wahrheit kommt ans Licht – was bedeutet: Licht ist die Wahrheit nicht!
Womöglich liegt‘s am bösen Blick, den ich auf die Welt habe, daß rings um mich so wenig gut ist – ich meine: in der Welt! Daran liegt‘s, und an der Unfähigkeit zu reimen.
– Man hat auch mal schlechte Tage.

All das schreibe ich nur, weil der Eintrag, den ich vorhatte in den Blog zu setzen, mir zu kurz erschien. Der war nur ein klitzekleines „Gedicht/Lied“, das heißt:

(Nicht nur ein) Aldi-Lied

Billig wird billiger
Reich wird reicher
Arm wird ärmer
Böse wird böser

Gut wird besser
Besser wird nichts

Nichts wird mehr
Mehr wird weniger
Weniger ist besser

Alles ist gut

30. September 2009

Sex-Verbrecherin auf Halli-Galli-Drecksau-Party

Erinnerungen an ein nicht gelebtes Leben werden in mir beständig wach gehalten wenn ich durch onlein-Medien brause. Vor ein paar Tagen genügte schon das Wort auf Spieglein-onlein von einer „angeblichen Sex-Verbrecherin“ (die verhaftet wurde als sie mit ihrem neuen Manager das Comeback startete – als Sex-Verbrecherin? – kein Link hier: Ich will der Fantasie, die der Wirklichkeit kaum nahe kommt, den kleinen Spielraum, den sie hat, nicht noch weiter einengen). Über eine Sex-Verbrecherin wird außer mir so manch anderer Mann spekuliert haben; über eine angebliche Sex-Verbrecherin, was weit bemerkenswerter ist, komme ich gar nicht zu Rate.

Diese Verbrecherin erweckte in mir die beinahe schmerzliche Erinnerung, daß ich einmal einer Einladung zu einer »Halligalli-Drecksau-Party« nicht gefolgt war. Ich überquerte gerade gesetzeswidrig die Gleise als gesetzeswidrig die Gleise überquerende Jugendliche mir entgegenkamen und mich fragten, ob ich auf die Party mitkommen wolle. Ich überhörte das und ging still weiter, teils weil ich später erst die Worte rekonstruieren konnte und teils weil‘s mir nicht freundlich genug erschien. „Hättest antworten können, Alter!“, wurde mir nachgerufen, ein Stein flog den Worten hinterher, verfehlte aber sein Ziel weit mehr als die Worte, und die hießen: Alter & Halligalli-Drecksau-Party. „Der mag das vielleicht nicht“, sagte ein Mädchen zum Steinewerfer. Ich ging um die Ecke an einem Plakat vorbei, das an einen Baum gestellt war: »5 Frauen eine Flasche Sekt«. Einige paar Meter daneben ein weiterer Werbungsträger, der mich zum »Wet-T-Shirt-Contest« einlud. Bedrückt, unfähig angemessen auf die Verlockungen der Welt zu reagieren ging ich in meine Wohnung und legte die Tür ins Schloß.

Hätte ich „Halligalli-Drecksau-Party“ nur sogleich richtig verstanden, akustisch, wäre ich der Einladung sofort und ohne Umschweife gefolgt. Bei späterem Nachfragen ergab sich jedoch, daß meine Fantasie mich hier, ich möchte es trotzdem feststellen: fälschlicherweise als »Dirty old Man« vor mich selbst hinstellte. Wird man aber als „Alter“ tituliert und ist doch schon unter denen, die immer jung oder jugendlich bleiben, denkt man schon, beinahe mit Sehnsucht, an einen dirty old man, weil man merkt: man wird es nicht erreichen: Mit immer jung bleiben schafft man‘s nie, und außerdem ist man dafür viel zu bürgerlich. Also ein dirty old man ist etwas wovor man, (schmutz-)belesen wenn man ist, Respekt hat; man wird allenfalls zum Drecksack, und das ist einfach nicht gut.

Selbst ein dirty old man braucht sich nicht all zu viel vorstellen, wenn er das Wort „Drecksau-Party“ vor sich hinmümmelt; das Wort erweckt zu große Erwartungen. Es scheint sich um ein großes Besäufnis zu handeln, wurde mir von einem mir bekannten Jugendlichen, dem ich Vertrauen schenke, gesagt; vielleicht sagen Jugendliche auch nicht die ganze Wahrheit über ihre Parties!

(Ich möchte an dieser Stelle, [nur in Klammern als Badezusatz quasi, beim Baden in der Wahrheit] zu den vielen Verschwörungstheorien, mit denen wir unsere Zeit vergeuden und unsere Denkfähigkeit in Mißkredit bringen, eine hinzufügen: die Verschwörung aller Jugendlichen gegen die Erwachsenen. Es gibt auch eine Verschwörung aller Frauen gegen uns Männer, die mir in sehr guter Fernseh-Erinnerung ist: Frauen lassen Socken verschwinden. Wie oft suchen wir Männer morgens vergeblich die zweite Socke! Woher ich weiß, daß es Frauen sind, die dahinter stecken? Ich hab‘s bei Al Bundy gesehen (Folge 48). Und wo geht es mehr um ein nicht gelebtes Leben als bei Al Bundy – nur noch in unserem eigenen.)

Ein ungelebtes Leben reicht niemals zum dirty old man, auch ein ausgelebtes, wie das, zum Beispiel von Max Mosley wird nicht mit diesem Titel geadelt. Ausleben und gar nicht leben sind miteinander verwandt.

Am Ende stelle ich fest, ich habe nicht die Fantasie mir unter einer Sex-Verbrecherin etwas Rechtes oder Unrechtes vorzustellen, dazu müßte ich Spiegel lesen. Meine Fantasie ist Verschlußsache.

P.S.: Für die Socken-Verschwörung habe ich eine einfache Lösung gefunden: Ich kaufe nur schwarze, im Zehnerpack.

