Archiv für den Monat: April 2011

26. April 2011

Das öffentliche Blaue auf einer Bank

Schwer fällt es an schönen, öffentlichen Orten der Ruhe zur Ruhe zu kommen, auf Parkbänken nur ins Blaue zu schauen oder Leute beim Flanieren zu beobachten, keinen Gedanken an etwas anderes als an den Augenblick zu verschwenden, der gerade ist: ich komme gar nicht bis zu dieser Art Verschwendung, zu der ich mich gelegentlich sehne.

Da sitze ich in Konstanz an der Uferpromenade am See auf einer Bank und horche auf das Plätschern des Wassers und auf die Bläßhühner, oder ich bin im Nymphenburger Park, es scheint die Sonne, die Blumen blühen und ich fange an, an Zeiten zu denken, die ich gar nicht kannte – es könnten meine besten sein! Und dann eilt mir durch das Sichtfeld ein bunter Vogel auf dünnen Beinen und mit in den Kies stechenden Stöcken, es keucht eine halbe Minute später jemand hinter mir vorüber, dann ziehen Räder eines rennenden Kinderwagens eine schleifende Tonspur durch mein Ohr, ein sich trimmendes junges Paar ist im Elterneinsatz, oder ein dürres Menschlein mit Hanteln und Sandsäcken sprintet stählern übers Pflaster.

All das tut den Augen weh, sie kommen an keinen Ruhepunkt. Sie dürfen auch keinen Schaden nehmen, denn ich bin in meinem Leben seit einigen Jahrzehnten versuchsweise auch als Bildender Künstler unterwegs (wen oder was spielt keine Rolle, wo auch nicht; jedenfalls nicht in Parkanlagen). Freie Minuten, die ich nicht der Muse widme, wirft man mir gelegentlich vor, wenn ich spaßeshalber am Telefon sage: ich täte gerade nichts, nein, ich würde nicht durch einen Anruf gestört. Freundlich sind die Mahner, die meine Arbeit schätzen; sie glauben, der Welt könnte ein weiteres Kunstwerk von mir ihr nicht geschenkt werden. – Ich verschenke ungern; das lediglich aus einer gewissen Zwangslage heraus; sonst bin ich großzügig, besonders dort, wo man es mir vorhält: bei meiner eigenen Zeit.

Mit der eigenen Zeit soll man das nicht, man soll sie nutzen – nur durch Nutzen bekommt sie einen eigenen Wert. Ansonsten geht sie vorüber, und kurz bevor sich das „Zeitfenster“ für ein sinnvolles Leben schließt und man hinausgesogen wird in die große Freiheit, frägt man sich: Was hat man nur angefangen? Es gibt sie, die auf die Fülle des Lebens blicken, bereits zu Lebzeiten, zumeist in Interviews. Sie stimmen mich traurig, eine ungewisse Melancholie bemächtigt sich meiner, eine schleichende Depression zieht die Hosenbeine herauf. Was mache ich nur wieder nicht! Ich sitze auf einer Parkbank, in München, in Konstanz, sogar schon in Zürich war ich auf einer, aber ich komme nicht einmal zur Ruhe, komme auf keinen eigenen Gedanken, nur an die Fülle des Lebens denke ich, die an mir hurtig in glänzendem Outdoor Dress vorüberschnellt.

‚Der Weg ist es, der den auf ihrem Weg Eilenden im Weg steht‘, denke ich bei ihrem Anblick – wenn das nun ein eigener Gedanke wäre, wäre ich nicht umsonst hier gesessen; ich bin mir nicht sicher und deshalb schließe ich die Augen. Es stellt sich sofort heraus: das war mein bester Gedanke heute, wert ihn auszuführen: Die Augen schließen und horchen. Dann können auch Flip-Flaps schön sein, wenn sie in käsigen Beinen mit zu kurzen Hosen stecken. Ich höre kurze Geschichten enden, bevor sie an ein Ende kommen: „… da mieteten wir ein Boot und dann kam mitten auf dem See mit einem Mal ein Schwan daher und … ich sagte zu Jasmin, daß sie … das ist doch das Haus, in dem neulich … was du nicht sagst…“ du hörst es. Und es ist gut.

Ich öffne nach einer unermessenen Zeitspanne wieder die Augen, bin enttäuscht über das, was ich sehe, selbst das Blau des Himmels oder das des Wassers ist eintönig gegen die Welt der Geräusche, und denke noch schnell zum Abschluß, als ich wieder Eilige sehe: Der Motorradfahrer liebt es kurvig, der Büroschlußathlet geradlinig.

