Archiv für das Jahr: 2011

23. Juli 2011

Die Cedri

Neben manchen guten Gerüchen, die ich zur Zeit vermisse (Flieder, Jasmin), gibt es eine Frucht, die ein Teil meines Ichs, mein Gaumen, sehr vermißt: Die Zedratzitrone.

Bild: Zedrat-Zitrone

Es ist mir persönlich ein großes Anliegen zu ihrer Ansiedlung in der deutschen Küche beizutragen! Momentan gibt es sie leider nicht; sie ist auch sonst nur schwer zu finden in deutschen Obst- und Gemüsegeschäften. Man muß sie sich von dem Gemüsehändler seines Vertrauens erbetteln. Was er nicht kennt und vielleicht keiner kauft, wird er nur schwer in seinem Sortiment aufnehmen; es sei denn, er ist ein Genießer. – Was meine Leser vielleicht nicht kennen – sie werden es gerne verköstigen wollen, weil ich ihnen diese Zitrone ans Herz drücke!

Man kann sie in sehr dünnen Scheiben essen, kann sie mit Öl beträufeln, zu Salaten geben – oder am besten in ganz dünnen Scheiben essen! Man ißt den Geruch der Zitrone! Der saure, erfrischende Geschmack der Zitrone wird genießbar durch die dicke weiße, milde Schale. — Ein Genuß, auf den ich wohl bis zum Winter werde warten müssen. Aber ich frage bei meinem Gemüsemenschen immer wieder nach! Fragen auch Sie bei Ihrem Obststand oder Ihrem Einkaufsparadies – und helfen Sie der Zedratzitrone (Zitronat-Zitrone) zu ihrem angemessenen Platz in der deutschen Wurst- & Gourmetküche.

Wir haben eine Vorliebe für das Mediterrane (Pizza, Dosen-Ravioli, Amore Amore und Olivenöl) – warum holte die begüterte, genußverwöhnte „Toskana-Fraktion“, die Häuschen und Lebensstil in Italien aufkauft, sie nicht mit herauf? Weil sie noch weiter südlich nicht einkaufen fährt? Nach 30 Jahren Cappuccino in Deutschland wird es Zeit für die Zedratzitrone!

Bild: Vorspeisenteller

Wenn es sie wieder gibt, werde ich diesen Beitrag wiederholen. Solange nur ein saurer Gaumenkitzler und ein Hinweis auf Cafè freddo

14. Juli 2011

Berufswunsch Berufsbildner

Online findet der jugendliche Leser, der vor den entscheidenden Schritten seines langen Arbeitslebens steht, genügend Anregungen für eine Berufswahl; bei mir ist es zu spät, mir einen vernünftigen Beruf zu erwählen. Berufsbilder dagegen könnte ich malen – gelegentlich so im Berufsbild des „Kunstmalers“ gefangen, daß mir nicht jede Art von Bildern vor Augen tritt – dabei fordert man gerade vom Künstler, daß er den Rahmen sprengt, in den ihn die Erwartung an sein Talent einsperrt. Berufsbilder schienen mir oft nur grau. Obwohl ich die Farbe Grau schätze, ja seit Jahren graue Bilder malen möchte, gelingt es mir nur selten, bei Grau zu bleiben.

Ein modern runderneuerter Blick auf Berufsbilder zeigt, daß sie mittlerweile in buntesten, ja grellsten Farben gemalt werden könnten; man möchte sie nicht nur zeichnen sondern gleich bildhauern!

