Archiv für das Jahr: 2011

11. Dezember 2011

Sich neu-erfindend abschaffen

Bringt ein Künstler es nicht fertig, daß ein Kultur-Kritiker oder ein Kultur-Fan-Boy über ihn schreibt, er habe sich neu erfunden, dann muß gelten, daß er kein großer ist. Die Kunst des Sich-Neu-Erfindens, das eine gewerbliche Tätigkeit zu sein scheint, bleibt aber nicht auf Künstler und/oder Menschen beschränkt, auch Städte und Landschaften machen das:

New York hat sich neu erfunden

schrieb ein begeisterter Reiseberichter, als er von einer Erlebnis-Shopping-Tour für einen Artikel zurück kam. Es schien ihm so gewaltig, daß es in dieser Stadt noch Leben gab, richtig quirliges, geschäftiges Einkaufs- und Kulturleben, als hätte es keinen Nine-Eleven-Anschlag gegeben – das war die Voraussetzung für das Neu-Erfindungs-Erlebnis. Auch von der anderen Seite des Globus wird ähnliches geschildert:

Die Millionen-Stadt Shengzhen erfindet sich jeden Tag neu.

Schneller wird es nicht mehr gehen. Der Ferne Osten hat uns die bedingungslose Arbeitsmoral voraus. Fernöstlich könnte die Weisheit sein, daß jeder Tag neu ist, aber die gehört der ganzen Welt. Shengzhen stelle ich mir noch quirliger als New York vor, dort wird es brodeln! – obwohl ich das Wort Brodeln aus persönlich-historischen (autobiografischen) Gründen in anderem Zusammenhang kenne. Brodeln hieß zuhause: Brotzeitmachen, am Abend mit Brot und allem was man drauflegen kann.

Die Millionen-Stadt Shengzhen wird ohne G geschrieben, sagt mein Internet, mit G heißt das Wort „höchste Wahrheit“ oder „bedingungslose Liebe“ — „In der Tiefe unseres Herzens liegt ein Paradies. Es wartet darauf, von uns erfahren zu werden.“

Die höchste Wahrheit erfindet sich jeden Tag neu – das will ich glauben. Sie ist jeden Tag neu. Deshalb kann sie auch keiner finden. Bleibt sie mal an einer Stelle liegen, vielleicht zu Füßen eines Religionsgründers, ist sie am folgenden Morgen schon verfault und überholt. Die höchste Wahrheit ist die pure Wertschöpfung, sie leidet an Aufblähung.

Schöpfung ist religiösen Vorstellungen tief verbunden. Madonna – die singende sexy Disco-Athletin – ohne die ein Feminismus zeitgemäßer Ausprägung gar nicht mehr denkbar, ja nicht einmal andenkbar scheint, hat sich oft und oft neu erfunden. Innerhalb zweier Jahre habe ich es bestimmt zweimal gelesen; nach zwei neuen unglaublich verschiedenen Liederalben; Madonna wird sich immer wieder neu erfinden – sie hat Fitness-Routine im Neu-Erfindungs-Bisniss.

Das viele Neu-Erfinden mag auch in Zusammenhang mit den Krisen stehen, von denen es von heute bis übermorgen so viele sind, daß ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Unsere Staaten- und Weltenlenker müssen, um all dem passend gewappnet zu begegnen, was über uns hereinbrechen mag, entsprechend moderiert vor uns erscheinen. Wir alle wissen, mit altunbewährten Mitteln geht es nicht mehr viel weiter. Erst wenn es heißt

Ein Präsident erfindet sich neu

werden wir ihm Glauben schenken; so lange bis er abgenützt uns wieder als der alte erscheint. Glauben schenken, das ist unsere Bücklingshaltung vor Politikern und Anlageberatern; Glauben ist stets regenerier- und recyclebar.

Unter Neu-Erfindung stellt man sich als Leser etwas vor, was ganz und gar für einen selbst unerreichbar ist. Man bleibt leider derselbe, man hört das von Kindesbeinen an, ja mancher ähnelt sogar ganz dem Papa oder der Mama. Und nach Jahrzehnten, auf einem Klassentreffen zum Beispiel, merkt man, wie wir alle tatsächlich noch dieselben sind; es ist keine leere Redewendung, sondern die Feststellung geringer Wendung. Wir sind nur in älterer Haut angekommen, ein bißchen gereift, ein bißchen verlebt, ein bißchen verhärmt und gefangen in unserer Provinzialität: man muß uns nur reden hören. Neu-Erfindung würde uns gut tun. Dabei ist es nicht so schwer, die Eß Zett beschreibt es eindrücklich an einem prominenten Fall:

Auch wenn es nur eine Perücke ist: Mit ihrer roten Kurzhaarfrisur erfindet sich Veronica Ferres neu – und wird damit wieder zu der Frau, die sie einmal verkörpert hat.

Das ist der Kern des Neu-Erfindens: Komplett neu sein (vielleicht nur durch eine Frisur), und doch endlich der, der man wirklich ist, die eigene Verkörperung (darüber muß ich einmal gaaanz genau nachdenken). Es geht nichts mehr ohne die Tiefe der Suche nach dem Selbst.

Selbstverständlich ist es daher, daß ein Künstler und alles übrige, das seine Haut zu Markte trägt, da mal raus will, aus der alten Haut. Und so wurde vor einigen Jahren das Neu-Erfinden erfunden, ob Veronica Ferres, Madonna, David Bowie oder ein Präsident – schmerzliche Bildnisse dauerhafter Jugend wie sie uns Neu-Erfindungs-Fan-Boys vorstellen.

Anders sieht es mit Ländern aus, die wollen oder müssen sich ändern. Auch Altes kann sich neu erfinden:

Ägypten hat sich neu erfunden

Ich weiß nicht mehr wann, aber ich habe notiert, daß es geschehen ist. Es liegt nahe, daß es beim „Arabischen Frühling“ war, doch ist meine Notiz älter. Der „Arabische Frühling“ kann als echte Neu-Erfindung gelten. Es muß da allerdings noch viel gebastelt werden. Libyen macht es laut Eß Zett vor:

Libyen erfindet sich neu: Ein Rechtsstaat will das Land werden, moderat islamisch, Scharia inklusive. Passt das zusammen?

Die Antwort des verstehenden Redaktörs:

Ja. Denn selbst in Deutschland wird die Scharia angewandt.

Wo manche leben, und wo sie gerne leben wollen! Wenn das so ist, sollte Deutschland sich neu erfinden – aber bitte das wahre Selbst nicht mehr herauskehren. Für was man das wahre Selbst auch halten mag, mit „neuer Kurzhaarfrisur“ ist es hoffentlich nicht das wahre Wahre.

Das redaktionelle Gegenstück zum Neu-Erfinden ist: Sich Abschaffen. Wie kann ich mir das Sich-Selbst-Abschaffen vorstellen? Wenn ich mich abschaffe, dann weiß ich, was ich getan habe.

Um zu erfahren, was

Deutschland schafft sich ab

bedeutet, müßte ich die Thesen von Thilo lesen, und nicht eine Zeile auslassen in der Lektüre, denn sonst würde ich womöglich falsch zitieren oder falsch verstanden haben. Wiewohl ich das Buch also nicht gelesen habe, diskutieren mußte ich die Abschaffung; in einem Sommer, der keiner war:

Der deutsche Sommer schafft sich ab

Wir waren Zeugen, haben die Abschaffung erlebt – und doch, wie das Wetter letztes Jahr war, können wir nicht mehr sagen. So ist es mit dem Abschaffen: genau weiß man nicht, was das bedeuten soll. Es ist nicht anders wie das Neu-Erfinden.

Sich abschaffen? Wofür?

Ich habe mich abgeschafft an diesem Thema, mehr als einen dunklen Sonntag lang; neu erfunden hab ich nix. So paßt es gut zu meinen übrigen Werken.
Ab jetzt arbeite ich an meiner Neu-Erfindung und leg mich schlafen.

