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12. Januar 2009

Befrager antworten mit Premium-Komfort

Eine unbedeutende An-den-Rand-Geschrieben-Notiz machte mir am Wochenende erneut mein verkümmertes Gefühlsleben deutlich. Einer eingängigen Studie zufolge soll es Menschen geben, die 20 Jahre lang dauernde Euphorie empfinden können. Nehmen sie zu viel Ecstasy oder leide ich an Bua- oder Boa-Lecithin-Mangel, ist in meiner Waschseife zu wenig Ringelblumen-Extrakt, schwimmen in meinem Mittagssüppchen zu geringe Spuren an wertvollen Spurenelementen? Ist meine Aufnahme an wertlosen Mineralien und Ballaststoffen zu groß oder zu klein? Selbst die tägliche Prise in alles vermengte Geschmacksverstärker bringt mich nicht in Hochstimmung.

Mauerfall: Euphorie weg hieß die Überschrift. Wenn Mauern fallen, können Leute begeistert sein, kann ich mir vorstellen; innere Mauern soll man erst gar nicht haben, sie sind für den freien Menschen eine Schande, und deshalb werden Mauern immer wieder fallen. Also kein Wunder, daß die Euphorie über gefallene Mauern irgendwann mal wieder weicht. Es kommt ohnehin sehr darauf an, wo man gerade sitzt, wenn die Mauer fällt.

Thema der Meldung war aber kein Mauerfall sondern die »Wiedervereinigung«. Weitgehend verflogen sei die Euphorie über die »Wiedervereinigung«, sagte der Chef eines »Forsa« benannten Instituts. Daß Vereinigung Ekstase erzeugt, sollte noch nicht jedes Kind wissen, daß Wiedervereinigung mit großer Euphorie verbunden ist, sehe ich oft unten am Bahnsteig. Von einer Wiedervereinigung, die vor 20 Jahren einmalig stattgefunden hat, hätte ich keinerlei Rest-Euphorie mehr erwartet. Es überrascht mich daher, daß sie nur “weitgehend” verflogen sei. Unter »1000 Befragten« gibt es also welche, die immer noch euphorisiert sind. Oder Euphorie glimmt in jedem Einzelnen der 1000 noch leise unter grauer Asche dahin.

Wer sind diese »1000 Befragten«, die, wenn Meinungsforscher in der Zeitung ihre Umfragen bekannt geben, so oft zitiert werden? Eine Clique von Eingeweihten, Besserwissern oder Chirurgen & Fädenziehern?

Mitnichten. Was ein »Befragter« ist, weiß ich beinahe selbst aus eigener sehr enttäuschter Erfahrung. Eine junge Dame sprach mich einmal auf offener Straße an und wollte mich in die Räume eines Befragungsinstituts verführen. Leider ließ ich es nicht geschehen – daher rührt meine Enttäuschung. Dennoch weiß ich, daß auch unter berufenen »Befragten« nach der Befragung ein wenig Enttäuschung herrscht. Vom Gefühl des Erwähltseins werden sie stufenweise wieder hinabgeführt auf die Straße, zurück ins anonyme und graue Konsumentendasein, aus dem sie noch soeben hervorgehoben zu sein glaubten. Die Auserwähltheit erfolgt nämlich nach Hautfarbe: grau muß sie sein, sonst wird niemand hinaufgeleitet in Institutsbüros oder antelefoniert von Customer Care Centers (Centern?).

Was geht dort vor sich? Zunächst einmal tritt ein Fragensteller an ein Institut heran mit dem Auftrag etwas über irgend etwas herauszufinden. Das Institut hat Befrager befristet angestellt, die sich nun an die »1000 Befragten« heranmachen müssen. Haben sie sie gefunden, stellen sie ihnen eine sorgfältig ausklamüserte Reihe an Fragen, einen Fragenkatalog, samt passender Mehrfach-Antworten-möglich/unmöglich zur Abhakung bereit. Anschließend ist das Institut in komplizierter Prozedur, in der gewiß auch komplizierte, institutseigene “Algorithmen” verwendet werden, mit der Auswertung von Tabellen beschäftigt und präsentiert in bunten PowerPoint-Grafiken dem Auftraggeber ein beeindruckendes Resultat, welches Redakteure, gewohnt als Geschmacksverstärker arbeiten zu müssen, ungebührlich verkürzen: Mauer gefallen, 20 Jahre vergangen, Euphorie weg. Umfrage vergessen. Artikel zu Ende.

Wo bleibt der Premium-Komfort, den mein Titel verspricht? Der liegt im Bad. Wenn ich mir nach getaner Institutsverunglimpfungsarbeit die Hände wasche, dann nur mit rückfettender Ringelblumen-Seife. Das sorgt für Stimmung auf meiner Haut. »Dermatologisch bestätigt« hat das ein Institut. Steht auf dem Verpackungsaufdruck.