Archiv für das Jahr: 2011

23. Juli 2011

Die Cedri

Neben manchen guten Gerüchen, die ich zur Zeit vermisse (Flieder, Jasmin), gibt es eine Frucht, die ein Teil meines Ichs, mein Gaumen, sehr vermißt: Die Zedratzitrone.

Bild: Zedrat-Zitrone

Es ist mir persönlich ein großes Anliegen zu ihrer Ansiedlung in der deutschen Küche beizutragen! Momentan gibt es sie leider nicht; sie ist auch sonst nur schwer zu finden in deutschen Obst- und Gemüsegeschäften. Man muß sie sich von dem Gemüsehändler seines Vertrauens erbetteln. Was er nicht kennt und vielleicht keiner kauft, wird er nur schwer in seinem Sortiment aufnehmen; es sei denn, er ist ein Genießer. – Was meine Leser vielleicht nicht kennen – sie werden es gerne verköstigen wollen, weil ich ihnen diese Zitrone ans Herz drücke!

Man kann sie in sehr dünnen Scheiben essen, kann sie mit Öl beträufeln, zu Salaten geben – oder am besten in ganz dünnen Scheiben essen! Man ißt den Geruch der Zitrone! Der saure, erfrischende Geschmack der Zitrone wird genießbar durch die dicke weiße, milde Schale. — Ein Genuß, auf den ich wohl bis zum Winter werde warten müssen. Aber ich frage bei meinem Gemüsemenschen immer wieder nach! Fragen auch Sie bei Ihrem Obststand oder Ihrem Einkaufsparadies – und helfen Sie der Zedratzitrone (Zitronat-Zitrone) zu ihrem angemessenen Platz in der deutschen Wurst- & Gourmetküche.

Wir haben eine Vorliebe für das Mediterrane (Pizza, Dosen-Ravioli, Amore Amore und Olivenöl) – warum holte die begüterte, genußverwöhnte „Toskana-Fraktion“, die Häuschen und Lebensstil in Italien aufkauft, sie nicht mit herauf? Weil sie noch weiter südlich nicht einkaufen fährt? Nach 30 Jahren Cappuccino in Deutschland wird es Zeit für die Zedratzitrone!

Bild: Vorspeisenteller

Wenn es sie wieder gibt, werde ich diesen Beitrag wiederholen. Solange nur ein saurer Gaumenkitzler und ein Hinweis auf Cafè freddo

14. Juli 2011

Berufswunsch Berufsbildner

Online findet der jugendliche Leser, der vor den entscheidenden Schritten seines langen Arbeitslebens steht, genügend Anregungen für eine Berufswahl; bei mir ist es zu spät, mir einen vernünftigen Beruf zu erwählen. Berufsbilder dagegen könnte ich malen – gelegentlich so im Berufsbild des „Kunstmalers“ gefangen, daß mir nicht jede Art von Bildern vor Augen tritt – dabei fordert man gerade vom Künstler, daß er den Rahmen sprengt, in den ihn die Erwartung an sein Talent einsperrt. Berufsbilder schienen mir oft nur grau. Obwohl ich die Farbe Grau schätze, ja seit Jahren graue Bilder malen möchte, gelingt es mir nur selten, bei Grau zu bleiben.

Ein modern runderneuerter Blick auf Berufsbilder zeigt, daß sie mittlerweile in buntesten, ja grellsten Farben gemalt werden könnten; man möchte sie nicht nur zeichnen sondern gleich bildhauern!

Bild: Berufswunsch Headhunter

„Berufswunsch Headhunter“ ist da noch ein simpler Wunsch. Den Kopfjäger gab es schon einmal, er hatte das Geld noch im Namen. Geld ist nicht zweitrangig geworden in diesem Beruf. Auch sein Ansehen hat sich gewandelt: Der Headhunter ist begehrt. Der von ihm Gejagte kann sich glücklich schätzen, auf seiner Abschußliste zu stehen; ihm winken größeres Gehalt, weiteres Arbeitsfeld, höhere Position – und nicht der Galgen. Wie man sich einem Headhunter gegenüber verhält, »Spiegel online« gab für seine karrierebewußte Lesergemeinde Tips („Vorsicht wenn der Headhunter kommt“). Sicherlich gilt: kühlen Kopf bewahren! »Zeit online« sah im Zuge einer berichteten Studienreform „Kopfgeldjäger an den Unis“. Ob Sie dort studieren, (welches Fach? Anthropophagie?), oder ob sie nur ihre Tröphäen, die besten Köpfe, an den Haaren aus den Hörsälen heraustragen, steht im Kleingedruckten.

Bild: Kopfgeldjäger an die Unis!

»Die Zeit« ist wieder eine Zeitung der klaren Worte geworden, es war ihr zu „wohlfühl“ vom „Kopfjäger“ zu schreiben, „Kopfgeldjäger“ dagegen entspricht mehr der neuen Linie. Als Leser können wir einiges erwarten, einstiges hohes Niwo, wie bei den Wohlfühlgesprächen mit dem vor Klarheit und Zigaretten rauchenden Alt-Kanzler, der eine allgemeine Hochschätzung erfährt, von der selbst ein „Rat der Weisen“ von Kanzlerin Merkel einbestellt noch 870 Jahre entfernt ist.

Bild: Wohlfühlsprechverweigerer

Der „Wohlfühlsprechverweigerer“ wird inzwischen als Kanzlerkandidat einer ehemalig sozialen Partei gehandelt. Er „bringt sich ins Gespräch“, sich selbst. »Zeit online« hilft dabei, vor allem dadurch, daß sie ihn kreirt (lesen sie es richtig mit kurzem Absetzen) hat, nicht den Kandidaten sondern den „Wohlfühlsprechverweigerer“, mit allem Ernst, der der Zeitung gebührt, und ohne ein Kichern. Es ist ein Zungenbrecher, den ich mir ständig zum „Wohlfühlfürsprecher“ verlese.

Der „Wohlfühlsprechverweigerer“ ist weniger als Beruf gemeint denn als Bezeichnung. Ich stelle ihn mir gut in einem ländlichen Theater vor, als halbstumme Rolle, als „Fingerzeigmahner“ – mehr nicht, mehr wollen wir nicht sagen, mehr wird nicht ertragen.

Verweigerer haben es nicht leicht leicht, Stimmungen sind schnell gegen sie. Es kann Jahrzehnte dauern bis man erkennt, was man am Verweigerer hatte. Ist er weg, hinterläßt er Lücken. Sozialdienste und alte und kranke Menschen kennen diese Lücke, sie vermissen zum Beispiel den „Wehrdienstverweigerer“ / ehemals hieß er sogar „Kriegsdienstverweigerer“ – ein ausgestorbenes Berufsbild! Ob den „Wohlfühlsprechverweigerer“ jemand vermissen wird? Noch kennt ihn kaum einer. Von einem „Sprechverweigerer“ wird man nicht viel hören, das sagt mir das Berufsbild, das ich mir ableiten kann.