1. November 2011

Weltbevölkerungsexplosion am Reformationstag

Der Reformationstag – ich wußte von dieser Kalenderexistenz nichts als ich noch ausschließlich in rechtgläubigen Landkreisen wohnte – fiel heuer auf Hälloien und wurde weltweit befeiert:

Blutrünstige Untote in Vilnius, liebestrunkene Zombiebräute in Caracas und bonbonbunte Vampire in Japan: Die ganze Welt ist im Halloween-Fieber. Selbst im Weißen Haus ist der Präsident nicht sicher vor kleinen Teufeln auf Beutezug.

außer an der Ostküste der westlichen Welt, der Heimat von Hälloien, denn

Stromausfälle an US-Ostküste dauern an — Halloween fällt aus.

Ohne Strom kein Hälloien; nur für den Präsidenten an der Ostküste gilt das nicht.

Dieser Tag war kein fröhlicher Tag für die Menschheit. Ich erinnere mich genau. Es wurde zwar der Siebenmilliardste Erdenbürger in der gesamten Medienlandschaft per Trompete ausgerufen, aber sogleich stritten sich bedeutende Nationen darum, wo er auf die Erde niedergekommen war. Mehr als Hälloien in den Straßen und Luther im Fernsehen war an diesem Tag die Rede von einer Explosion, deren Ursache nicht Terroristen, sondern das Fehlen einer ganzen Zeitepoche war: der Aufklärung. Das sage nicht ich, sondern ein bedeutender Mann, der von bedeutenden Ämtern zurückgetreten ist, um eine „Forschungsprofessur“ auszufüllen, durch die er Aufklärungsarbeit zum „demographischen Wandel europäischer Demokratien“ betreiben darf – mit potentiell explosiven Ergebnissen muß man nicht mehr rechnen: Kurt Biedenkopf:

Die Weltbevölkerung explodiert, aber der Teil, der durch die Aufklärung geprägt ist, der implodiert.

Das habe ich erst später nachgelesen; begonnen hat der Reformationstag für mich als ich las:

Die Weltbevölkerung explodiert – kann der Planet das aushalten?

Mitleid mit der Bevölkerung? Nein, obwohl der das geschrieben hat gewiß nicht außerhalb der Weltbevölkerung steht. Der Planet wird es überleben und sei’s nach noch vielen weiteren Explosionen, geht die Expertenmeinung, die ich in diversen Filmen über die Urzeit und das Weltall gehört habe. Der Planet hat noch Milliarden Jahre vor sich und bereits Milliarden hinter sich; wir leben in der Mitte seiner Lebenszeit, also in seiner vollen Arbeits- und Schaffensblüte, wir sind seine Reife. Eine Explosion der Weltbevölkerung wird er dennoch überstehen. In zwei Milliarden Jahren hat es vielleicht schon die nächste Explosion gegeben, oder gar mehrere. Ich frage mich ernsthaft: Was wird in zwei Milliarden Jahren hier herumstolzieren, wenn der Planet in sein Rentenalter eintritt und die Früchte seiner Schaffensjahre in seiner Hängematte verzehrt, bald überaltert! Das Ende aller Enden wird jedenfalls näher sein, das wird die künftigen Weltherrscher einstmals betrüben müssen.

Nun mag ich mir denken, wie ich will, und ich will nicht denken – daß die Weltbevölkerung explodiert, aber an den Tatsachen kam ich am Reformationstag nicht herum. Zunächst war es eine weitere Explosion:

… ist bereits der zweite US-Bürger, der sich in Somalia in die Luft sprengte.

Das Lebenswerk eines fanatischen Menschen – ist andere mitzureissen. Bald kann von einer Massenbewegung gesprochen werden; der erste US-Bürger hat’s an diesem Ort getan, der zweite folgte, der dritte und der vierte werden folgen:

In der muslimischen Welt, z.B., explodiert die Bevölkerung.

Aber nicht nur dort: Die Berichte über den Siebenmilliardsten Erdenbürger waren begleitet von weiteren Korrespondenten-Beobachtungen:

Afrikas Bevölkerung explodiert, 1,2 Milliarden Menschen leben auf dem Kontinent – Tendenz rasant steigend.

Und nun begann ich zu forschen, der Tag wurde so laut, daß ich mir die Ohren vor diesem Thema nicht mehr verstopfen konnte. Forschen heißt für mich, das Internet nach Stichworten abzufragen. Europa, hier wo ich sitze, mitten in seinem Herzen, in Deutschland, ist ein Ruhepol in der Welt der Explosionen, hier vernimmt man keinen Laut, aber man redet viel darüber; man spürt dagegen, sensitiv geworden, der eigenen Implosion nach, Vergreisung ist ein gräßliches Wort dafür – jeder hat Teil daran, der nicht die ewige Jugend sich über die Haut cremt. Während wir hier vor uns hin veraltern und uns um Milliarden, die verschwinden und wieder auftauchen, Geldsorgen machen – aber da mach ich mir keine Sorgen, sagte ein Freund, der ganze Markt wird explodieren –

Währenddessen explodiert in anderen Teilen der Erde die Bevölkerung – ganz besonders in Afrika, aber auch in Ländern wie Pakistan, Afghanistan, Guatemala und den Philippinen.

Zusammengefaßt:

Während Europa schrumpft, explodiert die Bevölkerung in Afrika.

Wir sehen wieder nur zu, wir machen nichts. Andererseits sind die Ursachen gewiß bei uns zu suchen. Da wäre die moderne westliche Medizin zum Beispiel, die all dies möglich macht – dazu sagt man lieber nichts, eine böse Sache, auch wenn man sonst in halbaufgeklärten Kreisen von der „modernen Medizin“: Gerätemedizin, Chemiemedizin! nicht besonders viel hält. Daß die Anwendung dieser Medizin in Regionen der Dritten Welt, aber auch der Zweiten mit entscheidend zur Explosion beiträgt, die Kindersterblichkeit herabgesetzt hat, würde uns in ethische Abgründe schicken, über Wert und Unwert des Lebens wie sie allenfalls Eugeniker im Ausmaße von von Dänikens Göttern und Astronauten haben:

Sie behüten ihre Züchtungen, sie möchten sie vor Verderben schützen und das Böse fernhalten. Sie möchten eine positive Entwicklung ihrer Gemeinwesen erzwingen. Mißgeburten löschten sie aus und trugen Sorge, daß der Rest die Voraussetzungen für eine entwicklungsfähige Gesellschaft bekam.

Leicht hingeschriebene Sätze, von Millionen gelesen und mit Begeisterung aufgenommen, machen diese Götter heute noch die Runde.

Ausschließliche Verwendung von Naturheilverfahren würde hier sicherlich einige Fehlentwicklungen wieder rückgängig machen – lieber alles Natürlich-Gedachte nicht zu Ende denken!

Dabei wäre der europäischen Implosion sehr einfach etwas entgegenzusetzen, sagen vertraute konservative Anschauungen auch in mir: man darf die anderen an der Explosion zwar nicht hindern, aber man kann die Gefahr, die von ihr ausgeht, wenn es Teile der explodierten Bevölkerung zu uns heraufwehen möchte, einer Überforderung mit Überfremdung z.B., zu hohem Ausländeranteil, entgegenwirken, durch das, was sie im Süden, in Afrika zumal, so gerne machen – weiß auch Fürstin Gloria von T&T:

Afrika hat Probleme nicht wegen fehlender Verhütung. Da sterben die Leute an AIDS, weil sie zu viel schnackseln. Der Schwarze schnackselt gerne.
Die Afrikaner sind mitnichten anders drauf als wir. Dass die mehr schnackseln, hat mit den klimatischen Bedingungen da unten zu tun.

Was die einen zu viel Schnackseln wird bei uns vernachlässigt. Klimatisch sind wir im Nachteil. Vor allem die Folgen des Schnackselns werden unkatholisch zu vermeiden versucht: Kinder und Kindeskinder aufpäppeln.

