6. April 2011

Live ums Leben ticken

Die Zeit der letzten „Live-Ticker“ ist nun schon fast wieder vorüber, sie kommt hoffentlich nicht mehr. Wenn sie wieder kommt, dann klicke ich erneut darauf, nicht minütlich, auch nicht stündlich, aber oft genug, wenn es meine Aufmerksamkeit wieder an Brennpunkte zieht, die mir nahe treten können.

Der „Live-Ticker“ geht langsam vorwärts, gemessen an seiner Tick-Häufigkeit, die neuesten Nachrichten sind wenig beruhigend; was uns erwartet, es wächst heran. Das völlig Unfaßbare und Grauenvolle zeigt mir erst der „Bilderticker“, er läßt mich versinken in Bildumgebungen, die ich kaum ertragen kann, würde ich länger darauf blicken. Da der Ticker eine „Bildstrecke“ ist, bleibt er erträglich, ich klicke weiter, nur um weiterzukommen, an ein Ende, oder ich breche vorher ab; nur nicht verweilen! – gelegentlich mache ich es, dann geht die Fantasie nicht mit mir durch und ab in Fantasiewelten, sondern bleibt stehen und brennt Gedanken aus! Fantasie ist keineswegs Flucht, sondern Notwendigkeit; glücklich wer sie hat!

Sollte ich mir „ausmalen“, was Wirklichkeit werden könnte, würde ich erstarren: Nicht beim Zurückblicken wird man zur Salzsäure werden, sondern beim Vorausschauen.

Keinen anderen dummen Satz möchte man sich so oft sagen wie den: „Das Leben muß weitergehen!“ Gemeint ist nur das eigene, das im Grunde belanglose Dahinwirtschaften; doch ist es meines, immerhin. Beim online-Sein geht das einfach, schon gleich auf derselben Seite zum Ausgleich für das Schwere: etwas lesen über die „Schinkenprovinz Huelva“ oder „44 Models aus aller Welt auf Usedum“ mit Bilderstrecke!, oder daß der „Kindsmörder Gäfgen auf Schmerzensgeld klagt“ – kläglich, aber es ist immerhin möglich. Man ist dann wieder im „ganz normalen Wahnsinn“, und der hat, im Überblick, so wenig man ihn auch ausstehen kann, etwas fließend Alltägliches.

„Das Leben muß weitergehen“ – vielleicht hilft uns das. Aber wenn das Leben nur weitergeht und nichts als das, und es einen mitschleift und jeder Tag unerträglich ist, blenden wir aus. Aus der Ferne oder gar von den Sternen ist das alles ziemlich einerlei. Je näher wir uns kommen, desto schwerer scheint es zu werden, und ganz nah will man sich selbst kaum kommen.

Wenn etwas unangenehm ist, half immer der Hinweis, daß es doch Wichtigeres gäbe, Wichtigeres zu bedenken. Unser Guttenberg hat das in seiner Abschiedsrede sehr öffentlich zelebriert, indem er auf „den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten“ verwies, die mehr mediale Betrachtung verdient hätten als ausgerechnet seine Doktorarbeit. Man wird sagen: freilich. Warum verwies er nicht auf noch Schrecklicheres? Es findet sich. Daß er’s nicht getan hat, liegt nicht an ihm, das liegt an uns selbst, unserem Mechanismus, das, was wahrlich grauenhaft ist, auszublenden. Berichte über Folter vergegenwärtigen wir uns nicht, sie kommen nur äußerst selten in den News vor. Folter, das wäre das immer noch Schrecklichste; kaum einer wagt einen Vergleich mit ihr, es würde wie Wehleidigkeit aussehen, worüber wir jammern – also ausblenden!

Was könnte es Wichtigeres geben, als auf Folter aufmerksam zu machen, auf Menschen in größter, unausweichlichster Not? Gefoltert wird: jederzeit. In jeder Minute des Tages ist ein Mensch seinem Folterer ausgeliefert, der nichts anderes im Sinne hat als ihn ganz und gar Mensch, Fleisch, Schmerz werden zu lassen, für diesen ewigen Augenblick und für den Rest seines Lebens. Es gibt keine größere körperliche Nähe zwischen Menschen als den Augenblick der Folter. Mehr Hier und Jetzt, und ausschließlich das, wird es für den Menschen nicht geben, mehr Reduktion auf die rein physische Existenz existiert nicht.

