Archiv für das Jahr: 2012

9. Juli 2012

Gebeutelt – Erster Ereignisfeldzug

Mein Hosenbund hatte einst 22 Mitglieder. Ich war oft dabei und mittendrin!

DABEISEIN

wurde ganzganzganzganz

groß bei mir geschrieben.

Und ich vergas, was ich nicht wußte, niemand konnte es mir wiederbringen.

Zum Hurra-Schreien war das leider nicht und zum Fahne-Zeigen auch nicht geeignet.

 

„Arbeit ist großartig, schrie ich schon frühmorgens nach dem Zubettgehen.

Fünf Worte, die fürchterliche Folgen hatten – man darf es sich ausmalen, nur nicht zu bunt, nur das nie nicht!

Doch heute saß ich alleine mit mir herum, grün hinter den Ohren, Strohrumwitwer, verkatet, verbeutelt, zerknaatscht,

absolut und relativ zufrieden und

unterhielt mich prächtig mit

– – semmelknödelweichen

– – weißwurstkesselwarmen

– – haferschleimfeuchten

Philosophiehappen über das Leben und

seine Begleitumstände und:

Wieso überhaupt Sterben?

 

„Arbeit machte Spaß und Denken ist auch Arbeit! sagte ich mir,

– ich habe es schon gesagt –

und hielt mich im Augenblick damit über Wasser.

 

Dann zum Zähneausputzen klinisch-getestete Creme.

Das kannte ich schon aus anderen reptilienschweren Zeiten, in denen nichts prächtig war außer meinem Gebiß.

Der Dauerbrenner verbruzzelte nie! –

 

Keiner verstand mich, ich war so komplizert bis Schlag Mittag, dann erwachte

ich im Umstand der Einfachheit in allzu blauer Gewandung,

einfache Worte trug ich im Korb,

mal fiel was raus, mal wurde ich reingelegt und am Ohr gezogen.

Von mir so bitterlich schwer enttäuscht bis zur glimpflichen Ermüdung sprachen ringsum Stimmen in vielen Sprachen:

„Meinen Schatten sieht man im Nebel nicht.

„Wirft der Nebel Schatten auf das Licht?

Große Fragen, die keine Antworten fingen,

 

aber, kein aber, aber doch:

Schnappatmung ist kein angemessener Ausdruck für mich

für diesen Augenblick als sich die Zehen aus dem Bett hervorstreckten,

ich löffelte Luft!

Kniee beugen, um den Drehstuhl einmal links, einmal rechts mit schlenkernden Armen, dann durchstrecken und wieder durchstarten.

Das hatte ich geschrieben an einen Unbekannten, und starrte gramerfüllt zerbrochen auf den Bildschirm. Hier stand:

„Schnappatmung ist kein angemessener Ausdruck für mich, ich löffelte Luft!

„Strohwitwer mit Vatermörder im Fasching auf gamsiger Tour fing sich eine Parodie auf sein Lebenswerk ein.

Ich meinte mich und beweinte mich zur unechten Zeit.

Zum Kopfschütteln! Einfach nur zum Abtanken – aber chillen? Nein danke.

 

Wie so manches immer schief läuft und auf der schiefen Bahn ausgerechnet im wahren Licht ins rechte Lot kommt

– man glaubt es nicht!

Man glaubt es mir einfach nicht so einfach –

und es ist auch gar nicht wahrer, weil’s unaufgeregt anstatt mit Leidenschaft hervorgedruckst wurde:

Streiten, lieber leise mit aller nur erdenklichen Seelenruhe und auf Distanz zu inneren Vorgängen.

 

Nur den Kopf zu schütteln, dafür war’s zu spät: Es stand da und war nicht mehr ungesehen zu machen.

Also frei Schnauze raus aus der Ecke, raus aus der Nische, mehr Erlebnisse mit Biß rein in die Currywurscht.

Schnell Eindrücke verfassen und im Netz versenken, Ei leik nicht vergessen und nicht dissen!

 

Gleich am U-Bahnhof kam mein alter Pizzahund um die Ecke gesaust,

und verdampfte mit einem

»Puff«,

schnappte sich ein Teilchen und vergnügte sich damit, der süße Köter!

Er ist besser dran als

3. Juli 2012

Das Sch-Wort zu allem

Nachhaltigkeit ist ein »Gebot der Stunde«, der letzten Stunde vielleicht sogar; wenn ich meinem eigenen Pessimismuschen (getrenntes Ess Zeh Ha) ein kleines Abstellklo in meinem gemütlichen Eigenheim zubillige – dann erkenne ich in dieser abgeschiedenen Stille, daß 5 vor 12 schon längst vorbei ist. Ich habe die Stufe des Post-Pessimismuses erreicht, manchmal glaube ich, es ist bereits lange nach 12 Uhr – und ich habe recht, es ist weit jenseits dieser Endzeitmarke: 20 nach 3!