Das Thema des Tages war die Bevölkerungsexplosion, nicht die Thesen Adliger, die noch nie eine Mehrheit waren, und nur die Meinung der Mehrheit zählt in meinem Blog. Adlige setzten die Akzente von Qualität und Quantität immer anders als die breite breiige Mehrheit oder die Masse der Menschen, die aus uns geformt wird. [Wenige haben viel und davon nur das Beste. Und: Viele haben wenig und davon auch das Schlechteste.]

Auf YouTube gibt es zur

Bevölkerungsexplosion – sehr gut gemachtes Video …

ein Splatterfilm oder eine Doku, oder beides.

Die Wissenschaft beschäftigt sich schon lange mit dem Thema:

Die Bevölkerung explodiert, die Forschung zur Reproduktionsmedizin stagniert. Weshalb?

Das Thema ist nicht neu, nur das Wissen dazu stagniert. Die Frage geht an die Wissenschaftler, deren Wissen in noch schnellerem Maße sich vermehrt – es heißt, das Wissen verdoppele sich alle zehn Jahre! Auch dagegen gibt es eine starke biologische und dynamische Bewegung, denen das zu schnell geht. Berge an Wissen türmen sich auf, die keiner mehr erklettern kann, von deren Spitze niemand mehr die gesamte Landschaft überblickt – es sei denn ein geistiger Riese, ein Erlöser, ein Erwecker der Einfachheit und des Natürlichen. Lieber in die Nebelgebirge aus Fantasy-Romanen marschieren und dann mit einem Licht herumleuchten und das Lehre nennen: „Einseitige Verwissenschaftlichung“ beklagen Anhänger der Steinerschen Denkfaulschule und treten

für eine Erneuerung der Naturwissenschaften ein, das heisst für eine ideelle Bearbeitung der Phänomene.

Und dann geht es weiter mit freiem Geistesleben

im Sinne des von Rudolf Steiner beschriebenen dreigliedrigen Organismus.

Ideele Bearbeitung von Phänomenen – Naturwissenschaft auf Linie ausrichten, da kratzt an meiner Haut Anthroposophobie. Immer wieder fliegt so ein Virus aus dem Netz heraus und bleibt an mir haften. Nur der Gedanke an Astralwesen, Himmelsordnungen und

Die Mission einzelner Volksseelen

mag manchem als eine Rettung erscheinen. Die Wissenschaft ist schuld, die einseitige, die Medizin, die falsch angewandte, nicht die Gier und nicht der Neid – die verschwinden mit Steiner und anderen ganz wie von selbst, nach ein wenig Bearbeitung. Aber wahr ist:

Die Welt ist in Aufruhr, die Weltbevölkerung explodiert und gleichzeitig versiegen die Quellen fossiler Ressourcen. Eine Weltregierung versucht …

Das ist über die momentane Wirklichkeit hinausgeschossen, es ist hochgerechnet, die Weltregierung ist für gewöhnlich Denkende noch Zukunftsmusik, für andere ist sie schon bittere Wahrheit: 12 Familien regieren die Welt, 12 Familien und die »Bilderberger«, die Illuminaten und immer wieder höre ich auch von den 500-Jährigen irgendwo tief in den Berghöhlen Italiens – näheres konnte ich über diese alten Verschworenen nicht herausfinden.

Das paßt sehr gut in die Beschreibung des Computerspiels, Diablo 3, von der sie stammt. Es steht nur ein Satz davor, den ich erst später las:

Wir schreiben das Jahr 2029. Die Welt ist in Aufruhr …

Wir schreiben das Jahr 2011, es ist nicht mehr lange hin, es wird entweder bald geschehen:

Die Weltbevölkerung explodiert schneller als erwartet.

Oder wir sind schon mittendrin:

Die Weltbevölkerung explodiert nach wie vor.

Nur der Skeptiker fragt noch:

Wird die Weltbevölkerung explodieren?

Ganz am Ende des Tages fand ich einen leisen Ton:

Zunächst will ich bemerken, dass keine Bevölkerung explodiert.

Aber den Schuß, der nicht abgefeuert wurde, hört man auch, und die Samthandschuhe, die man nicht angezogen hat, sieht man doch.

Und deshalb noch diese Sätze aus dem Fundus:

Seit dem Beginn der Industrialisierung ist die Weltbevölkerung explodiert.
— Die USA sind pleite, Europa ist pleite, in Nordafrika brennt die Luft und die Weltbevölkerung explodiert, bei weiter rasant schwindenden …
— … und wir befinden uns mitten in der Explosion der Weltbevölkerung. Wer bekommt die größten Stücke des Kuchens?

Da hat Google aber schon sehr Inhalte zusammengezogen! Es geht um den Kuchen, der explodiert.

Der globale Süßwasserverbrauch explodiert.
Warum explodieren die Agrarpreise?

Aufklärung ist daher dringend nötig:

Bild: Link zum Hörbeispiel: Aufklärung, was'n das?

28. Oktober 2011

Ein Land bemerkt nicht, daß es nicht feiert

Die »Zeit« feiert mit einer

Bild: 50 Jahre Einwanderungsland

Deutschland als 50-jähriges Einwanderungsland.

Im Oktober 1961 schließen Bonn und Ankara ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Heute leben hier drei Millionen Deutsch-Türken. Und wo bleibt die Party?

Grund zum Feiern sollte es immer geben, aber wir Ur-Deutschen feiern nur bis in die Puppen, wenn’s tüchtig Alkohol gibt, dann können wir uns unserer Strenge entschlagen und Verbrüderungs-Gefühle frei laufen lassen. Wir gelten bei den Ausländern der Welt nicht als Volk, das gut feiern kann. Volk? Viele wollen gar nicht als Teil dieses Volkes angesprochen werden und lieber draußen bleiben, wo’s ihnen zu deutsch scheint – und damit können wir sie unherzlich zurückgekehrt in unserer grummelnden Gemeinschaft umarmen. Wir reden kaum darüber, was deutsch ist oder nicht, sondern was typisch deutsch ist. Und wenn etwas „typisch deutsch“ ist, dann mögen wir es nicht, wir kritischen, von deutschen Eltern und Großeltern entstammenden Deutschen – das ist typisch für uns.

Mit dem Wort typisch hexenkesselt man sich selbst ein! Ich werde es nur mehr verwenden, wenn ich mir zu 50% ganz sicher bin, daß etwas typisch ist.

Warum keine Feier? Zur Unzeit kommt diese indirekte Aufforderung. Man soll die Feste feiern, wie sie fallen! Bitte nicht mehr, nicht weniger, es entspricht uns nicht. Demnächst sind Allerseelen, Allerheiligen, Buß- und Bettag und Totensonntag, da wird nicht gefeiert, sondern viel gedenkt. Das Andenken fällt besonders und nicht zufällig in die Zeit des Nebels und der beginnenden Kälte.

Warum 50 Jahre und nicht 55 Jahre Einwanderungsland? wird in Leserkommentaren angemeckert. Das Fragezeichen steht schon hinter dem Wort Einwanderungsland – wer genau hingesehen hat. Weite Kreise der Bevölkerung verweigern dem Land diesen offenen Status; für sie ist die Definition äußerst wichtig, denn sie würde nicht nur Rechte mit sich bringen, die mit der inzwischen vergessenen Fleischtopf-Diskussion zusammenhängt, mit Sozialneid der unteren Klassen und der Beherrschung der deutschen Sprache und des Anerkennens deutscher Leitkultur, sondern auch mit unpassender Überfremdung.

