Archiv für den Monat: März 2010

8. März 2010

Geschmacklos

Vor zwei Wochen dachte ich, ich hätte eine kleine Nierenbeckenentzündung. Mit so einer Entzündung, abgesehen von Schmerzen, las ich, ginge eine eher depressiv gefärbte Stimmungslage einher, wie Appetitlosigkeit & Freudlosigkeit & Schlechtlaunenhaftigkeit (diese Eigenkomposition klingt so miserabel, daß ich sie als zutreffend empfinde). Meine Erwartungshaltung traf dann auch tatsächlich auf meine Haltung den Dingen gegenüber ein. Hinzu kam eine Art allergischer Schock auf eine Gewürzmischung, die ich mir in mein Gemüsesüppchen gestreut hatte, mit der Folge von Bauchkrämpfen und Zwiebackessen.

Die Nierenbeckenentzündung lehnte später mein Hausarzt ab und verscheuchte damit restlos die Symptome, deren ich eh schon überdrüssig geworden war, den allergischen Schock beließ er mir als womöglich echt und rückte im übrigen einige verhakte Gelenke zurecht, so daß ich nun wieder aufrecht und beschwerdefrei um mich sehen kann.

Ich hatte also schlechte Laune ganze ein oder zwei ganze Tage über. Das kommt sehr, ich möchte sogar sagen sehrsehr selten vor. Ich bin mit einem an sich frohen Gemüt gesegnet, drehe mich schon früh morgens mit einer spaßigen oder blöden Bemerkung auf der Zunge aus dem Bett, trinke eine Menge Tee und absolviere einen Morgenspazier mit meinem Hund, der noch mehr guter Laune ist als ich und somit mir stets als gutes Beispiel meist hinten nach läuft.
Ich brauche bei einem Freund, mit dem ich sowohl telefonisch als auch elektronisch verkehre, nur das Wort Klasse! auszusprechen, wenn’s um die Frage des eigenen Ganges geht (“Wie geht’s?”), schon hebe ich die Stimmung unseres Gesprächs über die Welt, die wir beide nur aus Nachrichten und News kennen, über die Welt hinweg, um einige Wärmegrade höher. Ich erwähne das nur teils-teils um das Wort Klasse! mindestens einmal geschrieben zu haben und andern teils-teils weil gerade die Sonne scheint und das wirklich Klasse! ist.

Mein Thema hat nur ungefähren Anklang an Klasse, obwohl es um Musik geht, denn gerade zu der miesen Zeit erschien mir besonders Musik als öde. Was auch immer ich hörte, es war alles andere als Klasse!, nicht einmal Klassik. Mein Alltag ist gewöhnlich mit Musik überladen, ich habe mir das in letzter Zeit oft gedacht. So bereitete sich der Überdruß schon vor, der dann seinen Ausbruch in der Allergie-Attacke gefunden hat. Mein Musikgeschmack wird von Freunden, mit denen ich ihn nicht teile, die ihn aber zu Gehör bekommen, als sehr extrem, gar das Häßliche betonend, bezeichnet. Mir gefällt’s trotzdem und ich untermale meinen Tag mit Free-Jazz, mit Gregorianik, mit Bach und Feldman und Fado. Es gibt Phasen mit Electro-Funk, experimentellem Pop und den Beatles. Phasenfreie Zonen sind kurz. Als mir das auffiel, begann ich Leute zu bewundern, die keine Musik mehr hören, wie ein Freund, dessen zuletzt gehörtes Musikstück Richard Strauss’ Metamorphosen ist. Nach der Qual des Zuhörens bei diesem Meisterstück seines Lieblingskomponisten überkam ihn der Ekel vor schmalzgebackenem Tränenrührteig – und seither hört er keine Musik mehr. Dafür hat er meine Bewunderung.

Frank Zappa ließ auf seinen CDs den Satz aufdrucken: “And remember: Music is the best”. Lange hielt ich den Satz für richtig, besonders, wenn ich Musik hörte, die mir Gänsehaut machte. Mittlerweile bin ich in Zweifel, ob es mir gut tut, mir meine Zeit mit Schlagstöcken in einen exakten, zumeist auch noch langweiligen Rhythmus aufteilen zu lassen.

Keine Musik mehr zu hören ist eine Wunschvorstellung, die mir aus dem Überdruß erwachsen ist. Selbst wenn es mir mal eine Fastenwoche lang gelingt, Ruhe kommt deswegen nicht, sondern zuerst einmal Lärm. Sich des Lärms der Umgebung bewußt zu werden, ist ein unangenehmer Daueraufwachprozeß.

Mittlerweile sind einige Geschmacksnerven zurückgekehrt, auch was die Musik betrifft. Doch die Geschmacklosigkeit der letzten Tage kehrt leider immer wieder mal zurück und beerdigt so manches meiner alten Lieblingsstücke. Was Neues ist nicht in Sicht – ich brauche eine neue Sichtweise! Was hilft’s aber, wenn man’s einfach nicht mehr hören kann.

Ich frage mich, wie es sich ganz ohne Geschmackssinne lebt. Ich kann’s mir nicht vorstellen. Beim Essen wäre mir das unangenehm. Würde ich einmal gar keine Musik mehr hören, ich würde mir wahrscheinlich sagen: endlich ist mein Musikgeschmack wirklich gut geworden. Dasselbe gilt für alles andere auch.