Archiv für den Monat: September 2011

28. September 2011

Deutliche Schlagwörter pauerd bei WieFindenWirDas

Folgende Schlagwörter generiert eine Schlagwortgenerierungsmaschine für einen Stern-Artikel über einen „Börsianer“, „der den Deckmantel über das, was in dem Bankenviertel wirklich gedacht wird, gelüftet hat“.

Das traut sich nur eine Maschine, ein Redaktör wird das retuschieren:

Stern Artikel: Die böse Beichte eines Börsianers

Von Maschinen sollte man lernen. Ich muß ohnehin meine Schlagwörter auf Vordermann bringen. Auf zum Trimm-dich-Pfad der Schlagwörter.

28. September 2011

Danke, viel mehr Danke

Wenn man früher etwas einkaufte, konnte man gelegentlich hören: „Danke für den Einkauf“. Wenn man etwas im Internet bestellte, gab’s die automatisierte Antwort-Mail: „Wir bedanken uns für den Einkauf“ – gibt es noch. Ich schreibe so eine ähnliche Formel auf meine Rechnungen, die ich stelle. Wer auf ebay einkauft oder ähnlichen Welthändlern, wird nach dem geglückten Einkauf aufgefordert seine Bewertung abzugeben: über die Beschreibung des Gegenstandes, über die Einfachheit der Zahlungsabwicklung, über die Korrespondenz mit dem Verkäufer, über die Schnelligkeit der Warenlieferung. Das mündliche Pendant zu dieser Befragung lautet an der Kasse eines Einkaufsparadieses: „War alles in Ordnung?“ Man ist genötigt an „alles“ zu denken! Die Zeit dazu bleibt nicht, weil der Hintermensch schon drängelt und zahlen will, also nickt man, bejaht oder sagt einmal laut nichts, wie ich es tue.

Im Internet dauert das länger – man hat ja Zeit Zuhause und sitzt vor der Ware und freut sich oder ist verärgert. Es kommt einem Nachsitzen gleich, bei dem man seinen Einkauf noch einmal überarbeitet, nicht in Hinsicht darauf, ob es nötig war, sondern wie gut & reibungslos die ganze Prozedur verlief. Man vergibt Punkte wie in der Schule. Zu bewerten gefällt, man glaubt sich in einer besonders bevorzugten Rolle.

Schleichend übernimmt man selbst vieles, was vorher Service/Dienstleistung war und zahlt dafür mit der eigenen Zeit. Man hat die Zeit zwar nicht gestohlen, und möchte „geschenkte Tage“ wie diese schönen Herbsttage, nicht vergeuden, aber das übernimmt man freiwillig.

Manche Großhändler, die merken, daß ihre Kunden etwas träge mit dem Bewerten geworden sind, liefern gleich Vorschläge mit wie man bewerten sollte – nur noch copy & paste! Aber bitte dem Link folgen, alles weitere geht halbautomatisch und man wird kundenfreundlich in die richtige Einfügmaske geführt.

Heute kam ein Päckchen, da schrieb noch einer handschriftlich ein paar Worte dazu: ein Danke, mit Unterschrift! Viel hatte ich ja nicht bestellt, aber ein echtes Danke ist es wert gewesen.

Unter dem Danke, standen noch ein paar Worte, die ich nicht sofort begriff:

Danke, viel mehr hier >>>

Bild: Danke viel mehr

Eine Einladung zu einem Ernte-Dank-Fest? Dort gibt’s noch mehr Danke? Ist doch das eine schon genug!

Werch ein Illtum! Ich sollte mich nicht bedanken auf der Seite des Zwischenhändlers, bei dem er angeboten hatte, sondern gleich direkt bei ihm selbst, auf seiner eigenen Seite meinen Dank an ihn abschulden. „Ein Danke ist wie viel wert?“ sollte man im Gegenzug fragen, so daß man immerhin anerkennt, daß der Marktgedanke bis tief ins eigene Innere gedrungen ist.

24. September 2011

Nachruf auf den Nachruf

Mark Zuckerberg, 26, founder of Facebook, der laut »Guardian« schon mehr als 6,9 Mrd $ wert ist, und der „fastest riser on Forbes rich list“ ist, habe „verlangt“, schreibt »Spiegel online«, daß jeder Juser von Facebook seinen eigenen Nachruf schreibe und ihn immer wieder auf den neuesten Stand bringe. Facebook solle zum Logbuch des eigenen Lebens werden.

