14. Juli 2011

Berufswunsch Berufsbildner

Online findet der jugendliche Leser, der vor den entscheidenden Schritten seines langen Arbeitslebens steht, genügend Anregungen für eine Berufswahl; bei mir ist es zu spät, mir einen vernünftigen Beruf zu erwählen. Berufsbilder dagegen könnte ich malen – gelegentlich so im Berufsbild des „Kunstmalers“ gefangen, daß mir nicht jede Art von Bildern vor Augen tritt – dabei fordert man gerade vom Künstler, daß er den Rahmen sprengt, in den ihn die Erwartung an sein Talent einsperrt. Berufsbilder schienen mir oft nur grau. Obwohl ich die Farbe Grau schätze, ja seit Jahren graue Bilder malen möchte, gelingt es mir nur selten, bei Grau zu bleiben.

Ein modern runderneuerter Blick auf Berufsbilder zeigt, daß sie mittlerweile in buntesten, ja grellsten Farben gemalt werden könnten; man möchte sie nicht nur zeichnen sondern gleich bildhauern!

Bild: Berufswunsch Headhunter

„Berufswunsch Headhunter“ ist da noch ein simpler Wunsch. Den Kopfjäger gab es schon einmal, er hatte das Geld noch im Namen. Geld ist nicht zweitrangig geworden in diesem Beruf. Auch sein Ansehen hat sich gewandelt: Der Headhunter ist begehrt. Der von ihm Gejagte kann sich glücklich schätzen, auf seiner Abschußliste zu stehen; ihm winken größeres Gehalt, weiteres Arbeitsfeld, höhere Position – und nicht der Galgen. Wie man sich einem Headhunter gegenüber verhält, »Spiegel online« gab für seine karrierebewußte Lesergemeinde Tips („Vorsicht wenn der Headhunter kommt“). Sicherlich gilt: kühlen Kopf bewahren! »Zeit online« sah im Zuge einer berichteten Studienreform „Kopfgeldjäger an den Unis“. Ob Sie dort studieren, (welches Fach? Anthropophagie?), oder ob sie nur ihre Tröphäen, die besten Köpfe, an den Haaren aus den Hörsälen heraustragen, steht im Kleingedruckten.

Bild: Kopfgeldjäger an die Unis!

»Die Zeit« ist wieder eine Zeitung der klaren Worte geworden, es war ihr zu „wohlfühl“ vom „Kopfjäger“ zu schreiben, „Kopfgeldjäger“ dagegen entspricht mehr der neuen Linie. Als Leser können wir einiges erwarten, einstiges hohes Niwo, wie bei den Wohlfühlgesprächen mit dem vor Klarheit und Zigaretten rauchenden Alt-Kanzler, der eine allgemeine Hochschätzung erfährt, von der selbst ein „Rat der Weisen“ von Kanzlerin Merkel einbestellt noch 870 Jahre entfernt ist.

Bild: Wohlfühlsprechverweigerer

Der „Wohlfühlsprechverweigerer“ wird inzwischen als Kanzlerkandidat einer ehemalig sozialen Partei gehandelt. Er „bringt sich ins Gespräch“, sich selbst. »Zeit online« hilft dabei, vor allem dadurch, daß sie ihn kreirt (lesen sie es richtig mit kurzem Absetzen) hat, nicht den Kandidaten sondern den „Wohlfühlsprechverweigerer“, mit allem Ernst, der der Zeitung gebührt, und ohne ein Kichern. Es ist ein Zungenbrecher, den ich mir ständig zum „Wohlfühlfürsprecher“ verlese.

Der „Wohlfühlsprechverweigerer“ ist weniger als Beruf gemeint denn als Bezeichnung. Ich stelle ihn mir gut in einem ländlichen Theater vor, als halbstumme Rolle, als „Fingerzeigmahner“ – mehr nicht, mehr wollen wir nicht sagen, mehr wird nicht ertragen.

Verweigerer haben es nicht leicht leicht, Stimmungen sind schnell gegen sie. Es kann Jahrzehnte dauern bis man erkennt, was man am Verweigerer hatte. Ist er weg, hinterläßt er Lücken. Sozialdienste und alte und kranke Menschen kennen diese Lücke, sie vermissen zum Beispiel den „Wehrdienstverweigerer“ / ehemals hieß er sogar „Kriegsdienstverweigerer“ – ein ausgestorbenes Berufsbild! Ob den „Wohlfühlsprechverweigerer“ jemand vermissen wird? Noch kennt ihn kaum einer. Von einem „Sprechverweigerer“ wird man nicht viel hören, das sagt mir das Berufsbild, das ich mir ableiten kann.

Mathieu Carrière, ein Schauspieler, der Höhen und Tiefen hat oder kennt, wurde von einem Blatt als „Skandalmaschine“ bezeichnet. Wahrscheinlich hat er eine Biographie über seine Tiefen und Höhen verfaßt oder ein exklusiv langes Interview geben dürfen. Sein Leben erschien dem Autoren so von einem inneren Motor angetrieben zu sein, daß er ihn kurzerhand zur „Skandalmaschine“ emporhob – eine Maschine genannt zu werden, darf als hohes Lob gelten, zumal für Künstler; Maschinen kennen gar kein Ziel, sie kennen nur die Arbeit!