18. August 2009

Wurmlochreise ins Bonsainetz

Als ich heute den Bildschirmschoner wechselte, von der „Matrix“, die unleserliche Zeichen vom oberen zum unteren Bildschirmrand rieseln ließ, zum „Wormhole“, einer Fahrt durch einen Tunnel, wurde ich hypnotisiert und aufgesaugt, bis ich wieder erwachte, als sich der Bildschirm gänzlich abschaltete und schwarz wurde. Was war in der Zwischenzeit geschehen? Wie lange war ich weg? und warum erwachte ich ausgerechnet, als es dunkel wurde?! Fragen, die niemand stellt; die deshalb ihre Existenzberechtigung im journalierenden, erst recht im journalistischen Netz haben und nun bei mir beantwortet werden.

Bildschirmschoner mußten seit ihrer Einführung vor etlichen 20 Jahren einen Bedeutungsverlust hinnehmen, den in nächster Zeit Lebensmittelkontrolleure teilen werden: sie sind nurmehr Zier. Der moderne Bildschirm muß nicht mehr geschont werden, er hat beinahe alles gesehen und hat es dank modernster Technik so weit gebracht, daß sich nichts mehr an seiner Oberfläche „einbrennt“ und für immer störend sichtbar bleibt. Lebensmittelkontrolleure könnten bei zunehmender „Analogisierung“ von Lebensmitteln bald als Schönheitsberater für Schinkenmarmorisierung tätig werden, die Schonung (der Lebensmittelhersteller) wird mit dem Schönen in Einklang gebracht. Lebensmittelkontrolleure werden sich bei gewandelter Umwelt und neuen Anforderungen auf die Suche nach anderen Aufgabenbereichen machen.

Wie es mit dem Bildschirmschoner weitergehen könnte, habe ich nach meiner geistigen Abwesenheit zu ergründen versucht und bin fündig geworden im Kompetenzbereich von Wolf & Ursel. Wolf & Ursel sind mir inzwischen so vertraut wie alte Freunde, daß ich sie beim Vornamen nennen mag. Sie haben mir, der ich oft und oft (siehe Schluß) vergeblich neue Wege in unbekanntes Terrain suchte, eine Tür in einen neuen Bereich aufgestoßen, von dessen Existenz ich bislang kaum eine Ahnung hatte: zum rechtsfreien Raum. Ausflüge in rechtsfreie Räume machen – davon träume ich nun manchmal. Ich weiß was ich träume; ich kann mich nicht herausreden und behaupten: mir träumte, nein, das mache ich aktiv – und dennoch sage ich mir: rechtsfreie Räume, das kann nur Perverses bedeuten, also bringe ich mich hiermit zur Selbstanzeige: von rechtsfreien Räumen darf man nicht mal träumen! In meiner Phantasie betrat ich einen, es stand noch kein Warnhinweis davor.

Anstelle der geplanten drögen Stopschilder sollte an die Verwendung von Bildschirmschoner gedacht werden; das wäre ein Imagegewinn für das Internet und für Wolf & Ursel. Sie würden dadurch nicht nur für Belehrung, Warnung und Wohlanstandigkeit eine Symbolgeschwisterpaar abgeben sondern auch Vorreiter für kantenlose schonende Ästhetik sein, Avantgarde einer postdemokratischen transparteiischen Bewegung (uff!). Musikalisch unterlegt mit unauffälliger, unaufdringlicher Hintergrundsharmoniemusik; mal hört man einen Wertekanon, mal tönt ein Leitmotiv heraus; auf dem Harmoniegerüst trampeln Kulturgüter herum. Der perverse Klicker könnte durch sinnlose abstrakte, rotierende Muster zur Modernen Kunst hinabbegleitet werden, zum Beispiel. Von dieser Idee würde ich womöglich profitieren.

Daß ein Bildschirmschoner auch hypnotisch wirken kann, habe ich eingangs zu schildern versucht, als ich ins Wurmloch sah. Die Wirkung von Hypnose ist ja nach volkstümlicher Meinung unbegrenzt und kann daher auf das Volk angewendet werden, bevor es in Dumpfheit verfällt und jegliche Selbstverantwortung über die Folgen einer massenhaften Bewegung, in die es sich wiegen läßt, von sich auf Politker abwälzt. Vor diesen Hin-und-her-Zuweisungen könnten uns Bildschirmschoner bewahren..

Das Wurmloch, das mich in den Bildschirm zieht, hat mich zu einem anderen Gedanken geführt, als ich hier formuliert habe, der nun endlich auch niedergeschrieben werden soll. Unversehens lande ich bei Wolf & Ursel, wenn ich ans Netz denke und all die ungenutzten Möglichkeiten, die es bietet, Meinungen zu bilden und zu lenken; man lese über letzte Beispiele aus Iran und China nach und wundere sich nicht über neidische Blicke, die ihren wörtlichen Niederschlag finden – wo? im Netz, dem rechtsfreien Raum, in dem auch Politiker mit ihren rechtsfreien Träumen zitiert werden dürfen:

„Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich.“

Den gestammelten Erkenntnissen über rechtsfreie Räume, die vor allem im „Netz“ noch zu finden seien, nicht etwa in Frankfurt oder Berlin oder Hamburg, ist zu entnehmen, daß Verbrechen bald jeder selbst und eigenunverantwortlich in die Hand nehmen würde, ließe man das Gewächs das gerade entsteht, frei dahinwuchern, anstatt es mit heißen Drähten zu einem schönen Zier- und Topfgewächs heranzubemeistern. Gesendet wird das aus einer gedankenbefreiten Zone, die gepflastert ist mit Unkenntnis über die tatsächliche Lage (Was in der Sendezentrale der Rechtsfreiheit gedacht wird, ergründet der law blog).

Was wollte ich zum Wurmloch auf meinem Bildschirm sagen? Nicht, daß ich fasziniert hineinsah, sondern daß ich nach einer Weile ein Ziel zu vermissen beginne. Der Weg, so schön und so hypnotisch er auch ist, ist nicht das Ziel.