Bild: Berufswunsch Headhunter

„Berufswunsch Headhunter“ ist da noch ein simpler Wunsch. Den Kopfjäger gab es schon einmal, er hatte das Geld noch im Namen. Geld ist nicht zweitrangig geworden in diesem Beruf. Auch sein Ansehen hat sich gewandelt: Der Headhunter ist begehrt. Der von ihm Gejagte kann sich glücklich schätzen, auf seiner Abschußliste zu stehen; ihm winken größeres Gehalt, weiteres Arbeitsfeld, höhere Position – und nicht der Galgen. Wie man sich einem Headhunter gegenüber verhält, »Spiegel online« gab für seine karrierebewußte Lesergemeinde Tips („Vorsicht wenn der Headhunter kommt“). Sicherlich gilt: kühlen Kopf bewahren! »Zeit online« sah im Zuge einer berichteten Studienreform „Kopfgeldjäger an den Unis“. Ob Sie dort studieren, (welches Fach? Anthropophagie?), oder ob sie nur ihre Tröphäen, die besten Köpfe, an den Haaren aus den Hörsälen heraustragen, steht im Kleingedruckten.

Bild: Kopfgeldjäger an die Unis!
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30. Juni 2011

Über Hundetexte

Für meinen letzten Blogeintrag habe ich endlich eine „Kategorie“ geschaffen (Hundetext). Mein Blogsystem empfiehlt das zur besseren Orientierung für den Leser; er weiß so leichter, was ihn erwartet. Bislang wollte ich diese Arbeit nicht auf mich nehmen. Man findet das oft in Blogs, da heißt es dann Israel, Palästina, Pfannkuchen zubereiten, Fußball, Live-Style, Reisen, Hirserezept.

Mein erster Blog ging online, weil ich mit meinem Hund spazieren ging, der, wie es immer in kurzen Gesprächen heißt, „seine Zeitung liest“, während ich mir über Gelesenes Gedanken machte, von denen manche dann niedergeschrieben und locker gebündelt als „Spaziergang“ zu lesen waren.

Damit hat die Kategorie Hundetext allerdings nichts zu tun. Meine Hundetexte entstehen durch eine Art „automatisches Schreiben“ immer dann, wenn ich noch weniger zu sagen habe als gewöhnlich, dafür irgendetwas tippen muß. Das ist wie eine Sprechprobe beim Telefonieren oder Skypen: „Sag mal was, damit ich hören kann, wie’s klingt.“ Mit eins zwei drei geb’ ich mich nicht ab. Beim Schreiben probiere ich eine Formatierung aus; man könnte auch das schöne „lorum ipsum“ nehmen, sogar urheberrechtsfrei, aber das hab‘ ich nicht zur Hand, und so tippe ich einen Satz, der meist mit „Der Hund …“ anfängt. Das fiel mir irgendwann auf – was ins Bewußtsein gerät, wird behalten; deshalb gibt es eine nun größere Anzahl Hundetexte.

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22. Juni 2011

[Der Hund]

Der Hund kam zu sich selbst und legte einen Gedanken über den See.
Dann aber zwei, drei, Viertel!
Jetzt geht es besser, sagte der Herrscher über das Licht, das er ausschaltete.
Dann kam ein großes Dann und sonst nichts.

Der Hund kam zu sich selbst und legte über den See einen Gedanken.
Dann aber zwei, drei, Viertel! Er hatte eine Armleuchte dabei.

23. Mai 2011

Beckett-Lektüre bei 25° im Schatten

Es hat 25 Grad draußen, es ist schwül, die Sonne scheint wolkenlos und Regen bleibt aus. Die Vögel singen überall und nahezu den ganzen Tag. Am Telefon frägt man mich bisweilen, ob ich am Waldrand wohne. Ich brauche mir keine „Vogelgezwitscher-CD“ zu kaufen, um mein „Gemüt zu beruhigen“ und „die Sinne zu schärfen“, oder die Seele zu entspannen – sie singt immer mit – wie soll es anders sein bei dieser allgemeinen Hintergrundberauschung: Stille bleibt ein unerfüllbarer Wunschzustand, wenn so viel Grün um einen her ist. Dabei sitze ich hier im Bahnhof, bei offenen Fenstern, und es gibt natürlich auch Motorenlärm und Bahnsteig-Geplappere.