Zu jedem Tag – eigener Vorschlag – könnten automatisch Wetterdaten hinzugefügt werden, wichtige Verkehrsmeldungen aus dem Wohnort, größte Staus im Land, Katastrophenkurzberichte wie Taifune an Atomkraftwerksküsten, politische Tsunamis und Daxlinien – als Hintergrundmusik zur Lebensstatistik. Fände ich gut, weiß ich doch selbst nie wie letztes Jahr das Wetter war und gar erst vor zehn oder zwanzig Jahren, als mal etwas Wichtiges in meinem Leben geschah. Die Weltereignisse müssen in Relation gesehen werden zum eigenen Dasein, nur so gewinnen sie Berechtigung, erwähnenswert zu sein.

Die notwendigen Updates zu den Lebenslogbüchern wird bald, sollte das einige Jahren gehen und der Schreib-Überdruß einkehren, automatisch ablaufen; an einer Äpp arbeitet schon ein Fleißiger.

Auch wenn es positiv ist, daß die halbe online-Menschheit dazu aufgerufen wird, nun über ihr Leben nachzudenken und ein paar kurze Resümee-Sätzchen über Fernsehserien, Popgiganten, Markenartikel und deren Bedeutung für das eigene Leben in die Tastatur tippelt – es ist vom Ende her, ja sogar vom Jenseits her gedacht: da mache ich mir Sorgen, ob das nicht eine unpositive, womöglich negative Wirkung auf die Welt hat. 800 Millionen Juser, die zur gleichen Zeit an ihr Ende denken! Das kann die Aura der Menschheit, den ganzheitlichen Astralkörper eines jeden und des gesamten Planeten, das karmische Fluidum insgesamt, und die positive Gedankenwelt, in der wir leben, arg ins Wanken bringen. Und wenn man nur annimmt, daß vielleicht bloß die Hälfte der in Facebook lebenden Menschen, die laut Statistik zum größten Teil erst zwischen 16 und 49 Jahre alt ist (soo jung noch!), an Homöopathie glaubt – darin ist mein Glaube fest und unumstößlich – dann steht das Ende bevor, dann dreht sich die Erde einmal rasend schnell um die eigene Achse und die Pole kippen und es wird einem schwindlig. Es ist eine Naturkonstante in der ganzheitlichen, mehrtausendjährigen Gedankengeschichte, daß je dünner der Gedanke ist, desto größer seine Wirkung. Soll ich Beispiele aufzählen? Nein, ein Beweis ist nicht notwendig, man kann’s getrost glauben.

Als ich beim Kartenspiel vor ein paar Tagen aus Lust oder Unlust den Maya-Kalender erwähnte, der kommendes Jahr völlig und restlos ende, – wann genau? wurde ich gefragt – konnte ich das nicht final und exakt beantworten. Es hängen Vorhersagen und Vorhersage-Wünsche, einmalige, mit Spannung erwartete Endzeitfreuden, an diesem Kalender, nicht am Kalender selbst, sondern an seinem Ausgang. Alles geht auf ein Ende zu, keine Neuigkeit, aber eine von Bedeutung!

Details zum Kalender stehen im Internet. Ich persönlich denke: Hoffentlich haben die Mayas sich nicht verrechnet. Und was, wenn sie nicht so gut im Rechnen waren! Vielleicht Erst-Klässler gewissermaßen, die am Anfang des mathematischen Universums auf das Ende aller Zahlen hofften, wie so mancher Rechenschüler, der das alles bloß blöd findet, nur nicht den Glauben an seine eigene Klugheit dabei verliert.

Viele Zeichen deuten schon auf Verfall hin. Wenn der Maya-Kalender ein universelles Gleichnis ist, warum denn eigentlich nicht? dann beginnen die Dinge schon vorher zu verfallen. Alles trägt den Stempel des Verfallsdatums, da brauche ich nicht nur auf den Joghurtbecher zu schauen, er steht auch auf Schokolade. Was bauen wir noch große und größere Bauwerke, gar bedutungsvolle Riesen-Hotels, deren Namen schon Anzeichen von Untergang in sich tragen? Mir fällt dazu allerdings lediglich das Hotel Atlantis in Dubai ein. Der 800 Meter Turm Burj Chalifa, das „Architekturwunder in Dubai“, von dem aus man nichts als Ödnis betrachten kann
Bild: Aussicht vom Burj Chalifa