Ich war seit langem auf der Suche nach einem Beispiel, das mir den Satz vom Weg als Ziel widerlegt. Ziele gibt’s überall, jeder Mensch braucht ein Ziel, das lernt man fürs Leben. Mir hat sich vor etlichen langen Jahren eingebrannt, was Tscharlie zu Gustl in den »Münchner Geschichten« sagt:

„Ziel? Ziel? Ziel ist Scheiße, weil wenn i ins Bett gäh, dann gäh i häggsdns ins Bett weil i miad bin und ned wegen … irgendwos … merkst den Unterschied!“

Und vor einigen Jahren, als ich ins Bett ging, träumte ich oft von Wurmloch-artigen Bildschirmschonern: Ich öffnete eine Türe und war gespannt was dahinter sei, wußte ich doch im Traum, daß im Traum Türen-Öffnen der Weg zu etwas Neuem sein könne. Aber ich war mir leider so bewußt zu träumen, daß mir die Phantasie stockte, ich zwar in neue Räume gelangte, aber unzufrieden nur weitere Räume fand, bis ich eines Tages den letzten Türöffnertraum hatte, in dem ich durch hunderte Türen stürzte und mir allmählich auf dem Weg zu immer neuen die Erkenntnis dämmerte, die diesen Traum zum letzten Türtraum werden ließ.

31. Juli 2009

Geisterspazier

Beim Abendspazier mit dem Hund, zwei bis drei Stunden vor Mitternacht, kam ich an einem schwarzen Golf vorbei, aus dem ein schmales gelbes Gesicht herausleuchtete. Noch bevor ich erkannte, daß ein Handy, auf dem Finger herumfummelten, die gespenstische Beleuchtung abgab, erspähte mich das Gesicht, große finstere Augen sahen mich beunruhigt an, unmittelbar darauf hörte ich das Klicken der automatischen Türverriegelung. Ein paar Meter weiter an einer Kreuzung blieb ich stehen, wartete bis Moreno nachgetrottet kam. Auf der gegenüberliegenden Seite gingen andere Abendspazierer, an der Leine etwas kleines Weißes wie eine Katze. Ich blieb stehen, erspähte ob Gefahr bestünde, daß mein gefräßiger Hund vielleicht zum Jagen anfinge, dann ging ich rüber – und hörte sogleich einen mächtigen Aufschrei, gefolgt von einem weiteren Schrei: „Haben Sie mich erschreckt!“ und: „Hast Du mich erschreckt!“ Mich selbst hörte ich ganz leise entschuldigend sowie erklärend sagen: „Das ist mein schwarzer Hut.“ Der Hut ist unschuldig, im tiefsten Innern weiß ich‘s.

Bild: Geist mit Hut

(Pabblissitifoto meines Hutes mit mir in verlorener Halbprofilansicht auf einem unveröffentlichten Cover)

Andererseits kann ich es auch nicht akpetieren – ich weigere mich! – anzunehmen, daß es nur mein Aussehen ist, das ein selbst als Gespenst erscheinendes Wesen dazu bringt, alle Türen wie aus einem natürlichen Affekt heraus zu verriegeln.

Daher kann ich in der Erklärung vom allzu Naheliegendem als dem bloßen Augenschein von einer völlig anderen Theorie ausgehen. Sehr wahrscheinlich ist, daß ich halb entmaterialisiert war, sozusagen durchscheinend. Das kann dann freilich zu den panikartigen Aufschreien geführt haben. Der Großteil der Menschheit, der kaum etwas vom Finanzwesen versteht, ist immer noch nicht genügend auf solche Entmaterialisierungserscheinungen vorbereitet und erschrickt, wenn alles mögliche vor seinen Augen verschwindet.

Andererseits werden geistige Anstrengungen bereits zur Genüge ausprobiert, um uns vom Los der derben Materialität zu befreien. Eines Tages, davon bin ich heute morgen schon fest überzeugt, werden wir selbst als Geistwesen und als bloße für uns wichtige Information durch völlig unvorstellbare Welten schweben und sie besiedeln. Mir ist erklärt worden, wie das funktionieren könnte: durch »Schütteln«! Schütteln befreit die für einen notwendige Information. Man schüttle nur jemanden mal richtig, und er wird ausspucken, was man hören will! Schütteln in Verbindung mit »Potenzieren« ist der wahre Informationsgeber; zu beachten ist, daß Potenzieren nicht Verstärken sondern Verdünnen meint. Durch extremes Verdünnen kommt das Geistige zum Vorschein. Das klingt manchem vielleicht nach Homöopathie, ist aber Eigenbau; das ist mein geschütteltes Extrakt aus dem Erklärungsfundus von Freunden, die sich nicht von sondern durch Homöopathie heilen lassen. Das ist Wissen aus erster Hand und nicht gebrochen durch langwierige Lehr- und Erklärungsnotstandsbücher. Mir erschien die Verstärkung durch Ausdünnung unlogisch, doch gerade das ist es, wo ich gesagt bekomme: Logik ist einfach nicht alles! Das kann ich abnicken. Meinem Bauchgefühl, daß es sich um Blödsinn handelt, darf ich auch nicht trauen (da ich mit keinem nennenswerten Bauch bereift bin). Ich sage mir, der lebende Beweis, daß es mehr Dinge gibt als man mit dem Verstand fassen kann, umgibt mich täglich. Man lernt es mit der Zeit: Die allgemeine Glaubwürdigkeit von Argumentation nimmt zu je weiter sie sich von Logik entfernt.

Die Technik des Schüttelns und Verdünnens haben unsere sogenannten »Massenmedien« schon vor langem aufgegriffen und verwerten sie täglich um uns am Ende eines jeden Tages mit einem gerüttelten Maß an geschüttelter Information in einen belämmerten Traum zu versenken, der mit den Abendnachrichten beginnt und mit dem Morgenmagazin nicht beendet wird. –

Das schrieb sich jetzt wie von selbst hin! Ich muß nicht erst zu einem Stammtisch gehen, um aus Urteilen gängige Vorurteile zu ziehen und zu verbreiten; einer meiner Stammplätze ist vor der Tastatur. Ich bringe dieses kleine bißchen Selbstkritik hier an – denn erstens steht sie einem gut und zweitens fühle ich mich getroffen, wenn ich wieder einmal in einem Artikel über einen Vortrag lese: „… und selbstverständlich durfte die Presseschelte nicht fehlen.“ Die Presseschelte, das ganz und gar Abgedroschene. Jeder hackt auf der Presse herum, kaum einem macht sie es recht, bis auf ein paar Ausgewählten. Auswahl ist frei von Tendenz oder Vorliebe und erfolgt nach einem strikten Rechte- und Pflichtenkatalog; das macht jeder so, deshalb braucht man auch niemanden daran zu erinnern. Außerdem gilt: Wenn jemand die Presse schilt, dann glaubt er, daß Nachrichten „tendenziös“ ausgewählt und beackert werden, vor allem Nachrichten über ihn selbst.

