Archiv für das Jahr: 2009

17. Februar 2009

Die vertagte Auslegung

Abkupfern heißt heute Koppi-änd-Päist (der »Eindeutscher« sagt: Kopieren & Einfügen). Es bezeichnet eine Arbeitsweise mit der gelegentlichen Zeitungsberichten zufolge bereits Schulabschlußarbeiten „geschrieben“ werden sollen. Schüler und Studenten bedienen sich ihrer zur „Erschleichung besserer Noten durch unerlaubte Hilfsmittel“ (so umschrieb es einmal ein Lehrer). Früher hieß das „Abkupfern“, und war, noch früher, ein Handwerk, das dem Kupferstecher zugeordnet war. Abgekupfert wurde mit einem feinen Stichel; heute macht das die ungleich gröbere Maus, deren Einführung nahezu die gesamte Arbeitswelt verändert, »revolutioniert«, hat.
Der Kupferstecher war einstmals ein Künstler, der sein Handwerk beherrschen mußte, und schon beim oberflächlichen Betrachten mit Stümperei durchfiel. Dem abkupfernden Copy&Paster ist schwerer auf die Schliche zu kommen. Er ist vornehmlich ein Quellenforscher, der nur die Ergebnisse seiner Nachforschungen bekanntgibt, seine Quellen aber verschleiert.
Wenn es auch anders aussieht, Copy&Paste ist in diesem Blog nicht die Arbeitsmethode; hier wir noch von Hand eingetippelt. Meine Quellen liegen offen, sind Open Source, die allerdings nicht immer munter im Internet sprudeln, sondern sich auch als Druckerschwärze auf dem Papier verfestigt haben.

… Eine lange Einleitung für einen schönen Satz kalter Ohren, den ich bekam als ich folgendes las: Mit 70 Jahren noch immer voll im Wind. Stürmische Zeiten scheinen in dem Satz zu liegen. Doch die sind erst einmal vorbei. Düstere sind angekündigt seitdem die »Stimmung an der Börse« eine Eintrübung nach der anderen erfahren hat. Copy&Paste macht es mir einfach die Beschwerden auzuzählen, die bei Eintrübung auftreten: „Kontraste und Farben verblassen / das Auge wird empfindlich gegen Blendung / der Betroffene nimmt sein Umfeld nur noch neblig wahr / in manchen Fällen entstehen Doppelbilder“. Das sind die Merkmale des grauen Stars und der Stars in grauen Anzügen. Grau ist aber unscheinbar und paßt auf die Talfahrt nicht, in der sich die Wirtschaft befindet; ein starker Wind bläst ihr ins Gesicht. Welcher 70-Jährige stellt sich freiwillig in den Wind? Sollte die Wirtschaft gemeint sein, dann heißt das Geräusch zum Satz: Windjammer.

Etwa am 1.10. letzten Jahres, um 12 Uhr eingetippt, ist dieser Satz: Der Lordsiegelbewahrer zieht die Quersumme seines Lebens – seitdem habe ich vom Lord nix mehr gehört. Es könnte sich auch um ein Fäik handeln. Er hat vielleicht nicht die Quersumme gezogen, sondern einen Schlußstrich gemacht. Der Lordsiegelbewahrer wirkt wie einer, der „die Wahrheit“ kennt und sie deshalb, wie viele sich immer wieder Glauben machen, unter Verschluß hält. Die Wahrheit aber kommt ans Licht. Wenn ich Wahrheitsredner zuhöre oder anlese (ähnlich dem Andenken, wie‘s Politiker gerne tun), wird das Licht aber meist schummrig. Der biedere und durchaus bösartige Zweifel an veröffentlicherter Wirklichkeit verträgt nur Gleichgesinnung.

Sehr allgemein ist diese Überschrift: Begabungen der Frau. Der Artikel dürfte sehr lehrreich gewesen sein, aber er schien mir, um so einem weiten Thema auch nur annähend gerecht zu werden, mit einer einzigen Spalte und etwa 30 Zeilen doch zu kurz. Nicht weiterlesen, sagte ich mir; einfach nur wirken lassen. Also machte ich mir zum Thema meinen eigenen Gedanken. Zwei Begabungen fielen mir auf Anhieb ein: Güte und Verstand. Die sind aber nicht auf das Weibliche beschränkt, sondern sind allgemein menschlicher Natur. Dann dachte ich an mein Leben und daran, daß mir die besten Kuchen von Frauen serviert wurden. Manche halten das Wäschewaschen für eine der größten Begabungen der Frau(en), ich denke Kuchenbacken ist die größte. Ich lasse mich gerne bebacken.