Mathieu Carrière, ein Schauspieler, der Höhen und Tiefen hat oder kennt, wurde von einem Blatt als „Skandalmaschine“ bezeichnet. Wahrscheinlich hat er eine Biographie über seine Tiefen und Höhen verfaßt oder ein exklusiv langes Interview geben dürfen. Sein Leben erschien dem Autoren so von einem inneren Motor angetrieben zu sein, daß er ihn kurzerhand zur „Skandalmaschine“ emporhob – eine Maschine genannt zu werden, darf als hohes Lob gelten, zumal für Künstler; Maschinen kennen gar kein Ziel, sie kennen nur die Arbeit!

Wo eine Maschine ist, da sehe ich einen Maschinisten: den „Skandalmaschinisten“. Ein neuer Beruf ist das nicht, aber ein hochprofessioneller, der Fähigkeiten in vielen menschlichen Bereichen voraussetzt, denen anderen der Mut fehlt, sie hochzuschätzen. Anstellung findet der Skandalmaschinist in Revolverblättern. Da ist viel Farbe drin! Er muß scharf schießen, er gesellt sich zum Kopfgeldjäger.

Die Ahnung, daß man Experte sein könnte, wird jeden ankommen, der einmal eine Talkshow erlitten hat. Hat man Sie als Experten geortet, klopft man Sie nach Ihrem Spezialgebiet ab, und Sie dürfen in ruhigem Ton Auskunft geben. Man wird dann von Ihnen schreiben: „Unaufgeregt“ berichtete er – von den größten Katastrophen. Experten tauchen aus jeder Art Tsunami auf, als Zweite – der Erste auf dem Event ist immer der Reporter am Bildschirm des Geschehens. Ist die „Welle der Aufregung / Empörung“ vorüber, schwimmen die Experten leise wieder in ihre Nischen zurück und forschen an ihren Scheuklappen weiter. —— So kann man das nicht sagen! Aber die Formulierung gefällt mir zu sehr, um sie zu korrigieren und zu neutralisieren. Sie ging mir so geschmeidig in die Tastatur! Ich bin ja mal froh, wenn etwas beinahe wie von selbst aus Wohlfühlschreibverweigerung heraus läuft! auch wenn’s ungerecht ist.

Nun bin ich schon fast am Ende meiner Zeilen, ohne an die fantasievollen Berufsbilder gelangt zu sein. So viel Fantasie und Handwerk kann ich nicht in mir vereinen, um das ausmalen zu können, was Sie selbst in den nächsten Zeilen sehen werden:

„Anlegerflucht läßt Rohstoffpreise abstürzen.“
Werden Sie Anlegerflüchtling! Ihnen wird man überall Asyl geben, niemand wird Sie als „Asylanten“ beschimpfen. Der Grund für Ihre Flucht ist nicht Not sondern Mehrgeld-Bedürfnis! Das versteht jeder Grenzbeamte und winkt Sie durch die Schlange der Wartenden.

Bild: Manieren-Pirat-Dilemma
Manieren-Pirat! Sie müssen niemanden seiner Freiheit berauben, aber was Sie tun, verschlägt anderen den spießigen Atem.

Plagiatsforscher hält Entzug des Doktortitels für möglich“ (von Plagiatsexperten). Man sollte es gar nicht mehr erwähnen: das kann jeder: Plagiatsforscher. Aber man ist für Sie eingenommen, denn Sie entziehen den von sich in mit falschen Voraussetzungen Eingenommenen die Grundlagen für ihren Hochmut und bringen, was darauf kommen muß, gleich mit.

Ex-Deutsche-Bank-Experte Norbert W. fordert in der Euro-Krise zum Rechtsbruch auf.“
Zu Rechtsbruch auffordern darf nur ein Ex! Als Ex-Deutsche-Bank-Experte mußten Sie bei dieser Bank kein Angestellter gewesen sein. Die Bezeichnung läßt offen, ob Sie nur über die Deutsche Bank und ihre Geschäftchen bescheid wußten, oder ob Sie selbst dort Ramsch-Hypotheken erfanden und verhökerten.

Eurovisions-Experte erklärt Chancen.“
Ein Fachmann auf allen Gebieten, wo die meisten chancenlos sind: der Eurovisions-Experte.

„Wer als Mitarbeiter im Klammergriff der Allesverwalter steckt.“
Indirekt unheimlich sind Sie als Allesverwalter; man merkt erst spät, was Sie vermögen, ähnlich wie beim „Knebelvertragschreiber“. Als Allesverwalter allerdings stehen Sie inmitten eines ungeheuer riesigen Aufgabengebietes; überlegen Sie es sich gut!

Ich habe noch den „Experimentalhumoristen“ (niemand lacht über Sie), den „Lachexperten“ (Sie suchen nach Erklärungen für absurd anmutende Expertenberufungen), den „Bauch-Entscheider“ und den „Schädiger“ (Sie werden haftbar gemacht).

Für diesen Text hätte ich einen „Gänsefüßchensetzer“ einstellen können. Ich habe es nicht getan, weil ich ahne, daß er mir die meisten gestrichen hätte.

Dem „Hassklimaforscher“ (Was haben Sie gegen…?) und dem „Aktivisten“ (Israel!!!) gebühren ein eigener Artikel: Die „Aufmerksamkeitspolierer“ wird er heißen.

Am beliebtesten ist und bleibt aber über allem und zu jeder Zeit: der „Mädchenfotograf“. Und für Anspruchsvollere mit künstlerischem Nie Wo mit PH und ohne BH: der „Mädchenphotograph“.

Ich selbst würde gerne der „Vorzeigemahner“ sein. Leider ist Rechtzeitigkeit des Mahners oberstes Gebot. Nur der schnell geschossenen Pointe wegen füge ich hier an: Aber ich komme immer zu früh! Deshalb bleibe ich:

30. Juni 2011

Über Hundetexte

Für meinen letzten Blogeintrag habe ich endlich eine „Kategorie“ geschaffen (Hundetext). Mein Blogsystem empfiehlt das zur besseren Orientierung für den Leser; er weiß so leichter, was ihn erwartet. Bislang wollte ich diese Arbeit nicht auf mich nehmen. Man findet das oft in Blogs, da heißt es dann Israel, Palästina, Pfannkuchen zubereiten, Fußball, Live-Style, Reisen, Hirserezept.

Mein erster Blog ging online, weil ich mit meinem Hund spazieren ging, der, wie es immer in kurzen Gesprächen heißt, „seine Zeitung liest“, während ich mir über Gelesenes Gedanken machte, von denen manche dann niedergeschrieben und locker gebündelt als „Spaziergang“ zu lesen waren.

