Archiv für den Monat: Dezember 2009

31. Dezember 2009

Hädi-daadi …

Vor einigen Monaten habe ich mir, weil ich die Gelegenheit dazu hatte, einen Wunsch erfüllt, von dem ich glaubte, er würde mich mit Freude erfüllen: ich habe mir eine Klangschale gekauft und mich auf harmonische Klänge gefreut, die ich innerlich schon lange erwarte. Die Gelegenheit dazu bot sich auf einem Kongreß Chinesischer Medizin, den ich nicht besucht hätte, wäre der Ort, an dem er stattfand nicht einer der von mir meistgeschätzten Flecken in meiner näheren Umgebung. Als Zugabe bekam ich einige Glücksmünzen geschenkt, die ich vor die Türe zu legen hätte, mit der Symbolseite nach oben – so käme Geld ins Haus. Nach mehreren Monaten Symbol-Benutzung könnte ich nun darüber berichten, ob es sich um hier um einen Glauben oder einen Aberglauben / Humbug handelte. Über meine Finanzen gebe ich aber nur negative Auskünfte; über Geld rede man nicht, heißt es, man habe es – so weit kann ich mich allerdings schon ausschweigen: dieser Satz stimmt bei mir nicht. Glaube oder Aberglaube – dem Zweifler ist ohnehin beides sehr ähnlich, er wird bei der Unterscheidung, ob sich eines zum andern gewandelt habe, den Mund nach unten ziehen: Rabulistik – hier spalten sich die Haare!

Manchem ist Haarspalterei ein großes Problem. Bislang bin ich nur vom Hören-Sagen davon betroffen, wenn ich mir aber die Haare weiter so wachsen lasse wie die letzten Monate, werde ich mich bald um Haarspray und Drei-Wetter-Tafte bekümmern. Ich weiß nicht, was mich zur Zeit davon abhält, mir es wie gewöhnlich mit der Schere auf die zu meinem Typ gefühlte, passende Länge zu kürzen. Wenn ich mich selbst deuten will, und niemand hindert mich daran es beständig und wiederholt zu tun, dann hängt das mit einem gewissen Lebensalter zusammen. In meiner Jugend, kaum daß mir der Bart sproß, ließ ich mir einen Vollbart wachsen. Jetzt wo ich allmählich ins Alter eines würdevollen Vollbartträgers schreite, lasse ich mir die Haare wachsen! Wahrscheinlich will ich mir‘s noch einmal, ja zum ersten Mal überhaupt, beweisen. Oft lese ich es: Dieser oder jener wolle es sich beweisen, noch einmal. Das ES ist dabei das schon einmal Bezwungene. Ich hätte die Gelegenheit dazu in meiner Jugend gehabt – jeder mag mal: Verkehrte Welt! sagen. Ich sage es hiermit.

Die Klangschale gongt nicht von selbst, sie hat, außer daß sie einen schönen Klang erzeugt, auch den tieferen Sinn, laut Gebrauchsanleitung: an den Augenblick zu erinnern, der gerade da ist. Sie kann somit Zerstreuung zerstreuen und auf den rechten Weg führen, der, wenn man‘s mal genau nimmt, überhaupt keiner ist. Hin und wieder bräuchte ich einen selbst schlagenden Gong, der mich herausreißt aus dem Wegsein (lesen wie: weggsein), damit ich den Faden wieder aufnehmen kann, den ich einige Zeilen weiter oben ausgelegt habe. Hätte ich von den Mitschülerinnen, die im Erdkunde-, im Deutsch-, im Englisch- und im Biounterricht strickend saßen nur diese gleichmäßige, beruhigende Tätigkeit gelernt, dann könnte ich in meinem Blog gelassen an meinen Texten stricken, Zeile für Zeile. So füllten sich hundert Zeilen mit buntem Inhalt – und wär doch wie bei einer Schallplatte immer nur eine Rille, eine fortgesetzte Zeile.

Mit dem Gong bekam ich nicht nur einige Glücksmünzen geschenkt, auch ein Kalender wurde in die Tüte gepackt, der mich anschließend in die verschiedensten Formen des Chi-Gong-Handlungs- und Ausrichtungszwanges einführte. Jedes Monatsblatt ist begleitet von einer Tabelle mit rot-weiß-schwarzen Feldern für die richtige Handlung zur richtigen Uhrzeit. Nette Piktogramme sagen mir die beste Stunde für Liebe an, für Hausarbeiten, für Reisen, für „getting married“. Wie und wo ich etwas hinstellen kann, dabei könnte mir der Gong helfen, indem er den Ort reinigt. Die Hausgeister aber kommen immer wieder, das weiß ich längst.

Ich bin schon lange ein Chi-Gong-Mensch, wenngleich ich mein Haus nicht nach einem Berg und einem See ausrichten kann, fließendes Wasser als Energiefluß-Symbol in meiner Nähe nur aus dem Wasserhahn benütze.

Das ist kein Spott auf die, die da glauben – ich sehe mich selbst oft genug als benütztes Opfer überflüssiger Ritualhandlungen und Ritualgedanken, aber dann fällt mir kurz die Formel ein, die da lautet: Hädi-daadi-kanndi-waari, die eine Freundin gerne sagt, wenn in ihrer Nähe jemand ihr zu viel in Betrachtung der gemeinen und allgemeinen unabänderlichen Zustände zu verschwimmen droht. In meiner Verwandtschaft gab es Tanten, von denen habe ich nur ein Bild in Erinnerung: in der Küche sitzend und jeder Auskunft über eigenes Befinden abgeneigt gegenüber eingestellt, von sich gebend: „Sei duads wos!“ Wer „Hädi-daadi-kanndi-waari“ nicht versteht, kann es sich langsam sprechend eindeutschen: Hätte ich, täte ich, könnte ich, wäre ich.

Hätte ich mir heute nicht vorgenommen, noch etwas zu Ende zu schreiben, täte ich jetzt etwas Gescheiteres. Es könnte sein, daß ich herausgefunden hätte, was es wäre, dann wäre ich: Wo? Wer? Was?