Archiv für das Jahr: 2010

21. September 2010

Sätze für eine nahe, wohlbestallte Zukunft

Aus einer Wochenendbeilage sahen mich drei nicht ganz so süße Ferkel an, (ich meine Ferkel und nicht Schweine). Das erweckte mein Interesse zum Weiterlesen. Sie zeigten Zähne und wurden von behütenden Händen in weißen Handschuhen vor die Kamera gehalten. Ich drehte das zusammengelegte Blatt um und las die Überschrift: Retter aus dem Stall. Die Wochenendbeilage erfreut mich oft mit lesenswerten Artikeln. Ich erfuhr schon einiges aus allerlei populären Lebensbereichen, das ich nicht mehr vergessen habe. Diesmal war ich aufgewühlt, ein wenig, und setzte mich hin und schrieb zuerst einige Sätze, ein Memorandum an mich, denn es ging um Teile, die ich bald benötigen könnte: Vielleicht liefern Schweine bald organische Ersatzteile für den Menschen war die Überschrift.

Nicht nur der Populärbiologe, auch der wissenschaftliche Biologe weiß um die große Ähnlichkeit des Schweines mit dem Menschen, wobei die biologische größer ist als die populär ausgedrückte. Schweine begehen keine Schweinereien, sie schweinigeln nicht und sind auch keine Schweine im menschlichen Sinn. Biologen und Gentechniker dagegen erklären das Schwein beinahe zum Menschen, nicht andersrum – was für das Schwein folgenlos wäre. So sieht das Schwein einer neuen rosigen Zukunft entgegen. Nicht das ganze Schwein zwar, aber Teile immerhin: seine inneren Organe. Dem Schwein steht als Lebensaufgabe nicht die Schlachtung bevor, sondern nur die Entnahme von Organen zum Zwecke der Leidminderung (das bitte nie vergessen, wenn Sie es einmal jemandem gegenüber erwähnen). Das Schwein kommt von der Schweinemastanlage nun auch in ein Ersatzteillager, das neben dem Krankenhaus errichtet wird: Tausende Menschen müssen sterben, weil sie zu lange auf ein Spendeorgan warten. Forscher arbeiten fieberhaft an einer Lösung für dieses Problem.

Weiterlesen

12. August 2010

Denkpause: Die Komm-Tasche

Neulich erhielt ich eine E-Mail mit dem Betreff: »Having a monster cumshot« mit einem ausführlichen Protokoll, warum der Mailserver mir diese Mail nicht geschickt habe. Das Protokoll wollte ich nicht lesen, interessiert war ich schon. Heute kam von »Fun Recordings« eine CD mit meditativer Musik, verpackt in einem Luftpolster-Umschlag, der den Namen »Comebag« trägt. Warum mußte ich darauf sehen? Das »Comebag« soll Englisch sein und läßt sich mit Komm-Tasche gar nicht angemessen übersetzen. Das Bäg ist ein Markenprodukt der Firma TAP, mit ® hinter dem Namen. Tap ist nicht Englisch, hat aber viele ähnliche Bedeutungen wie: abgreifen – abhören – abklopfen – abzapfen – abziehen – Abflusshahn – Abgriff – Anzapfung – Gewindebohren u.a.m.

Worte, die ich früher gar nicht kannte und die nun, seit mir das Internet und deutsche Prodackt- & Sprachdiseiner Englisch beibringen, meine Phantasie anregen, zeigen mir auf welchen abschüssigen Weg ich gelangt bin, seit ich DSL habe. Wenn nicht bald Frau von der Leyen Bundeskanzlerin wird, ist nicht abzusehen, wie tief es mit mir noch gehen wird. Internetsperren, mir seid ihr willkommen!

Ich begrüße außerdem Google Street View, das laut AZ mein Wohnzimmer ablichten will und meinen Privatbesitz öffentlich machen möchte – ich habe kein Wohnzimmer und auch keinen Swimmingpool in keinem Garten. Ich begrüße das SWIFT-Abkommen mit den USA, mit dem Bankdaten an Behörden weitergegeben werden dürfen – ich habe keine “Finanztransaktionen” in Finanzparadiese und keine einzige “Kontobewegung” aus diesen zurück. Das bedaure ich natürlich, ich hätte gerne die Sorgen um meinen Reichtum, an denen andere so schwer tragen; ich möchte mit ihnen teilen. Das einzige worin ich reich bin, ist meine Phantasie. Doch die nimmt ab, dank unerwünschter E-Mails mit Betreff und ohne.