Das ist nicht gerade das Wetter, um ans Bücherregal zu gehen und alte Lektüren in die Hand zu nehmen, und bei Beckett zu verweilen. Es stehen da immer noch Bücher von Beckett, die ich nicht gelesen habe. Eines ziehe ich heraus und fühle mich augenblicklich zurückversetzt an meine erste, mich elektrisierende Lektüre vor über: 35 Jahren, »Warten auf Godot«. Damals hatte ich die Angewohnheit, mir wichtig erscheinende Sätze anzustreichen. So etwas zum Beispiel:

Estragon: Was soll ich ihn fragen?
Wladimir: Warum er sein Gepäck nicht absetzt.
Estragon: Das frag ich mich auch.

Ein Buch von Bertrand Russell, »Warum ich kein Christ bin«, ist gar zur Hälfte gelb unterstrichen. Damals waren die wichtigen Fragen nach dem tieferen Sinn des Universums von gleich hohem Rang wie die Verehrung von schönen Mädchen; und das heißt für einen 16-Jährigen: alles.

Statt dieser welterforschenden Gefühle von einst stellte sich ein Unbehagen ein: ‚Warum überhaupt ein Buch in die Hand nehmen, und womöglich Stunden damit verbringen, am hellichten Tag? Vergeudete Zeit! Was haben mir die Lektüren von einst gebracht?‘

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13. Mai 2011

Sorgen für und um

Schon länger machte ich mir eine Sammlung zum Wort: Fürsorge.

Es kann wie eine Erscheinung sein: wo man es gewiß nicht erwartet, dort wird man es lesen. Ein typisches Beispiel ist folgender Satz:

Winter sorgt für Chaos.

Ein schönes Beispiel ist dieses:

Bratwurst sorgt für Erleichterung.

Wie das gemeint war, weiß ich nicht mehr. Eine Bratwurst wird weniger für Erleichterung sorgen denn für Verstopfung. Die Verstopfung könnte eine Folge des Genusses einer Bratwurst sein; um Fürsorge handelt es sich von Seite der Bratwurst gewiß nicht. Die Bratwurst macht es einem gut, Vorsicht dagegen vor einer anderen Wurst:

Currywurst sorgt für Strafverfahren.

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26. April 2011

Das öffentliche Blaue auf einer Bank

Schwer fällt es an schönen, öffentlichen Orten der Ruhe zur Ruhe zu kommen, auf Parkbänken nur ins Blaue zu schauen oder Leute beim Flanieren zu beobachten, keinen Gedanken an etwas anderes als an den Augenblick zu verschwenden, der gerade ist: ich komme gar nicht bis zu dieser Art Verschwendung, zu der ich mich gelegentlich sehne.

Da sitze ich in Konstanz an der Uferpromenade am See auf einer Bank und horche auf das Plätschern des Wassers und auf die Bläßhühner, oder ich bin im Nymphenburger Park, es scheint die Sonne, die Blumen blühen und ich fange an, an Zeiten zu denken, die ich gar nicht kannte – es könnten meine besten sein! Und dann eilt mir durch das Sichtfeld ein bunter Vogel auf dünnen Beinen und mit in den Kies stechenden Stöcken, es keucht eine halbe Minute später jemand hinter mir vorüber, dann ziehen Räder eines rennenden Kinderwagens eine schleifende Tonspur durch mein Ohr, ein sich trimmendes junges Paar ist im Elterneinsatz, oder ein dürres Menschlein mit Hanteln und Sandsäcken sprintet stählern übers Pflaster.

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6. April 2011

Live ums Leben ticken

Die Zeit der letzten „Live-Ticker“ ist nun schon fast wieder vorüber, sie kommt hoffentlich nicht mehr. Wenn sie wieder kommt, dann klicke ich erneut darauf, nicht minütlich, auch nicht stündlich, aber oft genug, wenn es meine Aufmerksamkeit wieder an Brennpunkte zieht, die mir nahe treten können.

