Archiv für den Monat: Januar 2010

31. Januar 2010

Bratwurststricken

Weiße Pracht kommt grau vor die Stadt – auf diesen Satz bin ich einige Male angesprochen worden. Er gefiel jedem, weil er für sich alleine zu stehen scheint, selbst wenn der Ortseingeweihte weiß, worum es sich handelt. Vor der Stadt ist die Weiße Pracht grau – tatsächlich spielt sich hier wenig ab, das Leben ist grau, es enttäuscht mich nicht. Es kommt eben auf die Erwartungen an, die man hegt und pflegt. Von großen Erwartungen spricht diese Schlagzeile: Enttäuschung bei den Bratwurststrickern.

Wer sie nicht kennt, sollte seine Phantasie befragen: ich seh sie vor mir, und bin daher nicht überrascht, daß es sie gibt.

Vielleicht waren die Bratwurststricker auf dem Weg nach Morgen und merkten am Tag danach, daß sie gestern angekommen waren. Das wird jedem passieren, der sich dorthin aufmacht & ankommt. Der Trend liegt nicht beim Ankommen. Das war gestern! Heute müssen wir in die Zukunft blicken. Wir müssen das schon seit ich denken kann. Zukunftsforscher wie sie in den 60er und 70er Jahren populär waren, lagen weit neben der Wirklichkeit, die sie uns einzureden versuchten. »Ihr werdet es erleben» hieß eine Schwarte, die ich mir damals zulegte, und nun, da alles darin Vorhergesagte schon wieder passé ist, lese ich endlich darin, mit Vergnügen, von der Unsinnigkeit des Blickens in die Zukunft.

Die Aussichten sollen ja ohnehin schlecht sein, ich bin da durchaus Pessimist – jeder Pessimist wird sagen, Pessimismus sei dasselbe wie Realismus. Realistisch wie bin, glaube ich zwar an diese Nachricht: Gott handelt auch durch Rentner, denke aber durch mich hat er‘s bislang noch wenig getan und wird es später auch wenig tun. Meist, das sagt diese Zeile auch, scheint festzustehen, handelt er durch andere. Es kann trotzdem, bei Eintritt ins Rentenalter, noch manche Wundertätigkeit geschehen und das Leben auf eine höhere Stufe gestellt werden. Wer unten bleibt, dem sei folgendes ein Trost: Unten angekommen muß der Spaß noch lange nicht aufhören.

Rätselhaft war mir diese Zeile. Das Tief-Fallen selbst mag ein Schrecken sein. Doch der Schreiber obiger Ermutigung hat vielleicht wie viele andere mit ihm die Erfahrung gemacht, daß unten angekommen die Vergnügungen erst richtig beginnen. Wenn man besonders tief fällt, gibt’s kein weiteres Fallen mehr – viele wähnen dort die Politik – dort sumpft man ein. Der Sumpf ist eine Fantasie-Landschaft – er ist alles außer grau, der Sumpf blüht! Wer ihn nicht kennt, stellt ihn sich vor, so wie ich, der ihn nicht kennt: Ganz unten nämlich, im Sumpf, scheint es sich am besten zu leben. Dort gibt‘s die höchsten Gehälter und neben den schmutzigsten Geschäften auch die versautesten Vergnügungen, die einem nur entgehen können. Alles von meinem Standort aus, grau vor der Stadt, nur Gedankenspielchen, denen ich versonnen voraustrauere – eines Tages kann ich sie vielleicht noch erleben, und dann: bedauern. Aber erst einmal von der Rente träumen und dem Lieben Gott, der mit ihr keinen Handel treiben möge.

Da ich hier von Dingen schreibe, die ich nur vermute, wird das dem Bratwurststricken sehr ähnlich sein – es könnte sich um meine erste gestrickte Bratwurst handeln.