31. Mai 2010

Kreativindustrielle

Freunde und annähernd Unbekannte, von denen ich länger als eine Woche nichts gehört habe, versetzen mich bisweilen in gewissensbelastende Grübeleien mit Fragen wie: „Malst Du noch?“, „Gibt‘s was Neues bei Dir?“, „Hast Du mal wieder was geschrieben?“ und „Warst Du die letzten Wochen kreativ?“ Obwohl ich mir ein Kreativ-Komplett-Set aus einer Hobbythek besorgt habe, antworte ich nicht umgehend mit „Wie denn nicht!“. Die Frage löst in mir ein Unbehagen und ein Mißtrauen aus, das tief in meinen Alltag bohrt.

Den Fragenden geht es nicht um das Wort Kreativ, sondern um den neuesten Ausstoß an Künstlerprodukten aus meiner Kreativwerkstatt. Als Besitzer eines Komplett-Sets sollte es mir nicht schwerfallen, meinen Werkkatalog zu vergrößern und up-to-date zu halten, doch das Lesen von Bedienungsanleitungen und das Umsetzen der Angaben überfordert oft meine eigene Kreativität, so daß ich am Zweifeln bin, ob das, was da vor mir liegt, auch kreativ genug ist, so genannt werden zu dürfen.

Weiterlesen

8. März 2010

Geschmacklos

Vor zwei Wochen dachte ich, ich hätte eine kleine Nierenbeckenentzündung. Mit so einer Entzündung, abgesehen von Schmerzen, las ich, ginge eine eher depressiv gefärbte Stimmungslage einher, wie Appetitlosigkeit & Freudlosigkeit & Schlechtlaunenhaftigkeit (diese Eigenkomposition klingt so miserabel, daß ich sie als zutreffend empfinde). Meine Erwartungshaltung traf dann auch tatsächlich auf meine Haltung den Dingen gegenüber ein. Hinzu kam eine Art allergischer Schock auf eine Gewürzmischung, die ich mir in mein Gemüsesüppchen gestreut hatte, mit der Folge von Bauchkrämpfen und Zwiebackessen.

Die Nierenbeckenentzündung lehnte später mein Hausarzt ab und verscheuchte damit restlos die Symptome, deren ich eh schon überdrüssig geworden war, den allergischen Schock beließ er mir als womöglich echt und rückte im übrigen einige verhakte Gelenke zurecht, so daß ich nun wieder aufrecht und beschwerdefrei um mich sehen kann.

Weiterlesen

31. Januar 2010

Bratwurststricken

Weiße Pracht kommt grau vor die Stadt – auf diesen Satz bin ich einige Male angesprochen worden. Er gefiel jedem, weil er für sich alleine zu stehen scheint, selbst wenn der Ortseingeweihte weiß, worum es sich handelt. Vor der Stadt ist die Weiße Pracht grau – tatsächlich spielt sich hier wenig ab, das Leben ist grau, es enttäuscht mich nicht. Es kommt eben auf die Erwartungen an, die man hegt und pflegt. Von großen Erwartungen spricht diese Schlagzeile: Enttäuschung bei den Bratwurststrickern.

Wer sie nicht kennt, sollte seine Phantasie befragen: ich seh sie vor mir, und bin daher nicht überrascht, daß es sie gibt.

Vielleicht waren die Bratwurststricker auf dem Weg nach Morgen und merkten am Tag danach, daß sie gestern angekommen waren. Das wird jedem passieren, der sich dorthin aufmacht & ankommt. Der Trend liegt nicht beim Ankommen. Das war gestern! Heute müssen wir in die Zukunft blicken. Wir müssen das schon seit ich denken kann. Zukunftsforscher wie sie in den 60er und 70er Jahren populär waren, lagen weit neben der Wirklichkeit, die sie uns einzureden versuchten. »Ihr werdet es erleben» hieß eine Schwarte, die ich mir damals zulegte, und nun, da alles darin Vorhergesagte schon wieder passé ist, lese ich endlich darin, mit Vergnügen, von der Unsinnigkeit des Blickens in die Zukunft.

Weiterlesen