Archiv für den Monat: September 2009

30. September 2009

Sex-Verbrecherin auf Halli-Galli-Drecksau-Party

Erinnerungen an ein nicht gelebtes Leben werden in mir beständig wach gehalten wenn ich durch onlein-Medien brause. Vor ein paar Tagen genügte schon das Wort auf Spieglein-onlein von einer „angeblichen Sex-Verbrecherin“ (die verhaftet wurde als sie mit ihrem neuen Manager das Comeback startete – als Sex-Verbrecherin? – kein Link hier: Ich will der Fantasie, die der Wirklichkeit kaum nahe kommt, den kleinen Spielraum, den sie hat, nicht noch weiter einengen). Über eine Sex-Verbrecherin wird außer mir so manch anderer Mann spekuliert haben; über eine angebliche Sex-Verbrecherin, was weit bemerkenswerter ist, komme ich gar nicht zu Rate.

Diese Verbrecherin erweckte in mir die beinahe schmerzliche Erinnerung, daß ich einmal einer Einladung zu einer »Halligalli-Drecksau-Party« nicht gefolgt war. Ich überquerte gerade gesetzeswidrig die Gleise als gesetzeswidrig die Gleise überquerende Jugendliche mir entgegenkamen und mich fragten, ob ich auf die Party mitkommen wolle. Ich überhörte das und ging still weiter, teils weil ich später erst die Worte rekonstruieren konnte und teils weil‘s mir nicht freundlich genug erschien. „Hättest antworten können, Alter!“, wurde mir nachgerufen, ein Stein flog den Worten hinterher, verfehlte aber sein Ziel weit mehr als die Worte, und die hießen: Alter & Halligalli-Drecksau-Party. „Der mag das vielleicht nicht“, sagte ein Mädchen zum Steinewerfer. Ich ging um die Ecke an einem Plakat vorbei, das an einen Baum gestellt war: »5 Frauen eine Flasche Sekt«. Einige paar Meter daneben ein weiterer Werbungsträger, der mich zum »Wet-T-Shirt-Contest« einlud. Bedrückt, unfähig angemessen auf die Verlockungen der Welt zu reagieren ging ich in meine Wohnung und legte die Tür ins Schloß.

Hätte ich „Halligalli-Drecksau-Party“ nur sogleich richtig verstanden, akustisch, wäre ich der Einladung sofort und ohne Umschweife gefolgt. Bei späterem Nachfragen ergab sich jedoch, daß meine Fantasie mich hier, ich möchte es trotzdem feststellen: fälschlicherweise als »Dirty old Man« vor mich selbst hinstellte. Wird man aber als „Alter“ tituliert und ist doch schon unter denen, die immer jung oder jugendlich bleiben, denkt man schon, beinahe mit Sehnsucht, an einen dirty old man, weil man merkt: man wird es nicht erreichen: Mit immer jung bleiben schafft man‘s nie, und außerdem ist man dafür viel zu bürgerlich. Also ein dirty old man ist etwas wovor man, (schmutz-)belesen wenn man ist, Respekt hat; man wird allenfalls zum Drecksack, und das ist einfach nicht gut.

Selbst ein dirty old man braucht sich nicht all zu viel vorstellen, wenn er das Wort „Drecksau-Party“ vor sich hinmümmelt; das Wort erweckt zu große Erwartungen. Es scheint sich um ein großes Besäufnis zu handeln, wurde mir von einem mir bekannten Jugendlichen, dem ich Vertrauen schenke, gesagt; vielleicht sagen Jugendliche auch nicht die ganze Wahrheit über ihre Parties!

(Ich möchte an dieser Stelle, [nur in Klammern als Badezusatz quasi, beim Baden in der Wahrheit] zu den vielen Verschwörungstheorien, mit denen wir unsere Zeit vergeuden und unsere Denkfähigkeit in Mißkredit bringen, eine hinzufügen: die Verschwörung aller Jugendlichen gegen die Erwachsenen. Es gibt auch eine Verschwörung aller Frauen gegen uns Männer, die mir in sehr guter Fernseh-Erinnerung ist: Frauen lassen Socken verschwinden. Wie oft suchen wir Männer morgens vergeblich die zweite Socke! Woher ich weiß, daß es Frauen sind, die dahinter stecken? Ich hab‘s bei Al Bundy gesehen (Folge 48). Und wo geht es mehr um ein nicht gelebtes Leben als bei Al Bundy – nur noch in unserem eigenen.)

Ein ungelebtes Leben reicht niemals zum dirty old man, auch ein ausgelebtes, wie das, zum Beispiel von Max Mosley wird nicht mit diesem Titel geadelt. Ausleben und gar nicht leben sind miteinander verwandt.

Am Ende stelle ich fest, ich habe nicht die Fantasie mir unter einer Sex-Verbrecherin etwas Rechtes oder Unrechtes vorzustellen, dazu müßte ich Spiegel lesen. Meine Fantasie ist Verschlußsache.

P.S.: Für die Socken-Verschwörung habe ich eine einfache Lösung gefunden: Ich kaufe nur schwarze, im Zehnerpack.