Damit hat die Kategorie Hundetext allerdings nichts zu tun. Meine Hundetexte entstehen durch eine Art „automatisches Schreiben“ immer dann, wenn ich noch weniger zu sagen habe als gewöhnlich, dafür irgendetwas tippen muß. Das ist wie eine Sprechprobe beim Telefonieren oder Skypen: „Sag mal was, damit ich hören kann, wie’s klingt.“ Mit eins zwei drei geb’ ich mich nicht ab. Beim Schreiben probiere ich eine Formatierung aus; man könnte auch das schöne „lorum ipsum“ nehmen, sogar urheberrechtsfrei, aber das hab‘ ich nicht zur Hand, und so tippe ich einen Satz, der meist mit „Der Hund …“ anfängt. Das fiel mir irgendwann auf – was ins Bewußtsein gerät, wird behalten; deshalb gibt es eine nun größere Anzahl Hundetexte.

Ich hab’ mir einige davon aufbehalten. Mitunter erzeugte das erneute Lesen Bilder, die mir gefielen. Das ist die einzige Kategorie, in die ich sie einordne. Bewußt lassen sich „neue“ Bilder nicht so leicht erzeugen. Auch beim Künstler strömt die Phantasie in sehr geregelten Kanalsystemen. Meist plätschert es dahin. In Kanälen gewinnt das Wasser auch sehr schnell an Fahrt – entsprechend viel produzieren unsere bekanntesten Künstler / Schriftsteller / Bildhauer / Komponisten, bei denen es „fließt“, die im „Flow“ sind, von Werk zu Werk, von Premiere zu Premiere und von Wernisasche über die Finisasche ins Kulturföjetong.

Das System, das hinter dem kontinuierlichen Fluß an Werken steckt, heißt Sinn. Sinn ist, was wir suchen, und was wir uns am leichtesten merken können. Wenn Pianisten Musikstücke auswendig lernen (vom Blatt spielen mag sie das Publikum nicht mehr so gerne sehen), sind sie froh, wenn sie ein Harmonie- und Konstruktionsgerüst haben, das Tonfolgen leicht voraussehen läßt. Moderne Stücke sind auch deshalb beim Publikum wie beim Pianisten nicht so sehr beliebt, weil sie nicht „dankbar“ sind – man weiß nicht, wann zu applaudieren ist, und ob man überhaupt will; und der Pianist sieht sich um die Mühe des Erlernens gebracht, wenn er nicht tosend gewürdigt wird. Wie soll man etwas Neues gebührend würdigen können, wenn es auf Coda und Schlußakkorde verzichtet? Das macht wenig Sinn, für alle Beteiligten.

Das eine ist „Sinn machen“, das andere „Sinn haben/finden“.

Träume ich einen besonders sinnvollen Traum, dann packt er mich, ich erwache und notiere ihn mir – und hoffe vergeblich seit Jahrzehnten, er möge positiven Einfluß auf meinen Lebensabwicklung nehmen. Sinnvolle Träume, solche mit erdachtem doppel- und mehrfachdeutigem Tiefgang lassen sich am leichtesten merken, der Sinn, den sie haben, gibt eine Erzählstruktur vor, einen Ablauf. Sinnloses dagegen, oder vielmehr Unsinniges kann ich mir schwer merken. Ich bin auf Sinn getrimmt. Freunde berichten mir oft, daß sie „sinnloses Zeug“ träumen, und sie können sich sogar daran erinnern. Ich kann mir das nur so erklären, daß es eine Art erste Begegnung mit dem Sinnlosen, dem Unsinnigen ist, die sie so erstaunt, daß sie erwachen. Im Laufe meines Traumlebens, ich sollte besser meiner Traumleben schreiben, habe ich zwischen vielen Kategorien von Träumen zu unterscheiden gelernt. Sinnvolle Träume, wie wohl sie mich immer noch sehr faszinieren, haben mich, inzwischen läßt es sich feststellen, enttäuscht; ich habe es schon erwähnt: ihr positiver Einfluß auf mein Leben ist gering.

Nun versuche ich seit einiger Zeit an die Perlen zu kommen, die sinnlosen Träume, die nur Übung sind für die Vernetzung meiner Neuronen – ein Fitness-Programm, das mich mitten in der Erholung, dem Schlaf, aufweckt. Es ist schwer, an sie zu gelangen und sie zu behalten! Keine Eselsbrücken helfen, sie zu erinnern. Aber sie gefallen mir und überraschen mich immer wieder.

Was für eine sinnlose Erinnerungsarbeit das ist, kann ich im Moment nicht ermessen – ich bin mitten in der Arbeit. Einen Nutzen bringt sie nicht, Traumgeschichten kann man mit ihr nicht erzählen, nur Maler der „Leipziger Schule“ könnten damit sinnvoll umgehen (aber das ist nur rein äußerlich so, innerlich wuchtet sich dort ein dunkel-deutsch-mythischer Bilderwald an die Oberfläche, der seine Erfüllung im Geheimnisvollen findet — — wo ist der Sinn in diesem Satz?).

Ich verfolge die Sinnlosigkeit, und bringe sie nicht zur Strecke. Das will ich auch gar nicht. Mein Vater, Gott hat ihn selig, nannte mich als ich mittelklein und jung war „der Unsinn“. Zu diesem familiären Umgangston möchte ich vor dem angehenden Ruhestand wieder zurückkehren, mit meiner Phantasie, die blühte und vor dem sinnlosen, das hinter den Dingen lag, nicht zurückschreckte.

„Die Hundetexte“, die ich ab und an tippe, haben mit dem Traumfangen einiges gemein. Aber im Gegensatz zu den lebenssinnsuchenden „Traumfängern“ sind sie bei mir Anläufe Sinnloses, völlig Freies zu erzeugen, für eine Ruhepause zu sorgen, in einer Nische hockend, in der ich die Motoren meiner ratternden Sinnmachmaschine nicht vernehmen kann.

Wohin das völlig Freie führt, kann man lesen: Nirgendwohin; und man kann es auch nur hin und wieder sich wünschen. Und wer immer wieder das Loslassen predigt, der weiß, daß man das nicht halten kann!

22. Juni 2011

[Der Hund]

Der Hund kam zu sich selbst und legte einen Gedanken über den See.
Dann aber zwei, drei, Viertel!
Jetzt geht es besser, sagte der Herrscher über das Licht, das er ausschaltete.
Dann kam ein großes Dann und sonst nichts.

Der Hund kam zu sich selbst und legte über den See einen Gedanken.
Dann aber zwei, drei, Viertel! Er hatte eine Armleuchte dabei.

23. Mai 2011

Beckett-Lektüre bei 25° im Schatten

Es hat 25 Grad draußen, es ist schwül, die Sonne scheint wolkenlos und Regen bleibt aus. Die Vögel singen überall und nahezu den ganzen Tag. Am Telefon frägt man mich bisweilen, ob ich am Waldrand wohne. Ich brauche mir keine „Vogelgezwitscher-CD“ zu kaufen, um mein „Gemüt zu beruhigen“ und „die Sinne zu schärfen“, oder die Seele zu entspannen – sie singt immer mit – wie soll es anders sein bei dieser allgemeinen Hintergrundberauschung: Stille bleibt ein unerfüllbarer Wunschzustand, wenn so viel Grün um einen her ist. Dabei sitze ich hier im Bahnhof, bei offenen Fenstern, und es gibt natürlich auch Motorenlärm und Bahnsteig-Geplappere.