Leser machen aufmerksam auf andere ethnische Gruppen von Einwanderern, Bayern in Franken, Franken in Bayern, Schwaben in Berlin, Slowenen, Griechen, Polen Portugiesen Schweden und Iraker. Bereits 1956 wurde ein „Anwerbeabkommen“ für „Gastarbeiter“ mit Italien geschlossen. Das steht nicht zur Debatte und zum Andenken bereit, das runde Jubiläum wurde vor 5 Jahren versäumt, die Integrationsdebatte ist gerade erst wieder mal vorüber, da scheint die »Zeit« reif für

Bild: Ein Land bemerkt seine Türken

zu sein. Immer zu spät bemerken wir (wer? Siehe oben: die Stämmigen) die Veränderung, die sie mit sich ins Heimatland einschleppten, die bei uns zu Gast waren – jetzt sind sie hier; und wir sind auch nicht mehr wir, so wie sie nicht mehr sie sind. Kurz: nichts ist mehr wie es war. Oft weiß man gar nicht mehr, wie es war, nur daß es wahr war, so wie es einem einfällt.

Ich zum Beispiel kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als es noch keine Spaghetti, keine Tomaten, keine Pizza, und keine Salamitaktik im deutschen Alltag gegeben hat. Zucchini könnten wir durchaus schon mit K schreiben, Rucola schrieben wir früher mit K, in Rauke, bevor sie aus der Küche verschwand und aus Südtirol wieder heraufwanderte. –

Das ist kein gelungener Beitrag zu 50 Jahre

Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte.

Ich muß erst noch viel lesen und meine Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Ich halte Ausschau nach Deutsch-Türken, türkisch aussehenden Deutschen, deutsch aussehenden Türken oder Deutsch-Türken, nach Kruzitürken und nach getürkten*** Deutschen in meinem Umkreis und seh sie mir genau an, unten im Dönerladen z.B. und dann frage ich mich wie stets nach mir selbst: Was habe ich getan, was habe ich gesagt, habe ich mich merkwürdig verhalten? Habe ich nicht irgendwas durchblicken lassen, was ich nicht durchblicken lassen hätte sollen, was auf geheime Ressentiments (Vorurteile) schließen ließe – das mache ich bei allem so, wenn ich Unsicherheit kaschiere (verberge) – kurz: ich habe einen Beitrag von Feridun Zaimoglu in der »Zeit« gelesen, bin verunsichert und bin dann in Gedanken abgeschweift, weil ich immer zuerst die ersten Kommentare lese und später den Artikel – gleich mittenmang in die Diskussion falle, bevor ich überhaupt begreife, was der Leitartikel verständlich machen will. Mein Beitrag hat auch kaum einen Inhalt, aber ein bißchen Fülle und ein bißchen Lokalkolorit zum Abschluß:

Bild: all colours are beautiful

[Drei Farben machen nicht alle aus]

*** Geben Sie einmal (nur) in der »Zeit« das Wort »türk« in das Suchfeld ein, Sie finden mehr »Getürktes« als Türkisches, wenn’s um Heimtückiches geht, liebe 50 Jahre Integration-Redaktion.

27. Oktober 2011

Hoch hinaus & tief hinab

Bild: Momente des Absoluten

Das ist groß!

Bild: Vorstellung sträubt sich

Das ist wahr! Die Haare können einem zu Berge stehen und auf der Stelle grau werden, wenn man daran denkt, was der Mensch alles treibt.

Bild: Windsbacher Knabenchor

– ¿¿ – –

Das muß man zweimal lesen, dann begreift man: Das ist

Bild: Für die Ewigkeit

Sooo groß ist es nicht. Für den einen sind Milliarden Peanuts, für den anderen Peanuts Milliarden.
Wir provinzielle Leser sind allerhochhöchste Töne beinah gewohnt, lesen sie mit andächtiger Ehrfurcht und lauschen ihnen mit stillem Vergnügen!

28. September 2011

Deutliche Schlagwörter pauerd bei WieFindenWirDas

Folgende Schlagwörter generiert eine Schlagwortgenerierungsmaschine für einen Stern-Artikel über einen „Börsianer“, „der den Deckmantel über das, was in dem Bankenviertel wirklich gedacht wird, gelüftet hat“.

Das traut sich nur eine Maschine, ein Redaktör wird das retuschieren:

Stern Artikel: Die böse Beichte eines Börsianers

Von Maschinen sollte man lernen. Ich muß ohnehin meine Schlagwörter auf Vordermann bringen. Auf zum Trimm-dich-Pfad der Schlagwörter.

28. September 2011

Danke, viel mehr Danke

Wenn man früher etwas einkaufte, konnte man gelegentlich hören: „Danke für den Einkauf“. Wenn man etwas im Internet bestellte, gab’s die automatisierte Antwort-Mail: „Wir bedanken uns für den Einkauf“ – gibt es noch. Ich schreibe so eine ähnliche Formel auf meine Rechnungen, die ich stelle. Wer auf ebay einkauft oder ähnlichen Welthändlern, wird nach dem geglückten Einkauf aufgefordert seine Bewertung abzugeben: über die Beschreibung des Gegenstandes, über die Einfachheit der Zahlungsabwicklung, über die Korrespondenz mit dem Verkäufer, über die Schnelligkeit der Warenlieferung. Das mündliche Pendant zu dieser Befragung lautet an der Kasse eines Einkaufsparadieses: „War alles in Ordnung?“ Man ist genötigt an „alles“ zu denken! Die Zeit dazu bleibt nicht, weil der Hintermensch schon drängelt und zahlen will, also nickt man, bejaht oder sagt einmal laut nichts, wie ich es tue.

Im Internet dauert das länger – man hat ja Zeit Zuhause und sitzt vor der Ware und freut sich oder ist verärgert. Es kommt einem Nachsitzen gleich, bei dem man seinen Einkauf noch einmal überarbeitet, nicht in Hinsicht darauf, ob es nötig war, sondern wie gut & reibungslos die ganze Prozedur verlief. Man vergibt Punkte wie in der Schule. Zu bewerten gefällt, man glaubt sich in einer besonders bevorzugten Rolle.

Schleichend übernimmt man selbst vieles, was vorher Service/Dienstleistung war und zahlt dafür mit der eigenen Zeit. Man hat die Zeit zwar nicht gestohlen, und möchte „geschenkte Tage“ wie diese schönen Herbsttage, nicht vergeuden, aber das übernimmt man freiwillig.

Manche Großhändler, die merken, daß ihre Kunden etwas träge mit dem Bewerten geworden sind, liefern gleich Vorschläge mit wie man bewerten sollte – nur noch copy & paste! Aber bitte dem Link folgen, alles weitere geht halbautomatisch und man wird kundenfreundlich in die richtige Einfügmaske geführt.

Heute kam ein Päckchen, da schrieb noch einer handschriftlich ein paar Worte dazu: ein Danke, mit Unterschrift! Viel hatte ich ja nicht bestellt, aber ein echtes Danke ist es wert gewesen.

Unter dem Danke, standen noch ein paar Worte, die ich nicht sofort begriff:

Danke, viel mehr hier >>>

Bild: Danke viel mehr

Eine Einladung zu einem Ernte-Dank-Fest? Dort gibt’s noch mehr Danke? Ist doch das eine schon genug!

Werch ein Illtum! Ich sollte mich nicht bedanken auf der Seite des Zwischenhändlers, bei dem er angeboten hatte, sondern gleich direkt bei ihm selbst, auf seiner eigenen Seite meinen Dank an ihn abschulden. „Ein Danke ist wie viel wert?“ sollte man im Gegenzug fragen, so daß man immerhin anerkennt, daß der Marktgedanke bis tief ins eigene Innere gedrungen ist.

24. September 2011

Nachruf auf den Nachruf

Mark Zuckerberg, 26, founder of Facebook, der laut »Guardian« schon mehr als 6,9 Mrd $ wert ist, und der „fastest riser on Forbes rich list“ ist, habe „verlangt“, schreibt »Spiegel online«, daß jeder Juser von Facebook seinen eigenen Nachruf schreibe und ihn immer wieder auf den neuesten Stand bringe. Facebook solle zum Logbuch des eigenen Lebens werden.

