Archiv für den Monat: November 2009

30. November 2009

Geflüstere über Flüsterer

Es ist nicht leicht sich kundig zu machen über die Flüsterer, die durch die Nachrichten huschen. Der letzte (zeitlich) von dem ich gelesen habe, ist der Asien-Flüsterer. Einen Käfer-Flüsterer habe ich mir notiert – er war eine Käfer-Flüsterin. Mit dem Pferdeflüsterer hatte es begonnen, daß man auf leise Töne achtete, im Kino zuerst. Der Pferdeflüsterer war ein hübscher Mann, Robert Redford, der seine weibliche Seite nach außen kehrte, er hat sich also von links gewaschen. Er war metro-sexuell; ob das stimmt, weiß ich nicht. Das Wort fiel bei einem Gespräch mit zwei Frauen über berühmte Männer. Metro-sexuell hielt ich für androgyn, aber das ist wieder etwas anderes.

Frauen erhoffen sich von Männern einen Frauenflüsterer; der ist kein Frauenversteher, denn ein Frauenversteher ist ein Weichei ist ein Warmduscher und trägt unsexy Latzhosen – die hab ich zuletzt in der Sendung mit der Maus gesehen, und das ist lange her. Es gibt sie nicht mehr, die Latzhosen, sie wurden mit der selig machenden Rundum-Kritik an den 68ern den 68ern ausgezogen; keiner will sie mehr tragen. Auf Fotos auf denen man darauf zu sehen ist, kann man sich noch herausschneiden. Das Internet gab‘s noch nicht, sonst wäre diese Mode- und Gesinnungssünde auf ewig sicht- und abrufbar.

Vom Frauenflüsterer ist es nicht weit zum Käferflüsterer, wie oben schon erwähnt. Während uns Frauen menschlich/seelisch doch irgendwie nahe stehen und mann mit Flüstern Zärtlichkeit und Verständnis nahe bringen kann, weiß ich nicht was ein Käferflüsterer dieser fernen Spezies zuflüstern mag, und überdies war‘s eine Frau, die als solche bezeichnet wurde. Kann man Käfern zuflüstern, daß sie aus dem Salatbeet verschwinden? Käfer machen sich nicht über Salat her. Es braucht den Schneckenflüsterer dazu. Den wünsche ich den Schnecken, auf daß die Schnecken nicht mehr die unwiderstehlich erfolgreiche Erfindung des Schneckentodes ereile oder eine Schere sie halbiere.

Eine falsche Erinnerung taucht an dieser unfreundlichen Stelle auf: Es kann nicht sein, daß ich in einer Todesanzeige als Beruf eines Verstorbenen las: Hundekümmerer & Sachverständiger für Hundewesen. (Das Hundewesen, das mich dreimal am Tag nach draußen treibt, verbringt gerade seine Zeit damit sich auf dem Sofa die Pfoten zu lecken). In Anlehnung an die Todesanzeige könnte sich ein Sachverständiger für Bauwesen auch einen Baukümmerer nennen, ein Sachverständiger für Ingenieurwesen einen Ingenieurkümmerer, der Verständige für Bildungswesen einen Bildungskümmerer.

Es fehlt der Sachverständige für Menschenwesen. Wir selbst rätseln an uns herum und können als keine Verständigen gelten; einen Gott als Menschenkümmerer hätten wir gerne, aber wenn‘s um Götter geht oder auch nur jeweils um den einen richtigen, dann hauen wir uns die Köpfe ein. Der Menschenkümmerer kann den Kummer nicht ertragen. Wer solchen Kummer über Allgemeines hat, ergreift sich einen Kümmerling und kippt ihn hinunter, dort verbittert er im Magen und führt einen Eiertanz auf. Es wird mir schon schlecht davon beim Lesen – und Überwindung kostete es, das Bild so in die Länge gezerrt niederzuschreiben.

