2. September 2011

Tabubruch aus Gefälligkeit

Frau Roche war wieder in einer Talgschau; dort schmiert man sich normalerweise gegenseitig die Butter vom Brot. Bei Frau Roche ist das anders: alle wollen mit draufschmieren und tun es auch. Wegen der Medienbeliebtheit von Frau Roche holt man sich mal Schoßgebete-Buchbesprechungen auf die Seite Drei, wo sonst nur Weltnachrichten stehen, klebt ein Foto der zierlichen Dame mit den derben oder auch „provokanten“ Sprüchen daneben und ergießt Lobeshymnen in die offenen Münder der Leserschaft: endlich ein Sommerloch, das die Zuhausegebliebenen bei der Stange hält!

Der Sommer ist vorüber, die Werbereise für den Megabesteller wird noch bis Weihnachten dauern, dann ist letzte Gelegenheit im Jahr an das notwendige Erbrechen von Tabus zu erinnern und etwas „Rotzfreches“ für die Weihnachtsgabentischbestückung zu verkünden.

„Die Grenzen des Sagbaren“, schrieb ein Lober (das Wort ist direkt von der Grenze), „müssen erweitert werden.“ Keine Frage, ein Muß ist ein Muß. Das Buch scheint es zu tun. Über Leseproben kam ich selbst nicht hinaus. Für mich ist es Drauflos-Geplappere, das ich nicht weiter lesen kann; es scheint, daß Pop-Literatur, dazu zählt man das Buch, von Poppen kommt, und entweder stinkelangweilig ist oder tabuerbrechend flach. Eines Tages, wenn ich das Buch gelesen haben werde, werde ich meine Meinung ändern müssen; vorerst beschäftigt mich mehr die Bereitschaft der Medien und ihrer Autoren tragender Teil („quotengeile Erfüllungsgehilfe“ – unsäglicher Forums-Leserkommentar) des „Hypes“ um die Kult/Star-Autorin zu sein. Die „Debatte“ gibt bestimmt so viel her wie das Buch: Feminismus-Überdruß, Generationenkonflikt, Tabus, Porno & Sex & langweiliges Leben in grenzenloser Konsumbereitschaft.

[Mich peinigt die Angst, daß ich einen ungehobelten, unflätigen Ton erwische, wenn ich Wörter verwende, die ich nur widerwillig niederschreibe, F-Wörter, deren Roots in der Vulgär-Sprache zu eruieren sind – deshalb habe ich einige Männer diesen Text lesen lassen und sie gebeten, ihn zu zensieren, falls nötig; aber sie fanden nichts Unanstößiges, und so steht hier alles so, wie ich es für die Öffentlichkeit aufpoliert habe! Weiter im Text:]

Ich müßte noch einmal in einen Buchladen gehen und die ersten vier oder fünf Seiten lesen; dort soll, nach Buchbesprechung in einem eher lokalen Blatt, ein „Blowjob“ genauestens beschrieben und quasi erfahrungshautnah nachzufühlen sein. Dem Redaktör hat es gemundet, er bekam Schreiberlaubnis über mehrere Spalten! Erregt über so große, dem echten Leben abgewonnene Lektüre, verkündete er, hier handle es sich um Literatur. Das sagen auch andere. Mehrere schrieben, nun beweise Frau Roche auch, daß sie schreiben könne:

Wer geglaubt hat, sie könne nur provozieren, aber nicht schreiben, wird staunen. Ihre Heldin liefert sich beim Leser zur Therapie ein. Von Felicitas von Lovenberg

Danke Felicitas von! Dann war das erste Buch, „Feuchtgebiete“, Geschwätz; das Folgebuch, „Schoßgebete“, wird es beim nächsten Buch, „Stoßgestöhne“, sein. Wie geht es den Buchbesprechern nach dem Oralsex mit dem Buch? Ernüchterung wird folgen, und: dann steht man dazu.

Als Mann hat man es beim „neuen Feminismus“, als deren lauteste Vertreterin Charlotte sich anpreist, besser als bei dem althergebrachten, für den Frau Schwarzer geradesteht. Den neuen kann man sich ans Herz drücken, wenn man eines hat; wenn keines vorhanden ist, macht das auch nichts. Verständnis für die Dinge wie sie nun mal sind, ist oberstes Gebot für den Schriftenhersteller. Frau Roche schreibt, wird geschrieben, aus ihrem eigenen Leben, hat auch selbst etwas dazu „recherchiert“, im Bordell, „das war aufregend“. Daß sie mit ihrem Mann im Bordell war und ein wenig Spaß gemeinsam mit den durchgearbeiteten Sexarbeiterinnen konsumiert hat, wird viel diskutiert in Foren – es gibt viel Danke! für die Offenheit und auch Danke für die Blödheit. Wer sich für die Offenheit bedankt, findet außerdem Frau Roche tue viel für die weibliche Sexualität. Man muß sich durch viel Text lesen, um herauszufinden, was. Wer sich für die Blödheit bedankt, der geht in Zukunft nur mit Frau und Freundin ins Puff; dort hat man nicht nur Spaß, dort wird auch mit Spaß gearbeitet.

