Archiv für den Monat: Oktober 2009

31. Oktober 2009

Die Unfähigkeit zu reimen

Ich habe schon lange nichts mehr gereimt. Mein letztes gereimtes Gedicht ist so lange her, daß ich mich nur noch erinnere, es war ein Sonett gewesen (sehr lange zurück: war gewesen). Mein Sonett-Vorbild damals war Rilke. Mehr als daß ich ein Sonett schreiben konnte, rein äußerlich, wurde‘s nicht. Das Sonett habe ich weggeschmissen und von Rilke bin ich, im Rückblick auf über 30 Jahre Nichtmehr-Lektüre (und nochmal Lesen von Elegien), davongelaufen, (und raufe mir so manches Mal die Haare, wenn ich späte Dichterworte mir vor Augen halte, von denen ich mir als Jüngling anmaßte, sie verstehen zu können).
Mir reimt sich leider nichts. Ich weiß mir auf wenig einen Reim und allzu oft bin ich völlig ratlos. Und was sich nicht reimt, ist einfach nicht gut (Kobold-Weisheit). Ich hätte es aber gerne gut!

Gestern hörte ich in einem Reisebericht über Marseille einen Satz, den ein ratloser Mensch wie ich (mich hier beschreibe) als sehr tröstend empfinden kann, ich schreibe ihn gesperrt:
Hier – darf – man – ratlos – sein.
Die Autorin zitierte Joseph Roth. Beim Nachschlagen in meiner geschätzten Joseph Roth Ausgabe jedoch fand ich, daß ich mich wieder einmal verhört hatte, es hieß: »Hier kann man ratlos sein«. Man könnte das zwar ähnlich verstehen, doch war‘s nicht so gemeint, wie ich‘s empfunden habe: Der Mensch darf ratlos sein! Das wäre eine große Pause in der Hetze vom Sinn machen und Sinn produzieren, ein befreiendes Durchatmen zwischen 2000 bis 4000 Werbebotschaften am Tag und vielhundert Augen, die einem mißtrauisch und abwehrend begegnen.

Das Übel mag auch an mir selbst liegen, an meiner Unfähigkeit zu reimen. Die Unfähigkeit zu reimen ist ein neues Wort, ich erhebe Erstbeschreibungs-Anspruch darauf. Die „Unfähigkeit zu trauern“ ist schon längst ein geflügeltes Wort geworden, meine Unfähigkeit wird das nie erreichen. Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat sie unter Freunden, die teilen das aus Rücksicht aber nicht mit, und geben es hoffentlich auch nicht weiter. Ich dagegen verleihe mir selbst gerne Flügel, möchte abheben, flattere und schwinge herum und hinaus ins Universum, und dann sagt ein jemand zu mir: „Nimm den Hut ab, wir sind hier nicht unter Juden“ – und schon bin ich wieder zuhause (klein geschrieben), denn kaum einer begreift ohne weit ausholende Erklärung, was dieses Sätzchen so an tausendjähriger Geschichte hinter sich hat.
Etwas darüber schreiben gelang mir bislang nicht – ich bin da immer noch in Arbeit und Denken versunken, während ringsum Kritiker und Wahrheitssager wieder sagen, was schon lange mal gesagt werden muß, denen, die die Wahrheit verschweigen. Die Wahrheit kommt ans Licht – was bedeutet: Licht ist die Wahrheit nicht!
Womöglich liegt‘s am bösen Blick, den ich auf die Welt habe, daß rings um mich so wenig gut ist – ich meine: in der Welt! Daran liegt‘s, und an der Unfähigkeit zu reimen.
– Man hat auch mal schlechte Tage.

All das schreibe ich nur, weil der Eintrag, den ich vorhatte in den Blog zu setzen, mir zu kurz erschien. Der war nur ein klitzekleines „Gedicht/Lied“, das heißt:

(Nicht nur ein) Aldi-Lied

Billig wird billiger
Reich wird reicher
Arm wird ärmer
Böse wird böser

Gut wird besser
Besser wird nichts

Nichts wird mehr
Mehr wird weniger
Weniger ist besser

Alles ist gut