Archiv für das Jahr: 2010

21. September 2010

Sätze für eine nahe, wohlbestallte Zukunft

Aus einer Wochenendbeilage sahen mich drei nicht ganz so süße Ferkel an, (ich meine Ferkel und nicht Schweine). Das erweckte mein Interesse zum Weiterlesen. Sie zeigten Zähne und wurden von behütenden Händen in weißen Handschuhen vor die Kamera gehalten. Ich drehte das zusammengelegte Blatt um und las die Überschrift: Retter aus dem Stall. Die Wochenendbeilage erfreut mich oft mit lesenswerten Artikeln. Ich erfuhr schon einiges aus allerlei populären Lebensbereichen, das ich nicht mehr vergessen habe. Diesmal war ich aufgewühlt, ein wenig, und setzte mich hin und schrieb zuerst einige Sätze, ein Memorandum an mich, denn es ging um Teile, die ich bald benötigen könnte: Vielleicht liefern Schweine bald organische Ersatzteile für den Menschen war die Überschrift.
Nicht nur der Populärbiologe, auch der wissenschaftliche Biologe weiß um die große Ähnlichkeit des Schweines mit dem Menschen, wobei die biologische größer ist als die populär ausgedrückte. Schweine begehen keine Schweinereien, sie schweinigeln nicht und sind auch keine Schweine im menschlichen Sinn. Biologen und Gentechniker dagegen erklären das Schwein beinahe zum Menschen, nicht andersrum – was für das Schwein folgenlos wäre. So sieht das Schwein einer neuen rosigen Zukunft entgegen. Nicht das ganze Schwein zwar, aber Teile immerhin: seine inneren Organe. Dem Schwein steht als Lebensaufgabe nicht die Schlachtung bevor, sondern nur die Entnahme von Organen zum Zwecke der Leidminderung (das bitte nie vergessen, wenn Sie es einmal jemandem gegenüber erwähnen). Das Schwein kommt von der Schweinemastanlage nun auch in ein Ersatzteillager, das neben dem Krankenhaus errichtet wird: Tausende Menschen müssen sterben, weil sie zu lange auf ein Spendeorgan warten. Forscher arbeiten fieberhaft an einer Lösung für dieses Problem.
Irgendwelche Bedenken kann nicht einmal der Tierschutz haben: Selbst Tierschützer dürften sich mit Protesten zurückhalten, wenn in Zukunft Schweineorgane von speziell gezüchteten Tieren eingesetzt werden, um menschliches Leid zu lindern.
Zufriedene Tierschützer; unzufriedene Tierschützer: lästige Individuen. Im Vorhinein sollte sich jeder Tierschützer seinen Protest überlegen. Menschliches Leid lindern ist des Menschen oberste moralische Kategorie.
Irgendeiner wird aber doch protestieren; es gibt immer welche, die Bedenken haben. Diesmal gewiß sind es nicht die Bedenkenträger, welche die Politik vorausschickt, wenn die Entscheidungsträger z.B. fordern „den“ Gürtel enger zu schnallen, Atome auf menschliche Ewigkeit laufen zu lassen und freie Radikale mit Vitaminen oder Geldspritzen zu bekämpfen. Man wird zum ewigen Protestler alleine schon, wenn man Sätze wie die zitierten aus einer Wochenendausgabe zitiert, aus größeren und komplexen Zusammenhängen heraus. Oder wie verstehen Sie die Mühe, die ich mir hier mache? Würde ich kostbare Stunden verschwenden, lediglich um über eine Wochenendausgabe zu reflektieren und nicht ein großes provokatives Thema voranzutreiben? Mein Einsatz gilt aber nur der Formulierung (weil ich schon mal angefangen habe, und endlich wieder etwas zu Ende schreiben möchte).
Bevor ich protestiere und um etwas Menschlichkeit für das Schwein bitte, muß ich kurz nacherzählen wie das lebende Organ entsteht: Kurz vor dem Werfen kommt die schwangere Sau in eine sterile Box; per Kaiserschnitt werden dort die Ferkel auf die Welt geholt, um dann in Brutkästen mit steriler Milch aufgezogen zu werden. Das Organ lebt bis ihm die überflüssigen Teile entfernt werden unter „hochhygienischen Bedingungen“ nicht nur unter behördlicher, sondern auch wissenschaftlicher, behütender Aufsicht. „Auf die Welt geholt“ gefällt mir gut, es ist richtiger als geboren werden, denn es geht ja nicht um ein ganzes zum Leben/Fressen bestimmtes Tier, sondern nur um einen Teil davon.
Man darf aber feststellen, daß das Leid mindernde Organ ein eigenes Leben hat. Das Ferkel kann als Zwischenwirt betrachtet werden. Das Organ kann zwar nicht selbst entscheiden, wo es leben will, aber das kann ein Baum auch nicht. Es hat, nach erfolgter „Xenotransplantation“, ein arbeitsreiches Leben in seinem neuen Wirt vor sich; den alten wird es nicht vermissen – wer erinnert sich schon gerne an sein steriles Leben? Wir nicht, Organe auch nicht – wobei ziemlich sicher ist, was Organe sind, aber was „Wir“ ist, ist kaum zu bestimmen. Nicht einmal ein Papst kann hier in einer etwa anstehenden „Ethikdiskussion“ ein Machtwort sprechen. Dafür sind „Ethikkommissionen“, Zwölfer-, Dreizehner-, oder Ältesten-Räte aus dem Nichts zu bestimmen, in das sie später wieder verdämmern; die sitzen dann an einem runden und „grünen Tisch“ und ihre Herzen schlagen höher, weil sie in den Entscheidungsprozeß, der eine leidlose Zukunft einleiten wird, mit eingebunden sind; maßgeblich. Unsere Herzen schlagen noch in uns, und auch für uns. Schweine dagegen haben ein größeres Herz, Schweineherzen schlugen bis zu sechs Monaten in Affen weiter, haben Versuche ergeben. Vom Menschen zum Affen ist es noch ein weiter Schritt. Das „missing link“ könnte ein Schweineherz sein, das sich vom weichen dann allmählich zum harten des Menschen entwickeln kann, in einer Art nachträglicher Evolution. Forscher könnten begeistert sein, wenn sie es entdecken. In jedem Falle sind „hochhygienische Bedingungen“ für die Organaufzucht erforderlich; man denke nur an die „fieberhaft“ an Lösungen Arbeitenden außerhalb der Box und die Möglichkeit von Forschungsdrang-Infektionen.
Alles spricht dafür, daß die „Xenotransplantation“ dem Bürger leichter zu „vermitteln“ sein wird, als die neue „Atompolitik“ oder megateure Mega-Prestige-Projekte, Banker-Boni von staatlichen Pleite-Banken und anderes. So etwas gilt Politikern allmählich als „schwer vermittelbar“. Kommt Zeit, kommt Verständnis und unvermittelt stellt sich Vermittelbarkeit für alles ein, was wir nicht wollen und noch weniger brauchen. Für die Xenotransplantation gilt das nicht – möchte ich hier bei aller Boshaftigheit, die sich in die Wortwahl unvermittelt eingestellt hat, anfügen.

