Archiv für den Monat: Mai 2010

31. Mai 2010

Kreativindustrielle

Freunde und annähernd Unbekannte, von denen ich länger als eine Woche nichts gehört habe, versetzen mich bisweilen in gewissensbelastende Grübeleien mit Fragen wie: „Malst Du noch?“, „Gibt‘s was Neues bei Dir?“, „Hast Du mal wieder was geschrieben?“ und „Warst Du die letzten Wochen kreativ?“ Obwohl ich mir ein Kreativ-Komplett-Set aus einer Hobbythek besorgt habe, antworte ich nicht umgehend mit „Wie denn nicht!“. Die Frage löst in mir ein Unbehagen und ein Mißtrauen aus, das tief in meinen Alltag bohrt.

Den Fragenden geht es nicht um das Wort Kreativ, sondern um den neuesten Ausstoß an Künstlerprodukten aus meiner Kreativwerkstatt. Als Besitzer eines Komplett-Sets sollte es mir nicht schwerfallen, meinen Werkkatalog zu vergrößern und up-to-date zu halten, doch das Lesen von Bedienungsanleitungen und das Umsetzen der Angaben überfordert oft meine eigene Kreativität, so daß ich am Zweifeln bin, ob das, was da vor mir liegt, auch kreativ genug ist, so genannt werden zu dürfen.

Kreativ bin ich inmitten meines tiefsten Alltags zumeist nicht. Das Wörtchen „tief“ bezeichnet dabei das Versunkensein in belanglose Tätigkeit. Denke ich mal darüber nach, was ich gerade angestellt habe, kommt Kreativität wie von alleine zum Vorschein: Wer denkt ist kreativ, wer nachdenkt noch mehr. Wer liest, ist es auch; wer nicht begreift, was er liest, wird dazu gezwungen. Ein Beispiel Ihrer eigenen Kreativität können Sie anhand folgenden Satzes gleich erleben:
Blaue Nacht springt auf den Zug auf.
Ein lokales Ereignis, das es nicht geben kann, in der physischen, der handgreiflichen Welt. Was Sie vor Ihrem Auge gesehen haben, kann nicht das sein, was beschrieben wurde. Das ist Kreativität! Eine einzelne Tageszeitung macht mitunter den Ankauf mehrerer Kreativ-Komplett-Sets überflüssig.

Ein weiteres Lesebeispiel: Ratgeber Mogelessen
Ein kleiner Trennungsstrich nach Mogel verdeutlicht, worum es sich handeln könnte. Dann ist es weniger leicht, sich zu verlesen, kein Mogellesen mehr! Aber auch weniger kreativ. Wer Mogel-Essen fabriziert, Schinken aus Mehl zum Beispiel, beweist Kreativität in Verbindung mit Betrugsabsicht. Wer betrügen will, muß kreativ sein – von alleine kommt kein Betrug.

Betrüger dürften auch in der Kreativwirtschaft zu finden sein, von deren Existenz ich heute morgen erst gelesen habe („Die Kreativwirtschaft in Deutschland ist mit insgesamt einer Million Beschäftigten in 238.000 Unternehmen ein wichtiger Industriebereich“). Die kreativ Schaffenden werden das Wörtchen Industrie nicht sehr gerne hören, manchem klingt das wie Ölpest, dabei, ich habe mich einiger Lateinfetzen in meinem Gedächtnis erinnert (und sie wohlweislich nachgeschlagen), heißt „industria“ nur „Fleiß“. Es sind also fleißige Leute, die in 238.000 nur der Kreativität verpflichteten Unternehmen ihrer Tätigkeit nachgehen.

Da man mir so oft die Frage nach meinem Fleiß stellt, der nachzulassen droht, jeden Tag aufs Neue, schließe ich daraus, daß man mich wohl für kreativ hält, nicht aber für fleißig.

Es ist nicht die Frage, die mich so trifft, daß ich mich nun hinsetze und dazu etwas schreibe, es ist das unangenehme Gefühl, daß man mich beobachtet, während ich nichts tue, nichts richtiges.

„Malst Du noch?“, fragte mich einer, der auf meiner Webseite sasabo.de unter „Malerei“ das letzte Bild auf das Jahr 2007 datiert gefunden hatte.
Da ich weiß, daß mich dieser Betrachter aus der Ferne nicht unterstützen würde mit Ankauf, sondern nur mit gelegentlichem Lob, sagte ich auch hier: „Ja. Ich male noch.“ Seit über 30 Jahren male ich nun schon noch.

Ich möchte so gerne keinen Zweifel daran lassen, daß Malen für mich eine Berufung ist und es sich nicht aufgeben läßt. So wie für einen Prediger das Gesalbte seiner Worte direkt aus dem Allerhöchsten sprudelt, ist bei mir die Quelle: mein Innerstes – und das habe ich immer bei mir, und das lasse ich auch nicht los.

Ein Künstler macht aus seinem Innern keine Mördergrube. Diese Frase von der Mördergrube und dem Innern trifft mich schon. Das ist auch der Grund, warum ich abstrakt male. Würde ich mich mit Schreiberei beschäftigen, ich meine die wirkliche, die einzige die zählt, dem Romanestricken, womöglich gäb‘s dann einen weiteren Kommissar, der unerklärliche Fälle nicht löst ohne selbst tief in die Psychologie von Mördern, Vergewaltigern, Bombenlegern, Zuhältern und Schutzgeldindustriellen eingedrungen zu sein.

Ich möchte nicht, daß etwa ein Krimi aus mir hervorbricht. Das würde mich schockieren. Mir genügt schon eine kurze Vorschau für eine Krimi-Serie, daß es mir den Atem verschlägt – auch das ein Frase zwar, aber so geschehen am heutigen Tag bei einem Blick auf Arte, in dem die neue Krimiserie „The Killing“ angepriesen wurde. Man braucht nicht erst das Internet zu durchforsten nach Gewaltvideos, die echt oder gestellt sind, man kann zu jeder Tageszeit in jedem Programm sehen wie Frauen gefesselt, abgestochen, eingesperrt, vergewaltigt, zerstückelt werden und was die Fantasie und Wirklichkeit sonst noch alles an Dingen, die sich treiben lassen, hergibt. Vielleicht schaue ich nur zu wenig fern (und zu viel nah), daß ich noch graue Haare davon bekomme – wieder so eine Frase! Tatsache ist, daß ich die erste größere Strähne vor einigen Wochen gefunden habe. Von irgendwas muß sie ja kommen. Wenn nicht vom Frasendreschen (schon wieder eine gedroschen), dann gewiß vom fern sehen.

War ich die letzten Tage kreativ? Ich weiß nicht. Waren Sie die letzten Tage kreativ? Wenn Sie meinen Text gelesen haben und das Wort Kreativ einige Tage lang weder hören noch aussprechen wollen, dann hat sich meine Arbeit an diesen Zeilen schon ein wenig gelohnt.

Ich male noch, ich schreibe noch, ich bin noch nicht am Ende: Kreatives demnächst noch mehr auf dieser Seite.