Der Sachverständige für Menschenwesen würde mit der Zeit zum Unwesen werden. Lange könnte er gewiß nicht zuhören; bei schlechten Nachrichten schalten wir ab – er wird es auch nicht anders können, mit der Zeit. Das Leid, dem er zuhört, kommt ihm womöglich zu laut vor. Er brauchte nur sein Ohr für die leisen Töne wieder finden und auf das Flüstern lauschen, das immer irgendwo zugegen ist, wirklich leise Töne beherrscht vor allem der Einflüsterer. Man muß nur zuhören, man kann ihm nur zuhören, aber man begreift nicht wie der Einflüsterer es macht, daß man auf ihn hört. Er ist so gegenwärtig, daß ich mich heute nicht weiter um ihn bekümmere, ihm geht es immer gut, er hat ein Dauerlächeln wie der dynamische Herr Strunz, der immer lächelnd und im Spreizschritt über Wiesen und Bäche springt. Die bekannteste Geste des Einflüsterers dürfte das Hand-auf-die-Schulter-legen sein, zum Heranziehen des Opfers. Ich persönlich mag das nicht und schüttle mich oft, wenn mir was zu nahe kommt und auf den Pelz rücken will. Ich hab‘s von Moreno abgeschaut; der springt zwar über jede Pfütze, aber Regenwasser schüttelt er erst in der Wohnung von sich. Dabei möchte ich den Schmutz immer außen vor lassen. Nicht: Außen vorlassen. Er soll draußen bleiben. Ich kenn mich aber zu gut und gebe gewiß kein Geheimnis preis, das nicht jeder selbst kennt: Es gelingt mir nicht; er ist in oder an mir (der Schmutz). Es ist mir zu oft vorgebetet worden, als daß es nicht mehr wahr sein dürfte und nicht tief sitzen müßte. Dieser Glaube an den inneren Schmutz ist die Erbsünde, die mit dem Taufwasser über mich geschüttet wurde. Es war Abwasser, recht betrachtet.

Ob heute noch die Erbsünde gepredigt wird? Ich war schon lange in keiner Kirche mehr während einer Predigt, zeitgemäß scheint die Erbsünde nicht mehr. Erbsünde klingt altmodisch wie Laster und Unzucht und auch die gibt‘s als solche nicht mehr.

Unser aller Papst kann sich kaum jemand als Menschenflüsterer vorstellen, da ihm die Schäfchen davonlaufen. Sie gesellen sich in loser Schar um den Dalai Lama und seinen Glauben, die uns beide als Menschenversteher aufbereitet werden.

Als die bedeutendsten Flüsterer können gegenwärtig die Verteter des Lobbystandes oder die Sachverständigen des Lobbywesens gelten. Sie sind niemandem verantwortlich außer ihrem Auftraggeber. Frägt man nach, kennt allerdings niemand einen einzigen, und keiner kann so richtig deren Einfluß nachweisen.

Was wir dringend brauchen, ist ein Kulturflüsterer, jemand, der steif und fest behauptet, wir seien das Volk der Dichter und Denker und so einen Glauben verbreitet, der kein bißchen Irrlehre ist. Jemand der vorbetet und eine Gebetsmühle dreht, verursacht ja auch keinen Wind und keinen Sturm.

Flüstern ist nicht nur für Lobbyisten ein wichtiges Handwerk, auch für Journalisten. Ihrem Flüstern verdanken wir Njus und Skandale und Berichte über Wahres und Erlogenes, Erstunkenes und Erdichtetes.

Alle Flüsterer zusammen formen ein vollständiges stimmstarkes Orchester. Diesem komplexen Apparat steht als Dirigent vor: der Meinungsgeiger. Kaum ein geneigter oder unwirscher Leser wird ihn kennen, aber jede Redaktion kennt ihn namentlich; einer muß ja den Ton angeben, der angeschlagen werden soll.

Dem Meinungsgeiger folgt als Erste Geige der Heimgeiger. Der hat keine süßen Töne und keine zarten Worte mehr, er zeigt mir jetzt eine Nachricht: fünf vor Zwölf, und erklärt damit die Zeit des Flüsterns sei zu Ende und deutet auf eine Notiz, ich lese: »Der Walschreier des kleinen südafrikanischen Orts hat Glattwale gesehen.«

Nun kommt die Zeit des Schreiens. Das Flüstern hat ein Ende. Wen oder was hören wir schreien? Nur Glattwale, Eisbären, Schlachtvieh oder Käfighühner? Alles, was lautlos gestorben wird.