Zum Schluß noch ein Wort zu einem akuten, sehr viel diskutierten, sehr breit und sehr gefühlsbetonten, gesellschaftlichen Thema: zur Integration:
Das Schweineherz wird sich problemlos, ohne daß wir es merken, in uns integrieren. Sorgen mache ich mir hier vor allem bei unseren Migranten, die das Schwein schon nicht in der Menge verfressen, wie wir es tun, (die Integrierten), noch weniger werden sie es sich einpflanzen lassen, um zu werden wie wir. Ich fürchte, hier liegt auch noch Sprengstoff für unsere Gesellschaft.
Man muß das Schwein mögen. Ein Denkmal für das Schwein (soll dieser Artikel sein).

12. August 2010

Denkpause: Die Komm-Tasche

Neulich erhielt ich eine E-Mail mit dem Betreff: “Having a monster cumshot” mit einem ausführlichen Protokoll, warum der Mailserver mir diese Mail nicht geschickt habe. Das Protokoll wollte ich nicht lesen, interessiert war ich schon. Heute kam von “Fun Recordings” eine CD mit meditativer Musik, verpackt in einem Luftpolster-Umschlag, der den Namen “Comebag” trägt. Warum mußte ich darauf sehen? Das “Comebag” soll Englisch sein und läßt sich mit Komm-Tasche gar nicht angemessen übersetzen. Das Bäg ist ein Markenprodukt der Firma TAP, mit ® hinter dem Namen. Tap ist nicht Englisch, hat aber viele ähnliche Bedeutungen wie: abgreifen – abhören – abklopfen – abzapfen – abziehen – Abflusshahn – Abgriff – Anzapfung – Gewindebohren u.a.m.