Zu jedem Tag – eigener Vorschlag – könnten automatisch Wetterdaten hinzugefügt werden, wichtige Verkehrsmeldungen aus dem Wohnort, größte Staus im Land, Katastrophenkurzberichte wie Taifune an Atomkraftwerksküsten, politische Tsunamis und Daxlinien – als Hintergrundmusik zur Lebensstatistik. Fände ich gut, weiß ich doch selbst nie wie letztes Jahr das Wetter war und gar erst vor zehn oder zwanzig Jahren, als mal etwas Wichtiges in meinem Leben geschah. Die Weltereignisse müssen in Relation gesehen werden zum eigenen Dasein, nur so gewinnen sie Berechtigung, erwähnenswert zu sein.

Die notwendigen Updates zu den Lebenslogbüchern wird bald, sollte das einige Jahren gehen und der Schreib-Überdruß einkehren, automatisch ablaufen; an einer Äpp arbeitet schon ein Fleißiger.

Auch wenn es positiv ist, daß die halbe online-Menschheit dazu aufgerufen wird, nun über ihr Leben nachzudenken und ein paar kurze Resümee-Sätzchen über Fernsehserien, Popgiganten, Markenartikel und deren Bedeutung für das eigene Leben in die Tastatur tippelt – es ist vom Ende her, ja sogar vom Jenseits her gedacht: da mache ich mir Sorgen, ob das nicht eine unpositive, womöglich negative Wirkung auf die Welt hat. 800 Millionen Juser, die zur gleichen Zeit an ihr Ende denken! Das kann die Aura der Menschheit, den ganzheitlichen Astralkörper eines jeden und des gesamten Planeten, das karmische Fluidum insgesamt, und die positive Gedankenwelt, in der wir leben, arg ins Wanken bringen. Und wenn man nur annimmt, daß vielleicht bloß die Hälfte der in Facebook lebenden Menschen, die laut Statistik zum größten Teil erst zwischen 16 und 49 Jahre alt ist (soo jung noch!), an Homöopathie glaubt – darin ist mein Glaube fest und unumstößlich – dann steht das Ende bevor, dann dreht sich die Erde einmal rasend schnell um die eigene Achse und die Pole kippen und es wird einem schwindlig. Es ist eine Naturkonstante in der ganzheitlichen, mehrtausendjährigen Gedankengeschichte, daß je dünner der Gedanke ist, desto größer seine Wirkung. Soll ich Beispiele aufzählen? Nein, ein Beweis ist nicht notwendig, man kann’s getrost glauben.

Als ich beim Kartenspiel vor ein paar Tagen aus Lust oder Unlust den Maya-Kalender erwähnte, der kommendes Jahr völlig und restlos ende, – wann genau? wurde ich gefragt – konnte ich das nicht final und exakt beantworten. Es hängen Vorhersagen und Vorhersage-Wünsche, einmalige, mit Spannung erwartete Endzeitfreuden, an diesem Kalender, nicht am Kalender selbst, sondern an seinem Ausgang. Alles geht auf ein Ende zu, keine Neuigkeit, aber eine von Bedeutung!

Details zum Kalender stehen im Internet. Ich persönlich denke: Hoffentlich haben die Mayas sich nicht verrechnet. Und was, wenn sie nicht so gut im Rechnen waren! Vielleicht Erst-Klässler gewissermaßen, die am Anfang des mathematischen Universums auf das Ende aller Zahlen hofften, wie so mancher Rechenschüler, der das alles bloß blöd findet, nur nicht den Glauben an seine eigene Klugheit dabei verliert.

Viele Zeichen deuten schon auf Verfall hin. Wenn der Maya-Kalender ein universelles Gleichnis ist, warum denn eigentlich nicht? dann beginnen die Dinge schon vorher zu verfallen. Alles trägt den Stempel des Verfallsdatums, da brauche ich nicht nur auf den Joghurtbecher zu schauen, er steht auch auf Schokolade. Was bauen wir noch große und größere Bauwerke, gar bedutungsvolle Riesen-Hotels, deren Namen schon Anzeichen von Untergang in sich tragen? Mir fällt dazu allerdings lediglich das Hotel Atlantis in Dubai ein. Der 800 Meter Turm Burj Chalifa, das „Architekturwunder in Dubai“, von dem aus man nichts als Ödnis betrachten kann
Bild: Aussicht vom Burj Chalifa

soll demnächst von einem 1000 Meter hohen übertroffen werden. Wird da jemand von einem Weltwunder sprechen? Niemand. Aber im kommenden Jahr, wenn der Maya-Kalender endigt, dann könnte ich es mir schön vorstellen, von dort zuzusehen, wie der Welt größtes Ereignis, ihr Untergang, aussieht. Da bekäme man etwas für das Geld, das man in das Aussichtsfernrohr wirft – keine vergeudete Ausgabe, man würde sie nicht bereuen! Aber gilt der Kalender-Untergang der Maya nur für die westliche Welt, die an deren Untergang nicht unschuldig ist? und hat er für die arabische, die nun rasend schnell von ihrem Frühling in den Herbst kommt, und gar nichts dafür kann, auch Gültigkeit? Wer weiß das?

Und wer weiß, wie das Ende sein wird?

Eine Frage, der man sich stellen muß, nicht erst, wenn man an seinem Nachruf werkelt. Es gibt ein Szenario, ich will es entwerfen.

Der „Planet X“ wird unser Schicksal sein, der unbekannte 10. Planet unseres Sonnensystems, der im Vorbeiflug am Ende des Jahres 2012 die Erde so dicht passieren wird, daß sich Auswirkungen jetzt schon zeigen:

Warum fällt zur Zeit gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, finanziell alles zusammen?

Überall auf der Welt bauen Regierungen bereits Bunker, um die Mächtigen vor dem Einfluß dieses Planeten zu sichern – doch alles darüber wird geheim gehalten. Die Nasa weiß selbstverständlich weiß mehr darüber und das Amerikanische Militär; aber sie schweigen, sie wollen uns nicht in Panik versetzen, wird vermutet. Ich vermute noch (ich bin da nicht alleine!), daß der Mossad auch hier mitmischt, (der Mossad, der sagenumwobene alleskönnende israelische Geheimdienst, dem die westliche Welt, vor allem die linksherum Denkende, alles unermeßlich Böse zutraut: Wer steckt hinter der Gründung der Hamas im Gaza-Streifen? Keine Frage für Bescheidwissende!). Auch das FBI ist mit von der Partie, der/die CIA, kurz alles was aus den Vereinigten Staaten kommt und fürs Kapital ist. Das will ich hier gar nicht weiter begründen, ich sage nur das, was in einem vielgelesenen Blog steht:

Wie so häufig stellt sich also die Verschwörungstheorie später als wahr heraus.

Wie wahr, teilweise. Es handelt sich ja nicht um eine einzige Theorie, wie hier irrtümlich geschrieben wird, sondern um ein ganzes Netzwerk von Theorien und Theoretikern – nun, aber in der Mitte des Netzwerkes sitzt eine Spinne! Und alle Fäden führen ins Machtzentrum. Ein Bürgerschornalist faßt meine Gedanken so zusammen:

… stellt in seinem Blog die These auf, die USA würden absichtlich in all diesen Fällen sich widersprechende Meldungen herausgeben, um dann Ziel von vielen „Verschwörungstheorien“ zu werden. Da unter den Verschwörungstheoretikern immer auch Spinner sind, kann man die dann benutzen, um alle Leute als „Verschwörungstheoretiker“ zu diffamieren, die jene Ungereimtheiten aufdecken.
Damit sei man dann den Kritikern immer voraus, denn man kann sie leicht diffamieren und jede noch so gewagte Lüge scheint plötzlich wahr zu sein. Interessante These.

Interessante These! sage ich auch.