Auch etwas allgemein, doch eine geradezu pointierte Kennzeichnung für das Philosophieren des Menschen, ist folgender Satz: Auslegung ist vertagt. Die Kenntnis der genaueren aktuellen Umstände nimmt dieser Überschrift nichts. Es geht um einen Weg mit Namen „Philosophenweg“, der am Rande einer „Perle des Mittelalters“ durch eine Grünanlage führt. Über die Zukunft dieses Weges wird in der Perle diskutiert; es steht seine Bebauung und Aufteilung an und zwar in Grundstücke für eine noch in die Perle zu lockende, ausdrücklich als begürtet bezeichnete Klientel. Philosophie zieht immer in die Nähe von Reichtum, betrachtet sie sich selbst doch als einer. Am Philosophenweg wird dann nicht mehr lustgewandelt in gedanklicher Tiefe (aber wer macht das schon außer Spaziergängern mit Hunden?) sondern verkehrs- und publikumsberuhigt stillgelegt.

Philosophen schreiben Bücher, die nicht vergessen werden. Der Philosoph stirbt, sein Buch lebt weiter. Einen solchen muß als »Leistungsträger« bezeichnet werden. Die »Zeit« führt sie in die Literatenwelt ein. Goethe wäre für die »Zeit« ein Leistungsträger ersten Ranges.
»Leistungsträger« hieß es auch vor ein paar Wochen wieder einmal sollten noch einmal besser »entlohnt« werden. Es war eine der Zungen mit denen die CDU zu uns spricht, die FDP hat das im Parteiprogramm. Bei ihr angelangt sind wir wieder beim anfänglich erwähnten Wind, denn die FDP hat Aufwind. Sie kommt der Wirtschaft anscheinend von unten entgegen, ihre Wähler glauben, sie könne ihren Niedergang aufhalten. Der Meinung des Verfassers dieser Zeilen nach sitzt sie allerdings hinten auf und wird ihr noch einen kräftigen Schub mitgeben. So wie uns »Leistungsträger« von »Leistungsträgern« eingeführt worden sind, gleichen sie Leuten, die etwas hinwegtragen, was andere geleistet haben. Wo tragen sie‘s hin? In Gehalts- und Scheckbücher, in Literatur.
»Leistungsträger« definiere ich mir so: Sie versorgen die Leistenden mit Werten, die sie von ihnen abschöpfen; sie sind die fleißigen Ameisen, denen der Schweiß der Leistenden süß schmeckt.
Literatur hat sie bitter nötig. Es gibt zu viel von ihr (Literatur), zu viel das nicht aus der Notwendigkeit heraus geschaffen wurde, die einzig rechtfertigt: „Ich muß es machen, ich kann nicht anders.“ Mehrere Schriftsteller wurden in letzter Zeit mit dieser inneren Notwendigkeit zitiert, die uns sogar vor unnötigen Büchern bewahren soll. Da das aber kein funktionierendes Kriterium ist, glaube ich, werden noch weitere Leistungsträger benötigt: der Leseleistungsträger zum Beispiel. Lesen kann oft genug als Trauerarbeit bezeichnet werden. Von „Trauerarbeit“ weiß ich, daß jeder sie einmal leisten muß. Früher taten das Klageweiber für einen, heute muß man es selber machen. Klageweiber und Kupferstecher sind nahezu ausgestorben. Zu betrauern gibt es genügend.

Was wird am Ende all der geleisteten und zu wenig be- bzw. entlohnten Leistung bleiben; was kommt »hinten raus«? Der Müllsack. Bei seinem Anblick, also beim Anblick nur eines kleinen Teils der produzierten Vergänglichkeit um mich herum, denke ich an folgende tröstende Schlagzeile: Wiederaufbau als Buch. So kurz wie die »Begabung der Frau«, so aussagekräftig wie die »vertagte Auslegung«. Ich lege sie so aus: Wiederaufbau als Buch ist das Leben nach dem Leben. So wie aussterbende Tierarten in Lexika weiterleben, bereite ich mich schon mal darauf vor und sammle Eintragungen zur Information für die uns beobachtenden Bewohner des Planeten X.
Der stürzt bald auf uns herab. Demnächst davon mehr in diesem Journal.