An meinem Stammtisch fehlt die Presseschelte auch nicht, geht aber auch nicht fehl – darauf insistiere ich! Wenn ich bedenke wie viel Anstrengung notwendig ist, damit ich aus dem Sommerloch herauskomme, in das mich Zeitungen und Magazine mit vielen Fakten und Fakten aber auch nackten Tatsachen gelockt haben, dann muß ein Teil der Schande, die ich über mich empfinde, als Beschimpfung wieder zurückgegeben werden. Ich könnte mich auch schütteln, doch werde mich hüten, da ich nun weiß, daß Schütteln und Verdünnen die Wirkung nur verstärken.

Wenn ich aus dem Sommerloch wieder herausgekrabbelt bin, muß ich mich erst mühsam wieder umsehen, um zu erkennen, wo ich gerade stehe. Nur vielleicht 100 Schritte begleiteten mich die Aufschreie und das Türenverriegeln, materialisierten mich kurzzeitig, aber schon bogen meine Gedanken wieder an einer Verzweigung ab, ohne daß es mir groß auffiel. Das simple Hiersein ist kompliziert!

„Das ist eben so“, sagt zu mir oft einer von den Gerharden, die ich kenne und schätze, wenn ich etwas feststelle, was meinem Alter gemäß, zum Beispiel mit dem pauschal geäußerten Nichtverstehen von zeitgemäßen jugendlichen Verhaltensritualen zu tun hat. Bei Gedankengängen gilt das auch; die sind so – so wie sie sind. Da denke ich einen Satz nach dem anderen, erinnere nur das, was ich im Moment formuliere, und meine, es gehe immer geradeaus. Will ich mal zurückblicken, sehe ich in eine dunkle Röhre und muß mühsam zurückrobben, wenn ich verstehen will, wie ich an den Ort gekommen bin, an dem ich nun mal stehe. Bei Gedankengängen gibt’s keinen Ausblick, einen Überblick schon gar nicht. Den Gedankengängen hab ich mich verschrieben, aber sie niederzuschreiben ist nicht so leicht wie ich mir‘s wünsche. Vorm Schreiben lege ich eine kleine Route fest, auf der Sätze liegen, die ich bearbeiten und beackern will. Am Ende sind die Sätze nirgendwo aufgetaucht, stehen immer noch unterhalb des geschriebenen Textes, zusammen mit neuen Fragmenten, unkorrigierten Absätzen, Tippfehlern und Gedankensprüngen im Dreieck. Sie fügen sich nirgends ein, führen nirgendwo hin, dabei wollte ich über so vieles nur ganz Weniges sagen: Nichts habe ich geschrieben über:
Wissenswertes über das Schwein der Teiche
Spannende Duelle in den Altersklassen
Inselhüpfen mit dem Fahrrad
Schlappjagd bei Bilderbuchkulisse
Einer knackt die 3 Stunden
Gespür für Rassismus
Präsident aus der Lostrommell
Weiß-grüne Wutmeile aus Ärzten und Schwestern
Mord an der falschen Frau & Mann begräbt falsche Ehefrau
Suche nach Augenhöhe
Fastenbrechen in der Wärmestube
Immer mehr Väter in der Auszeit

Nichts habe ich geschrieben über
Hitlergruß als Teenager – Tibet als Prüfstein – Mehr Wind als Wirkung – Stadion als Lockvogel – Ein Tor als Folge logischen Denkens – Wir als Christen – Heim als Burg
Über: Heizen mit Weizen? – Essen gegen Falten – Stille ohne Einfluß – Schnee statt Schlemmen
Über: Europa zum Anfassen – Hunger, Armut und Prügel – Jammern gilt nicht
Und: Herzen laufen über
Das alles hängt mit der Bedrohung aus der Dose zusammen: Der Leser hat das Wort.

Schreiben werde ich demnächst über: Frauen hängen an der Zigarette. Ich habe das noch nie gesehen, aber manchmal beim Morgenspazier kann ich es so sehen.

Zum Abschluß bleibt mir noch eine einzige Frage, ich weiß nicht wohin ich sie stellen soll außer ans Ende:
Reizt Wortbotschaft die Eierzerstörer?

19. Juni 2009

Unterm Frischgeldregen

Jeden Tag kann man mit jedem Wetter rechnen, es scheint die Sonne, es ist windig und es regnet. Neulich als ein Platzregen mich beim Schlendern übergoß, erinnerte ich mich an Die Regierung, die im Herbst vergangenen Jahres viel von Schirmen, die sie aufspannen möchte, verlauten ließ. Ich war schon nach ein paar Sekunden völlig durchnäßt. Das macht aber meiner Natur wenig aus, einem gnadenvollen Optimisten ist es Gewißheit, daß auf Regen Sonnenschein folgt und ihn der heftige Wind, der an keinem Tag ausbleibt, bald wieder getrocknet haben wird. Ist das Gewitter vorüber, sage ich stets: es war reinigend!

So geschieht es auch im Paralleluniversum der Finanzwelt. Wirtschafts-Experten nennen die Krise auf dem Finanzmarkt ein reinigendes Gewitter, das längst überfällig war. Während auf unserer Erde die frische Luft wie von nirgendwo nachgeschoben kommt und einfach da zu sein scheint, noch, ist es in der Finanzwelt anders, sie fordert dringend benötigtes »Frischgeld«, das ihr mit Finanzspritzen injiziert werden soll. Wer im Internet nach einer Erklärung für das Wort „Frischgeld“ sucht, die nicht naheliegend ist (zumindest mir), daß es aus Geld-Wasch-Anlagen kommt oder aus Steuerparadiesen fließt, wird enttäuscht sein: es scheint dem umgangssprachlichen Wortschatz der Finanzwelt zu entstammen, und scheint nichts anderes zu bedeuten als „Mehr mehr mehr!“ Frischgeld steht verbrauchtem Geld gegenüber wie Frischluft abgestandener Luft.