Das ist nicht gerade das Wetter, um ans Bücherregal zu gehen und alte Lektüren in die Hand zu nehmen, und bei Beckett zu verweilen. Es stehen da immer noch Bücher von Beckett, die ich nicht gelesen habe. Eines ziehe ich heraus und fühle mich augenblicklich zurückversetzt an meine erste, mich elektrisierende Lektüre vor über: 35 Jahren, »Warten auf Godot«. Damals hatte ich die Angewohnheit, mir wichtig erscheinende Sätze anzustreichen. So etwas zum Beispiel:

Estragon: Was soll ich ihn fragen?
Wladimir: Warum er sein Gepäck nicht absetzt.
Estragon: Das frag ich mich auch.

Ein Buch von Bertrand Russell, »Warum ich kein Christ bin«, ist gar zur Hälfte gelb unterstrichen. Damals waren die wichtigen Fragen nach dem tieferen Sinn des Universums von gleich hohem Rang wie die Verehrung von schönen Mädchen; und das heißt für einen 16-Jährigen: alles.

Statt dieser welterforschenden Gefühle von einst stellte sich ein Unbehagen ein: ‚Warum überhaupt ein Buch in die Hand nehmen, und womöglich Stunden damit verbringen, am hellichten Tag? Vergeudete Zeit! Was haben mir die Lektüren von einst gebracht?‘

Ich überwand den kurzfristigen Ekel, den ich als (seltenes) „Bauchgefühl“ wahrnahm, der aber schon länger in meinem Kopf sich eingenistet hat. Wenn man Beckett liest, dann liegt es nahe, an ein Wort wie „Verlust“ zu denken. Die sinnvoll verbrachte Zeit und ihr Nutzen waren bei mir also an die Stelle von jugendlicher Welteroberung und Weltferne getreten – diese Erkenntnis war eine Enttäuschung.

Jenseits der Lektüre und die Gedanken, die das Werk Becketts auslöst, dachte ich an meine Bücherregale, und daran, daß es immer noch keine Gesamtausgabe seiner Werke gibt, in Leinen gebunden und im Schuber! Das würde bedeuten: endgültig auch keine neuen Texte mehr, die aus dem Nachlaß herausgeschoben werden, in dünnen, teuren Büchlein. In Gesamtausgaben lese ich meine Lieblingsautoren am liebsten, nicht als E-Lektüre im Kindle oder auf dem iPad.

Was bringen weitere Fragmente eines Werkes, das sich bis zur Auslöschung verkürzen möchte? Keinen Lektüregenuß, keinen Erkenntnisgewinn. Was ich mich frage, wenn ich nun Beckett lese, ist: warum lese ich weiter? Wie auch immer: um etwas zu erleben; und wenn es das Verlöschen ist. Stille kann man nur umschreiben. „Stille … Jetzt: ganz still!“ heißt es einmal in Alban Bergs Bearbeitung von Georg Büchners Woyzeck. Und natürlich ist das ein Augenblick, der nicht stattfindet. Stille wird in Gedenk- oder Schweigeminuten öffentlich stets mit tiefster Anteilnahme zelebriert. Die steht mir nicht gut an, da ich keine öffentliche Person bin. In der Kunst, der Musik, der Literatur gibt es sie nicht. Hier am Bahnhof auch nicht.

Und warum noch Beckett lesen, wenn ich empfinde, das absurde Theater von einst ist sehr wirklich geworden. Warum noch Mahlers „Kindertotenlieder“ anhören, wenn man sagen kann: das Leben ist doch traurig genug, dann muß ich mich nicht auch noch damit belasten!

Wenn man das sagt: warum dann über Tiefseebohrung, über pervertierte Börsenagrarpolitik, über Atomkonsens, über Pharma- und Auto-Lobby usw. täglich hören & lesen und nicht abschalten und ein wenig Stille praktizieren? Weil’s dann erst richtig laut wird? Die Antwort eines „angry young man“ darauf zitiere ich aus »Traum von mehr oder minder schönen Frauen«:

Es ist eine armselige Wut, die aufsteigt, wenn die Stille gestört ist, unsere Wut, die armselige Wut der Welt, daß das Leben nicht still sein kann, die Lebewesen nicht leise tätig sein können, daß der Nachbar kein Mond ist, mit Phasen der langsamen Zu- und Abnahme, wandellos in der Gelassenheit des Wandels.

Also lese ich Beckett, schlage meine liebste Lektüre auf: »Mercier und Camier« und unterstreiche mir Sätze wie:

Ich versuche gar nicht, dir zu helfen, sagte Camier, ich versuche mir selbst zu helfen.
Dann ist ja alles gut, sagte Mercier.
Mir ist kalt, sagte Camier.
Es war tatsächlich kalt.

Der Suhrkamp-Verlag verbindet das Buch auf seiner Webseite mit einer Kosmetikartikelfirma, deren Slogan mich wieder zu mir bringt: „Denk an Dich!“

Beckett: Mercier und Garnier

Und wenn man an sich denkt, dann gönnt man sich freilich etwas, eine süße fette wertlose, aber teure Zwischendurchmahlzeit oder etwas anderes, was so gut tut – und wird dabei daran erinnert, daß man so oft vergißt, an sich selbst zu denken, und daran, daß man einst sich selbst vielleicht nichts mehr wird gönnen können. So kommt man zum großen Thema zurück, zur Stille und wie man unruhig bei dem Gedanken an sie wird.

Mit dem Übergang in die Stille wissen wir nicht umzugehen. Er kommt uns besonders bedrohlich entgegen als einer „Thema unserer Zeit“, der „alternden Gesellschaft“ und der Krankheit „Alzheimer“: das Verlöschen des Bewußtseins. Darum auch kreist das Beckettsche Werk, und wir selbst können auch darauf zusteuern, es könnte jeden persönlich treffen, daß sich das Ich Erinnerungen erfindet und nicht mehr in ihnen eingebettet ist, und der Körper ein gesundes Leben fortlebt, der Verstand aber versunken scheint.

„I now begin the journey which will lead me into the sunset of my life …“. So verabschiedete sich Ronald Reagan in einem Brief aus dem öffentlichen Leben – es klingt wie ein Abschied aus dem eigenen Leben.

Da wir alle nicht wissen, wie wir mit diesem Abschied umgehen sollen, verlinke ich hier ein Interview aus der Frankfurter Rundschau, mit der Bitte, es zu lesen und weiterzugeben.