Der „Live-Ticker“ geht langsam vorwärts, gemessen an seiner Tick-Häufigkeit, die neuesten Nachrichten sind wenig beruhigend; was uns erwartet, es wächst heran. Das völlig Unfaßbare und Grauenvolle zeigt mir erst der „Bilderticker“, er läßt mich versinken in Bildumgebungen, die ich kaum ertragen kann, würde ich länger darauf blicken. Da der Ticker eine „Bildstrecke“ ist, bleibt er erträglich, ich klicke weiter, nur um weiterzukommen, an ein Ende, oder ich breche vorher ab; nur nicht verweilen! – gelegentlich mache ich es, dann geht die Fantasie nicht mit mir durch und ab in Fantasiewelten, sondern bleibt stehen und brennt Gedanken aus! Fantasie ist keineswegs Flucht, sondern Notwendigkeit; glücklich wer sie hat!

Sollte ich mir „ausmalen“, was Wirklichkeit werden könnte, würde ich erstarren: Nicht beim Zurückblicken wird man zur Salzsäure werden, sondern beim Vorausschauen.

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1. April 2011

Kopfweh gegen Atomwolke

Heute, Mittwoch, 11h30 wurde mein Kopf so weh, daß ich mich ins Bett legte, um das Wehsein mit Schlaf zu besänftigen. Wer starkes Kopfweh kennt, der wird den Kopf darüber schütteln; Kopfweh erlaubt keinen Schlaf, es pocht dich ins Wachsein zurück, in unerträgliches Wachsein. Mein unerträgliches Wachsein ist zum Teil immer ein metaphysisches, halb wahr halb erfundene Empfindung. Ich möchte aber gerne als so fleißig gelten wie jeder Ottonormalmensch, deshalb drehte ich es so hin, daß mich nach kurzer Zeit ein Telefonanruf weckte. Nach normal belanglosem Austausch von Höflichkeiten erfuhr ich, daß Kollegen des Anrufers gehört hätten, eine Atomwolke werde in einigen Stunden über Deutschland schweben, auch wäre es jetzt schon besser, keinen Fisch mehr zu essen, der komme womöglich aus japanischen Gewässern. Mein echtes Kopfweh war augenblicklich abgetaucht, es blieb das metaphysische. Um einen Überblick zu geben, wie tief es reicht, wenn man so ein elegantes Wörtchen wie »metaphysisch« in einen Satz einflicht, verweise ich auf das Internet (metaphysisch, Synonyme für) – wer nicht nachschlagen will, dem gehen Bedeutungen verloren.

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18. März 2011

Waffenexport ohne Kriegshandlungen

Ich war schon so weit zu glauben, die Westerwelle hätte sich aufs Kürzertreten umgestellt, da erscheint er wieder, in der ganzen Größe seiner Peinlichkeit und gibt den friedvollen deutschen Außenminister, der resolut für Sanktionen eintritt, aber in keine „Kriegshandlungen“ hineingezogen werden will – zum Teil abgewägte Worte. 90% der Bevölkerung, sagt eine rasch angefertigte Studie von irgendwem, stehen zu dieser guten Entscheidung, und die LinkePunkt – solide Solidarität und Respekt vor einem „antikapitalistischen“ & „antizionistischen“ „Revolutions-Führer“ mögen tiefere Hintergründe sein als linker „Anti-Bellizismus“.

Kaum einer in Deutschland würde die Bedenken gegen einen Krieg, die er trägt und vorträgt, nicht teilen – er würde als ein kriegerischer Geselle dastehen – vielleicht gilt das nun für mich, da ich partout der Westerwelle in seiner Abwägung nicht zustimmen möchte. Krieg will ich auch nicht; er stand gar nicht zur Rede, auch der Einsatz von Bodentruppen wurde in keiner Resolution beschlossen oder erwähnt. Westerwelle sprach jedoch in seiner Ansprache ausdrücklich von Krieg; es war ein eingefügter, schnell korrigierter Versprecher, für die deutschen Zuhörer.

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