soll demnächst von einem 1000 Meter hohen übertroffen werden. Wird da jemand von einem Weltwunder sprechen? Niemand. Aber im kommenden Jahr, wenn der Maya-Kalender endigt, dann könnte ich es mir schön vorstellen, von dort zuzusehen, wie der Welt größtes Ereignis, ihr Untergang, aussieht. Da bekäme man etwas für das Geld, das man in das Aussichtsfernrohr wirft – keine vergeudete Ausgabe, man würde sie nicht bereuen! Aber gilt der Kalender-Untergang der Maya nur für die westliche Welt, die an deren Untergang nicht unschuldig ist? und hat er für die arabische, die nun rasend schnell von ihrem Frühling in den Herbst kommt, und gar nichts dafür kann, auch Gültigkeit? Wer weiß das?

Und wer weiß, wie das Ende sein wird?

Eine Frage, der man sich stellen muß, nicht erst, wenn man an seinem Nachruf werkelt. Es gibt ein Szenario, ich will es entwerfen.

Der „Planet X“ wird unser Schicksal sein, der unbekannte 10. Planet unseres Sonnensystems, der im Vorbeiflug am Ende des Jahres 2012 die Erde so dicht passieren wird, daß sich Auswirkungen jetzt schon zeigen:

Warum fällt zur Zeit gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, finanziell alles zusammen?

Überall auf der Welt bauen Regierungen bereits Bunker, um die Mächtigen vor dem Einfluß dieses Planeten zu sichern – doch alles darüber wird geheim gehalten. Die Nasa weiß selbstverständlich weiß mehr darüber und das Amerikanische Militär; aber sie schweigen, sie wollen uns nicht in Panik versetzen, wird vermutet. Ich vermute noch (ich bin da nicht alleine!), daß der Mossad auch hier mitmischt, (der Mossad, der sagenumwobene alleskönnende israelische Geheimdienst, dem die westliche Welt, vor allem die linksherum Denkende, alles unermeßlich Böse zutraut: Wer steckt hinter der Gründung der Hamas im Gaza-Streifen? Keine Frage für Bescheidwissende!). Auch das FBI ist mit von der Partie, der/die CIA, kurz alles was aus den Vereinigten Staaten kommt und fürs Kapital ist. Das will ich hier gar nicht weiter begründen, ich sage nur das, was in einem vielgelesenen Blog steht:

Wie so häufig stellt sich also die Verschwörungstheorie später als wahr heraus.

Wie wahr, teilweise. Es handelt sich ja nicht um eine einzige Theorie, wie hier irrtümlich geschrieben wird, sondern um ein ganzes Netzwerk von Theorien und Theoretikern – nun, aber in der Mitte des Netzwerkes sitzt eine Spinne! Und alle Fäden führen ins Machtzentrum. Ein Bürgerschornalist faßt meine Gedanken so zusammen:

… stellt in seinem Blog die These auf, die USA würden absichtlich in all diesen Fällen sich widersprechende Meldungen herausgeben, um dann Ziel von vielen „Verschwörungstheorien“ zu werden. Da unter den Verschwörungstheoretikern immer auch Spinner sind, kann man die dann benutzen, um alle Leute als „Verschwörungstheoretiker“ zu diffamieren, die jene Ungereimtheiten aufdecken.
Damit sei man dann den Kritikern immer voraus, denn man kann sie leicht diffamieren und jede noch so gewagte Lüge scheint plötzlich wahr zu sein. Interessante These.

Interessante These! sage ich auch.

Ich weiß, was Zweifel an der Welt sind! Ich bin vor über 40 Jahren freudig und mit offenem, völlig unverdorbenem Geist durch die große Schule des Herrn von Däniken gegangen, Seite für Seite, These für These. Mein übrig gebliebener Restverstand konnte sich meinen jugendlichen Elan im Anzweifeln aller als unumstößlich geltenden Wahrheiten bewahren und arbeitet auch heute noch unermüdlich.

Der wahrheitssuchende Priester muß wieder beginnen, an allem Etablierten zu zweifeln.

schreibt er. Was für ein aufwühlendes Buch für einen Dreizehnjährigen wie mich waren die „Erinnerungen an die Zukunft“.