Wo eine Maschine ist, da sehe ich einen Maschinisten: den „Skandalmaschinisten“. Ein neuer Beruf ist das nicht, aber ein hochprofessioneller, der Fähigkeiten in vielen menschlichen Bereichen voraussetzt, denen anderen der Mut fehlt, sie hochzuschätzen. Anstellung findet der Skandalmaschinist in Revolverblättern. Da ist viel Farbe drin! Er muß scharf schießen, er gesellt sich zum Kopfgeldjäger.

Die Ahnung, daß man Experte sein könnte, wird jeden ankommen, der einmal eine Talkshow erlitten hat. Hat man Sie als Experten geortet, klopft man Sie nach Ihrem Spezialgebiet ab, und Sie dürfen in ruhigem Ton Auskunft geben. Man wird dann von Ihnen schreiben: „Unaufgeregt“ berichtete er – von den größten Katastrophen. Experten tauchen aus jeder Art Tsunami auf, als Zweite – der Erste auf dem Event ist immer der Reporter am Bildschirm des Geschehens. Ist die „Welle der Aufregung / Empörung“ vorüber, schwimmen die Experten leise wieder in ihre Nischen zurück und forschen an ihren Scheuklappen weiter. —— So kann man das nicht sagen! Aber die Formulierung gefällt mir zu sehr, um sie zu korrigieren und zu neutralisieren. Sie ging mir so geschmeidig in die Tastatur! Ich bin ja mal froh, wenn etwas beinahe wie von selbst aus Wohlfühlschreibverweigerung heraus läuft! auch wenn’s ungerecht ist.

Nun bin ich schon fast am Ende meiner Zeilen, ohne an die fantasievollen Berufsbilder gelangt zu sein. So viel Fantasie und Handwerk kann ich nicht in mir vereinen, um das ausmalen zu können, was Sie selbst in den nächsten Zeilen sehen werden:

„Anlegerflucht läßt Rohstoffpreise abstürzen.“
Werden Sie Anlegerflüchtling! Ihnen wird man überall Asyl geben, niemand wird Sie als „Asylanten“ beschimpfen. Der Grund für Ihre Flucht ist nicht Not sondern Mehrgeld-Bedürfnis! Das versteht jeder Grenzbeamte und winkt Sie durch die Schlange der Wartenden.

Bild: Manieren-Pirat-Dilemma
Manieren-Pirat! Sie müssen niemanden seiner Freiheit berauben, aber was Sie tun, verschlägt anderen den spießigen Atem.

Plagiatsforscher hält Entzug des Doktortitels für möglich“ (von Plagiatsexperten). Man sollte es gar nicht mehr erwähnen: das kann jeder: Plagiatsforscher. Aber man ist für Sie eingenommen, denn Sie entziehen den von sich in mit falschen Voraussetzungen Eingenommenen die Grundlagen für ihren Hochmut und bringen, was darauf kommen muß, gleich mit.

Ex-Deutsche-Bank-Experte Norbert W. fordert in der Euro-Krise zum Rechtsbruch auf.“
Zu Rechtsbruch auffordern darf nur ein Ex! Als Ex-Deutsche-Bank-Experte mußten Sie bei dieser Bank kein Angestellter gewesen sein. Die Bezeichnung läßt offen, ob Sie nur über die Deutsche Bank und ihre Geschäftchen bescheid wußten, oder ob Sie selbst dort Ramsch-Hypotheken erfanden und verhökerten.

Eurovisions-Experte erklärt Chancen.“
Ein Fachmann auf allen Gebieten, wo die meisten chancenlos sind: der Eurovisions-Experte.

„Wer als Mitarbeiter im Klammergriff der Allesverwalter steckt.“
Indirekt unheimlich sind Sie als Allesverwalter; man merkt erst spät, was Sie vermögen, ähnlich wie beim „Knebelvertragschreiber“. Als Allesverwalter allerdings stehen Sie inmitten eines ungeheuer riesigen Aufgabengebietes; überlegen Sie es sich gut!

Ich habe noch den „Experimentalhumoristen“ (niemand lacht über Sie), den „Lachexperten“ (Sie suchen nach Erklärungen für absurd anmutende Expertenberufungen), den „Bauch-Entscheider“ und den „Schädiger“ (Sie werden haftbar gemacht).

Für diesen Text hätte ich einen „Gänsefüßchensetzer“ einstellen können. Ich habe es nicht getan, weil ich ahne, daß er mir die meisten gestrichen hätte.

Dem „Hassklimaforscher“ (Was haben Sie gegen…?) und dem „Aktivisten“ (Israel!!!) gebühren ein eigener Artikel: Die „Aufmerksamkeitspolierer“ wird er heißen.

Am beliebtesten ist und bleibt aber über allem und zu jeder Zeit: der „Mädchenfotograf“. Und für Anspruchsvollere mit künstlerischem Nie Wo mit PH und ohne BH: der „Mädchenphotograph“.

Ich selbst würde gerne der „Vorzeigemahner“ sein. Leider ist Rechtzeitigkeit des Mahners oberstes Gebot. Nur der schnell geschossenen Pointe wegen füge ich hier an: Aber ich komme immer zu früh! Deshalb bleibe ich:

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