12. Januar 2009

Befrager antworten mit Premium-Komfort

Eine unbedeutende An-den-Rand-Geschrieben-Notiz machte mir am Wochenende erneut mein verkümmertes Gefühlsleben deutlich. Einer eingängigen Studie zufolge soll es Menschen geben, die 20 Jahre lang dauernde Euphorie empfinden können. Nehmen sie zu viel Ecstasy oder leide ich an Bua- oder Boa-Lecithin-Mangel, ist in meiner Waschseife zu wenig Ringelblumen-Extrakt, schwimmen in meinem Mittagssüppchen zu geringe Spuren an wertvollen Spurenelementen? Ist meine Aufnahme an wertlosen Mineralien und Ballaststoffen zu groß oder zu klein? Selbst die tägliche Prise in alles vermengte Geschmacksverstärker bringt mich nicht in Hochstimmung.

Mauerfall: Euphorie weg hieß die Überschrift. Wenn Mauern fallen, können Leute begeistert sein, kann ich mir vorstellen; innere Mauern soll man erst gar nicht haben, sie sind für den freien Menschen eine Schande, und deshalb werden Mauern immer wieder fallen. Also kein Wunder, daß die Euphorie über gefallene Mauern irgendwann mal wieder weicht. Es kommt ohnehin sehr darauf an, wo man gerade sitzt, wenn die Mauer fällt.

Thema der Meldung war aber kein Mauerfall sondern die »Wiedervereinigung«. Weitgehend verflogen sei die Euphorie über die »Wiedervereinigung«, sagte der Chef eines »Forsa« benannten Instituts. Daß Vereinigung Ekstase erzeugt, sollte noch nicht jedes Kind wissen, daß Wiedervereinigung mit großer Euphorie verbunden ist, sehe ich oft unten am Bahnsteig. Von einer Wiedervereinigung, die vor 20 Jahren einmalig stattgefunden hat, hätte ich keinerlei Rest-Euphorie mehr erwartet. Es überrascht mich daher, daß sie nur “weitgehend” verflogen sei. Unter »1000 Befragten« gibt es also welche, die immer noch euphorisiert sind. Oder Euphorie glimmt in jedem Einzelnen der 1000 noch leise unter grauer Asche dahin.

Wer sind diese »1000 Befragten«, die, wenn Meinungsforscher in der Zeitung ihre Umfragen bekannt geben, so oft zitiert werden? Eine Clique von Eingeweihten, Besserwissern oder Chirurgen & Fädenziehern?

Mitnichten. Was ein »Befragter« ist, weiß ich beinahe selbst aus eigener sehr enttäuschter Erfahrung. Eine junge Dame sprach mich einmal auf offener Straße an und wollte mich in die Räume eines Befragungsinstituts verführen. Leider ließ ich es nicht geschehen – daher rührt meine Enttäuschung. Dennoch weiß ich, daß auch unter berufenen »Befragten« nach der Befragung ein wenig Enttäuschung herrscht. Vom Gefühl des Erwähltseins werden sie stufenweise wieder hinabgeführt auf die Straße, zurück ins anonyme und graue Konsumentendasein, aus dem sie noch soeben hervorgehoben zu sein glaubten. Die Auserwähltheit erfolgt nämlich nach Hautfarbe: grau muß sie sein, sonst wird niemand hinaufgeleitet in Institutsbüros oder antelefoniert von Customer Care Centers (Centern?).

Was geht dort vor sich? Zunächst einmal tritt ein Fragensteller an ein Institut heran mit dem Auftrag etwas über irgend etwas herauszufinden. Das Institut hat Befrager befristet angestellt, die sich nun an die »1000 Befragten« heranmachen müssen. Haben sie sie gefunden, stellen sie ihnen eine sorgfältig ausklamüserte Reihe an Fragen, einen Fragenkatalog, samt passender Mehrfach-Antworten-möglich/unmöglich zur Abhakung bereit. Anschließend ist das Institut in komplizierter Prozedur, in der gewiß auch komplizierte, institutseigene “Algorithmen” verwendet werden, mit der Auswertung von Tabellen beschäftigt und präsentiert in bunten PowerPoint-Grafiken dem Auftraggeber ein beeindruckendes Resultat, welches Redakteure, gewohnt als Geschmacksverstärker arbeiten zu müssen, ungebührlich verkürzen: Mauer gefallen, 20 Jahre vergangen, Euphorie weg. Umfrage vergessen. Artikel zu Ende.

Wo bleibt der Premium-Komfort, den mein Titel verspricht? Der liegt im Bad. Wenn ich mir nach getaner Institutsverunglimpfungsarbeit die Hände wasche, dann nur mit rückfettender Ringelblumen-Seife. Das sorgt für Stimmung auf meiner Haut. »Dermatologisch bestätigt« hat das ein Institut. Steht auf dem Verpackungsaufdruck.