Eine Finanzspritze, die Frischgeld auf den Markt brachte, oder war‘s nur unser aller Geld, durch unsere Hände schmierig geworden, als Schmier- und Verschleißgeld benutzt, war die Abwrackprämie. Ich habe auch mit dem Gedanken gespielt, die Wirtschaft damit anzukurbeln. Ein Freund erklärte mir, daß der Staat mit dem Verzicht auf 2500 Euro Steuergeld nicht alleine nur die notwendige Ankurbelung des für den Staat wichtigen Autokaufs vorantreiben werde, sondern darüber hinaus mit jeder Prämie sogar noch verdienen würde, (indem das Geld ja wieder zurückflösse durch Kauf>Steuer). Diesen komplexen Sachverhalt hatte ihm ein Autohändler erklärt, und ich, dem das nur zu 23% richtig erschien, meinte, man brauche also nur Geld auszugeben und schon käme es vermehrt zurück? Ja, war die erhellende Antwort, so könne der Staat das mit allem machen (siehe zum Beispiel mit Agrarsubvention für Südzucker?). So verbreitet sich alles was man über die Marktwirtschaft zu wissen braucht unter Konsumenten – ich gebe es hiermit weiter.

Ich nahm die Prämie nicht in Anspruch und bleibe bei meiner 20 Jahre alten Gurke (Gefährt). Beim Herumschauen nach geeigneten Gurken (Neuautos) stellte sich heraus, daß meine alte „umwelttechnisch“ nicht schädlicher wie eine neue ist. Was hat unsere »Schlüsselindustrie« (nein, die Autoindustrie) in den letzten 20 Jahren außer Autos, wie ein Bericht sagt, um 46% zu verteuern, in dieser Hinsicht geleistet? Darüber hinaus schien es mir auch mit 2500 Euro Zuschuß völlig unangebracht für ein modernes Goggomobil (Kleinstwagen) immer noch 8000 Euro (15.500 DM) hinblättern zu müssen. Wenn ich in solchen Fällen, wenn mir etwas unnötig teuer erscheint, in DM umrechne, bekomme ich zur Antwort, das dürfe man nicht mehr machen! Nicht daß man es nicht könne: man dürfe nicht. Hier paart sich Political Correctness mit Self-Restriction – die ideale Kombination im Grunde für jeden, der etwas sagen will.

Ich blieb dann auch brav, beließ das Geld beim Staat, der dadurch weniger Einnahmen hat, nicht nur weil ich noch niemals Geld für ein Neuauto ausgegeben habe und es hinfort auch nicht tun werde, sondern weil ich es auch gar nicht habe.

Ich möchte hier auf einen weiteren Mißstand hinweisen, auf den Horst Köhler, nicht mein Nachbar sondern der Mann, dem sein Amt so gut steht wie unserem Benedikt das seine: man sieht beide lächelnd durch Film- und Fotoserien marschieren, als durchlebten sie gerade die glücklichste Phase des Menschsein, die in der man alle umarmen darf, aus Gnade, aus Einsicht und aus neu gewonnener Güte. Horst Köhler sagte:

Ich finde es nicht gut, dass viele inzwischen durch die Möglichkeiten des Internets einen Anspruch auf kostenlose Nutzung künstlerischer und geistiger Produktion zu haben glauben. Das ist eine Art geistiger Ausbeutung oder gar Enteignung.“ ***

Ich habe dieses Zitat unterstrichen, weil ich diesen Sachverhalt unterstreichen möchte. Schreiben ist keine leichte Arbeit, leider, ich wollte, es ginge mir leichter, das heißt schneller von der Hand; und ich schreibe hier völlig umsonst! – Doch wenn in diesen Zeilen jemand einen kreativen Gedanken findet und für sich daraus irgendeine Art von Gewinn und/oder Vergnügen zieht (und sei er auch noch sooo klein), dann bitte ich sie/ihn, mir etwas dafür zukommen zu lassen (ein paar aufmunternde Worte oder eine kleine Finanzspritze).

Patschnaß geworden dachte auch auf dem Nachhauseweg über meine Abneigung gegen Schirme nach. Regenschirme mißtraue ich, besonders wenn sie von anderen unruhig in der Nähe meines Kopfes gehalten werden. Immerzu habe ich Angst, daß mir einer dieser hervorstehenden Kiele in einem unachtsamen Moment in ein Auge sticht. Das kann ich, ich als Maler, bzw. mich noch bildender Künstler noch weniger hinnehmen als einer, der nur persönlich und nicht auch noch beruflich auf sein unbeschädigtes Augenlicht angewiesen ist. Geht jemand mit einem Schirm neben mir, so biete ich mich tatsächlich nur zum Schein aus Höflichkeit an, ihn zu tragen.

Nur in Begleitung findet man mich unter einem Schirm. Das ist nicht anders mit dem Schirm, den Die Regierung letztes Jahr aufspannte. Darunter herrschte bald ein großes Gedränge; viele wollten dabei sein, besonders aber beanspruchten Sprecher der Schlüsselindustrie einen Platz für ihresgleichen.
Welche Art von Schirm war es denn, der so viele herbergen sollte? Zuerst war‘s ein Schutzschirm, später, als es brisanter wurde, ein Rettungsschirm. Unter dem Schutzschirm stellte ich mir ein immer größer werdendes Zelt vor, das in einem Industriepark aufgestellt worden war, während strömenden Regens. Als der Rettungsschirm aktueller geworden war, hieß es, daß darunter eine einzige große Bank sein sollte. Freilich wird das den Rettungsschirm noch schneller nach unten ziehen, dachte ich damals, als Bilder-Experte.

Noch bevor von Schirmen die Rede war, war Die Regierung eifrig am Pakete schnüren – wer erinnert sich daran noch? Wenn die Schutzschirme abgewrackt sein werden und die von den gegenwärtig ohne Scheu angekündigten »Entlastungen« befreiten Wege wieder verstopft, empfiehlt es sich erneut Rettungspakete zu schnüren, und sie am schnellsten über geöffnete Rachen zu entsorgen. Die Biester, die noch in den Fässern ohne Boden hausen, brauchen Nahrung; keine Jungfrauen sondern Frischgeld.

