1. April 2009

Schärz

Ein Erster April kann vorübergehen ohne daß man auf die Besonderheit dieses Datums aufmerksam geworden ist. Heute sagt niemand mehr zu mir: „Schau mal zum Fenster raus, dort fliegt eine blaue Kuh.“ Blaue Kühe sind Wirklichkeit geworden. Mancher sehr Jugendliche hält laut einer Studie (wahrscheinlich war‘s nur eine Umfrage in der Familie) die „Milka-Kuh“ für einen naturgegebenen, Schokolade produzierenden Almbewohner. Möglich, daß ich das am 1. April gehört oder gelesen habe, möglich, daß die befragten Jugendlichen jeden Tag für den 1. April halten und unwillig sind, vernünftige Auskünfte über ihren Wissenstand zu erteilen und allen weiteren Pisa-Studien-Studierenden eine Nase drehen.

Hätte ich heute nicht wieder einmal die Zeitung duchgeblättert oder wäre nicht online gewesen, dann hätte sich der Tag, den man als den Tag des freiwilligen Humors bezeichnen darf, ganz ohne Witz blaß und bleich einfach aus meinem Leben verabschiedet.

Natürlich muß man die lustigen Nachrichten suchen, auf Seite Eins werden sie nicht plaziert; es sind keine gewöhnlichen Nachrichten, wie zum Beispiel: »Krise schlägt durch«, oder: »Inflation frißt Lohn-Plus auf«. Es sind elaborierte Werke, die mit dem verschmitztem Humor des hart Arbeitenden geschrieben und ausgedacht wurden; sie sind lange geplant und werden endlich losgelassen, wenn das Tagesgeschäft es einmal im Jahr offiziell erlaubt. Man merkt ihnen die Arbeit ein bißchen an, auch den Spaß. Der 1. April ist ein Tag der Arbeit für den Humorarbeiter. Kabarettisten und Satiriker nehmen sich frei. Geschriebene Aprilscherze sollen uns nicht zum Lachen bringen, sondern uns hinters Licht führen. Hinterm Licht wiederum kann nicht viel sein, wenn man, wie die Zukunft uns in Aussicht gestellt wird, nur noch auf das Licht am Ende des Tunnels hoffen kann.

Aprilscherz-Höhepunkte finden sich nicht dort, wo sie mutwillig produziert werden; die Alltagslektüre bietet dem, der an diesem Tag gerade einmal nicht lachen will, mehr Auswahl. Man stolpert vielleicht über manches Bein, das einem eine ausgelegte Zeitungsente gestellt hat, und watschelt dann ausgelacht und mit Humor betröpfelt nach Hause in den Keller. Die Fr-online bringt anstelle selbst geleisteter Humorarbeit als »Top-News Aprilscherze« neben einer kleinen Internet-Witz-Auswahl auch einen kurzen Hintergrund-Artikel über die Herkunft des Aprilscherzes. Was die Humorforschung zum Aprilscherz sagt, weiß ich nicht, aber daß es sie gibt wird mir immer wieder gewiß durch »Spiegel-online«; dort las ich von dem »Lachexperten Provine«, er habe über 4000 Kontaktanzeigen analysiert und irgendetwas herausgefunden. Auch Mediziner, hieß es, nähmen die Heilkraft des Humors inzwischen ernst. Inzwischen – das heißt, andere täten das längst. Doch wer? Humor ist eine feinstoffliche Materie, die erst in der völligen Ausdünnung, geschüttelt und potenziert, ihre große Wirkung entfaltet. Nicht jeder weiß das. Programmacher (Progra-mmmh-acher) gestalten mit diesem Innseiderwissen Stunden über Stunden kostbarster deutschsprachiger Unterhaltung, ganz im Sinne des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags, in dem die Erreichung des gesunden Schlafs oder zumindest das Ereichen des einem Schlafe ähnlichen Dämmerzustandes der Zuschauer einer der wenigen festgeschriebenen Arbeitsziele ist.

Da ich persönlich nur ungerne lache, und meißtens, wenn es geschieht überhaupt nicht freiwillig, habe ich einen Teil meiner Freizeit (nicht dem Fernsehen sondern) der Humorforschung gewidmet (auch eine Art fern sehen). Meine Hoffnung ist, daß mir eine Rendite zuteil werde. (Man muß es mit dem Humor machen wie mit einer Aktie: Erst wenn ich den Humor wie eine Zitrone ausgepreßt haben werde, werde ich von ihm lassen. Ein Anlagenberater lehrte mich gestern diesen Verhaltenskodex der Erfolgreichen in einem Interview auf einem der extra für Geldgeschäfte eingerichteten TV-Sender: “Die Aktie haben wir nun ausgepresst wie eine Zitrone, jetzt können wir sie fallen lassen.”) Eines Tages möchte ich mich vor Lachen so schütteln können, bis das »Feinstoffliche« in mir seine reinste gereinigteste Wirkung entfalten kann und ich nicht nur über Witze lachen muß, sondern über das ganze Leben! Womit ich nicht sagen will, das Leben sei ein Witz. Ich will nicht die Gefühle der wirklich Lebenden verletzen.
Ich habe einmal von einem göttlichen Lachen gehört – und das will ich nicht weiter beschreiben: es muß unbeschreiblich sein.