Worte, die ich früher gar nicht kannte und die nun, seit mir das Internet und deutsche Prodackt- & Sprachdiseiner Englisch beibringen, meine Phantasie anregen, zeigen mir auf welchen abschüssigen Weg ich gelangt bin, seit ich DSL habe. Wenn nicht bald Frau von der Leyen Bundeskanzlerin wird, ist nicht abzusehen, wie tief es mit mir noch gehen wird. Internetsperren, mir seid ihr willkommen!

Ich begrüße außerdem Google Street View, das laut AZ mein Wohnzimmer ablichten will und meinen Privatbesitz öffentlich machen möchte – ich habe kein Wohnzimmer und auch keinen Swimmingpool in keinem Garten. Ich begrüße das SWIFT-Abkommen mit den USA, mit dem Bankdaten an Behörden weitergegeben werden dürfen – ich habe keine “Finanztransaktionen” in Finanzparadiese und keine einzige “Kontobewegung” aus diesen zurück. Das bedaure ich natürlich, ich hätte gerne die Sorgen um meinen Reichtum, an denen andere so schwer tragen; ich möchte mit ihnen teilen. Das einzige worin ich reich bin, ist meine Phantasie. Doch die nimmt ab, dank unerwünschter E-Mails mit Betreff und ohne.

31. Mai 2010

Kreativindustrielle

Freunde und annähernd Unbekannte, von denen ich länger als eine Woche nichts gehört habe, versetzen mich bisweilen in gewissensbelastende Grübeleien mit Fragen wie: „Malst Du noch?“, „Gibt‘s was Neues bei Dir?“, „Hast Du mal wieder was geschrieben?“ und „Warst Du die letzten Wochen kreativ?“ Obwohl ich mir ein Kreativ-Komplett-Set aus einer Hobbythek besorgt habe, antworte ich nicht umgehend mit „Wie denn nicht!“. Die Frage löst in mir ein Unbehagen und ein Mißtrauen aus, das tief in meinen Alltag bohrt.

Den Fragenden geht es nicht um das Wort Kreativ, sondern um den neuesten Ausstoß an Künstlerprodukten aus meiner Kreativwerkstatt. Als Besitzer eines Komplett-Sets sollte es mir nicht schwerfallen, meinen Werkkatalog zu vergrößern und up-to-date zu halten, doch das Lesen von Bedienungsanleitungen und das Umsetzen der Angaben überfordert oft meine eigene Kreativität, so daß ich am Zweifeln bin, ob das, was da vor mir liegt, auch kreativ genug ist, so genannt werden zu dürfen.

Kreativ bin ich inmitten meines tiefsten Alltags zumeist nicht. Das Wörtchen „tief“ bezeichnet dabei das Versunkensein in belanglose Tätigkeit. Denke ich mal darüber nach, was ich gerade angestellt habe, kommt Kreativität wie von alleine zum Vorschein: Wer denkt ist kreativ, wer nachdenkt noch mehr. Wer liest, ist es auch; wer nicht begreift, was er liest, wird dazu gezwungen. Ein Beispiel Ihrer eigenen Kreativität können Sie anhand folgenden Satzes gleich erleben:
Blaue Nacht springt auf den Zug auf.
Ein lokales Ereignis, das es nicht geben kann, in der physischen, der handgreiflichen Welt. Was Sie vor Ihrem Auge gesehen haben, kann nicht das sein, was beschrieben wurde. Das ist Kreativität! Eine einzelne Tageszeitung macht mitunter den Ankauf mehrerer Kreativ-Komplett-Sets überflüssig.

Ein weiteres Lesebeispiel: Ratgeber Mogelessen
Ein kleiner Trennungsstrich nach Mogel verdeutlicht, worum es sich handeln könnte. Dann ist es weniger leicht, sich zu verlesen, kein Mogellesen mehr! Aber auch weniger kreativ. Wer Mogel-Essen fabriziert, Schinken aus Mehl zum Beispiel, beweist Kreativität in Verbindung mit Betrugsabsicht. Wer betrügen will, muß kreativ sein – von alleine kommt kein Betrug.