Auf kürzestem Wege gehe ich zurück und wieder nicht an die Arbeit.

6. April 2011

Live ums Leben ticken

Die Zeit der letzten „Live-Ticker“ ist nun schon fast wieder vorüber, sie kommt hoffentlich nicht mehr. Wenn sie wieder kommt, dann klicke ich erneut darauf, nicht minütlich, auch nicht stündlich, aber oft genug, wenn es meine Aufmerksamkeit wieder an Brennpunkte zieht, die mir nahe treten können.

Der „Live-Ticker“ geht langsam vorwärts, gemessen an seiner Tick-Häufigkeit, die neuesten Nachrichten sind wenig beruhigend; was uns erwartet, es wächst heran. Das völlig Unfaßbare und Grauenvolle zeigt mir erst der „Bilderticker“, er läßt mich versinken in Bildumgebungen, die ich kaum ertragen kann, würde ich länger darauf blicken. Da der Ticker eine „Bildstrecke“ ist, bleibt er erträglich, ich klicke weiter, nur um weiterzukommen, an ein Ende, oder ich breche vorher ab; nur nicht verweilen! – gelegentlich mache ich es, dann geht die Fantasie nicht mit mir durch und ab in Fantasiewelten, sondern bleibt stehen und brennt Gedanken aus! Fantasie ist keineswegs Flucht, sondern Notwendigkeit; glücklich wer sie hat!

Sollte ich mir „ausmalen“, was Wirklichkeit werden könnte, würde ich erstarren: Nicht beim Zurückblicken wird man zur Salzsäure werden, sondern beim Vorausschauen.

Keinen anderen dummen Satz möchte man sich so oft sagen wie den: „Das Leben muß weitergehen!“ Gemeint ist nur das eigene, das im Grunde belanglose Dahinwirtschaften; doch ist es meines, immerhin. Beim online-Sein geht das einfach, schon gleich auf derselben Seite zum Ausgleich für das Schwere: etwas lesen über die „Schinkenprovinz Huelva“ oder „44 Models aus aller Welt auf Usedum“ mit Bilderstrecke!, oder daß der „Kindsmörder Gäfgen auf Schmerzensgeld klagt“ – kläglich, aber es ist immerhin möglich. Man ist dann wieder im „ganz normalen Wahnsinn“, und der hat, im Überblick, so wenig man ihn auch ausstehen kann, etwas fließend Alltägliches.

„Das Leben muß weitergehen“ – vielleicht hilft uns das. Aber wenn das Leben nur weitergeht und nichts als das, und es einen mitschleift und jeder Tag unerträglich ist, blenden wir aus. Aus der Ferne oder gar von den Sternen ist das alles ziemlich einerlei. Je näher wir uns kommen, desto schwerer scheint es zu werden, und ganz nah will man sich selbst kaum kommen.

Wenn etwas unangenehm ist, half immer der Hinweis, daß es doch Wichtigeres gäbe, Wichtigeres zu bedenken. Unser Guttenberg hat das in seiner Abschiedsrede sehr öffentlich zelebriert, indem er auf „den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten“ verwies, die mehr mediale Betrachtung verdient hätten als ausgerechnet seine Doktorarbeit. Man wird sagen: freilich. Warum verwies er nicht auf noch Schrecklicheres? Es findet sich. Daß er’s nicht getan hat, liegt nicht an ihm, das liegt an uns selbst, unserem Mechanismus, das, was wahrlich grauenhaft ist, auszublenden. Berichte über Folter vergegenwärtigen wir uns nicht, sie kommen nur äußerst selten in den News vor. Folter, das wäre das immer noch Schrecklichste; kaum einer wagt einen Vergleich mit ihr, es würde wie Wehleidigkeit aussehen, worüber wir jammern – also ausblenden!

Was könnte es Wichtigeres geben, als auf Folter aufmerksam zu machen, auf Menschen in größter, unausweichlichster Not? Gefoltert wird: jederzeit. In jeder Minute des Tages ist ein Mensch seinem Folterer ausgeliefert, der nichts anderes im Sinne hat als ihn ganz und gar Mensch, Fleisch, Schmerz werden zu lassen, für diesen ewigen Augenblick und für den Rest seines Lebens. Es gibt keine größere körperliche Nähe zwischen Menschen als den Augenblick der Folter. Mehr Hier und Jetzt, und ausschließlich das, wird es für den Menschen nicht geben, mehr Reduktion auf die rein physische Existenz existiert nicht.

