Archiv für den Monat: Juni 2011

30. Juni 2011

Über Hundetexte

Für meinen letzten Blogeintrag habe ich endlich eine „Kategorie“ geschaffen (Hundetext). Mein Blogsystem empfiehlt das zur besseren Orientierung für den Leser; er weiß so leichter, was ihn erwartet. Bislang wollte ich diese Arbeit nicht auf mich nehmen. Man findet das oft in Blogs, da heißt es dann Israel, Palästina, Pfannkuchen zubereiten, Fußball, Live-Style, Reisen, Hirserezept.

Mein erster Blog ging online, weil ich mit meinem Hund spazieren ging, der, wie es immer in kurzen Gesprächen heißt, „seine Zeitung liest“, während ich mir über Gelesenes Gedanken machte, von denen manche dann niedergeschrieben und locker gebündelt als „Spaziergang“ zu lesen waren.

Damit hat die Kategorie Hundetext allerdings nichts zu tun. Meine Hundetexte entstehen durch eine Art „automatisches Schreiben“ immer dann, wenn ich noch weniger zu sagen habe als gewöhnlich, dafür irgendetwas tippen muß. Das ist wie eine Sprechprobe beim Telefonieren oder Skypen: „Sag mal was, damit ich hören kann, wie’s klingt.“ Mit eins zwei drei geb’ ich mich nicht ab. Beim Schreiben probiere ich eine Formatierung aus; man könnte auch das schöne „lorum ipsum“ nehmen, sogar urheberrechtsfrei, aber das hab‘ ich nicht zur Hand, und so tippe ich einen Satz, der meist mit „Der Hund …“ anfängt. Das fiel mir irgendwann auf – was ins Bewußtsein gerät, wird behalten; deshalb gibt es eine nun größere Anzahl Hundetexte.

Ich hab’ mir einige davon aufbehalten. Mitunter erzeugte das erneute Lesen Bilder, die mir gefielen. Das ist die einzige Kategorie, in die ich sie einordne. Bewußt lassen sich „neue“ Bilder nicht so leicht erzeugen. Auch beim Künstler strömt die Phantasie in sehr geregelten Kanalsystemen. Meist plätschert es dahin. In Kanälen gewinnt das Wasser auch sehr schnell an Fahrt – entsprechend viel produzieren unsere bekanntesten Künstler / Schriftsteller / Bildhauer / Komponisten, bei denen es „fließt“, die im „Flow“ sind, von Werk zu Werk, von Premiere zu Premiere und von Wernisasche über die Finisasche ins Kulturföjetong.

Das System, das hinter dem kontinuierlichen Fluß an Werken steckt, heißt Sinn. Sinn ist, was wir suchen, und was wir uns am leichtesten merken können. Wenn Pianisten Musikstücke auswendig lernen (vom Blatt spielen mag sie das Publikum nicht mehr so gerne sehen), sind sie froh, wenn sie ein Harmonie- und Konstruktionsgerüst haben, das Tonfolgen leicht voraussehen läßt. Moderne Stücke sind auch deshalb beim Publikum wie beim Pianisten nicht so sehr beliebt, weil sie nicht „dankbar“ sind – man weiß nicht, wann zu applaudieren ist, und ob man überhaupt will; und der Pianist sieht sich um die Mühe des Erlernens gebracht, wenn er nicht tosend gewürdigt wird. Wie soll man etwas Neues gebührend würdigen können, wenn es auf Coda und Schlußakkorde verzichtet? Das macht wenig Sinn, für alle Beteiligten.

Das eine ist „Sinn machen“, das andere „Sinn haben/finden“.

Träume ich einen besonders sinnvollen Traum, dann packt er mich, ich erwache und notiere ihn mir – und hoffe vergeblich seit Jahrzehnten, er möge positiven Einfluß auf meinen Lebensabwicklung nehmen. Sinnvolle Träume, solche mit erdachtem doppel- und mehrfachdeutigem Tiefgang lassen sich am leichtesten merken, der Sinn, den sie haben, gibt eine Erzählstruktur vor, einen Ablauf. Sinnloses dagegen, oder vielmehr Unsinniges kann ich mir schwer merken. Ich bin auf Sinn getrimmt. Freunde berichten mir oft, daß sie „sinnloses Zeug“ träumen, und sie können sich sogar daran erinnern. Ich kann mir das nur so erklären, daß es eine Art erste Begegnung mit dem Sinnlosen, dem Unsinnigen ist, die sie so erstaunt, daß sie erwachen. Im Laufe meines Traumlebens, ich sollte besser meiner Traumleben schreiben, habe ich zwischen vielen Kategorien von Träumen zu unterscheiden gelernt. Sinnvolle Träume, wie wohl sie mich immer noch sehr faszinieren, haben mich, inzwischen läßt es sich feststellen, enttäuscht; ich habe es schon erwähnt: ihr positiver Einfluß auf mein Leben ist gering.

Nun versuche ich seit einiger Zeit an die Perlen zu kommen, die sinnlosen Träume, die nur Übung sind für die Vernetzung meiner Neuronen – ein Fitness-Programm, das mich mitten in der Erholung, dem Schlaf, aufweckt. Es ist schwer, an sie zu gelangen und sie zu behalten! Keine Eselsbrücken helfen, sie zu erinnern. Aber sie gefallen mir und überraschen mich immer wieder.

Was für eine sinnlose Erinnerungsarbeit das ist, kann ich im Moment nicht ermessen – ich bin mitten in der Arbeit. Einen Nutzen bringt sie nicht, Traumgeschichten kann man mit ihr nicht erzählen, nur Maler der „Leipziger Schule“ könnten damit sinnvoll umgehen (aber das ist nur rein äußerlich so, innerlich wuchtet sich dort ein dunkel-deutsch-mythischer Bilderwald an die Oberfläche, der seine Erfüllung im Geheimnisvollen findet — — wo ist der Sinn in diesem Satz?).

Ich verfolge die Sinnlosigkeit, und bringe sie nicht zur Strecke. Das will ich auch gar nicht. Mein Vater, Gott hat ihn selig, nannte mich als ich mittelklein und jung war „der Unsinn“. Zu diesem familiären Umgangston möchte ich vor dem angehenden Ruhestand wieder zurückkehren, mit meiner Phantasie, die blühte und vor dem sinnlosen, das hinter den Dingen lag, nicht zurückschreckte.

„Die Hundetexte“, die ich ab und an tippe, haben mit dem Traumfangen einiges gemein. Aber im Gegensatz zu den lebenssinnsuchenden „Traumfängern“ sind sie bei mir Anläufe Sinnloses, völlig Freies zu erzeugen, für eine Ruhepause zu sorgen, in einer Nische hockend, in der ich die Motoren meiner ratternden Sinnmachmaschine nicht vernehmen kann.

Wohin das völlig Freie führt, kann man lesen: Nirgendwohin; und man kann es auch nur hin und wieder sich wünschen. Und wer immer wieder das Loslassen predigt, der weiß, daß man das nicht halten kann!

22. Juni 2011

[Der Hund]

Der Hund kam zu sich selbst und legte einen Gedanken über den See.
Dann aber zwei, drei, Viertel!
Jetzt geht es besser, sagte der Herrscher über das Licht, das er ausschaltete.
Dann kam ein großes Dann und sonst nichts.

Der Hund kam zu sich selbst und legte über den See einen Gedanken.
Dann aber zwei, drei, Viertel! Er hatte eine Armleuchte dabei.