Ich weiß, was Zweifel an der Welt sind! Ich bin vor über 40 Jahren freudig und mit offenem, völlig unverdorbenem Geist durch die große Schule des Herrn von Däniken gegangen, Seite für Seite, These für These. Mein übrig gebliebener Restverstand konnte sich meinen jugendlichen Elan im Anzweifeln aller als unumstößlich geltenden Wahrheiten bewahren und arbeitet auch heute noch unermüdlich.

Der wahrheitssuchende Priester muß wieder beginnen, an allem Etablierten zu zweifeln.

schreibt er. Was für ein aufwühlendes Buch für einen Dreizehnjährigen wie mich waren die „Erinnerungen an die Zukunft“.

Mit der Zukunft ist es allerdings bald vorbei, und mit der Wirklichkeit auch. Und der Wahrheit? Sie hält sich in Dimensionen verborgen, von denen wir noch keine blasse Ahnung haben. Aber über den Planeten X wissen wir einiges.

Es ist schwer sich über ihn, auch unter dem Namen Nibiru bekannt, anders als vertraulich zu informieren. Informationen darüber werden aus dem Internet gelöscht. Woher weiß ich das? Ich habe Spuren gefunden. In einem Forum. Da fragte jemand, ob es auch anderen schon aufgefallen sei, daß alles in Zusammenhang mit dem Planeten Nibiru, ein geheimnisvoll nach Ur-Antike klingender Name, gelöscht werde. Ich habe mir diese Seite gemerkt, alles kopiert, was ich da gelesen hatte – und anderntags war das Wort Nibiru nicht mehr auf meinem Computer, noch unheimlicher: Es war auch nicht mehr im Internet zu finden, nicht das, was ich gelesen hatte – keine Nachricht darüber, daß alles über Nibiru gelöscht werde! Ich erschrak. Also auch das gelöscht!

Klarer Beweis, daß hier jemand Ziele verfolgt, die er geheim hält; aber es nützt ihm nichts, sie sind so leicht zu erkennen, daß sie jedem einleuchten; er braucht nur ein wenig in seiner eigenen Hinterstube den versammelten Staub aufzuwirbeln mit einem neuen einleuchtenden Gedanken. Das geht wie mit allen Dingen, an denen was nicht stimmt; man mache einen Selbstversuch.

„Die pure Vernunft darf nicht siegen“, sagte auch der Papst vor ein paar Tagen; das sagte auch Tocotronic in einem Lied. Die pure Vernunft! Hat schon jemand mit ihr gearbeitet? Hat sie schon jemand zu sehen bekommen? Gehört hat man oft von ihr; sie sei so kalt, daß man sie nicht anfassen möchte; sie sei schneidend und erbarmungslos wie ein Folterer, der in dunklen Kellern an seinem schlechten Karma und an dem miesen des Gefolterten arbeitet. – Das kann die Vernunft nicht sein, sage ich mir. Im Keller des Verstandes herrscht das reine Gefühl, nicht aber die Vernunft.

Ich schreibe bereits an meinem Nachruf, dies ist ein Teil davon. Es wird ein Weckruf: Gib dein bißchen Verstand nicht auf, Bernhard Ka.! Im Zweifel für den Zweifel – auch ein Lied von Tocotronic.

Aber der Zweifel ist nichts wert, wenn er mit dem Verstand nicht arbeitet, sondern nur mit dem Gefühl.

Bei diesem Lied von Tocotronic, Das Blut an meinen Händen, bekomme ich Gänsehaut. Wenn ich mit anderen daran denke, daß der Maya-Kalender unser Ende sei, werde ich müde, so müde und gebe jede Hoffnung auf; aber Gänsehaut bekomme ich nicht, obwohl mich gruselt, daß man an den Maya-Kalender glauben kann.

Zweifellos, das Ende allen Denkens steht bevor. Wenn ich zur Straße runterblicke und eine kopflose Menge laufen sehe: Es sind die auch noch psychisch schwer angeschlagenen Anleger, die für ihre wertlosen Werte irgendwo einen sicheren Hort suchen, in der Hoffnung auf einen Zinseszins für ihre Gier. Das ist das Ende. Dieses Textes.

2. September 2011

Tabubruch aus Gefälligkeit

Frau Roche war wieder in einer Talgschau; dort schmiert man sich normalerweise gegenseitig die Butter vom Brot. Bei Frau Roche ist das anders: alle wollen mit draufschmieren und tun es auch. Wegen der Medienbeliebtheit von Frau Roche holt man sich mal Schoßgebete-Buchbesprechungen auf die Seite Drei, wo sonst nur Weltnachrichten stehen, klebt ein Foto der zierlichen Dame mit den derben oder auch „provokanten“ Sprüchen daneben und ergießt Lobeshymnen in die offenen Münder der Leserschaft: endlich ein Sommerloch, das die Zuhausegebliebenen bei der Stange hält!

Der Sommer ist vorüber, die Werbereise für den Megabesteller wird noch bis Weihnachten dauern, dann ist letzte Gelegenheit im Jahr an das notwendige Erbrechen von Tabus zu erinnern und etwas „Rotzfreches“ für die Weihnachtsgabentischbestückung zu verkünden.

„Die Grenzen des Sagbaren“, schrieb ein Lober (das Wort ist direkt von der Grenze), „müssen erweitert werden.“ Keine Frage, ein Muß ist ein Muß. Das Buch scheint es zu tun. Über Leseproben kam ich selbst nicht hinaus. Für mich ist es Drauflos-Geplappere, das ich nicht weiter lesen kann; es scheint, daß Pop-Literatur, dazu zählt man das Buch, von Poppen kommt, und entweder stinkelangweilig ist oder tabuerbrechend flach. Eines Tages, wenn ich das Buch gelesen haben werde, werde ich meine Meinung ändern müssen; vorerst beschäftigt mich mehr die Bereitschaft der Medien und ihrer Autoren tragender Teil („quotengeile Erfüllungsgehilfe“ – unsäglicher Forums-Leserkommentar) des „Hypes“ um die Kult/Star-Autorin zu sein. Die „Debatte“ gibt bestimmt so viel her wie das Buch: Feminismus-Überdruß, Generationenkonflikt, Tabus, Porno & Sex & langweiliges Leben in grenzenloser Konsumbereitschaft.

[Mich peinigt die Angst, daß ich einen ungehobelten, unflätigen Ton erwische, wenn ich Wörter verwende, die ich nur widerwillig niederschreibe, F-Wörter, deren Roots in der Vulgär-Sprache zu eruieren sind – deshalb habe ich einige Männer diesen Text lesen lassen und sie gebeten, ihn zu zensieren, falls nötig; aber sie fanden nichts Unanstößiges, und so steht hier alles so, wie ich es für die Öffentlichkeit aufpoliert habe! Weiter im Text:]

Ich müßte noch einmal in einen Buchladen gehen und die ersten vier oder fünf Seiten lesen; dort soll, nach Buchbesprechung in einem eher lokalen Blatt, ein „Blowjob“ genauestens beschrieben und quasi erfahrungshautnah nachzufühlen sein. Dem Redaktör hat es gemundet, er bekam Schreiberlaubnis über mehrere Spalten! Erregt über so große, dem echten Leben abgewonnene Lektüre, verkündete er, hier handle es sich um Literatur. Das sagen auch andere. Mehrere schrieben, nun beweise Frau Roche auch, daß sie schreiben könne:

Wer geglaubt hat, sie könne nur provozieren, aber nicht schreiben, wird staunen. Ihre Heldin liefert sich beim Leser zur Therapie ein. Von Felicitas von Lovenberg

Danke Felicitas von! Dann war das erste Buch, „Feuchtgebiete“, Geschwätz; das Folgebuch, „Schoßgebete“, wird es beim nächsten Buch, „Stoßgestöhne“, sein. Wie geht es den Buchbesprechern nach dem Oralsex mit dem Buch? Ernüchterung wird folgen, und: dann steht man dazu.