Mit der Zukunft ist es allerdings bald vorbei, und mit der Wirklichkeit auch. Und der Wahrheit? Sie hält sich in Dimensionen verborgen, von denen wir noch keine blasse Ahnung haben. Aber über den Planeten X wissen wir einiges.

Es ist schwer sich über ihn, auch unter dem Namen Nibiru bekannt, anders als vertraulich zu informieren. Informationen darüber werden aus dem Internet gelöscht. Woher weiß ich das? Ich habe Spuren gefunden. In einem Forum. Da fragte jemand, ob es auch anderen schon aufgefallen sei, daß alles in Zusammenhang mit dem Planeten Nibiru, ein geheimnisvoll nach Ur-Antike klingender Name, gelöscht werde. Ich habe mir diese Seite gemerkt, alles kopiert, was ich da gelesen hatte – und anderntags war das Wort Nibiru nicht mehr auf meinem Computer, noch unheimlicher: Es war auch nicht mehr im Internet zu finden, nicht das, was ich gelesen hatte – keine Nachricht darüber, daß alles über Nibiru gelöscht werde! Ich erschrak. Also auch das gelöscht!

Klarer Beweis, daß hier jemand Ziele verfolgt, die er geheim hält; aber es nützt ihm nichts, sie sind so leicht zu erkennen, daß sie jedem einleuchten; er braucht nur ein wenig in seiner eigenen Hinterstube den versammelten Staub aufzuwirbeln mit einem neuen einleuchtenden Gedanken. Das geht wie mit allen Dingen, an denen was nicht stimmt; man mache einen Selbstversuch.

„Die pure Vernunft darf nicht siegen“, sagte auch der Papst vor ein paar Tagen; das sagte auch Tocotronic in einem Lied. Die pure Vernunft! Hat schon jemand mit ihr gearbeitet? Hat sie schon jemand zu sehen bekommen? Gehört hat man oft von ihr; sie sei so kalt, daß man sie nicht anfassen möchte; sie sei schneidend und erbarmungslos wie ein Folterer, der in dunklen Kellern an seinem schlechten Karma und an dem miesen des Gefolterten arbeitet. – Das kann die Vernunft nicht sein, sage ich mir. Im Keller des Verstandes herrscht das reine Gefühl, nicht aber die Vernunft.

Ich schreibe bereits an meinem Nachruf, dies ist ein Teil davon. Es wird ein Weckruf: Gib dein bißchen Verstand nicht auf, Bernhard Ka.! Im Zweifel für den Zweifel – auch ein Lied von Tocotronic.

Aber der Zweifel ist nichts wert, wenn er mit dem Verstand nicht arbeitet, sondern nur mit dem Gefühl.

Bei diesem Lied von Tocotronic, Das Blut an meinen Händen, bekomme ich Gänsehaut. Wenn ich mit anderen daran denke, daß der Maya-Kalender unser Ende sei, werde ich müde, so müde und gebe jede Hoffnung auf; aber Gänsehaut bekomme ich nicht, obwohl mich gruselt, daß man an den Maya-Kalender glauben kann.

Zweifellos, das Ende allen Denkens steht bevor. Wenn ich zur Straße runterblicke und eine kopflose Menge laufen sehe: Es sind die auch noch psychisch schwer angeschlagenen Anleger, die für ihre wertlosen Werte irgendwo einen sicheren Hort suchen, in der Hoffnung auf einen Zinseszins für ihre Gier. Das ist das Ende. Dieses Textes.

2. September 2011

Tabubruch aus Gefälligkeit

Frau Roche war wieder in einer Talgschau; dort schmiert man sich normalerweise gegenseitig die Butter vom Brot. Bei Frau Roche ist das anders: alle wollen mit draufschmieren und tun es auch. Wegen der Medienbeliebtheit von Frau Roche holt man sich mal Schoßgebete-Buchbesprechungen auf die Seite Drei, wo sonst nur Weltnachrichten stehen, klebt ein Foto der zierlichen Dame mit den derben oder auch „provokanten“ Sprüchen daneben und ergießt Lobeshymnen in die offenen Münder der Leserschaft: endlich ein Sommerloch, das die Zuhausegebliebenen bei der Stange hält!

Der Sommer ist vorüber, die Werbereise für den Megabesteller wird noch bis Weihnachten dauern, dann ist letzte Gelegenheit im Jahr an das notwendige Erbrechen von Tabus zu erinnern und etwas „Rotzfreches“ für die Weihnachtsgabentischbestückung zu verkünden.