Wie ist das Wetter? Auch heute sieht‘s nach Regen aus. Gerade wenn‘s viel regnet, frage ich mich: Können Fässer ohne Boden überlaufen? Und wenn ja, was heißt das? Darüber werde ich beim nächsten Platzregen nachdenken.

*** Hier ist das Original, und noch ein Original, und ein weiteres. Wer mehr über Original und Kopie erfahren will, kann hier sein Vergnügen finden.

31. Mai 2009

Keine Grundrechte bitte

Ich habe ein Interview aus einem Film abgetippt und weiß nun nicht, ob ich das alles zitieren darf, wer ein Copyright auf den gesprochenen Bandsalat hat und warum der Inhalt noch immer keiner Zensur unterliegt. Wer nur Mist redet, darf das für sich behalten, erst wer Mist macht, ist der wahre Handelnde, das Vorbild für Verehrer von Gestaltern der Zukunft, und gehört der Allgemeinheit vorgeworfen. In diesem schnell hingeschriebenen Sinne füge ich etwas Perverses in meinen harmlosen Spaßblog ein. Da es sich beim Inhalt um etwas durch und durch Pervertiertes handelt, erwarte ich Zensur und ein Stop-Schildchen.

Das Perverse habe ich aus dem Film »We feed the World« abgetippt, den man öfters sehen sollte, zumindest aber zweimal, denn sonst überhört man die letzten Worte, die „ein Verantwortlicher der Nestlé-Gruppe“ der Menschheit ankündigt. Wie dieser Mann heißt, spielt keine große Rolle; es ist nicht die Person, die spricht, sondern die Position. Der Mann ist ein Strohmann, aber keiner, der vor Hintermännern steht, sondern einer, der ins Feuer läuft, und den Zuschauern sein Verbrennen für Leben verkauft. Dabei ist sein Geschäft andern das Wasser abzugraben:

… Also Wasser ist natürlich das wichtigste Rohmaterial, das wir heute noch auf der Welt haben. Es geht darum, ob wir die normale Wasserversorgung der Bevölkerung äh, privatisieren oder nicht. Und da gibt es zwei verschiedene äh Anschauungen. Die eine Anschauung, extrem würde ich sagen, wird von einigen, von den NGOs [Non-Governmental Organization] vertreten, die darauf pochen, daß Wasser zu einem, ähähm öffentlichen Recht erklärt wird. Das heißt als Mensch sollten sie einfach Recht haben Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung, na, und die andere, die sagt: Wasser ist ein Lebensmittel. So wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben. Ich persönlich glaube, es ist besser, man gibt einem Lebensmittel einen Wert, so daß wir alle bewußt sind, daß das etwas kostet und dann anschließend versucht [wird], daß man mehr spezifisch für diesen Teil der Bevölkerung, der keinen Zugang zu diesem Wasser hat, daß man dann dort etwas spezifischer eingreift, und da gibt’s ja verschiedene Möglichkeiten, also.

Natürlich sollte nicht unerwähnt bleiben, wie der Mann mit Namen heißt, man täte seiner Stellung unrecht: Peter Brabeck. Ich halte mich an ein paar Zeilen die Bert Brecht in seiner Kriegsfibel schreibt:

… Doch auch das Schicksal, Frau, beschuldige nicht,
die dunklen Mächte, Frau, die dich da schinden,
sie haben Name, Anschrift und Gesicht.

Man sollte gesprochene Worte nicht überbewerten, dennoch möchte ich auf jedes „Äh“ und den kleinen Versprecher („herausgezahlt“ statt „herausgezeigt“) hinweisen. Ein Äh ist in der Rede ein Innehalten, eine kleine Korrektur fast wie Räuspern, ein Gedankenstrich und gleichzeitig eine Umleitung auf der Suche nach dem richtigen Pfad auf dem Worte liegen, die das Gewünschte möglichst neutral nahe bringen sollen. Es fehlen auch Herrn Brabeck die Worte für einen kurzen Moment für etwas, wovor man durchaus sprachlos stehen kann.
Zum Thema Arbeit fürs Humankapital und soziale Verantwortung, sagt der Verantwortliche:

Ich bin immer noch der Meinung, daß die größte soziale Verantwortung jeglichen Geschäftsführers darin besteht, daß er die Zukunft, die erfolgreiche profitable Zukunft seines Unternehmens festhält und daß er die sicherstellt, denn nur wenn wir langfristig weiter bestehen können, sind wir auch in der Lage in der Lösung von den Problemen, die’s ja auf der Welt gibt, aktiv teilzunehmen. Wir sind in der Lage zunächst einmal selbst Arbeit zu schaffen, 275.000 hier, 1,2 Millionen im Prinzip direkt von uns abhängig direkt von uns abhängig und das macht ungefähr 1,5 Millionen Personen, weil hinter jedem Angestellten noch einmal drei Leute dahinter [stehen], also mindestens 4,5 Millionen Personen, die direkt von uns abhängig sind, 4,5 Millionen Personen, die direkt von uns abhängig sind. Wenn sie Arbeit schaffen wollen, dann müssen sie arbeiten und nicht so wie’s in der Vergangenheit gewesen ist, daß man die bestehende Arbeit verteilt. Wenn sie sich erinnern, das Hauptargument des äh äh der 35-Stunden Woche war, daß es nur eine gewisse Arbeit gibt und es ist besser, wir arbeiten weniger und verteilen dann die Arbeit an mehr. Das hat sich ganz klar herausgezahlt, äh herausgezeigt, daß das absolut falsch ist. Wenn sie mehr Arbeit schaffen wollen, müssen sie mehr arbeiten. Dazu müssen wir ein positiveres Weltbild schaffen für die Menschen …
Die Japaner – Ich meine wie (?) modern diese Fabriken sind, hoch robotisiert, fast keine Leute.

Hier endet der Film. Peter Brabeck steht alleine vor einer Wand aus Monitoren und betrachtet seine Zukunftsvision der Arbeit für niemanden. Fast ist er zu bedauern; wie einsam diese Seele vor dem nichts steht, an das sie glaubt.