Die Live-Ticker der letzten Wochen sind verschwunden. Aus Japan kommt dafür die „Die tägliche Dosis Grauen“ (Tagesspiegel). Was in Libyen tickt, ist für die meisten hier nur mehr die wütende „Koalition der Willigen“ oder der „Kriegstreiber“. Unsere Kritiker können es nicht wahrnehmen, daß etwas anderes als Öl, an das sie beinahe ohne Unterlaß denken, Grund für eine Parteinahme sein könnte. Unser Entwicklungsminister Niebel, FDP, der anderes im Kopf haben sollte, formuliert es für alle politischen Lager bis ganz nach links-rechts außen konsequent: Es sei „bemerkenswert, dass gerade die Nationen munter in Libyen bomben, die noch Öl von Libyen beziehen“ – munteres Bomben! eine Kreation wie die Eisbombe, sie zerfließt auf der Zunge der Bravmenschen. Benghasi – man erinnert sich nicht mehr in Deutschland – stand vor dem Fall. Gaddafi kündigte erbarmungsloses Vorgehen gegen deren Bewohner an. Folter, Mord wären im Live-Ticker gelandet. Für Folter haben wir keine Augen, keine Ohren, keine Sinne und auch keine Bilder-Strecke – wir bräuchten sie!

Man könne auch keine Waffen liefern, um dann denjenigen zu bekämpfen, dem man sie geliefert habe, sagte er. Wollen wir im Namen der Entwicklungshilfe hoffen, daß Saudi Arabien keinen Krieg beginnt, denn dorthin liefern wir die meisten Waffen.

Weil jede Gewaltanwendung Gefahr läuft, entweder zu entgleisen oder zu versanden, lassen wir die Mörder ihres Volkes lieber in Ruhe weiter morden. Frei nach der Devise: Soll doch Europa den Despoten Waffen verkaufen, sich aber verpflichten, keine gegen sie zu benutzen!
Damit rettet man die Moral – und das Geschäft. Vergessen scheint die Weisheit Clausewitz‘. Der riet ironisch, dass sich jemand, der Einfluss haben will, als „Freund des Friedens“ gerieren und diejenigen als „Kriegstreiber“ brandmarken muss, die sich gegen die Tyrannei stellen und die Freiheit verteidigen. (André Glucksman in einem Interview)

Wäre Benghasi gefallen, hätte man die ägyptische und dann die tunesische Revolution erstickt. (Rafik Schami, syrischer Schriftsteller, der seit Jahrzehnten in der Deutschland lebt, in einem Interview)

So ein Krieg wie in Libyen, sagt der Minister weiter und da hat er die Linke links überholt, sei nichts als ein dritter „Nahostkrieg der westlichen Welt gegen die muslimische Welt“. Niebel reist zwischen mehreren Welten hin und her und bleibt dennoch nur in seiner kleinen Geschäfts- und Parteienwelt.

Welches wären die drei Nahostkriege Herrn Niebels? Afghanistan gehört schwerlich zum Nahen Osten – es sollte vielleicht Israel gemeint sein als der erste „Krieg der westlichen Welt gegen die muslimische Welt“. Auch hier war Niebel schon auf Zuspruchsfang, als er über Israel in den Gaza-Streifen einreisen wollte, was ihm verweigert wurde. Seiner Empörung darüber ließ er angeblich freie Luft – immerhin freie Luft. Es wäre ihm frei gestanden über Ägypten einzureisen, aber das war nicht im Sinne dieses westlichen Ministers, der gewiß sein konnte, mit seiner Empörung über Israel auf einer Welle von breitem Konsens von links nach rechts über grün und rot, schwarz und gelb zu sörfen.

Die muslimische Welt drängt in den Westen per Handy, Facebook etc. – die „muslimische Welt“ ist wie die „westliche Welt“ eine ideologische Konstruktion – das 21. Jahrhundert läßt uns zusammenwachsen, läßt uns erkennen, daß wir alle gleichzeitig leben und miteinander auskommen müssen, nach Gesetzen, die wir alle gemeinsam definieren müssen und nicht nach Gesetzen, die in Regionen gelten und in anderen nicht. Ließen wir das zu, gäbe es keinen erklärbaren Grund Völkermord überhaupt zu verurteilen, geschweige denn irgendwo einzugreifen. Und wir Deutschen hätten es insbesondere brav. Es täte vielen so gut, wenn man aus ihren Herzen spräche, in die man besser nicht hineinsieht. Wer hätte bessere Eignung dafür als ein Entwicklungsminister? Er spricht mit unserem Mund: Wir sind moralisch prächtig entwickelt. Wir sind gut!