– Gehen Sie nicht ans Bücherregal, wenn es draußen 25° im Schatten hat, und schalten Sie das Radio aus, wenn nach Richard Strauss Gustav Mahler gesendet wird! Sie könnten an Gedenkminuten erinnert werden, die Sie mit sich selbst, in tiefer Anteilnahme, verbracht haben!
Womöglich ist besser: „Denk an Dich“ zu propagieren, und damit zu meinen, sich ein bißchen Creme auf die Haut zu schmieren. Das tut wohl wohl – oder: Weh dem, dem es wohl tut!

13. Mai 2011

Sorgen für und um

Schon länger machte ich mir eine Sammlung zum Wort: Fürsorge.

Es kann wie eine Erscheinung sein: wo man es gewiß nicht erwartet, dort wird man es lesen. Ein typisches Beispiel ist folgender Satz:

Winter sorgt für Chaos.

Ein schönes Beispiel ist dieses:

Bratwurst sorgt für Erleichterung.

Wie das gemeint war, weiß ich nicht mehr. Eine Bratwurst wird weniger für Erleichterung sorgen denn für Verstopfung. Die Verstopfung könnte eine Folge des Genusses einer Bratwurst sein; um Fürsorge handelt es sich von Seite der Bratwurst gewiß nicht. Die Bratwurst macht es einem gut, Vorsicht dagegen vor einer anderen Wurst:

Currywurst sorgt für Strafverfahren.

Weitere Sorgen, die von Zeit zu Zeit über uns kommen: wenn von Frau Elfriede Jelinek ein neues Stück aufgeführt wird, dann ist eines gewiß: Jelinekstück sorgt für Eklat. Wenn Stromriesen zusammenbrechen: Stromausfall sorgt für Chaos. In der Politik sorgen die zahlreichen Minister für Verwirrung.

Einige Fürsorgen der vergangenen Wochen lasen sich so:
Sandsturm sorgt für Massenkarambolage.
Krawattenzwang sorgt für Missstimmung (dazu reichen schon drei Ess).
Nacktrodeln sorgt für Riesengaudi.
Rentenerhöhung sorgt für Frust.

Es wird täglich gesorgt für: Aufsehen, Aufregung, Ordnung, Sicherheit, Unfälle, für Abkühlung, für Tausende Tote, für Ruhe und für Preisanstieg, für einen Boom, für Kursgewinne, Diskussion, Furore, Verunsicherung, für Probleme, für Rekordwerte, für Streit, für Zoff, Magenschmerzen und Verstimmung. Und für frischen Atem.

Es geht einem die Luft aus, so viel ist um uns herum. Man kann bekümmert werden, und kann sicher sein, kaum einen kümmert’s. Dafür sorgt die Interesselosigkeit, der Neid, die Missgunst, die Gier und: die Sorgen wo man hat.

An oberster Stelle aller Fürsorgen stehen: der Skandal, die Verwirrung, die Unruhe, der und die Wirbel, die Empörung, und nicht zu vergessen, also unvergesslich, der Vater aller Fürsorgen: der Ärger. Für Ärger wird immer gesorgt.

Sorgen, das weiß man, sind schlecht; Fürsorgen sind noch schlechter, das lernt man aus Schlagzeilen. Deshalb sollte man Bratwurst essen, um sich hinterher erleichtern zu können. Ich mag jedoch keine Bratwurst, ich bin für geistige Genüsse mehr zu gewinnen und gar die vergeistigten liegen mir noch mehr! Der Bratwurst-Erleichterung setze ich entgegen, was ich vorhin las: Magnetismus sorgt für spirituelle Erlebnisse. Ich muß es einmal probieren. Nur habe ich keine Ahnung wie, und so lese ich immer weiter, bis an kein Ende. Für Unruhe ist gesorgt.

Für Leseruhe sorgt: der letzte Punkt.

Wer sich um das Wort sorgt, das ich hier ausgiebig nur eindeutig verwende, der lese im Sprachlog über Grundlose Sorgen weiter.

26. April 2011

Das öffentliche Blaue auf einer Bank

Schwer fällt es an schönen, öffentlichen Orten der Ruhe zur Ruhe zu kommen, auf Parkbänken nur ins Blaue zu schauen oder Leute beim Flanieren zu beobachten, keinen Gedanken an etwas anderes als an den Augenblick zu verschwenden, der gerade ist: ich komme gar nicht bis zu dieser Art Verschwendung, zu der ich mich gelegentlich sehne.

Da sitze ich in Konstanz an der Uferpromenade am See auf einer Bank und horche auf das Plätschern des Wassers und auf die Bläßhühner, oder ich bin im Nymphenburger Park, es scheint die Sonne, die Blumen blühen und ich fange an, an Zeiten zu denken, die ich gar nicht kannte – es könnten meine besten sein! Und dann eilt mir durch das Sichtfeld ein bunter Vogel auf dünnen Beinen und mit in den Kies stechenden Stöcken, es keucht eine halbe Minute später jemand hinter mir vorüber, dann ziehen Räder eines rennenden Kinderwagens eine schleifende Tonspur durch mein Ohr, ein sich trimmendes junges Paar ist im Elterneinsatz, oder ein dürres Menschlein mit Hanteln und Sandsäcken sprintet stählern übers Pflaster.

All das tut den Augen weh, sie kommen an keinen Ruhepunkt. Sie dürfen auch keinen Schaden nehmen, denn ich bin in meinem Leben seit einigen Jahrzehnten versuchsweise auch als Bildender Künstler unterwegs (wen oder was spielt keine Rolle, wo auch nicht; jedenfalls nicht in Parkanlagen). Freie Minuten, die ich nicht der Muse widme, wirft man mir gelegentlich vor, wenn ich spaßeshalber am Telefon sage: ich täte gerade nichts, nein, ich würde nicht durch einen Anruf gestört. Freundlich sind die Mahner, die meine Arbeit schätzen; sie glauben, der Welt könnte ein weiteres Kunstwerk von mir ihr nicht geschenkt werden. – Ich verschenke ungern; das lediglich aus einer gewissen Zwangslage heraus; sonst bin ich großzügig, besonders dort, wo man es mir vorhält: bei meiner eigenen Zeit.

Mit der eigenen Zeit soll man das nicht, man soll sie nutzen – nur durch Nutzen bekommt sie einen eigenen Wert. Ansonsten geht sie vorüber, und kurz bevor sich das „Zeitfenster“ für ein sinnvolles Leben schließt und man hinausgesogen wird in die große Freiheit, frägt man sich: Was hat man nur angefangen? Es gibt sie, die auf die Fülle des Lebens blicken, bereits zu Lebzeiten, zumeist in Interviews. Sie stimmen mich traurig, eine ungewisse Melancholie bemächtigt sich meiner, eine schleichende Depression zieht die Hosenbeine herauf. Was mache ich nur wieder nicht! Ich sitze auf einer Parkbank, in München, in Konstanz, sogar schon in Zürich war ich auf einer, aber ich komme nicht einmal zur Ruhe, komme auf keinen eigenen Gedanken, nur an die Fülle des Lebens denke ich, die an mir hurtig in glänzendem Outdoor Dress vorüberschnellt.