Die Live-Ticker der letzten Wochen sind verschwunden. Aus Japan kommt dafür die „Die tägliche Dosis Grauen“ (Tagesspiegel). Was in Libyen tickt, ist für die meisten hier nur mehr die wütende „Koalition der Willigen“ oder der „Kriegstreiber“. Unsere Kritiker können es nicht wahrnehmen, daß etwas anderes als Öl, an das sie beinahe ohne Unterlaß denken, Grund für eine Parteinahme sein könnte. Unser Entwicklungsminister Niebel, FDP, der anderes im Kopf haben sollte, formuliert es für alle politischen Lager bis ganz nach links-rechts außen konsequent: Es sei „bemerkenswert, dass gerade die Nationen munter in Libyen bomben, die noch Öl von Libyen beziehen“ – munteres Bomben! eine Kreation wie die Eisbombe, sie zerfließt auf der Zunge der Bravmenschen. Benghasi – man erinnert sich nicht mehr in Deutschland – stand vor dem Fall. Gaddafi kündigte erbarmungsloses Vorgehen gegen deren Bewohner an. Folter, Mord wären im Live-Ticker gelandet. Für Folter haben wir keine Augen, keine Ohren, keine Sinne und auch keine Bilder-Strecke – wir bräuchten sie!

Man könne auch keine Waffen liefern, um dann denjenigen zu bekämpfen, dem man sie geliefert habe, sagte er. Wollen wir im Namen der Entwicklungshilfe hoffen, daß Saudi Arabien keinen Krieg beginnt, denn dorthin liefern wir die meisten Waffen.

Weil jede Gewaltanwendung Gefahr läuft, entweder zu entgleisen oder zu versanden, lassen wir die Mörder ihres Volkes lieber in Ruhe weiter morden. Frei nach der Devise: Soll doch Europa den Despoten Waffen verkaufen, sich aber verpflichten, keine gegen sie zu benutzen!
Damit rettet man die Moral – und das Geschäft. Vergessen scheint die Weisheit Clausewitz‘. Der riet ironisch, dass sich jemand, der Einfluss haben will, als „Freund des Friedens“ gerieren und diejenigen als „Kriegstreiber“ brandmarken muss, die sich gegen die Tyrannei stellen und die Freiheit verteidigen. (André Glucksman in einem Interview)

Wäre Benghasi gefallen, hätte man die ägyptische und dann die tunesische Revolution erstickt. (Rafik Schami, syrischer Schriftsteller, der seit Jahrzehnten in der Deutschland lebt, in einem Interview)

So ein Krieg wie in Libyen, sagt der Minister weiter und da hat er die Linke links überholt, sei nichts als ein dritter „Nahostkrieg der westlichen Welt gegen die muslimische Welt“. Niebel reist zwischen mehreren Welten hin und her und bleibt dennoch nur in seiner kleinen Geschäfts- und Parteienwelt.

Welches wären die drei Nahostkriege Herrn Niebels? Afghanistan gehört schwerlich zum Nahen Osten – es sollte vielleicht Israel gemeint sein als der erste „Krieg der westlichen Welt gegen die muslimische Welt“. Auch hier war Niebel schon auf Zuspruchsfang, als er über Israel in den Gaza-Streifen einreisen wollte, was ihm verweigert wurde. Seiner Empörung darüber ließ er angeblich freie Luft – immerhin freie Luft. Es wäre ihm frei gestanden über Ägypten einzureisen, aber das war nicht im Sinne dieses westlichen Ministers, der gewiß sein konnte, mit seiner Empörung über Israel auf einer Welle von breitem Konsens von links nach rechts über grün und rot, schwarz und gelb zu sörfen.

Die muslimische Welt drängt in den Westen per Handy, Facebook etc. – die „muslimische Welt“ ist wie die „westliche Welt“ eine ideologische Konstruktion – das 21. Jahrhundert läßt uns zusammenwachsen, läßt uns erkennen, daß wir alle gleichzeitig leben und miteinander auskommen müssen, nach Gesetzen, die wir alle gemeinsam definieren müssen und nicht nach Gesetzen, die in Regionen gelten und in anderen nicht. Ließen wir das zu, gäbe es keinen erklärbaren Grund Völkermord überhaupt zu verurteilen, geschweige denn irgendwo einzugreifen. Und wir Deutschen hätten es insbesondere brav. Es täte vielen so gut, wenn man aus ihren Herzen spräche, in die man besser nicht hineinsieht. Wer hätte bessere Eignung dafür als ein Entwicklungsminister? Er spricht mit unserem Mund: Wir sind moralisch prächtig entwickelt. Wir sind gut!

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