1. April 2011

Kopfweh gegen Atomwolke

Heute, Mittwoch, 11h30 wurde mein Kopf so weh, daß ich mich ins Bett legte, um das Wehsein mit Schlaf zu besänftigen. Wer starkes Kopfweh kennt, der wird den Kopf darüber schütteln; Kopfweh erlaubt keinen Schlaf, es pocht dich ins Wachsein zurück, in unerträgliches Wachsein. Mein unerträgliches Wachsein ist zum Teil immer ein metaphysisches, halb wahr halb erfundene Empfindung. Ich möchte aber gerne als so fleißig gelten wie jeder Ottonormalmensch, deshalb drehte ich es so hin, daß mich nach kurzer Zeit ein Telefonanruf weckte. Nach normal belanglosem Austausch von Höflichkeiten erfuhr ich, daß Kollegen des Anrufers gehört hätten, eine Atomwolke werde in einigen Stunden über Deutschland schweben, auch wäre es jetzt schon besser, keinen Fisch mehr zu essen, der komme womöglich aus japanischen Gewässern. Mein echtes Kopfweh war augenblicklich abgetaucht, es blieb das metaphysische. Um einen Überblick zu geben, wie tief es reicht, wenn man so ein elegantes Wörtchen wie »metaphysisch« in einen Satz einflicht, verweise ich auf das Internet (metaphysisch, Synonyme für) – wer nicht nachschlagen will, dem gehen Bedeutungen verloren.

Daß mein Kopfweh verflogen war, zeigte mir, daß ich meinen Kopf noch behalten habe, während anscheinend rundum, glaubt man den Nachrichten, und das tue ich gerne, viele ihren verlieren. Geigerzähler soll es rund um Nürnberg nicht mehr geben, Jod-Tabletten wären der Apothekenrenner (umgekehrt: Apothekenrenner holen sich Jod-Tabletten). Online-Magazine geben den um ihre innere Geborgenheit besorgten Rat auf Fragen: Darf man mit Japanern noch reden, steckt das an? Wen darf man anfassen und von wem läßt man besser die Finger! Unfaßlich ist vielen halbpanisch-besorgten Lesern, warum die Japaner nicht in Panik ausbrechen – wohin? Andererseits schreiben die Unbesorgten von der typischen German Ängst, die Auslandskorrespondenten bei uns konstatieren. Gewiß schrieb das kein Kalifornier, denn dort soll es zu Hamsterkäufen von Jod-Tabletten gekommen sein. Hamster helfen nicht, Einkäufe auch nicht, aber sich mit Tabletten eindecken kann helfen. Von Hamsterkäufen in Tokio war endlich doch die Schreibe gewesen, zufrieden nimmt der deutsche Leser Anflüge von Panik wahr.

Das unübersetzbare Wort Angst, obwohl typisch für unseren Sprach- und Gefühlsraum, bekannt aus der Psychologie, hat schon längst internationale Karriere gemacht; es ist so dschörmän nicht mehr; überall wo es verwendet wird, nistet es sich ein als einheimisch. Wer einmal Angst kennengelernt hat, der weiß um sie für immer bescheid. Angst sei irrational, lese ich in Erläuterungen, Furcht dagegen sei begründbar. Furcht haben wir vor einem AtomGAU viel zu wenig angesichts der begründbaren Gefahr – mag der geplante Streßtest ausfallen wie er will, glaubhaft wirkt er nicht: Hätte er nicht schon längst durchgeführt werden müssen? Unsere Atomkraftwerke sind nach Fukushima so sicher wie vorher, das Risiko ist völlig unverändert. Die Furcht vor Machtverlust steigt lediglich bei Politikern, denn sie ist begründet, und die Wutbürger vom Ländle nebenan haben ihre Wahl getroffen, mehr aus Angst denn aus Furcht, daß sich wieder nichts tut nach so viel Gerede um so kleine Spaltprodukte herum. Beängstigend ist wie viele Fähnchen sich derzeit mit den Winden drehen. Es bläst aus allen Richtungen und flattert und zittert vor laufenden Kameras.

Heute, Freitag, eine Woche später, beim Durchlesen meines Kopfwehbeitrages, bei sonnigem Wetter, habe ich mich entschlossen, wieder ein Spaltprodukt aus meinem Kopf ins Web zu setzen. Täglich fühle ich mehr, wie sich etwas zersetzt: das Land der Friedvollen und Intellektuellen, der Geistesgrößen und Literaten, der Bildungsnahen und Bildungsfernen, des Prekariats und der 400.000 Milliönäre beruhigt sich wieder nach beendeter Wahl. Es gibt wieder Jod-Tabletten und Geigerzähler.

Kopfweh und unerträgliches Wachsein gehören zusammen.

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