‚Der Weg ist es, der den auf ihrem Weg Eilenden im Weg steht‘, denke ich bei ihrem Anblick – wenn das nun ein eigener Gedanke wäre, wäre ich nicht umsonst hier gesessen; ich bin mir nicht sicher und deshalb schließe ich die Augen. Es stellt sich sofort heraus: das war mein bester Gedanke heute, wert ihn auszuführen: Die Augen schließen und horchen. Dann können auch Flip-Flaps schön sein, wenn sie in käsigen Beinen mit zu kurzen Hosen stecken. Ich höre kurze Geschichten enden, bevor sie an ein Ende kommen: „… da mieteten wir ein Boot und dann kam mitten auf dem See mit einem Mal ein Schwan daher und … ich sagte zu Jasmin, daß sie … das ist doch das Haus, in dem neulich … was du nicht sagst…“ du hörst es. Und es ist gut.

Ich öffne nach einer unermessenen Zeitspanne wieder die Augen, bin enttäuscht über das, was ich sehe, selbst das Blau des Himmels oder das des Wassers ist eintönig gegen die Welt der Geräusche, und denke noch schnell zum Abschluß, als ich wieder Eilige sehe: Der Motorradfahrer liebt es kurvig, der Büroschlußathlet geradlinig.

Auf kürzestem Wege gehe ich zurück und wieder nicht an die Arbeit.

6. April 2011

Live ums Leben ticken

Die Zeit der letzten „Live-Ticker“ ist nun schon fast wieder vorüber, sie kommt hoffentlich nicht mehr. Wenn sie wieder kommt, dann klicke ich erneut darauf, nicht minütlich, auch nicht stündlich, aber oft genug, wenn es meine Aufmerksamkeit wieder an Brennpunkte zieht, die mir nahe treten können.

Der „Live-Ticker“ geht langsam vorwärts, gemessen an seiner Tick-Häufigkeit, die neuesten Nachrichten sind wenig beruhigend; was uns erwartet, es wächst heran. Das völlig Unfaßbare und Grauenvolle zeigt mir erst der „Bilderticker“, er läßt mich versinken in Bildumgebungen, die ich kaum ertragen kann, würde ich länger darauf blicken. Da der Ticker eine „Bildstrecke“ ist, bleibt er erträglich, ich klicke weiter, nur um weiterzukommen, an ein Ende, oder ich breche vorher ab; nur nicht verweilen! – gelegentlich mache ich es, dann geht die Fantasie nicht mit mir durch und ab in Fantasiewelten, sondern bleibt stehen und brennt Gedanken aus! Fantasie ist keineswegs Flucht, sondern Notwendigkeit; glücklich wer sie hat!

Sollte ich mir „ausmalen“, was Wirklichkeit werden könnte, würde ich erstarren: Nicht beim Zurückblicken wird man zur Salzsäure werden, sondern beim Vorausschauen.

Keinen anderen dummen Satz möchte man sich so oft sagen wie den: „Das Leben muß weitergehen!“ Gemeint ist nur das eigene, das im Grunde belanglose Dahinwirtschaften; doch ist es meines, immerhin. Beim online-Sein geht das einfach, schon gleich auf derselben Seite zum Ausgleich für das Schwere: etwas lesen über die „Schinkenprovinz Huelva“ oder „44 Models aus aller Welt auf Usedum“ mit Bilderstrecke!, oder daß der „Kindsmörder Gäfgen auf Schmerzensgeld klagt“ – kläglich, aber es ist immerhin möglich. Man ist dann wieder im „ganz normalen Wahnsinn“, und der hat, im Überblick, so wenig man ihn auch ausstehen kann, etwas fließend Alltägliches.

„Das Leben muß weitergehen“ – vielleicht hilft uns das. Aber wenn das Leben nur weitergeht und nichts als das, und es einen mitschleift und jeder Tag unerträglich ist, blenden wir aus. Aus der Ferne oder gar von den Sternen ist das alles ziemlich einerlei. Je näher wir uns kommen, desto schwerer scheint es zu werden, und ganz nah will man sich selbst kaum kommen.

Wenn etwas unangenehm ist, half immer der Hinweis, daß es doch Wichtigeres gäbe, Wichtigeres zu bedenken. Unser Guttenberg hat das in seiner Abschiedsrede sehr öffentlich zelebriert, indem er auf „den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten“ verwies, die mehr mediale Betrachtung verdient hätten als ausgerechnet seine Doktorarbeit. Man wird sagen: freilich. Warum verwies er nicht auf noch Schrecklicheres? Es findet sich. Daß er’s nicht getan hat, liegt nicht an ihm, das liegt an uns selbst, unserem Mechanismus, das, was wahrlich grauenhaft ist, auszublenden. Berichte über Folter vergegenwärtigen wir uns nicht, sie kommen nur äußerst selten in den News vor. Folter, das wäre das immer noch Schrecklichste; kaum einer wagt einen Vergleich mit ihr, es würde wie Wehleidigkeit aussehen, worüber wir jammern – also ausblenden!

Was könnte es Wichtigeres geben, als auf Folter aufmerksam zu machen, auf Menschen in größter, unausweichlichster Not? Gefoltert wird: jederzeit. In jeder Minute des Tages ist ein Mensch seinem Folterer ausgeliefert, der nichts anderes im Sinne hat als ihn ganz und gar Mensch, Fleisch, Schmerz werden zu lassen, für diesen ewigen Augenblick und für den Rest seines Lebens. Es gibt keine größere körperliche Nähe zwischen Menschen als den Augenblick der Folter. Mehr Hier und Jetzt, und ausschließlich das, wird es für den Menschen nicht geben, mehr Reduktion auf die rein physische Existenz existiert nicht.

Die Live-Ticker der letzten Wochen sind verschwunden. Aus Japan kommt dafür die „Die tägliche Dosis Grauen“ (Tagesspiegel). Was in Libyen tickt, ist für die meisten hier nur mehr die wütende „Koalition der Willigen“ oder der „Kriegstreiber“. Unsere Kritiker können es nicht wahrnehmen, daß etwas anderes als Öl, an das sie beinahe ohne Unterlaß denken, Grund für eine Parteinahme sein könnte. Unser Entwicklungsminister Niebel, FDP, der anderes im Kopf haben sollte, formuliert es für alle politischen Lager bis ganz nach links-rechts außen konsequent: Es sei „bemerkenswert, dass gerade die Nationen munter in Libyen bomben, die noch Öl von Libyen beziehen“ – munteres Bomben! eine Kreation wie die Eisbombe, sie zerfließt auf der Zunge der Bravmenschen. Benghasi – man erinnert sich nicht mehr in Deutschland – stand vor dem Fall. Gaddafi kündigte erbarmungsloses Vorgehen gegen deren Bewohner an. Folter, Mord wären im Live-Ticker gelandet. Für Folter haben wir keine Augen, keine Ohren, keine Sinne und auch keine Bilder-Strecke – wir bräuchten sie!

