Archiv für den Monat: Juni 2009

19. Juni 2009

Unterm Frischgeldregen

Jeden Tag kann man mit jedem Wetter rechnen, es scheint die Sonne, es ist windig und es regnet. Neulich als ein Platzregen mich beim Schlendern übergoß, erinnerte ich mich an Die Regierung, die im Herbst vergangenen Jahres viel von Schirmen, die sie aufspannen möchte, verlauten ließ. Ich war schon nach ein paar Sekunden völlig durchnäßt. Das macht aber meiner Natur wenig aus, einem gnadenvollen Optimisten ist es Gewißheit, daß auf Regen Sonnenschein folgt und ihn der heftige Wind, der an keinem Tag ausbleibt, bald wieder getrocknet haben wird. Ist das Gewitter vorüber, sage ich stets: es war reinigend!

So geschieht es auch im Paralleluniversum der Finanzwelt. Wirtschafts-Experten nennen die Krise auf dem Finanzmarkt ein reinigendes Gewitter, das längst überfällig war. Während auf unserer Erde die frische Luft wie von nirgendwo nachgeschoben kommt und einfach da zu sein scheint, noch, ist es in der Finanzwelt anders, sie fordert dringend benötigtes »Frischgeld«, das ihr mit Finanzspritzen injiziert werden soll. Wer im Internet nach einer Erklärung für das Wort „Frischgeld“ sucht, die nicht naheliegend ist (zumindest mir), daß es aus Geld-Wasch-Anlagen kommt oder aus Steuerparadiesen fließt, wird enttäuscht sein: es scheint dem umgangssprachlichen Wortschatz der Finanzwelt zu entstammen, und scheint nichts anderes zu bedeuten als „Mehr mehr mehr!“ Frischgeld steht verbrauchtem Geld gegenüber wie Frischluft abgestandener Luft.

Eine Finanzspritze, die Frischgeld auf den Markt brachte, oder war‘s nur unser aller Geld, durch unsere Hände schmierig geworden, als Schmier- und Verschleißgeld benutzt, war die Abwrackprämie. Ich habe auch mit dem Gedanken gespielt, die Wirtschaft damit anzukurbeln. Ein Freund erklärte mir, daß der Staat mit dem Verzicht auf 2500 Euro Steuergeld nicht alleine nur die notwendige Ankurbelung des für den Staat wichtigen Autokaufs vorantreiben werde, sondern darüber hinaus mit jeder Prämie sogar noch verdienen würde, (indem das Geld ja wieder zurückflösse durch Kauf>Steuer). Diesen komplexen Sachverhalt hatte ihm ein Autohändler erklärt, und ich, dem das nur zu 23% richtig erschien, meinte, man brauche also nur Geld auszugeben und schon käme es vermehrt zurück? Ja, war die erhellende Antwort, so könne der Staat das mit allem machen (siehe zum Beispiel mit Agrarsubvention für Südzucker?). So verbreitet sich alles was man über die Marktwirtschaft zu wissen braucht unter Konsumenten – ich gebe es hiermit weiter.

Ich nahm die Prämie nicht in Anspruch und bleibe bei meiner 20 Jahre alten Gurke (Gefährt). Beim Herumschauen nach geeigneten Gurken (Neuautos) stellte sich heraus, daß meine alte „umwelttechnisch“ nicht schädlicher wie eine neue ist. Was hat unsere »Schlüsselindustrie« (nein, die Autoindustrie) in den letzten 20 Jahren außer Autos, wie ein Bericht sagt, um 46% zu verteuern, in dieser Hinsicht geleistet? Darüber hinaus schien es mir auch mit 2500 Euro Zuschuß völlig unangebracht für ein modernes Goggomobil (Kleinstwagen) immer noch 8000 Euro (15.500 DM) hinblättern zu müssen. Wenn ich in solchen Fällen, wenn mir etwas unnötig teuer erscheint, in DM umrechne, bekomme ich zur Antwort, das dürfe man nicht mehr machen! Nicht daß man es nicht könne: man dürfe nicht. Hier paart sich Political Correctness mit Self-Restriction – die ideale Kombination im Grunde für jeden, der etwas sagen will.