Schaut man stundenlang Pornos? Dann ist man nicht allein, Frau Roche macht das auch. Pornos glotzen kann lehrreich sein! Neben der Befriedigung oder Befriedung eines Dranges, kannst du, Mann, auch noch was lernen: „wie man eine Frau stundenlang richtig befriedigt“. Soll Frau Roche gesagt haben, bei Frau Maischberger im GEZ-finanzierten-Fernsehgerät. Richtig befriedigend ist dieser Satz nicht, aber gestanden!

Das Buch, las ich auch noch über das Buch, sei „ein Schrei“. Es verwundert nicht, daß nicht nur ein Redaktör das schrieb. In der Überschrift zu einem Interwju vor der Buchveröffentlichung bekennt

Bild: Lebensrettung von Sex-Autorin

Das Leben „gerettet“! „Schoßgebete“, will sie uns sagen, ist ein Aufschreibprodukt, das aus höchster Notdurft entstand. Der Markt liebt die angeblich heillosen Künstler für ihren höchsten Lebenseinsatz und Zerrüttetheit und prämiert sie als die außerordentlichen Existenzen, die uns durch ihre Werke das Lebensechtheitsgefühl keines Lebens von der Stange vor die Augen pinseln. Der Künstler ist dazu entweder tot oder Kult. Andere werden für Zwangshandlungen in die Psychiatrie eingewiesen. Wie ungerecht die Gesellschaft ist: daran kann man es erkennen. Der zwangshandelnde Künstler ist besser als der freie. Auch er entscheidet nicht selbst über sein Leben; darin ist er Spiegelbild seiner Bewunderer. Eine Gesellschaft, die keine Veränderung will, produziert Kunst-Therapie-Endprodukte beinah wie Schoko-Riegel, die völlig verbrauchte Energie zurückbringen. Guten Appetit.

Ein Buch, das wie ein Schrei ist, bedeutet in diesem Fall: 288 Seiten Geschrei! Da stelle ich auf leise. Ich hab’s mit den Ohren. Was wird denn hier geschrieen? Vielleicht eine Anklage: „herausgeschrieen“? Das liegt weder der Pop-Literatur noch dem „jungen Feminismus“ nahe.

Der Schrei gilt womöglich der Elterngeneration, mit deren Idealen man sich immer noch abstrampelt, und da machen viele Kinder gerne mit. Dabei hat diese Revolutions-Generation so gut für ihre Kinder gesorgt, finanziell und ideell, daß in In-Stadtteilen nur noch Paare mit Medienberufen wohnen. Der Mob wehrt sich. Man sieht hier schon drastische Sprüche neben Abreißzettel wohnungssuchender IT-Manager und Kommunikations-Designerinnen.

Bild: Willkommen in Giesing

Schreiben ist ein Therapieprozeß! Man entdeckt auch Dinge in einer Therapie, die nirgendwohin gehören und hört Stimmen, die aus dem „Off“ kommen. Unterm Strich dieser Pop-Literatur-Therapie steht für mich, daß für mich nichts bleibt an Kult-Literatur. Ich lese nicht nur Charlotte Roche nicht, ich lese auch Versicherungsvertreter- und Pseudo-Jesusbüchlein von Martin Walser nicht, keinen Stuckrad-Barre und keinen Handke, keine Judith Herrmann, nicht Rainald Goetz und auch nicht Alexa Henning von.

Ich schreibe nicht über das Buch, das mir gleichgültig ist, sondern über die Schlagzeilen, die es vorauswarf. Alles ist: Marketing & Mitmaching.

Von den tausenden Forums-Kommentaren fand ich einen abschließenden, den ich zitiere – ich sollte ihn nach allen meinen Beiträgen zitieren und auch beherzigen. atride hat immer recht:

atride schreibt: ich kann ja relativieren eigentlich nicht ausstehen, aber hier muss ich es mal: liebe leute, wir haben einen unkontrollierten klimawandel, das ende des öls steht bevor, mit dem ende der wirtschaft wie wir sie kennen (stichwort landwirtschaft, petrochemische dünger, etc.) und eine kaste von superreichen hat die (westlichen) demokratien ausgehöhlt und beutet die schwellenländer aus. die finanzmärkte sind eine einzige große blase, von der es abzusehen ist, dass sie irgendwann demnächst platzt. folgen unabsehbar.
und jetzt hört auf, euch in diesen zickenkrieg […] zu wälzen! himmel!

Noch ein einziger Satz von mir: Fahren sie einmal mit der Geisterbahn ins Blaue.