„Die Grenzen des Sagbaren“, schrieb ein Lober (das Wort ist direkt von der Grenze), „müssen erweitert werden.“ Keine Frage, ein Muß ist ein Muß. Das Buch scheint es zu tun. Über Leseproben kam ich selbst nicht hinaus. Für mich ist es Drauflos-Geplappere, das ich nicht weiter lesen kann; es scheint, daß Pop-Literatur, dazu zählt man das Buch, von Poppen kommt, und entweder stinkelangweilig ist oder tabuerbrechend flach. Eines Tages, wenn ich das Buch gelesen haben werde, werde ich meine Meinung ändern müssen; vorerst beschäftigt mich mehr die Bereitschaft der Medien und ihrer Autoren tragender Teil („quotengeile Erfüllungsgehilfe“ – unsäglicher Forums-Leserkommentar) des „Hypes“ um die Kult/Star-Autorin zu sein. Die „Debatte“ gibt bestimmt so viel her wie das Buch: Feminismus-Überdruß, Generationenkonflikt, Tabus, Porno & Sex & langweiliges Leben in grenzenloser Konsumbereitschaft.

[Mich peinigt die Angst, daß ich einen ungehobelten, unflätigen Ton erwische, wenn ich Wörter verwende, die ich nur widerwillig niederschreibe, F-Wörter, deren Roots in der Vulgär-Sprache zu eruieren sind – deshalb habe ich einige Männer diesen Text lesen lassen und sie gebeten, ihn zu zensieren, falls nötig; aber sie fanden nichts Unanstößiges, und so steht hier alles so, wie ich es für die Öffentlichkeit aufpoliert habe! Weiter im Text:]

Ich müßte noch einmal in einen Buchladen gehen und die ersten vier oder fünf Seiten lesen; dort soll, nach Buchbesprechung in einem eher lokalen Blatt, ein „Blowjob“ genauestens beschrieben und quasi erfahrungshautnah nachzufühlen sein. Dem Redaktör hat es gemundet, er bekam Schreiberlaubnis über mehrere Spalten! Erregt über so große, dem echten Leben abgewonnene Lektüre, verkündete er, hier handle es sich um Literatur. Das sagen auch andere. Mehrere schrieben, nun beweise Frau Roche auch, daß sie schreiben könne:

Wer geglaubt hat, sie könne nur provozieren, aber nicht schreiben, wird staunen. Ihre Heldin liefert sich beim Leser zur Therapie ein. Von Felicitas von Lovenberg

Danke Felicitas von! Dann war das erste Buch, „Feuchtgebiete“, Geschwätz; das Folgebuch, „Schoßgebete“, wird es beim nächsten Buch, „Stoßgestöhne“, sein. Wie geht es den Buchbesprechern nach dem Oralsex mit dem Buch? Ernüchterung wird folgen, und: dann steht man dazu.

Als Mann hat man es beim „neuen Feminismus“, als deren lauteste Vertreterin Charlotte sich anpreist, besser als bei dem althergebrachten, für den Frau Schwarzer geradesteht. Den neuen kann man sich ans Herz drücken, wenn man eines hat; wenn keines vorhanden ist, macht das auch nichts. Verständnis für die Dinge wie sie nun mal sind, ist oberstes Gebot für den Schriftenhersteller. Frau Roche schreibt, wird geschrieben, aus ihrem eigenen Leben, hat auch selbst etwas dazu „recherchiert“, im Bordell, „das war aufregend“. Daß sie mit ihrem Mann im Bordell war und ein wenig Spaß gemeinsam mit den durchgearbeiteten Sexarbeiterinnen konsumiert hat, wird viel diskutiert in Foren – es gibt viel Danke! für die Offenheit und auch Danke für die Blödheit. Wer sich für die Offenheit bedankt, findet außerdem Frau Roche tue viel für die weibliche Sexualität. Man muß sich durch viel Text lesen, um herauszufinden, was. Wer sich für die Blödheit bedankt, der geht in Zukunft nur mit Frau und Freundin ins Puff; dort hat man nicht nur Spaß, dort wird auch mit Spaß gearbeitet.

