25. Juli 2011

Girl Magnet gucken

Man liest, man sieht und man denkt – man kann es nicht abschalten: genau dafür ist Werbung an allen Orten. Daß man in der Öffentlichkeit sinnlose Plakate sieht, die keinen Zusammenhang haben, ist selten, aber seit der Es-muß-ein-Ruck-durch-Deutschland-gehen-Bewegung vor 20 oder etlichen Jahren auch nichts mehr Neues. Man könnte seither wissen, daß nichts dahinter steckt außer einer ärmlichen Mitteilung. Immerhin steht ein Bundespräsident mit seinem Namen für den berühmten Ruck, der nicht über den Plakatrand hinausging. Man hat nie erfahren, was der Ruck war, noch hat man ihn verspürt – ich habe keine außerordentliche Rempelei in Erinnerung.
Doch vor ein paar Tagen fühlte ich mich angerempelt:

Bild: Gucken

stand auf der Rückscheibe eines örtlichen Linienbuses. Ich konnte nix sehen! Ich wußte nicht, wo die Werbung dazu war. Dafür wurde ich mir bewußt, daß ich wohl geguckt hatte; es war mir, als wäre es das erste Mal in meinem Leben gewesen. Es hätte auch der markante Spruch eines Kabarettisten sein können, der mit einem Bus durch die Lande zieht, aber es war nur ein Abklatsch davon, nicht so direkt („Was guckst du!“). Ich muß mich damit abfinden, daß ich „gucke“; ich habe keinen Einfluß darauf, was andere wahrnehmen und wie sie es artikulieren. Wer guckt, sieht immer irgendwie blöd aus.

Vielleicht gucke ich hinterher, wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe – gucke einer Dame auf der gegenüberliegenden Straßenseite nach. Ich hab ja nichts zu tun, während Moreno Blumen abschnüffelt und sich mit jedem Schritt viel Zeit läßt.

Bild: Girl Magnet

„He’s your girl magnet!“ sagte vor Jahren eine begeisterte Touristin aus einer Gruppe entzückter junger Damen zu mir. Ich konnte mir sogleich vorstellen, wie sich ein Magnet fühlt, und wie er funktioniert. Danach hatte ich auf die Wirkung meines Hundes größere Hoffnungen gesetzt. Vielleicht könnte sich ja noch erfüllen, was meine Großmutter mir einmal prophezeit hatte: ich würde ein rechter Casanova werden. Die Vorstellung wie ein rechter Casanova sein könnte, ist mir jetzt noch in Erinnerung, als eine jugendliche Süße in ihren Augen leuchtete, die mit der Milde ihres Alters zusammen eine beinah überirdische Wonne erahnen ließ. Ein richtiger Casanova war nie in ihr Leben gekommen, aber vielleicht war er ihr begegnet, in einem Bel-Ami-Film, und sie spiegelte ihn in ihren Enkel hinein.

Der unfromme Wunsch einer Vertrauten meiner Kinderjahre! – ist nie in Erfüllung gegangen. Ich konnte daher ein gewissermaßen ruhiges Leben halbwegs hinter mich bringen.

Der „Girl Magnet“ an meiner Seite ist mittlerweile etwas ergraut, viele Hundejahre sind vergangen, Moreno ist ein langsam trottender Hund geworden. Hätte ich in jüngeren Jahren gewußt, daß es so etwas wie einen Girl Magnet gibt, ich wäre um manch hübsche Erfahrung reicher – dazu muß mann erst auf den Hund kommen.

Mit dem rasant zunehmenden Alter von Moreno sind auch unsere Bekanntschaften älter geworden. Moreno ist kein Girl Magnet mehr, obwohl er immer noch so „süüüß“ ist; man merkt ihm das Alter an, und ihn interessieren Girls nicht mehr so sehr; er bemerkt sie oft erst, wenn sie vorüber sind, und dann guckt er ihnen nach. Auch ich habe mit ihm meine Wirkung ein wenig verloren; man grüßt mich noch aus der Ferne oder im Vorübergehen und hat es eilig, so scheint mir, aber nur wir beide sind langsamer geworden, wir trotten hinterher, und ich gucke dann ein wenig enttäuscht. Früher konnten wir mitziehen, und ein paar Worte mehr flirten.

Dieses Hundejahr 2011 begann damit, daß es mir rückblickend erscheint, als hätte ich mehr Leute getroffen, deren Hund soeben erst gestorben ist, als in den Jahren zuvor. Morenos Anblick erweckt ein Mitleiden am Hund, das jedes Herrchen einmal erlebt. Man bereitet mich darauf vor, sanft. So sagte eine ältere Dame, die ihren vierten Hund vor kurzem begraben hatte, als ich ihr das Alter meines Hundes preisgab: „Dann haben Sie ihn die längste Zeit gehabt.“ Rechnerisch richtig, es ist nicht zu erwarten, daß er 30 wird. Ein Ehepaar, das mich immer wieder anhält, weil Moreno ihrem verstorbenen Hund so sehr gleiche, erzählte mir, daß der ihrige 16 geworden sei und insistierte darauf, daß meiner krank sei, weil er schief laufe. „Sie haben ihn noch ein Jahr!“

Was kann man gegen fremde Erfahrung sagen? Nichts, aber man läßt seine eigene nicht so leicht von anderen überschreiben. Somit schreibe ich hier gegen die drohende Erfahrung an, die man mir immer wieder aufdrängt. Es wird besser sein, ich treffe niemanden mehr beim Spazier; die Gespräche gleichen sich immer mehr, und drehen sich vernehmlich öfter um Krankheit und baldiges Ende.

Die Zumutung, die ich auf dem Busfenster gelesen habe: sie hat schon eine Richtigkeit bekommen. Jetzt gucke ich oft mal hinterher, aber sehe nicht nix, Werbung suche ich vergebens. „Man wird nicht mehr gesehen“, sagt ein Freund immer wieder mal, „aber man sieht noch, und das ist vielleicht noch schlechter“.

Man winkt mir mal zu – auf die Ferne brauche ich keine Brille, da sehe ich sehr gut. Bald kommt die Zeit, in der ich meine Brille suchen werde. So sagte ein Verkäufer in einem Brillengeschäft erst noch letztes Jahr, als meine Sehkraft bei einem Test intakt war: „Das wird schon schlechter, dem entkommen Sie nicht!“ Er hatte schlechte Stimmung, und ich gute. Aber die Aussichten sind trübe. Ich will beim Hundespazier besser niemanden mehr treffen – mir täten ein paar aufmunternde Worte gut! Ein Jahr noch und ich trage eine Brille zu jeder Gelegenheit. Schärfer will ich aber nicht mehr sehen; auch nicht trüber!

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