Archiv für den Monat: Dezember 2011

11. Dezember 2011

Sich neu-erfindend abschaffen

Bringt ein Künstler es nicht fertig, daß ein Kultur-Kritiker oder ein Kultur-Fan-Boy über ihn schreibt, er habe sich neu erfunden, dann muß gelten, daß er kein großer ist. Die Kunst des Sich-Neu-Erfindens, das eine gewerbliche Tätigkeit zu sein scheint, bleibt aber nicht auf Künstler und/oder Menschen beschränkt, auch Städte und Landschaften machen das:

New York hat sich neu erfunden

schrieb ein begeisterter Reiseberichter, als er von einer Erlebnis-Shopping-Tour für einen Artikel zurück kam. Es schien ihm so gewaltig, daß es in dieser Stadt noch Leben gab, richtig quirliges, geschäftiges Einkaufs- und Kulturleben, als hätte es keinen Nine-Eleven-Anschlag gegeben – das war die Voraussetzung für das Neu-Erfindungs-Erlebnis. Auch von der anderen Seite des Globus wird ähnliches geschildert:

Die Millionen-Stadt Shengzhen erfindet sich jeden Tag neu.

Schneller wird es nicht mehr gehen. Der Ferne Osten hat uns die bedingungslose Arbeitsmoral voraus. Fernöstlich könnte die Weisheit sein, daß jeder Tag neu ist, aber die gehört der ganzen Welt. Shengzhen stelle ich mir noch quirliger als New York vor, dort wird es brodeln! – obwohl ich das Wort Brodeln aus persönlich-historischen (autobiografischen) Gründen in anderem Zusammenhang kenne. Brodeln hieß zuhause: Brotzeitmachen, am Abend mit Brot und allem was man drauflegen kann.

Die Millionen-Stadt Shengzhen wird ohne G geschrieben, sagt mein Internet, mit G heißt das Wort „höchste Wahrheit“ oder „bedingungslose Liebe“ — „In der Tiefe unseres Herzens liegt ein Paradies. Es wartet darauf, von uns erfahren zu werden.“

Die höchste Wahrheit erfindet sich jeden Tag neu – das will ich glauben. Sie ist jeden Tag neu. Deshalb kann sie auch keiner finden. Bleibt sie mal an einer Stelle liegen, vielleicht zu Füßen eines Religionsgründers, ist sie am folgenden Morgen schon verfault und überholt. Die höchste Wahrheit ist die pure Wertschöpfung, sie leidet an Aufblähung.

Schöpfung ist religiösen Vorstellungen tief verbunden. Madonna – die singende sexy Disco-Athletin – ohne die ein Feminismus zeitgemäßer Ausprägung gar nicht mehr denkbar, ja nicht einmal andenkbar scheint, hat sich oft und oft neu erfunden. Innerhalb zweier Jahre habe ich es bestimmt zweimal gelesen; nach zwei neuen unglaublich verschiedenen Liederalben; Madonna wird sich immer wieder neu erfinden – sie hat Fitness-Routine im Neu-Erfindungs-Bisniss.

Das viele Neu-Erfinden mag auch in Zusammenhang mit den Krisen stehen, von denen es von heute bis übermorgen so viele sind, daß ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Unsere Staaten- und Weltenlenker müssen, um all dem passend gewappnet zu begegnen, was über uns hereinbrechen mag, entsprechend moderiert vor uns erscheinen. Wir alle wissen, mit altunbewährten Mitteln geht es nicht mehr viel weiter. Erst wenn es heißt

Ein Präsident erfindet sich neu

werden wir ihm Glauben schenken; so lange bis er abgenützt uns wieder als der alte erscheint. Glauben schenken, das ist unsere Bücklingshaltung vor Politikern und Anlageberatern; Glauben ist stets regenerier- und recyclebar.