Man könne auch keine Waffen liefern, um dann denjenigen zu bekämpfen, dem man sie geliefert habe, sagte er. Wollen wir im Namen der Entwicklungshilfe hoffen, daß Saudi Arabien keinen Krieg beginnt, denn dorthin liefern wir die meisten Waffen.

Weil jede Gewaltanwendung Gefahr läuft, entweder zu entgleisen oder zu versanden, lassen wir die Mörder ihres Volkes lieber in Ruhe weiter morden. Frei nach der Devise: Soll doch Europa den Despoten Waffen verkaufen, sich aber verpflichten, keine gegen sie zu benutzen!
Damit rettet man die Moral – und das Geschäft. Vergessen scheint die Weisheit Clausewitz‘. Der riet ironisch, dass sich jemand, der Einfluss haben will, als „Freund des Friedens“ gerieren und diejenigen als „Kriegstreiber“ brandmarken muss, die sich gegen die Tyrannei stellen und die Freiheit verteidigen. (André Glucksman in einem Interview)

Wäre Benghasi gefallen, hätte man die ägyptische und dann die tunesische Revolution erstickt. (Rafik Schami, syrischer Schriftsteller, der seit Jahrzehnten in der Deutschland lebt, in einem Interview)

So ein Krieg wie in Libyen, sagt der Minister weiter und da hat er die Linke links überholt, sei nichts als ein dritter „Nahostkrieg der westlichen Welt gegen die muslimische Welt“. Niebel reist zwischen mehreren Welten hin und her und bleibt dennoch nur in seiner kleinen Geschäfts- und Parteienwelt.

Welches wären die drei Nahostkriege Herrn Niebels? Afghanistan gehört schwerlich zum Nahen Osten – es sollte vielleicht Israel gemeint sein als der erste „Krieg der westlichen Welt gegen die muslimische Welt“. Auch hier war Niebel schon auf Zuspruchsfang, als er über Israel in den Gaza-Streifen einreisen wollte, was ihm verweigert wurde. Seiner Empörung darüber ließ er angeblich freie Luft – immerhin freie Luft. Es wäre ihm frei gestanden über Ägypten einzureisen, aber das war nicht im Sinne dieses westlichen Ministers, der gewiß sein konnte, mit seiner Empörung über Israel auf einer Welle von breitem Konsens von links nach rechts über grün und rot, schwarz und gelb zu sörfen.

Die muslimische Welt drängt in den Westen per Handy, Facebook etc. – die „muslimische Welt“ ist wie die „westliche Welt“ eine ideologische Konstruktion – das 21. Jahrhundert läßt uns zusammenwachsen, läßt uns erkennen, daß wir alle gleichzeitig leben und miteinander auskommen müssen, nach Gesetzen, die wir alle gemeinsam definieren müssen und nicht nach Gesetzen, die in Regionen gelten und in anderen nicht. Ließen wir das zu, gäbe es keinen erklärbaren Grund Völkermord überhaupt zu verurteilen, geschweige denn irgendwo einzugreifen. Und wir Deutschen hätten es insbesondere brav. Es täte vielen so gut, wenn man aus ihren Herzen spräche, in die man besser nicht hineinsieht. Wer hätte bessere Eignung dafür als ein Entwicklungsminister? Er spricht mit unserem Mund: Wir sind moralisch prächtig entwickelt. Wir sind gut!

1. April 2011

Kopfweh gegen Atomwolke

Heute, Mittwoch, 11h30 wurde mein Kopf so weh, daß ich mich ins Bett legte, um das Wehsein mit Schlaf zu besänftigen. Wer starkes Kopfweh kennt, der wird den Kopf darüber schütteln; Kopfweh erlaubt keinen Schlaf, es pocht dich ins Wachsein zurück, in unerträgliches Wachsein. Mein unerträgliches Wachsein ist zum Teil immer ein metaphysisches, halb wahr halb erfundene Empfindung. Ich möchte aber gerne als so fleißig gelten wie jeder Ottonormalmensch, deshalb drehte ich es so hin, daß mich nach kurzer Zeit ein Telefonanruf weckte. Nach normal belanglosem Austausch von Höflichkeiten erfuhr ich, daß Kollegen des Anrufers gehört hätten, eine Atomwolke werde in einigen Stunden über Deutschland schweben, auch wäre es jetzt schon besser, keinen Fisch mehr zu essen, der komme womöglich aus japanischen Gewässern. Mein echtes Kopfweh war augenblicklich abgetaucht, es blieb das metaphysische. Um einen Überblick zu geben, wie tief es reicht, wenn man so ein elegantes Wörtchen wie »metaphysisch« in einen Satz einflicht, verweise ich auf das Internet (metaphysisch, Synonyme für) – wer nicht nachschlagen will, dem gehen Bedeutungen verloren.

Daß mein Kopfweh verflogen war, zeigte mir, daß ich meinen Kopf noch behalten habe, während anscheinend rundum, glaubt man den Nachrichten, und das tue ich gerne, viele ihren verlieren. Geigerzähler soll es rund um Nürnberg nicht mehr geben, Jod-Tabletten wären der Apothekenrenner (umgekehrt: Apothekenrenner holen sich Jod-Tabletten). Online-Magazine geben den um ihre innere Geborgenheit besorgten Rat auf Fragen: Darf man mit Japanern noch reden, steckt das an? Wen darf man anfassen und von wem läßt man besser die Finger! Unfaßlich ist vielen halbpanisch-besorgten Lesern, warum die Japaner nicht in Panik ausbrechen – wohin? Andererseits schreiben die Unbesorgten von der typischen German Ängst, die Auslandskorrespondenten bei uns konstatieren. Gewiß schrieb das kein Kalifornier, denn dort soll es zu Hamsterkäufen von Jod-Tabletten gekommen sein. Hamster helfen nicht, Einkäufe auch nicht, aber sich mit Tabletten eindecken kann helfen. Von Hamsterkäufen in Tokio war endlich doch die Schreibe gewesen, zufrieden nimmt der deutsche Leser Anflüge von Panik wahr.

Das unübersetzbare Wort Angst, obwohl typisch für unseren Sprach- und Gefühlsraum, bekannt aus der Psychologie, hat schon längst internationale Karriere gemacht; es ist so dschörmän nicht mehr; überall wo es verwendet wird, nistet es sich ein als einheimisch. Wer einmal Angst kennengelernt hat, der weiß um sie für immer bescheid. Angst sei irrational, lese ich in Erläuterungen, Furcht dagegen sei begründbar. Furcht haben wir vor einem AtomGAU viel zu wenig angesichts der begründbaren Gefahr – mag der geplante Streßtest ausfallen wie er will, glaubhaft wirkt er nicht: Hätte er nicht schon längst durchgeführt werden müssen? Unsere Atomkraftwerke sind nach Fukushima so sicher wie vorher, das Risiko ist völlig unverändert. Die Furcht vor Machtverlust steigt lediglich bei Politikern, denn sie ist begründet, und die Wutbürger vom Ländle nebenan haben ihre Wahl getroffen, mehr aus Angst denn aus Furcht, daß sich wieder nichts tut nach so viel Gerede um so kleine Spaltprodukte herum. Beängstigend ist wie viele Fähnchen sich derzeit mit den Winden drehen. Es bläst aus allen Richtungen und flattert und zittert vor laufenden Kameras.