1. April 2011

Kopfweh gegen Atomwolke

Heute, Mittwoch, 11h30 wurde mein Kopf so weh, daß ich mich ins Bett legte, um das Wehsein mit Schlaf zu besänftigen. Wer starkes Kopfweh kennt, der wird den Kopf darüber schütteln; Kopfweh erlaubt keinen Schlaf, es pocht dich ins Wachsein zurück, in unerträgliches Wachsein. Mein unerträgliches Wachsein ist zum Teil immer ein metaphysisches, halb wahr halb erfundene Empfindung. Ich möchte aber gerne als so fleißig gelten wie jeder Ottonormalmensch, deshalb drehte ich es so hin, daß mich nach kurzer Zeit ein Telefonanruf weckte. Nach normal belanglosem Austausch von Höflichkeiten erfuhr ich, daß Kollegen des Anrufers gehört hätten, eine Atomwolke werde in einigen Stunden über Deutschland schweben, auch wäre es jetzt schon besser, keinen Fisch mehr zu essen, der komme womöglich aus japanischen Gewässern. Mein echtes Kopfweh war augenblicklich abgetaucht, es blieb das metaphysische. Um einen Überblick zu geben, wie tief es reicht, wenn man so ein elegantes Wörtchen wie »metaphysisch« in einen Satz einflicht, verweise ich auf das Internet (metaphysisch, Synonyme für) – wer nicht nachschlagen will, dem gehen Bedeutungen verloren.

Daß mein Kopfweh verflogen war, zeigte mir, daß ich meinen Kopf noch behalten habe, während anscheinend rundum, glaubt man den Nachrichten, und das tue ich gerne, viele ihren verlieren. Geigerzähler soll es rund um Nürnberg nicht mehr geben, Jod-Tabletten wären der Apothekenrenner (umgekehrt: Apothekenrenner holen sich Jod-Tabletten). Online-Magazine geben den um ihre innere Geborgenheit besorgten Rat auf Fragen: Darf man mit Japanern noch reden, steckt das an? Wen darf man anfassen und von wem läßt man besser die Finger! Unfaßlich ist vielen halbpanisch-besorgten Lesern, warum die Japaner nicht in Panik ausbrechen – wohin? Andererseits schreiben die Unbesorgten von der typischen German Ängst, die Auslandskorrespondenten bei uns konstatieren. Gewiß schrieb das kein Kalifornier, denn dort soll es zu Hamsterkäufen von Jod-Tabletten gekommen sein. Hamster helfen nicht, Einkäufe auch nicht, aber sich mit Tabletten eindecken kann helfen. Von Hamsterkäufen in Tokio war endlich doch die Schreibe gewesen, zufrieden nimmt der deutsche Leser Anflüge von Panik wahr.

Das unübersetzbare Wort Angst, obwohl typisch für unseren Sprach- und Gefühlsraum, bekannt aus der Psychologie, hat schon längst internationale Karriere gemacht; es ist so dschörmän nicht mehr; überall wo es verwendet wird, nistet es sich ein als einheimisch. Wer einmal Angst kennengelernt hat, der weiß um sie für immer bescheid. Angst sei irrational, lese ich in Erläuterungen, Furcht dagegen sei begründbar. Furcht haben wir vor einem AtomGAU viel zu wenig angesichts der begründbaren Gefahr – mag der geplante Streßtest ausfallen wie er will, glaubhaft wirkt er nicht: Hätte er nicht schon längst durchgeführt werden müssen? Unsere Atomkraftwerke sind nach Fukushima so sicher wie vorher, das Risiko ist völlig unverändert. Die Furcht vor Machtverlust steigt lediglich bei Politikern, denn sie ist begründet, und die Wutbürger vom Ländle nebenan haben ihre Wahl getroffen, mehr aus Angst denn aus Furcht, daß sich wieder nichts tut nach so viel Gerede um so kleine Spaltprodukte herum. Beängstigend ist wie viele Fähnchen sich derzeit mit den Winden drehen. Es bläst aus allen Richtungen und flattert und zittert vor laufenden Kameras.

Heute, Freitag, eine Woche später, beim Durchlesen meines Kopfwehbeitrages, bei sonnigem Wetter, habe ich mich entschlossen, wieder ein Spaltprodukt aus meinem Kopf ins Web zu setzen. Täglich fühle ich mehr, wie sich etwas zersetzt: das Land der Friedvollen und Intellektuellen, der Geistesgrößen und Literaten, der Bildungsnahen und Bildungsfernen, des Prekariats und der 400.000 Milliönäre beruhigt sich wieder nach beendeter Wahl. Es gibt wieder Jod-Tabletten und Geigerzähler.

Kopfweh und unerträgliches Wachsein gehören zusammen.