Unter Neu-Erfindung stellt man sich als Leser etwas vor, was ganz und gar für einen selbst unerreichbar ist. Man bleibt leider derselbe, man hört das von Kindesbeinen an, ja mancher ähnelt sogar ganz dem Papa oder der Mama. Und nach Jahrzehnten, auf einem Klassentreffen zum Beispiel, merkt man, wie wir alle tatsächlich noch dieselben sind; es ist keine leere Redewendung, sondern die Feststellung geringer Wendung. Wir sind nur in älterer Haut angekommen, ein bißchen gereift, ein bißchen verlebt, ein bißchen verhärmt und gefangen in unserer Provinzialität: man muß uns nur reden hören. Neu-Erfindung würde uns gut tun. Dabei ist es nicht so schwer, die Eß Zett beschreibt es eindrücklich an einem prominenten Fall:

Auch wenn es nur eine Perücke ist: Mit ihrer roten Kurzhaarfrisur erfindet sich Veronica Ferres neu – und wird damit wieder zu der Frau, die sie einmal verkörpert hat.

Das ist der Kern des Neu-Erfindens: Komplett neu sein (vielleicht nur durch eine Frisur), und doch endlich der, der man wirklich ist, die eigene Verkörperung (darüber muß ich einmal gaaanz genau nachdenken). Es geht nichts mehr ohne die Tiefe der Suche nach dem Selbst.

Selbstverständlich ist es daher, daß ein Künstler und alles übrige, das seine Haut zu Markte trägt, da mal raus will, aus der alten Haut. Und so wurde vor einigen Jahren das Neu-Erfinden erfunden, ob Veronica Ferres, Madonna, David Bowie oder ein Präsident – schmerzliche Bildnisse dauerhafter Jugend wie sie uns Neu-Erfindungs-Fan-Boys vorstellen.

Anders sieht es mit Ländern aus, die wollen oder müssen sich ändern. Auch Altes kann sich neu erfinden:

Ägypten hat sich neu erfunden

Ich weiß nicht mehr wann, aber ich habe notiert, daß es geschehen ist. Es liegt nahe, daß es beim „Arabischen Frühling“ war, doch ist meine Notiz älter. Der „Arabische Frühling“ kann als echte Neu-Erfindung gelten. Es muß da allerdings noch viel gebastelt werden. Libyen macht es laut Eß Zett vor:

Libyen erfindet sich neu: Ein Rechtsstaat will das Land werden, moderat islamisch, Scharia inklusive. Passt das zusammen?

Die Antwort des verstehenden Redaktörs:

Ja. Denn selbst in Deutschland wird die Scharia angewandt.

Wo manche leben, und wo sie gerne leben wollen! Wenn das so ist, sollte Deutschland sich neu erfinden – aber bitte das wahre Selbst nicht mehr herauskehren. Für was man das wahre Selbst auch halten mag, mit „neuer Kurzhaarfrisur“ ist es hoffentlich nicht das wahre Wahre.

Das redaktionelle Gegenstück zum Neu-Erfinden ist: Sich Abschaffen. Wie kann ich mir das Sich-Selbst-Abschaffen vorstellen? Wenn ich mich abschaffe, dann weiß ich, was ich getan habe.

Um zu erfahren, was

Deutschland schafft sich ab

bedeutet, müßte ich die Thesen von Thilo lesen, und nicht eine Zeile auslassen in der Lektüre, denn sonst würde ich womöglich falsch zitieren oder falsch verstanden haben. Wiewohl ich das Buch also nicht gelesen habe, diskutieren mußte ich die Abschaffung; in einem Sommer, der keiner war:

Der deutsche Sommer schafft sich ab

Wir waren Zeugen, haben die Abschaffung erlebt – und doch, wie das Wetter letztes Jahr war, können wir nicht mehr sagen. So ist es mit dem Abschaffen: genau weiß man nicht, was das bedeuten soll. Es ist nicht anders wie das Neu-Erfinden.

Sich abschaffen? Wofür?

Ich habe mich abgeschafft an diesem Thema, mehr als einen dunklen Sonntag lang; neu erfunden hab ich nix. So paßt es gut zu meinen übrigen Werken.
Ab jetzt arbeite ich an meiner Neu-Erfindung und leg mich schlafen.