Schaut man stundenlang Pornos? Dann ist man nicht allein, Frau Roche macht das auch. Pornos glotzen kann lehrreich sein! Neben der Befriedigung oder Befriedung eines Dranges, kannst du, Mann, auch noch was lernen: „wie man eine Frau stundenlang richtig befriedigt“. Soll Frau Roche gesagt haben, bei Frau Maischberger im GEZ-finanzierten-Fernsehgerät. Richtig befriedigend ist dieser Satz nicht, aber gestanden!

Das Buch, las ich auch noch über das Buch, sei „ein Schrei“. Es verwundert nicht, daß nicht nur ein Redaktör das schrieb. In der Überschrift zu einem Interwju vor der Buchveröffentlichung bekennt

Bild: Lebensrettung von Sex-Autorin

Das Leben „gerettet“! „Schoßgebete“, will sie uns sagen, ist ein Aufschreibprodukt, das aus höchster Notdurft entstand. Der Markt liebt die angeblich heillosen Künstler für ihren höchsten Lebenseinsatz und Zerrüttetheit und prämiert sie als die außerordentlichen Existenzen, die uns durch ihre Werke das Lebensechtheitsgefühl keines Lebens von der Stange vor die Augen pinseln. Der Künstler ist dazu entweder tot oder Kult. Andere werden für Zwangshandlungen in die Psychiatrie eingewiesen. Wie ungerecht die Gesellschaft ist: daran kann man es erkennen. Der zwangshandelnde Künstler ist besser als der freie. Auch er entscheidet nicht selbst über sein Leben; darin ist er Spiegelbild seiner Bewunderer. Eine Gesellschaft, die keine Veränderung will, produziert Kunst-Therapie-Endprodukte beinah wie Schoko-Riegel, die völlig verbrauchte Energie zurückbringen. Guten Appetit.

Ein Buch, das wie ein Schrei ist, bedeutet in diesem Fall: 288 Seiten Geschrei! Da stelle ich auf leise. Ich hab’s mit den Ohren. Was wird denn hier geschrieen? Vielleicht eine Anklage: „herausgeschrieen“? Das liegt weder der Pop-Literatur noch dem „jungen Feminismus“ nahe.

Der Schrei gilt womöglich der Elterngeneration, mit deren Idealen man sich immer noch abstrampelt, und da machen viele Kinder gerne mit. Dabei hat diese Revolutions-Generation so gut für ihre Kinder gesorgt, finanziell und ideell, daß in In-Stadtteilen nur noch Paare mit Medienberufen wohnen. Der Mob wehrt sich. Man sieht hier schon drastische Sprüche neben Abreißzettel wohnungssuchender IT-Manager und Kommunikations-Designerinnen.

Bild: Willkommen in Giesing

Schreiben ist ein Therapieprozeß! Man entdeckt auch Dinge in einer Therapie, die nirgendwohin gehören und hört Stimmen, die aus dem „Off“ kommen. Unterm Strich dieser Pop-Literatur-Therapie steht für mich, daß für mich nichts bleibt an Kult-Literatur. Ich lese nicht nur Charlotte Roche nicht, ich lese auch Versicherungsvertreter- und Pseudo-Jesusbüchlein von Martin Walser nicht, keinen Stuckrad-Barre und keinen Handke, keine Judith Herrmann, nicht Rainald Goetz und auch nicht Alexa Henning von.

Ich schreibe nicht über das Buch, das mir gleichgültig ist, sondern über die Schlagzeilen, die es vorauswarf. Alles ist: Marketing & Mitmaching.

Von den tausenden Forums-Kommentaren fand ich einen abschließenden, den ich zitiere – ich sollte ihn nach allen meinen Beiträgen zitieren und auch beherzigen. atride hat immer recht:

atride schreibt: ich kann ja relativieren eigentlich nicht ausstehen, aber hier muss ich es mal: liebe leute, wir haben einen unkontrollierten klimawandel, das ende des öls steht bevor, mit dem ende der wirtschaft wie wir sie kennen (stichwort landwirtschaft, petrochemische dünger, etc.) und eine kaste von superreichen hat die (westlichen) demokratien ausgehöhlt und beutet die schwellenländer aus. die finanzmärkte sind eine einzige große blase, von der es abzusehen ist, dass sie irgendwann demnächst platzt. folgen unabsehbar.
und jetzt hört auf, euch in diesen zickenkrieg […] zu wälzen! himmel!

Noch ein einziger Satz von mir: Fahren sie einmal mit der Geisterbahn ins Blaue.