Betrüger dürften auch in der Kreativwirtschaft zu finden sein, von deren Existenz ich heute morgen erst gelesen habe („Die Kreativwirtschaft in Deutschland ist mit insgesamt einer Million Beschäftigten in 238.000 Unternehmen ein wichtiger Industriebereich“). Die kreativ Schaffenden werden das Wörtchen Industrie nicht sehr gerne hören, manchem klingt das wie Ölpest, dabei, ich habe mich einiger Lateinfetzen in meinem Gedächtnis erinnert (und sie wohlweislich nachgeschlagen), heißt „industria“ nur „Fleiß“. Es sind also fleißige Leute, die in 238.000 nur der Kreativität verpflichteten Unternehmen ihrer Tätigkeit nachgehen.

Da man mir so oft die Frage nach meinem Fleiß stellt, der nachzulassen droht, jeden Tag aufs Neue, schließe ich daraus, daß man mich wohl für kreativ hält, nicht aber für fleißig.

Es ist nicht die Frage, die mich so trifft, daß ich mich nun hinsetze und dazu etwas schreibe, es ist das unangenehme Gefühl, daß man mich beobachtet, während ich nichts tue, nichts richtiges.

„Malst Du noch?“, fragte mich einer, der auf meiner Webseite sasabo.de unter „Malerei“ das letzte Bild auf das Jahr 2007 datiert gefunden hatte.
Da ich weiß, daß mich dieser Betrachter aus der Ferne nicht unterstützen würde mit Ankauf, sondern nur mit gelegentlichem Lob, sagte ich auch hier: „Ja. Ich male noch.“ Seit über 30 Jahren male ich nun schon noch.

Ich möchte so gerne keinen Zweifel daran lassen, daß Malen für mich eine Berufung ist und es sich nicht aufgeben läßt. So wie für einen Prediger das Gesalbte seiner Worte direkt aus dem Allerhöchsten sprudelt, ist bei mir die Quelle: mein Innerstes – und das habe ich immer bei mir, und das lasse ich auch nicht los.

Ein Künstler macht aus seinem Innern keine Mördergrube. Diese Frase von der Mördergrube und dem Innern trifft mich schon. Das ist auch der Grund, warum ich abstrakt male. Würde ich mich mit Schreiberei beschäftigen, ich meine die wirkliche, die einzige die zählt, dem Romanestricken, womöglich gäb‘s dann einen weiteren Kommissar, der unerklärliche Fälle nicht löst ohne selbst tief in die Psychologie von Mördern, Vergewaltigern, Bombenlegern, Zuhältern und Schutzgeldindustriellen eingedrungen zu sein.

Ich möchte nicht, daß etwa ein Krimi aus mir hervorbricht. Das würde mich schockieren. Mir genügt schon eine kurze Vorschau für eine Krimi-Serie, daß es mir den Atem verschlägt – auch das ein Frase zwar, aber so geschehen am heutigen Tag bei einem Blick auf Arte, in dem die neue Krimiserie „The Killing“ angepriesen wurde. Man braucht nicht erst das Internet zu durchforsten nach Gewaltvideos, die echt oder gestellt sind, man kann zu jeder Tageszeit in jedem Programm sehen wie Frauen gefesselt, abgestochen, eingesperrt, vergewaltigt, zerstückelt werden und was die Fantasie und Wirklichkeit sonst noch alles an Dingen, die sich treiben lassen, hergibt. Vielleicht schaue ich nur zu wenig fern (und zu viel nah), daß ich noch graue Haare davon bekomme – wieder so eine Frase! Tatsache ist, daß ich die erste größere Strähne vor einigen Wochen gefunden habe. Von irgendwas muß sie ja kommen. Wenn nicht vom Frasendreschen (schon wieder eine gedroschen), dann gewiß vom fern sehen.

War ich die letzten Tage kreativ? Ich weiß nicht. Waren Sie die letzten Tage kreativ? Wenn Sie meinen Text gelesen haben und das Wort Kreativ einige Tage lang weder hören noch aussprechen wollen, dann hat sich meine Arbeit an diesen Zeilen schon ein wenig gelohnt.

Ich male noch, ich schreibe noch, ich bin noch nicht am Ende: Kreatives demnächst noch mehr auf dieser Seite.

