Archiv für den Monat: Juli 2009

31. Juli 2009

Geisterspazier

Beim Abendspazier mit dem Hund, zwei bis drei Stunden vor Mitternacht, kam ich an einem schwarzen Golf vorbei, aus dem ein schmales gelbes Gesicht herausleuchtete. Noch bevor ich erkannte, daß ein Handy, auf dem Finger herumfummelten, die gespenstische Beleuchtung abgab, erspähte mich das Gesicht, große finstere Augen sahen mich beunruhigt an, unmittelbar darauf hörte ich das Klicken der automatischen Türverriegelung. Ein paar Meter weiter an einer Kreuzung blieb ich stehen, wartete bis Moreno nachgetrottet kam. Auf der gegenüberliegenden Seite gingen andere Abendspazierer, an der Leine etwas kleines Weißes wie eine Katze. Ich blieb stehen, erspähte ob Gefahr bestünde, daß mein gefräßiger Hund vielleicht zum Jagen anfinge, dann ging ich rüber – und hörte sogleich einen mächtigen Aufschrei, gefolgt von einem weiteren Schrei: „Haben Sie mich erschreckt!“ und: „Hast Du mich erschreckt!“ Mich selbst hörte ich ganz leise entschuldigend sowie erklärend sagen: „Das ist mein schwarzer Hut.“ Der Hut ist unschuldig, im tiefsten Innern weiß ich‘s.

Bild: Geist mit Hut

(Pabblissitifoto meines Hutes mit mir in verlorener Halbprofilansicht auf einem unveröffentlichten Cover)

Andererseits kann ich es auch nicht akpetieren – ich weigere mich! – anzunehmen, daß es nur mein Aussehen ist, das ein selbst als Gespenst erscheinendes Wesen dazu bringt, alle Türen wie aus einem natürlichen Affekt heraus zu verriegeln.

Daher kann ich in der Erklärung vom allzu Naheliegendem als dem bloßen Augenschein von einer völlig anderen Theorie ausgehen. Sehr wahrscheinlich ist, daß ich halb entmaterialisiert war, sozusagen durchscheinend. Das kann dann freilich zu den panikartigen Aufschreien geführt haben. Der Großteil der Menschheit, der kaum etwas vom Finanzwesen versteht, ist immer noch nicht genügend auf solche Entmaterialisierungserscheinungen vorbereitet und erschrickt, wenn alles mögliche vor seinen Augen verschwindet.

Andererseits werden geistige Anstrengungen bereits zur Genüge ausprobiert, um uns vom Los der derben Materialität zu befreien. Eines Tages, davon bin ich heute morgen schon fest überzeugt, werden wir selbst als Geistwesen und als bloße für uns wichtige Information durch völlig unvorstellbare Welten schweben und sie besiedeln. Mir ist erklärt worden, wie das funktionieren könnte: durch »Schütteln«! Schütteln befreit die für einen notwendige Information. Man schüttle nur jemanden mal richtig, und er wird ausspucken, was man hören will! Schütteln in Verbindung mit »Potenzieren« ist der wahre Informationsgeber; zu beachten ist, daß Potenzieren nicht Verstärken sondern Verdünnen meint. Durch extremes Verdünnen kommt das Geistige zum Vorschein. Das klingt manchem vielleicht nach Homöopathie, ist aber Eigenbau; das ist mein geschütteltes Extrakt aus dem Erklärungsfundus von Freunden, die sich nicht von sondern durch Homöopathie heilen lassen. Das ist Wissen aus erster Hand und nicht gebrochen durch langwierige Lehr- und Erklärungsnotstandsbücher. Mir erschien die Verstärkung durch Ausdünnung unlogisch, doch gerade das ist es, wo ich gesagt bekomme: Logik ist einfach nicht alles! Das kann ich abnicken. Meinem Bauchgefühl, daß es sich um Blödsinn handelt, darf ich auch nicht trauen (da ich mit keinem nennenswerten Bauch bereift bin). Ich sage mir, der lebende Beweis, daß es mehr Dinge gibt als man mit dem Verstand fassen kann, umgibt mich täglich. Man lernt es mit der Zeit: Die allgemeine Glaubwürdigkeit von Argumentation nimmt zu je weiter sie sich von Logik entfernt.