Als Mann hat man es beim „neuen Feminismus“, als deren lauteste Vertreterin Charlotte sich anpreist, besser als bei dem althergebrachten, für den Frau Schwarzer geradesteht. Den neuen kann man sich ans Herz drücken, wenn man eines hat; wenn keines vorhanden ist, macht das auch nichts. Verständnis für die Dinge wie sie nun mal sind, ist oberstes Gebot für den Schriftenhersteller. Frau Roche schreibt, wird geschrieben, aus ihrem eigenen Leben, hat auch selbst etwas dazu „recherchiert“, im Bordell, „das war aufregend“. Daß sie mit ihrem Mann im Bordell war und ein wenig Spaß gemeinsam mit den durchgearbeiteten Sexarbeiterinnen konsumiert hat, wird viel diskutiert in Foren – es gibt viel Danke! für die Offenheit und auch Danke für die Blödheit. Wer sich für die Offenheit bedankt, findet außerdem Frau Roche tue viel für die weibliche Sexualität. Man muß sich durch viel Text lesen, um herauszufinden, was. Wer sich für die Blödheit bedankt, der geht in Zukunft nur mit Frau und Freundin ins Puff; dort hat man nicht nur Spaß, dort wird auch mit Spaß gearbeitet.

Schaut man stundenlang Pornos? Dann ist man nicht allein, Frau Roche macht das auch. Pornos glotzen kann lehrreich sein! Neben der Befriedigung oder Befriedung eines Dranges, kannst du, Mann, auch noch was lernen: „wie man eine Frau stundenlang richtig befriedigt“. Soll Frau Roche gesagt haben, bei Frau Maischberger im GEZ-finanzierten-Fernsehgerät. Richtig befriedigend ist dieser Satz nicht, aber gestanden!

Das Buch, las ich auch noch über das Buch, sei „ein Schrei“. Es verwundert nicht, daß nicht nur ein Redaktör das schrieb. In der Überschrift zu einem Interwju vor der Buchveröffentlichung bekennt

Bild: Lebensrettung von Sex-Autorin

Das Leben „gerettet“! „Schoßgebete“, will sie uns sagen, ist ein Aufschreibprodukt, das aus höchster Notdurft entstand. Der Markt liebt die angeblich heillosen Künstler für ihren höchsten Lebenseinsatz und Zerrüttetheit und prämiert sie als die außerordentlichen Existenzen, die uns durch ihre Werke das Lebensechtheitsgefühl keines Lebens von der Stange vor die Augen pinseln. Der Künstler ist dazu entweder tot oder Kult. Andere werden für Zwangshandlungen in die Psychiatrie eingewiesen. Wie ungerecht die Gesellschaft ist: daran kann man es erkennen. Der zwangshandelnde Künstler ist besser als der freie. Auch er entscheidet nicht selbst über sein Leben; darin ist er Spiegelbild seiner Bewunderer. Eine Gesellschaft, die keine Veränderung will, produziert Kunst-Therapie-Endprodukte beinah wie Schoko-Riegel, die völlig verbrauchte Energie zurückbringen. Guten Appetit.

Ein Buch, das wie ein Schrei ist, bedeutet in diesem Fall: 288 Seiten Geschrei! Da stelle ich auf leise. Ich hab’s mit den Ohren. Was wird denn hier geschrieen? Vielleicht eine Anklage: „herausgeschrieen“? Das liegt weder der Pop-Literatur noch dem „jungen Feminismus“ nahe.

Der Schrei gilt womöglich der Elterngeneration, mit deren Idealen man sich immer noch abstrampelt, und da machen viele Kinder gerne mit. Dabei hat diese Revolutions-Generation so gut für ihre Kinder gesorgt, finanziell und ideell, daß in In-Stadtteilen nur noch Paare mit Medienberufen wohnen. Der Mob wehrt sich. Man sieht hier schon drastische Sprüche neben Abreißzettel wohnungssuchender IT-Manager und Kommunikations-Designerinnen.

Bild: Willkommen in Giesing

Schreiben ist ein Therapieprozeß! Man entdeckt auch Dinge in einer Therapie, die nirgendwohin gehören und hört Stimmen, die aus dem „Off“ kommen. Unterm Strich dieser Pop-Literatur-Therapie steht für mich, daß für mich nichts bleibt an Kult-Literatur. Ich lese nicht nur Charlotte Roche nicht, ich lese auch Versicherungsvertreter- und Pseudo-Jesusbüchlein von Martin Walser nicht, keinen Stuckrad-Barre und keinen Handke, keine Judith Herrmann, nicht Rainald Goetz und auch nicht Alexa Henning von.

Ich schreibe nicht über das Buch, das mir gleichgültig ist, sondern über die Schlagzeilen, die es vorauswarf. Alles ist: Marketing & Mitmaching.

Von den tausenden Forums-Kommentaren fand ich einen abschließenden, den ich zitiere – ich sollte ihn nach allen meinen Beiträgen zitieren und auch beherzigen. atride hat immer recht:

atride schreibt: ich kann ja relativieren eigentlich nicht ausstehen, aber hier muss ich es mal: liebe leute, wir haben einen unkontrollierten klimawandel, das ende des öls steht bevor, mit dem ende der wirtschaft wie wir sie kennen (stichwort landwirtschaft, petrochemische dünger, etc.) und eine kaste von superreichen hat die (westlichen) demokratien ausgehöhlt und beutet die schwellenländer aus. die finanzmärkte sind eine einzige große blase, von der es abzusehen ist, dass sie irgendwann demnächst platzt. folgen unabsehbar.
und jetzt hört auf, euch in diesen zickenkrieg […] zu wälzen! himmel!

Noch ein einziger Satz von mir: Fahren sie einmal mit der Geisterbahn ins Blaue.

31. August 2011

Debattenende!

Zu Westerwelle gibt es einen Nachrichtenüberblick, betitelt: „Westerwelle ist untragbar“ – Wäre er tragbar, wäre er vielleicht eine Neoprenhose oder eine Krawatte. Andererseits gilt in der Modebranche, wenn etwas nur tragbar ist, ist es so gut wie untragbar. Bloß tragbar zu sein, ist zu wenig. Das Amt des Außenministers trägt die Mode ja schon beinah im Namen; außen ist die Verkleidung, innen ist die Verhaltung. Wer trägt Westerwelle? Seine Überzeugung. Wen trägt Westerwelle? Seine Selbstüberzeugung. Die Frage der Föjetons und Leidartikler dieser Tage ist: Wie lange ertragen wir ihn noch? Wir Leser und wir nach außen Repräsentierte. Dabei findet Westerwelle in einer Frage bei den repräsentativen Deutschen mehr Anklang als zur Zeit unter den Redaktören, die ihre Meinungen ansonsten von den Lesern getragen sehen möchten: hinter dem Nicht-Libyen-Einsatz und der gelungenen Embargo-Politik steht der Deutsche, Parteicolorit spielt beinahe keine Rolle; Westerwelle kann sich als die Gesicht gewordene Gestaltung unserer bedingungslosen Friedenshaltung ansehen; der Deutsche steht, wenn er wo stehen muß, besonders hinter dieser rückhaltlosen Haltung.

Leser schließen sich der Westerwelle-Demontage, dem Westerwelle-Bäsching, nicht an, sondern verkünden z.B.:

„Gewiß, Gaddafi war unangenehm [?], aber die Ansicht, man könne aus diesen durch Stammeskultur geprägten Ländern westliche „Demokratien“ machen [Anführungsstriche nicht von mir; Ausdruck der Skepsis des „westlichen“ Lesers gegenüber allem, was als „sogenannt“ apostrofiert werden muß, und im eigentlichen Sinne schon nicht mehr eigentlich ist, sondern fremdgesteuert – Anmerkung der Redaktion] […] Ich war gewiß kein Westerwellefan. Aber ein Aussenminister, der sich kriegerischen Abenteuern verweigert, verdient Lob und Anerkennung.“

Abenteuer mit Stammeskultur, das liegt weit hinter uns! Westerwelle hat erkannt, daß er kein Stammeshäuptling sein kann, die Leser sehen das auch so und belassen jeden gerne in seiner eigenen Primitiv-Kultur – multikulturell gedacht.