8. März 2010

Geschmacklos

Vor zwei Wochen dachte ich, ich hätte eine kleine Nierenbeckenentzündung. Mit so einer Entzündung, abgesehen von Schmerzen, las ich, ginge eine eher depressiv gefärbte Stimmungslage einher, wie Appetitlosigkeit & Freudlosigkeit & Schlechtlaunenhaftigkeit (diese Eigenkomposition klingt so miserabel, daß ich sie als zutreffend empfinde). Meine Erwartungshaltung traf dann auch tatsächlich auf meine Haltung den Dingen gegenüber ein. Hinzu kam eine Art allergischer Schock auf eine Gewürzmischung, die ich mir in mein Gemüsesüppchen gestreut hatte, mit der Folge von Bauchkrämpfen und Zwiebackessen.

Die Nierenbeckenentzündung lehnte später mein Hausarzt ab und verscheuchte damit restlos die Symptome, deren ich eh schon überdrüssig geworden war, den allergischen Schock beließ er mir als womöglich echt und rückte im übrigen einige verhakte Gelenke zurecht, so daß ich nun wieder aufrecht und beschwerdefrei um mich sehen kann.

Ich hatte also schlechte Laune ganze ein oder zwei ganze Tage über. Das kommt sehr, ich möchte sogar sagen sehrsehr selten vor. Ich bin mit einem an sich frohen Gemüt gesegnet, drehe mich schon früh morgens mit einer spaßigen oder blöden Bemerkung auf der Zunge aus dem Bett, trinke eine Menge Tee und absolviere einen Morgenspazier mit meinem Hund, der noch mehr guter Laune ist als ich und somit mir stets als gutes Beispiel meist hinten nach läuft.
Ich brauche bei einem Freund, mit dem ich sowohl telefonisch als auch elektronisch verkehre, nur das Wort Klasse! auszusprechen, wenn’s um die Frage des eigenen Ganges geht (“Wie geht’s?”), schon hebe ich die Stimmung unseres Gesprächs über die Welt, die wir beide nur aus Nachrichten und News kennen, über die Welt hinweg, um einige Wärmegrade höher. Ich erwähne das nur teils-teils um das Wort Klasse! mindestens einmal geschrieben zu haben und andern teils-teils weil gerade die Sonne scheint und das wirklich Klasse! ist.

Mein Thema hat nur ungefähren Anklang an Klasse, obwohl es um Musik geht, denn gerade zu der miesen Zeit erschien mir besonders Musik als öde. Was auch immer ich hörte, es war alles andere als Klasse!, nicht einmal Klassik. Mein Alltag ist gewöhnlich mit Musik überladen, ich habe mir das in letzter Zeit oft gedacht. So bereitete sich der Überdruß schon vor, der dann seinen Ausbruch in der Allergie-Attacke gefunden hat. Mein Musikgeschmack wird von Freunden, mit denen ich ihn nicht teile, die ihn aber zu Gehör bekommen, als sehr extrem, gar das Häßliche betonend, bezeichnet. Mir gefällt’s trotzdem und ich untermale meinen Tag mit Free-Jazz, mit Gregorianik, mit Bach und Feldman und Fado. Es gibt Phasen mit Electro-Funk, experimentellem Pop und den Beatles. Phasenfreie Zonen sind kurz. Als mir das auffiel, begann ich Leute zu bewundern, die keine Musik mehr hören, wie ein Freund, dessen zuletzt gehörtes Musikstück Richard Strauss’ Metamorphosen ist. Nach der Qual des Zuhörens bei diesem Meisterstück seines Lieblingskomponisten überkam ihn der Ekel vor schmalzgebackenem Tränenrührteig – und seither hört er keine Musik mehr. Dafür hat er meine Bewunderung.

Frank Zappa ließ auf seinen CDs den Satz aufdrucken: “And remember: Music is the best”. Lange hielt ich den Satz für richtig, besonders, wenn ich Musik hörte, die mir Gänsehaut machte. Mittlerweile bin ich in Zweifel, ob es mir gut tut, mir meine Zeit mit Schlagstöcken in einen exakten, zumeist auch noch langweiligen Rhythmus aufteilen zu lassen.

Keine Musik mehr zu hören ist eine Wunschvorstellung, die mir aus dem Überdruß erwachsen ist. Selbst wenn es mir mal eine Fastenwoche lang gelingt, Ruhe kommt deswegen nicht, sondern zuerst einmal Lärm. Sich des Lärms der Umgebung bewußt zu werden, ist ein unangenehmer Daueraufwachprozeß.

