Archiv für den Monat: August 2009

18. August 2009

Wurmlochreise ins Bonsainetz

Als ich heute den Bildschirmschoner wechselte, von der „Matrix“, die unleserliche Zeichen vom oberen zum unteren Bildschirmrand rieseln ließ, zum „Wormhole“, einer Fahrt durch einen Tunnel, wurde ich hypnotisiert und aufgesaugt, bis ich wieder erwachte, als sich der Bildschirm gänzlich abschaltete und schwarz wurde. Was war in der Zwischenzeit geschehen? Wie lange war ich weg? und warum erwachte ich ausgerechnet, als es dunkel wurde?! Fragen, die niemand stellt; die deshalb ihre Existenzberechtigung im journalierenden, erst recht im journalistischen Netz haben und nun bei mir beantwortet werden.

Bildschirmschoner mußten seit ihrer Einführung vor etlichen 20 Jahren einen Bedeutungsverlust hinnehmen, den in nächster Zeit Lebensmittelkontrolleure teilen werden: sie sind nurmehr Zier. Der moderne Bildschirm muß nicht mehr geschont werden, er hat beinahe alles gesehen und hat es dank modernster Technik so weit gebracht, daß sich nichts mehr an seiner Oberfläche „einbrennt“ und für immer störend sichtbar bleibt. Lebensmittelkontrolleure könnten bei zunehmender „Analogisierung“ von Lebensmitteln bald als Schönheitsberater für Schinkenmarmorisierung tätig werden, die Schonung (der Lebensmittelhersteller) wird mit dem Schönen in Einklang gebracht. Lebensmittelkontrolleure werden sich bei gewandelter Umwelt und neuen Anforderungen auf die Suche nach anderen Aufgabenbereichen machen.

Wie es mit dem Bildschirmschoner weitergehen könnte, habe ich nach meiner geistigen Abwesenheit zu ergründen versucht und bin fündig geworden im Kompetenzbereich von Wolf & Ursel. Wolf & Ursel sind mir inzwischen so vertraut wie alte Freunde, daß ich sie beim Vornamen nennen mag. Sie haben mir, der ich oft und oft (siehe Schluß) vergeblich neue Wege in unbekanntes Terrain suchte, eine Tür in einen neuen Bereich aufgestoßen, von dessen Existenz ich bislang kaum eine Ahnung hatte: zum rechtsfreien Raum. Ausflüge in rechtsfreie Räume machen – davon träume ich nun manchmal. Ich weiß was ich träume; ich kann mich nicht herausreden und behaupten: mir träumte, nein, das mache ich aktiv – und dennoch sage ich mir: rechtsfreie Räume, das kann nur Perverses bedeuten, also bringe ich mich hiermit zur Selbstanzeige: von rechtsfreien Räumen darf man nicht mal träumen! In meiner Phantasie betrat ich einen, es stand noch kein Warnhinweis davor.

Anstelle der geplanten drögen Stopschilder sollte an die Verwendung von Bildschirmschoner gedacht werden; das wäre ein Imagegewinn für das Internet und für Wolf & Ursel. Sie würden dadurch nicht nur für Belehrung, Warnung und Wohlanstandigkeit eine Symbolgeschwisterpaar abgeben sondern auch Vorreiter für kantenlose schonende Ästhetik sein, Avantgarde einer postdemokratischen transparteiischen Bewegung (uff!). Musikalisch unterlegt mit unauffälliger, unaufdringlicher Hintergrundsharmoniemusik; mal hört man einen Wertekanon, mal tönt ein Leitmotiv heraus; auf dem Harmoniegerüst trampeln Kulturgüter herum. Der perverse Klicker könnte durch sinnlose abstrakte, rotierende Muster zur Modernen Kunst hinabbegleitet werden, zum Beispiel. Von dieser Idee würde ich womöglich profitieren.

Daß ein Bildschirmschoner auch hypnotisch wirken kann, habe ich eingangs zu schildern versucht, als ich ins Wurmloch sah. Die Wirkung von Hypnose ist ja nach volkstümlicher Meinung unbegrenzt und kann daher auf das Volk angewendet werden, bevor es in Dumpfheit verfällt und jegliche Selbstverantwortung über die Folgen einer massenhaften Bewegung, in die es sich wiegen läßt, von sich auf Politker abwälzt. Vor diesen Hin-und-her-Zuweisungen könnten uns Bildschirmschoner bewahren..

Das Wurmloch, das mich in den Bildschirm zieht, hat mich zu einem anderen Gedanken geführt, als ich hier formuliert habe, der nun endlich auch niedergeschrieben werden soll. Unversehens lande ich bei Wolf & Ursel, wenn ich ans Netz denke und all die ungenutzten Möglichkeiten, die es bietet, Meinungen zu bilden und zu lenken; man lese über letzte Beispiele aus Iran und China nach und wundere sich nicht über neidische Blicke, die ihren wörtlichen Niederschlag finden – wo? im Netz, dem rechtsfreien Raum, in dem auch Politiker mit ihren rechtsfreien Träumen zitiert werden dürfen:

„Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich.“

Den gestammelten Erkenntnissen über rechtsfreie Räume, die vor allem im „Netz“ noch zu finden seien, nicht etwa in Frankfurt oder Berlin oder Hamburg, ist zu entnehmen, daß Verbrechen bald jeder selbst und eigenunverantwortlich in die Hand nehmen würde, ließe man das Gewächs das gerade entsteht, frei dahinwuchern, anstatt es mit heißen Drähten zu einem schönen Zier- und Topfgewächs heranzubemeistern. Gesendet wird das aus einer gedankenbefreiten Zone, die gepflastert ist mit Unkenntnis über die tatsächliche Lage (Was in der Sendezentrale der Rechtsfreiheit gedacht wird, ergründet der law blog).

Was wollte ich zum Wurmloch auf meinem Bildschirm sagen? Nicht, daß ich fasziniert hineinsah, sondern daß ich nach einer Weile ein Ziel zu vermissen beginne. Der Weg, so schön und so hypnotisch er auch ist, ist nicht das Ziel.

Ich war seit langem auf der Suche nach einem Beispiel, das mir den Satz vom Weg als Ziel widerlegt. Ziele gibt’s überall, jeder Mensch braucht ein Ziel, das lernt man fürs Leben. Mir hat sich vor etlichen langen Jahren eingebrannt, was Tscharlie zu Gustl in den »Münchner Geschichten« sagt:

„Ziel? Ziel? Ziel ist Scheiße, weil wenn i ins Bett gäh, dann gäh i häggsdns ins Bett weil i miad bin und ned wegen … irgendwos … merkst den Unterschied!“

Und vor einigen Jahren, als ich ins Bett ging, träumte ich oft von Wurmloch-artigen Bildschirmschonern: Ich öffnete eine Türe und war gespannt was dahinter sei, wußte ich doch im Traum, daß im Traum Türen-Öffnen der Weg zu etwas Neuem sein könne. Aber ich war mir leider so bewußt zu träumen, daß mir die Phantasie stockte, ich zwar in neue Räume gelangte, aber unzufrieden nur weitere Räume fand, bis ich eines Tages den letzten Türöffnertraum hatte, in dem ich durch hunderte Türen stürzte und mir allmählich auf dem Weg zu immer neuen die Erkenntnis dämmerte, die diesen Traum zum letzten Türtraum werden ließ.