Ich blieb dann auch brav, beließ das Geld beim Staat, der dadurch weniger Einnahmen hat, nicht nur weil ich noch niemals Geld für ein Neuauto ausgegeben habe und es hinfort auch nicht tun werde, sondern weil ich es auch gar nicht habe.

Ich möchte hier auf einen weiteren Mißstand hinweisen, auf den Horst Köhler, nicht mein Nachbar sondern der Mann, dem sein Amt so gut steht wie unserem Benedikt das seine: man sieht beide lächelnd durch Film- und Fotoserien marschieren, als durchlebten sie gerade die glücklichste Phase des Menschsein, die in der man alle umarmen darf, aus Gnade, aus Einsicht und aus neu gewonnener Güte. Horst Köhler sagte:

Ich finde es nicht gut, dass viele inzwischen durch die Möglichkeiten des Internets einen Anspruch auf kostenlose Nutzung künstlerischer und geistiger Produktion zu haben glauben. Das ist eine Art geistiger Ausbeutung oder gar Enteignung.“ ***

Ich habe dieses Zitat unterstrichen, weil ich diesen Sachverhalt unterstreichen möchte. Schreiben ist keine leichte Arbeit, leider, ich wollte, es ginge mir leichter, das heißt schneller von der Hand; und ich schreibe hier völlig umsonst! – Doch wenn in diesen Zeilen jemand einen kreativen Gedanken findet und für sich daraus irgendeine Art von Gewinn und/oder Vergnügen zieht (und sei er auch noch sooo klein), dann bitte ich sie/ihn, mir etwas dafür zukommen zu lassen (ein paar aufmunternde Worte oder eine kleine Finanzspritze).

Patschnaß geworden dachte auch auf dem Nachhauseweg über meine Abneigung gegen Schirme nach. Regenschirme mißtraue ich, besonders wenn sie von anderen unruhig in der Nähe meines Kopfes gehalten werden. Immerzu habe ich Angst, daß mir einer dieser hervorstehenden Kiele in einem unachtsamen Moment in ein Auge sticht. Das kann ich, ich als Maler, bzw. mich noch bildender Künstler noch weniger hinnehmen als einer, der nur persönlich und nicht auch noch beruflich auf sein unbeschädigtes Augenlicht angewiesen ist. Geht jemand mit einem Schirm neben mir, so biete ich mich tatsächlich nur zum Schein aus Höflichkeit an, ihn zu tragen.

Nur in Begleitung findet man mich unter einem Schirm. Das ist nicht anders mit dem Schirm, den Die Regierung letztes Jahr aufspannte. Darunter herrschte bald ein großes Gedränge; viele wollten dabei sein, besonders aber beanspruchten Sprecher der Schlüsselindustrie einen Platz für ihresgleichen.
Welche Art von Schirm war es denn, der so viele herbergen sollte? Zuerst war‘s ein Schutzschirm, später, als es brisanter wurde, ein Rettungsschirm. Unter dem Schutzschirm stellte ich mir ein immer größer werdendes Zelt vor, das in einem Industriepark aufgestellt worden war, während strömenden Regens. Als der Rettungsschirm aktueller geworden war, hieß es, daß darunter eine einzige große Bank sein sollte. Freilich wird das den Rettungsschirm noch schneller nach unten ziehen, dachte ich damals, als Bilder-Experte.

Noch bevor von Schirmen die Rede war, war Die Regierung eifrig am Pakete schnüren – wer erinnert sich daran noch? Wenn die Schutzschirme abgewrackt sein werden und die von den gegenwärtig ohne Scheu angekündigten »Entlastungen« befreiten Wege wieder verstopft, empfiehlt es sich erneut Rettungspakete zu schnüren, und sie am schnellsten über geöffnete Rachen zu entsorgen. Die Biester, die noch in den Fässern ohne Boden hausen, brauchen Nahrung; keine Jungfrauen sondern Frischgeld.

Wie ist das Wetter? Auch heute sieht‘s nach Regen aus. Gerade wenn‘s viel regnet, frage ich mich: Können Fässer ohne Boden überlaufen? Und wenn ja, was heißt das? Darüber werde ich beim nächsten Platzregen nachdenken.

*** Hier ist das Original, und noch ein Original, und ein weiteres. Wer mehr über Original und Kopie erfahren will, kann hier sein Vergnügen finden.