Heute, Freitag, eine Woche später, beim Durchlesen meines Kopfwehbeitrages, bei sonnigem Wetter, habe ich mich entschlossen, wieder ein Spaltprodukt aus meinem Kopf ins Web zu setzen. Täglich fühle ich mehr, wie sich etwas zersetzt: das Land der Friedvollen und Intellektuellen, der Geistesgrößen und Literaten, der Bildungsnahen und Bildungsfernen, des Prekariats und der 400.000 Milliönäre beruhigt sich wieder nach beendeter Wahl. Es gibt wieder Jod-Tabletten und Geigerzähler.

Kopfweh und unerträgliches Wachsein gehören zusammen.

18. März 2011

Waffenexport ohne Kriegshandlungen

Ich war schon so weit zu glauben, die Westerwelle hätte sich aufs Kürzertreten umgestellt, da erscheint er wieder, in der ganzen Größe seiner Peinlichkeit und gibt den friedvollen deutschen Außenminister, der resolut für Sanktionen eintritt, aber in keine „Kriegshandlungen“ hineingezogen werden will – zum Teil abgewägte Worte. 90% der Bevölkerung, sagt eine rasch angefertigte Studie von irgendwem, stehen zu dieser guten Entscheidung, und die LinkePunkt – solide Solidarität und Respekt vor einem „antikapitalistischen“ & „antizionistischen“ „Revolutions-Führer“ mögen tiefere Hintergründe sein als linker „Anti-Bellizismus“.

Kaum einer in Deutschland würde die Bedenken gegen einen Krieg, die er trägt und vorträgt, nicht teilen – er würde als ein kriegerischer Geselle dastehen – vielleicht gilt das nun für mich, da ich partout der Westerwelle in seiner Abwägung nicht zustimmen möchte. Krieg will ich auch nicht; er stand gar nicht zur Rede, auch der Einsatz von Bodentruppen wurde in keiner Resolution beschlossen oder erwähnt. Westerwelle sprach jedoch in seiner Ansprache ausdrücklich von Krieg; es war ein eingefügter, schnell korrigierter Versprecher, für die deutschen Zuhörer.

Die Regierung und alle sie in Bedenken unterstützenden Parteien haben andere Vorschläge um gegen Gaddafi vorzugehen; sie drehen sich um Geld, z.B. wenn der Diktator auf seine europäischen Konten nicht mehr zugreifen könnte; wenn man ihm den Geldhahn für seine Milliarden, die er mit Öl verdient, abdrehe – dann würde wohl bald Schluß sein mit dem Kämpfen und Köpfen.

Wenn kein Geld mehr auf unsere Konten fließt, dann machen wir nichts mehr. Das weiß jeder Geldempfänger. Bei Despoten hilft vielleicht der Kühlschrank, in den man ihre Gelder „einfriert“. Das Einfrieren von Konten war der erste Vorschlag vor einiger Zeit, dem kam lange nichts weiter hinzu. Wie lange wird man die Konten und Gelder kühlen? Je nachdem, was vom Wüstensand zu uns herüberweht, in den nächsten Tagen oder Wochen. Wann wird man es wieder auftauen? Wohin fließt es dann? Geld will fließen: man hört so oft und glaubt es auch, es flösse in dunklen Kanälen.

Nach Androhung eines Kampfeinsatzes kam die sofortige Ankündigung einer Waffenruhe aus Libyen – wenngleich das nur Taktik sein mag und selbstverständlich trügerisch ist, so ist das trotz allem eine Entspannung; an der deutsche Diplomatie nicht beteiligt ist. Wie wird unsere Regierung heute, morgen und übermorgen ihren Schritt dagegen zu sein, der Welt als den Weg zum Erfolg umdrehen? Fernseher anschalten und zu „Anne Will“, „Maybritt Illner“ oder „Plaßberg“ zappen. Namen, die für Sendungen an die Bildungsnahen stehen. Talk-Shows, die ihre gepflegte Debatte weit über die unordentliche Diskussion setzen und noch höher über der simplen Meinungsäußerung dem tonlosen Gerede ein Profil geben, aber sich ihren Adressaten, dem nickend zurückgelehnten Publikum nicht anders anbiedern als auf der anderen Seite des Spektrums „Richterin Barbara Salesch“ oder „Richter Alexander Hold“ – Debatten, wie sie das „Prekariat“ vorzieht. Ohne diese Sendungen gäb’s bald keine Debatten mehr, und ohne Debatten würde es in kultivierten Kreisen mucksmäuschenstill werden – ohne Moderation sagt keiner, was er denkt, und denkt nur das, was er sagt – Denken ist der Moderationsmode unterworfen und schwimmt mit dem Geldfluß auf ein stilles Meer hinaus.

Daß wir Deutschen die Friedlichen sein wollen, ist nur zu verständlich. Wenn unsere vergangenen Regierungen tatsächlich so friedliebend gewesen wären oder sind, wie sie vorgeben, dann sollten sie weder Sondereinheiten zum Ausbilden an Mordwaffen versenden, noch Waffenexporten zustimmen. Immerhin schon zwei Tage nach Beginn des Aufstandes in Libyen hieß es: Waffenverkäufe an Libyen würden eingestellt. Das nennt man entweder Gewissen oder Gewissenlosigkeit. Damit kam das Elend der Geschäftemacher auch dem braven Womöglich-Wähler wie mir sehr nahe.

Auf Waffenexporte zu verzichten, könnte das ein Beitrag für einen Frieden sein? Wer würde so etwas fordern?

Was kann man mit Waffenexporten in Milliardenhöhe einerseits und gleichzeitiger Beteuerung, man wolle in keinen „Bodenkrieg“ gezogen werden, erreichen? Keiner weiß es oder sagt es. Es kommt mir vor, wie sich die sauberen Hände mit Blut reinzuwaschen.

In einigen Wochen werden die Waffenhändler wieder an die Regierung herantreten und fragen, wann die Geschäfte nun weitergehen sollen; Verträge müssen eingehalten werden. In einigen Wochen wird man eingefrorenes Geld wieder auftauen, oder wird es sich in Luft auflösen wie Mottenkugeln?

– Politisches Tauwetter überall. Wer dieser Tage erst über große Politiker „desillusioniert“ wird, wacht spät auf, aber die Chance ist da: Wann, wenn nicht jetzt … Keine Sorge, daß wir lange wach sein werden: neue Illusionen sind irgendwo in Arbeit. Man braucht sie nur auf tönerne Füße stellen. Die sind dünn, aber tragen alles, was wir glauben wollen.