Die Technik des Schüttelns und Verdünnens haben unsere sogenannten »Massenmedien« schon vor langem aufgegriffen und verwerten sie täglich um uns am Ende eines jeden Tages mit einem gerüttelten Maß an geschüttelter Information in einen belämmerten Traum zu versenken, der mit den Abendnachrichten beginnt und mit dem Morgenmagazin nicht beendet wird. –

Das schrieb sich jetzt wie von selbst hin! Ich muß nicht erst zu einem Stammtisch gehen, um aus Urteilen gängige Vorurteile zu ziehen und zu verbreiten; einer meiner Stammplätze ist vor der Tastatur. Ich bringe dieses kleine bißchen Selbstkritik hier an – denn erstens steht sie einem gut und zweitens fühle ich mich getroffen, wenn ich wieder einmal in einem Artikel über einen Vortrag lese: „… und selbstverständlich durfte die Presseschelte nicht fehlen.“ Die Presseschelte, das ganz und gar Abgedroschene. Jeder hackt auf der Presse herum, kaum einem macht sie es recht, bis auf ein paar Ausgewählten. Auswahl ist frei von Tendenz oder Vorliebe und erfolgt nach einem strikten Rechte- und Pflichtenkatalog; das macht jeder so, deshalb braucht man auch niemanden daran zu erinnern. Außerdem gilt: Wenn jemand die Presse schilt, dann glaubt er, daß Nachrichten „tendenziös“ ausgewählt und beackert werden, vor allem Nachrichten über ihn selbst.

An meinem Stammtisch fehlt die Presseschelte auch nicht, geht aber auch nicht fehl – darauf insistiere ich! Wenn ich bedenke wie viel Anstrengung notwendig ist, damit ich aus dem Sommerloch herauskomme, in das mich Zeitungen und Magazine mit vielen Fakten und Fakten aber auch nackten Tatsachen gelockt haben, dann muß ein Teil der Schande, die ich über mich empfinde, als Beschimpfung wieder zurückgegeben werden. Ich könnte mich auch schütteln, doch werde mich hüten, da ich nun weiß, daß Schütteln und Verdünnen die Wirkung nur verstärken.

Wenn ich aus dem Sommerloch wieder herausgekrabbelt bin, muß ich mich erst mühsam wieder umsehen, um zu erkennen, wo ich gerade stehe. Nur vielleicht 100 Schritte begleiteten mich die Aufschreie und das Türenverriegeln, materialisierten mich kurzzeitig, aber schon bogen meine Gedanken wieder an einer Verzweigung ab, ohne daß es mir groß auffiel. Das simple Hiersein ist kompliziert!

„Das ist eben so“, sagt zu mir oft einer von den Gerharden, die ich kenne und schätze, wenn ich etwas feststelle, was meinem Alter gemäß, zum Beispiel mit dem pauschal geäußerten Nichtverstehen von zeitgemäßen jugendlichen Verhaltensritualen zu tun hat. Bei Gedankengängen gilt das auch; die sind so – so wie sie sind. Da denke ich einen Satz nach dem anderen, erinnere nur das, was ich im Moment formuliere, und meine, es gehe immer geradeaus. Will ich mal zurückblicken, sehe ich in eine dunkle Röhre und muß mühsam zurückrobben, wenn ich verstehen will, wie ich an den Ort gekommen bin, an dem ich nun mal stehe. Bei Gedankengängen gibt’s keinen Ausblick, einen Überblick schon gar nicht. Den Gedankengängen hab ich mich verschrieben, aber sie niederzuschreiben ist nicht so leicht wie ich mir‘s wünsche. Vorm Schreiben lege ich eine kleine Route fest, auf der Sätze liegen, die ich bearbeiten und beackern will. Am Ende sind die Sätze nirgendwo aufgetaucht, stehen immer noch unterhalb des geschriebenen Textes, zusammen mit neuen Fragmenten, unkorrigierten Absätzen, Tippfehlern und Gedankensprüngen im Dreieck. Sie fügen sich nirgends ein, führen nirgendwo hin, dabei wollte ich über so vieles nur ganz Weniges sagen: Nichts habe ich geschrieben über:
Wissenswertes über das Schwein der Teiche
Spannende Duelle in den Altersklassen
Inselhüpfen mit dem Fahrrad
Schlappjagd bei Bilderbuchkulisse
Einer knackt die 3 Stunden
Gespür für Rassismus
Präsident aus der Lostrommell
Weiß-grüne Wutmeile aus Ärzten und Schwestern
Mord an der falschen Frau & Mann begräbt falsche Ehefrau
Suche nach Augenhöhe
Fastenbrechen in der Wärmestube
Immer mehr Väter in der Auszeit

Nichts habe ich geschrieben über
Hitlergruß als Teenager – Tibet als Prüfstein – Mehr Wind als Wirkung – Stadion als Lockvogel – Ein Tor als Folge logischen Denkens – Wir als Christen – Heim als Burg
Über: Heizen mit Weizen? – Essen gegen Falten – Stille ohne Einfluß – Schnee statt Schlemmen
Über: Europa zum Anfassen – Hunger, Armut und Prügel – Jammern gilt nicht
Und: Herzen laufen über
Das alles hängt mit der Bedrohung aus der Dose zusammen: Der Leser hat das Wort.

Schreiben werde ich demnächst über: Frauen hängen an der Zigarette. Ich habe das noch nie gesehen, aber manchmal beim Morgenspazier kann ich es so sehen.

Zum Abschluß bleibt mir noch eine einzige Frage, ich weiß nicht wohin ich sie stellen soll außer ans Ende:
Reizt Wortbotschaft die Eierzerstörer?