Herr Rösler sagt, das Ende der Debatte über seinen Chef ist da, Punkt. Aber Redaktöre lassen nicht locker und gehen erst recht an die Arbeit – und was Herr Rösler sagt, hat schlußendlich *** Gewicht auch für mich. Kein Westerwelle mehr! … bis zum nächsten Blödsinn aus einem würdevollen Amt.


*** Schlußendlich: Westerwelle bleibt, schreiben die Schreiber, von Röslers Gnaden, bis der ihn auslöst. Röslers Worte haben Gewicht. Sie beschweren auch mich zukünftig, und ich finde das gut, und sehe zu wie sich die FDP in die radikal-basis-demokratischste Partei Dtlds. verwandelt: Gleiche Krankenkassenbeiträge für jeden, gleiche Zuzahlungen, gleiche Versicherungsbeiträge, alles gleich – nur nicht das Gehalt. Ein paar Unterschiede dürfen bleiben, sonst sähen wir alle gleich aus, und wenn jeder dasselbe Gesicht auftrüge, das fände ich untragbar. Vorerst.

25. Juli 2011

Girl Magnet gucken

Man liest, man sieht und man denkt – man kann es nicht abschalten: genau dafür ist Werbung an allen Orten. Daß man in der Öffentlichkeit sinnlose Plakate sieht, die keinen Zusammenhang haben, ist selten, aber seit der Es-muß-ein-Ruck-durch-Deutschland-gehen-Bewegung vor 20 oder etlichen Jahren auch nichts mehr Neues. Man könnte seither wissen, daß nichts dahinter steckt außer einer ärmlichen Mitteilung. Immerhin steht ein Bundespräsident mit seinem Namen für den berühmten Ruck, der nicht über den Plakatrand hinausging. Man hat nie erfahren, was der Ruck war, noch hat man ihn verspürt – ich habe keine außerordentliche Rempelei in Erinnerung.
Doch vor ein paar Tagen fühlte ich mich angerempelt:

Bild: Gucken

stand auf der Rückscheibe eines örtlichen Linienbuses. Ich konnte nix sehen! Ich wußte nicht, wo die Werbung dazu war. Dafür wurde ich mir bewußt, daß ich wohl geguckt hatte; es war mir, als wäre es das erste Mal in meinem Leben gewesen. Es hätte auch der markante Spruch eines Kabarettisten sein können, der mit einem Bus durch die Lande zieht, aber es war nur ein Abklatsch davon, nicht so direkt („Was guckst du!“). Ich muß mich damit abfinden, daß ich „gucke“; ich habe keinen Einfluß darauf, was andere wahrnehmen und wie sie es artikulieren. Wer guckt, sieht immer irgendwie blöd aus.

Vielleicht gucke ich hinterher, wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe – gucke einer Dame auf der gegenüberliegenden Straßenseite nach. Ich hab ja nichts zu tun, während Moreno Blumen abschnüffelt und sich mit jedem Schritt viel Zeit läßt.

Bild: Girl Magnet

„He’s your girl magnet!“ sagte vor Jahren eine begeisterte Touristin aus einer Gruppe entzückter junger Damen zu mir. Ich konnte mir sogleich vorstellen, wie sich ein Magnet fühlt, und wie er funktioniert. Danach hatte ich auf die Wirkung meines Hundes größere Hoffnungen gesetzt. Vielleicht könnte sich ja noch erfüllen, was meine Großmutter mir einmal prophezeit hatte: ich würde ein rechter Casanova werden. Die Vorstellung wie ein rechter Casanova sein könnte, ist mir jetzt noch in Erinnerung, als eine jugendliche Süße in ihren Augen leuchtete, die mit der Milde ihres Alters zusammen eine beinah überirdische Wonne erahnen ließ. Ein richtiger Casanova war nie in ihr Leben gekommen, aber vielleicht war er ihr begegnet, in einem Bel-Ami-Film, und sie spiegelte ihn in ihren Enkel hinein.

Der unfromme Wunsch einer Vertrauten meiner Kinderjahre! – ist nie in Erfüllung gegangen. Ich konnte daher ein gewissermaßen ruhiges Leben halbwegs hinter mich bringen.

Der „Girl Magnet“ an meiner Seite ist mittlerweile etwas ergraut, viele Hundejahre sind vergangen, Moreno ist ein langsam trottender Hund geworden. Hätte ich in jüngeren Jahren gewußt, daß es so etwas wie einen Girl Magnet gibt, ich wäre um manch hübsche Erfahrung reicher – dazu muß mann erst auf den Hund kommen.

Mit dem rasant zunehmenden Alter von Moreno sind auch unsere Bekanntschaften älter geworden. Moreno ist kein Girl Magnet mehr, obwohl er immer noch so „süüüß“ ist; man merkt ihm das Alter an, und ihn interessieren Girls nicht mehr so sehr; er bemerkt sie oft erst, wenn sie vorüber sind, und dann guckt er ihnen nach. Auch ich habe mit ihm meine Wirkung ein wenig verloren; man grüßt mich noch aus der Ferne oder im Vorübergehen und hat es eilig, so scheint mir, aber nur wir beide sind langsamer geworden, wir trotten hinterher, und ich gucke dann ein wenig enttäuscht. Früher konnten wir mitziehen, und ein paar Worte mehr flirten.

Dieses Hundejahr 2011 begann damit, daß es mir rückblickend erscheint, als hätte ich mehr Leute getroffen, deren Hund soeben erst gestorben ist, als in den Jahren zuvor. Morenos Anblick erweckt ein Mitleiden am Hund, das jedes Herrchen einmal erlebt. Man bereitet mich darauf vor, sanft. So sagte eine ältere Dame, die ihren vierten Hund vor kurzem begraben hatte, als ich ihr das Alter meines Hundes preisgab: „Dann haben Sie ihn die längste Zeit gehabt.“ Rechnerisch richtig, es ist nicht zu erwarten, daß er 30 wird. Ein Ehepaar, das mich immer wieder anhält, weil Moreno ihrem verstorbenen Hund so sehr gleiche, erzählte mir, daß der ihrige 16 geworden sei und insistierte darauf, daß meiner krank sei, weil er schief laufe. „Sie haben ihn noch ein Jahr!“

Was kann man gegen fremde Erfahrung sagen? Nichts, aber man läßt seine eigene nicht so leicht von anderen überschreiben. Somit schreibe ich hier gegen die drohende Erfahrung an, die man mir immer wieder aufdrängt. Es wird besser sein, ich treffe niemanden mehr beim Spazier; die Gespräche gleichen sich immer mehr, und drehen sich vernehmlich öfter um Krankheit und baldiges Ende.

Die Zumutung, die ich auf dem Busfenster gelesen habe: sie hat schon eine Richtigkeit bekommen. Jetzt gucke ich oft mal hinterher, aber sehe nicht nix, Werbung suche ich vergebens. „Man wird nicht mehr gesehen“, sagt ein Freund immer wieder mal, „aber man sieht noch, und das ist vielleicht noch schlechter“.

Man winkt mir mal zu – auf die Ferne brauche ich keine Brille, da sehe ich sehr gut. Bald kommt die Zeit, in der ich meine Brille suchen werde. So sagte ein Verkäufer in einem Brillengeschäft erst noch letztes Jahr, als meine Sehkraft bei einem Test intakt war: „Das wird schon schlechter, dem entkommen Sie nicht!“ Er hatte schlechte Stimmung, und ich gute. Aber die Aussichten sind trübe. Ich will beim Hundespazier besser niemanden mehr treffen – mir täten ein paar aufmunternde Worte gut! Ein Jahr noch und ich trage eine Brille zu jeder Gelegenheit. Schärfer will ich aber nicht mehr sehen; auch nicht trüber!