28. April 2009

Zwei Null

Der Fortschritt ist eine Bewegung nach vorne. Auf seinem Weg ist er unaufhaltsam und unbeirrbar. Der Weg ist allerdings kein bestimmter, weder darauf noch am Rand liegt etwas, der Fortschritt bastelt sich seine Umgebung selbst. Das unterscheidet seinen Weg von unserem, dem Lebensweg. Der will manchem vorgezeichnet erscheinen, vorausgeleuchtet von Sternen, von karmischen Verknotungen verwirrt oder von Gott verleitet. Man braucht, sagt gängige Lebensweisheit, ihn nur zu finden, dann kommen die Dinge, die einem begegnen sollen sozusagen entgegen. Dem Fortschritt begegnet nichts – was sich ihm entgegen stellt, das übergeht er, und blickt er einmal zurück, dann nur mit Spott: ein paar Schritte hinter ihm war nichts weiter als Steinzeit. Man könnte fast meinen, sie folgt ihm auf dem Fuß.

Im Kleinen hält mich der Fortschritt am Computer mit Software-Updates auf Trab. Bei mancher Software, mit der ich arbeite, warte ich auf den nächsten Schritt, die nächste Version; bringt doch jede Version eine Verbesserung meines »Work flow«, »Bugs« wurden »gefixt« und Fehler, die ich nie bemerkte, sind nun ausgemerzt. Wie genau es Software-Entwickler mit Fehlerbehebung nehmen können, lese ich aus der Version des Flash-Players, (das ist die Software, mit der man die überflüssigen Flash-Animationen [deshalb steht darunter auch oft: „Intro überspringen, hier klicken“] betrachten kann): 10.0.2.22.87. Wer seine Arbeit ordentlich macht, der muß zugeben: irgendwann hat jede Arbeit eine derartige Nummer, nur: veröffentlicht wird sie nicht. Da aber Software ein öffentliches Projekt ist und der Entwickler ohne die Mitarbeit des Benutzers gar nicht weiterentwickeln könnte, haben wir alle Teil an einem nie endenden „work in progress“. Das ist schon beinahe der Fortschritt selbst.

Die Zeit, darauf hat sich die Menschheit geeinigt, läuft ausschließlich vorwärts (wobei es mit fortlaufender Erkenntnis und Spekulation auch sehr fortgeschrittene Voraus- und Nachdenker gibt, die an dieser gemeinsamen Basis für unser Handeln und Denken kaum etwas Wahres mehr lassen wollen). Die Zeit läuft vorwärts, die Stunden, die wir darin verbringen, sind von 0 bis 23 nummeriert. Die Nummern bestimmen in der Folge unsere vielzähligen Rhythmen, vor allem den Arbeitsrhythmus, der für den Erwerb von Geld bestimmt ist. Um in der Zeit keine Zeit zu verlieren, haben Fremdarbeitserfinder die Stechuhr ausklügeln lassen, mit der sie die Zeit, die sie für sich von anderen in Anspruch nehmen, aus deren Leben ausstechen können.

Mir wird die Zeit nicht ausgestochen, doch bemerke ich mit zunehmendem Alter, daß sie schneller verrinnt, beziehungsweise: sie läuft mir davon. Ein Phänomen, das zeitlose Rentner an sich beobachten und solche, die schon ans Ende (des Arbeitslebens) denken.

Wurde noch vor ein paar Jahren nichts weiter nummeriert als Produkte, so kann man nun vermehrt beobachten, daß auch abstrakte, gerade deshalb weniger wesentliche Begriffe des Lebens mit Nummern versehen werden. Begonnen hat es mit »Web 2.0«. Ich rätselte lange herum, was es sei – habe es auch so genau noch nicht begriffen – da tauchen nun immer mehr auf. Meistens folgt die Nummer dem Web 2.0, von dort, der Kommjuniti die‘s ins Leben rief: Medizin 2.0Musizieren 2.0Deutschland braucht die Umweltprämie 2.0, oder: Das Unternehmen Adoption 2.0 ist gescheitert. Im Greenpeace-Magazin las ich einen Artikel über Flüchtlingshilfe 2.0.

2.0 ist die Zahl der Öffnung von der Singularität hin zum Du. Begann es ursprünglich als Miteinander, als „Kommunikation“, kehrt sich das allmählich um zum Gegeneinander – zu viel Kommunikation, wie der Angstneurotiker empfindet. Deshalb kann man auch oft von Schäuble 2.0 lesen. Schäuble 1.0 (die Person) kann als bekanntester Verfechter von Verdacht 2.0 gelten: alles und jeder ist verdächtig, da alles jedes mit allem verbunden ist – das ist ein Allgemeinplatz. Bitter trifft das philosophische Jünger, die einmal gelernt haben: Alles ist eins. Schön ist sie nicht, die Weisheit 2.0.

Mit Schäuble und von der Leyen undundund ist der Staat 1.0 in Bearbeitung und kommt aus dem Wolf als 2.0 heraus; er wird uns vor uns beschützen. Architekten denken schon weiter; irgendwo las ich von der besonders interaktiven Stadt 4.0 – das könnte eine Stadt sein ganz ohne Mauern, ohne Vorhänge, ohne unnötige Privatheit, ein großer öffentlicher Allgemeinplatz, an dem keiner mehr etwas vorm anderen verbergen muß, weil, naja, jeder weiß ja vom andern was er so treibt.