Mittlerweile sind einige Geschmacksnerven zurückgekehrt, auch was die Musik betrifft. Doch die Geschmacklosigkeit der letzten Tage kehrt leider immer wieder mal zurück und beerdigt so manches meiner alten Lieblingsstücke. Was Neues ist nicht in Sicht – ich brauche eine neue Sichtweise! Was hilft’s aber, wenn man’s einfach nicht mehr hören kann.

Ich frage mich, wie es sich ganz ohne Geschmackssinne lebt. Ich kann’s mir nicht vorstellen. Beim Essen wäre mir das unangenehm. Würde ich einmal gar keine Musik mehr hören, ich würde mir wahrscheinlich sagen: endlich ist mein Musikgeschmack wirklich gut geworden. Dasselbe gilt für alles andere auch.

31. Januar 2010

Bratwurststricken

Weiße Pracht kommt grau vor die Stadt – auf diesen Satz bin ich einige Male angesprochen worden. Er gefiel jedem, weil er für sich alleine zu stehen scheint, selbst wenn der Ortseingeweihte weiß, worum es sich handelt. Vor der Stadt ist die Weiße Pracht grau – tatsächlich spielt sich hier wenig ab, das Leben ist grau, es enttäuscht mich nicht. Es kommt eben auf die Erwartungen an, die man hegt und pflegt. Von großen Erwartungen spricht diese Schlagzeile: Enttäuschung bei den Bratwurststrickern.

Wer sie nicht kennt, sollte seine Phantasie befragen: ich seh sie vor mir, und bin daher nicht überrascht, daß es sie gibt.

Vielleicht waren die Bratwurststricker auf dem Weg nach Morgen und merkten am Tag danach, daß sie gestern angekommen waren. Das wird jedem passieren, der sich dorthin aufmacht & ankommt. Der Trend liegt nicht beim Ankommen. Das war gestern! Heute müssen wir in die Zukunft blicken. Wir müssen das schon seit ich denken kann. Zukunftsforscher wie sie in den 60er und 70er Jahren populär waren, lagen weit neben der Wirklichkeit, die sie uns einzureden versuchten. »Ihr werdet es erleben» hieß eine Schwarte, die ich mir damals zulegte, und nun, da alles darin Vorhergesagte schon wieder passé ist, lese ich endlich darin, mit Vergnügen, von der Unsinnigkeit des Blickens in die Zukunft.

Die Aussichten sollen ja ohnehin schlecht sein, ich bin da durchaus Pessimist – jeder Pessimist wird sagen, Pessimismus sei dasselbe wie Realismus. Realistisch wie bin, glaube ich zwar an diese Nachricht: Gott handelt auch durch Rentner, denke aber durch mich hat er‘s bislang noch wenig getan und wird es später auch wenig tun. Meist, das sagt diese Zeile auch, scheint festzustehen, handelt er durch andere. Es kann trotzdem, bei Eintritt ins Rentenalter, noch manche Wundertätigkeit geschehen und das Leben auf eine höhere Stufe gestellt werden. Wer unten bleibt, dem sei folgendes ein Trost: Unten angekommen muß der Spaß noch lange nicht aufhören.

Rätselhaft war mir diese Zeile. Das Tief-Fallen selbst mag ein Schrecken sein. Doch der Schreiber obiger Ermutigung hat vielleicht wie viele andere mit ihm die Erfahrung gemacht, daß unten angekommen die Vergnügungen erst richtig beginnen. Wenn man besonders tief fällt, gibt’s kein weiteres Fallen mehr – viele wähnen dort die Politik – dort sumpft man ein. Der Sumpf ist eine Fantasie-Landschaft – er ist alles außer grau, der Sumpf blüht! Wer ihn nicht kennt, stellt ihn sich vor, so wie ich, der ihn nicht kennt: Ganz unten nämlich, im Sumpf, scheint es sich am besten zu leben. Dort gibt‘s die höchsten Gehälter und neben den schmutzigsten Geschäften auch die versautesten Vergnügungen, die einem nur entgehen können. Alles von meinem Standort aus, grau vor der Stadt, nur Gedankenspielchen, denen ich versonnen voraustrauere – eines Tages kann ich sie vielleicht noch erleben, und dann: bedauern. Aber erst einmal von der Rente träumen und dem Lieben Gott, der mit ihr keinen Handel treiben möge.

Da ich hier von Dingen schreibe, die ich nur vermute, wird das dem Bratwurststricken sehr ähnlich sein – es könnte sich um meine erste gestrickte Bratwurst handeln.