Jeder Bürger wird über kurz oder lang »open source« sein. Politiker und Lobbyisten setzen »open access« zu allen Geldbeuteln durch und übertragen das gleich auf das Innere ihrer Untergebenen, mit denen man keinen Staat mehr machen kann. Demokratie 2.0 wird ohne Vergleich sein. Utopisten bauen schon mal am Web 3.0. Realisten setzen erst mal Wirklichkeit 2.0 um. Schaue ich nach vorne, habe ich das Gefühl – rückblickend – hier in der Steinzeit zu sitzen. Ich klopfe an die Türe meiner Hütte und schreie: „Wiiiiilmaa!“

Die gute alte Zeit, sie hat mich ausgesperrt! Kein Weg zurück an den warmen heimeligen Herd. Aber noch bin ich ja glücklich in der Steinzeit. Morgen schon führt das Web 2.0 sehr leicht, unversehens und geräuschlos in die geschlossene Anstalt:

Die Telekom gab am Wochenende bekannt, dass die Entwicklung eines vollautomatischen Verfahrens zum Sperren von Zugriffen auf Seiten aus der BKA-Liste ein halbes Jahr dauern soll. Eine einfache DNS-Sperre kann damit wohl kaum gemeint sein. Gleichzeitig fordern Politiker, dass die Zugriffe auf Seiten aus der Zensurliste »in Echtzeit« protokolliert werden sollen. Es scheint klar, dass die Zugreifenden dann sofort als Straftatverdächtige zu behandeln sind — gleichgültig, ob sie das Ziel des Links überhaupt kannten und ob sie über das Verbot der Seite informiert waren. (Zitat aus Bissige Liberale ohne Gnade >> zum Lesen empfohlen). Für die Verspielten ein gutes Lego-Video zum Thema Internetsperren und wie sie funktionieren.

1. April 2009

Schärz

Ein Erster April kann vorübergehen ohne daß man auf die Besonderheit dieses Datums aufmerksam geworden ist. Heute sagt niemand mehr zu mir: „Schau mal zum Fenster raus, dort fliegt eine blaue Kuh.“ Blaue Kühe sind Wirklichkeit geworden. Mancher sehr Jugendliche hält laut einer Studie (wahrscheinlich war‘s nur eine Umfrage in der Familie) die „Milka-Kuh“ für einen naturgegebenen, Schokolade produzierenden Almbewohner. Möglich, daß ich das am 1. April gehört oder gelesen habe, möglich, daß die befragten Jugendlichen jeden Tag für den 1. April halten und unwillig sind, vernünftige Auskünfte über ihren Wissenstand zu erteilen und allen weiteren Pisa-Studien-Studierenden eine Nase drehen.

Hätte ich heute nicht wieder einmal die Zeitung duchgeblättert oder wäre nicht online gewesen, dann hätte sich der Tag, den man als den Tag des freiwilligen Humors bezeichnen darf, ganz ohne Witz blaß und bleich einfach aus meinem Leben verabschiedet.

Natürlich muß man die lustigen Nachrichten suchen, auf Seite Eins werden sie nicht plaziert; es sind keine gewöhnlichen Nachrichten, wie zum Beispiel: »Krise schlägt durch«, oder: »Inflation frißt Lohn-Plus auf«. Es sind elaborierte Werke, die mit dem verschmitztem Humor des hart Arbeitenden geschrieben und ausgedacht wurden; sie sind lange geplant und werden endlich losgelassen, wenn das Tagesgeschäft es einmal im Jahr offiziell erlaubt. Man merkt ihnen die Arbeit ein bißchen an, auch den Spaß. Der 1. April ist ein Tag der Arbeit für den Humorarbeiter. Kabarettisten und Satiriker nehmen sich frei. Geschriebene Aprilscherze sollen uns nicht zum Lachen bringen, sondern uns hinters Licht führen. Hinterm Licht wiederum kann nicht viel sein, wenn man, wie die Zukunft uns in Aussicht gestellt wird, nur noch auf das Licht am Ende des Tunnels hoffen kann.

Aprilscherz-Höhepunkte finden sich nicht dort, wo sie mutwillig produziert werden; die Alltagslektüre bietet dem, der an diesem Tag gerade einmal nicht lachen will, mehr Auswahl. Man stolpert vielleicht über manches Bein, das einem eine ausgelegte Zeitungsente gestellt hat, und watschelt dann ausgelacht und mit Humor betröpfelt nach Hause in den Keller. Die Fr-online bringt anstelle selbst geleisteter Humorarbeit als »Top-News Aprilscherze« neben einer kleinen Internet-Witz-Auswahl auch einen kurzen Hintergrund-Artikel über die Herkunft des Aprilscherzes. Was die Humorforschung zum Aprilscherz sagt, weiß ich nicht, aber daß es sie gibt wird mir immer wieder gewiß durch »Spiegel-online«; dort las ich von dem »Lachexperten Provine«, er habe über 4000 Kontaktanzeigen analysiert und irgendetwas herausgefunden. Auch Mediziner, hieß es, nähmen die Heilkraft des Humors inzwischen ernst. Inzwischen – das heißt, andere täten das längst. Doch wer? Humor ist eine feinstoffliche Materie, die erst in der völligen Ausdünnung, geschüttelt und potenziert, ihre große Wirkung entfaltet. Nicht jeder weiß das. Programmacher (Progra-mmmh-acher) gestalten mit diesem Innseiderwissen Stunden über Stunden kostbarster deutschsprachiger Unterhaltung, ganz im Sinne des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags, in dem die Erreichung des gesunden Schlafs oder zumindest das Ereichen des einem Schlafe ähnlichen Dämmerzustandes der Zuschauer einer der wenigen festgeschriebenen Arbeitsziele ist.

Da ich persönlich nur ungerne lache, und meißtens, wenn es geschieht überhaupt nicht freiwillig, habe ich einen Teil meiner Freizeit (nicht dem Fernsehen sondern) der Humorforschung gewidmet (auch eine Art fern sehen). Meine Hoffnung ist, daß mir eine Rendite zuteil werde. (Man muß es mit dem Humor machen wie mit einer Aktie: Erst wenn ich den Humor wie eine Zitrone ausgepreßt haben werde, werde ich von ihm lassen. Ein Anlagenberater lehrte mich gestern diesen Verhaltenskodex der Erfolgreichen in einem Interview auf einem der extra für Geldgeschäfte eingerichteten TV-Sender: “Die Aktie haben wir nun ausgepresst wie eine Zitrone, jetzt können wir sie fallen lassen.”) Eines Tages möchte ich mich vor Lachen so schütteln können, bis das »Feinstoffliche« in mir seine reinste gereinigteste Wirkung entfalten kann und ich nicht nur über Witze lachen muß, sondern über das ganze Leben! Womit ich nicht sagen will, das Leben sei ein Witz. Ich will nicht die Gefühle der wirklich Lebenden verletzen.
Ich habe einmal von einem göttlichen Lachen gehört – und das will ich nicht weiter beschreiben: es muß unbeschreiblich sein.