Nachhaltigkeit heißt zunächst: weniger von allem, dafür aber alles von Dauer und den Gesetzen des natürlichen Verwertungskreislaufes entsprechend: Nichts erschaffen, was nicht wieder verwertet werden kann oder sich selbst entsorgt und übergeht in Gärung, Verwesung und Staub und dann wieder Erde, Humus und Rosen wird. Mit diesem Gedanken sah ich mich schon oft konfrontiert, doch auf völlig neue Weise als mich G aus A in meinem Arbeitszimmerchen besuchte und ich nichts besseres zu tun hatte, als ihn nach den neuesten Ereignissen zu fragen. Ich kenne seine Antworten, verstehe meist den Inhalt gar nicht, denn er handelt von und mit Teilen. Teile, das ist ein sehr allgemeiner Begriff, so kann man ihn erst einmal stehen lassen. G’s Teile haben Namen und Katalognummern, Baujahre, Einsatzgebiete, Fundorte, Lagerplätze und Produktions- und Firmengeschichten, alles hintereinander. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, um was es sich handelt, wenn er erzählt; um einen Motor? ein Getriebe? Porzellangeschirr? Blechschachteln? Zinnfiguren? Plakate oder Schrauben? Nur eines ist sicher: es ist gewiß nichts Neuwertiges.

Die Gegenfrage kam nach einigen Ausführungen über zu früh verkaufte Teile umgehend: Was gäbe es denn bei mir so? Da’s bei mir nie etwas gibt, außer Kaffee umsonst und mal ein Mittagessen, wenn er zufällig raufkommt, zeigte ich ihm, was in der Welt so los ist: mit zwei Fingern scrollte ich durch die Weltnachrichten eines online-Magazins, von oben nach unten, und auch mal von links nach rechts. Nur einen völlig abweisenden und erstaunten Blick gab’s dafür, er sagte das Sch-Wort ganz aus seinem Innersten heraus: „So ein Sch!! – Solche Zeitverschwendung!!“

Das sag ich ja auch selbst oft genug, aber es hatte nie eine nachhaltige Wirkung gehabt auf mich, zumal ich zur „Zeitverschwendung“ allmählich ein neues Verhältnis aufzubauen beginne: Zeit verschwenden mag mir bald als ein höchstes Gut des Lebens vorkommen. Fällt einem noch etwas ein, was nicht von Nutzen sein soll, optimiert und getrimmt auf Leistung? Ob Gesundheit, Essen, Arbeit, Freizeit, Konsumieren, Sex, Atemholen, Schlafen, Träumen und selbst das Locker-Lassen geht nicht ohne einen Hinweis darauf, wie man’s verbessern könne, um fitter für Beruf oder Rente und die Kreuzfahrt zu sein. Zeit verschwenden ohne schlechtes Gewissen ist asozial! – Mit schlechtem Gewissen dagegen ist es nur unverantwortlich seiner optimal angepaßten Lebensaufgabe gegenüber. So viel gibt’s zu erfüllen, da schlägt Gott die Hände über seinem Kopf zusammen.

G’s Sch-Wort hat mir gezeigt, daß es doch Zeitverschwendung gibt; es hat mich getroffen, daß ich vor dem Computer sitze und immer wieder über den ganzen Tag verteilt Schlagzeilen lese, um irgendwas aufzufüllen mit leeren Worten. Ich verschwende Zeit, damit ich nicht an die Zeitverschwendung komme, die ich im Sinne habe: mal ganz und gar nix zielgerichtet tun, die Zeit einfach laufen lassen, und sagen können: Es ist nichts von Bedeutung geschehen!

So kann ein Erwachen sein als Fleischfresser inmitten der Knochenhaufen, verfaulenden Kadaver und Soßenresten, die man Jahrzehntelang nach dem Schlabbern als Müll von sich geworfen hat, und nie nur ein Augenmerk wert waren, so kann das mit einem Schlag auf den Hinterkopf aufgeschüttelt werden: dann sieht man im Überblick das zum Schlachtvieh bedrängte Leiden des Fleisches vorm Abstechen und Auf-den-Grill-Spieß-zur-Koma-Party stecken. Es tut mehr weh als Wehwehchen weh tun – es kann einem Leid antun.

Hupp! Das paßt nicht zum Zeitungsleser, der in seinen Nachrichten aufwacht – da ist mir jetzt mein bißchen Fantasy hinweggerutscht in fremde Berichte, die mit meiner Zeitverschwendung nix zu tun haben. Aber ich denk schon mal an die Zeit, in der ich offline sein werde, ich bereite sie vor, die Zeit, in der ich mein Nachrichtenleben, und damit auch diesen Blog, umstellen werde: nur mehr mit alten Notizen arbeiten; den notierten Müll aus Jahren zu objects trouvées stilisieren, damit er von mir weg kommt und begraben wird, und seine eigene Ruhe finden kann.

bild[… er ist schon lange tot und sieht niemanden mehr an.]

2. Juli 2012

Gednaken

„Die Gedanken sind frei,

deklamierte der Dichter und stürzte sich ins eigene Elend,

nicht damit, nicht dadurch

sondern weil es eben so ist.

„Es ist so wie es ist, sagte er, es hat keinen Grund und keinen Boden und keine Aussicht auf Besserung.

„Ich möchte weinen,

sagte er nicht.

„Unnötig,

sagte ich, der gerade hoch erhobenen Hauptes aus dem Elend stolzierte.

 

Ich schnallte den Gürtel enger. Wunderbar! kein Verrutschen der Hose mehr!

„Die Gednaken (Gedanken) sind blei,

wurde ein weiterer Dichter zitiert,

fälschlich von mir.

 

Das Publikum nahm Abschied vom Applaus.

Es gefiel ihm wenig, so verwöhnt war es, daß es schlichte Unterhaltung vorzog,

bevor es stillgelegt oder stilgerecht in den Biergarten einzog,

mit lauten Bestellungen, Getöse, Gedränge und

neuen Gednaken; das gefiel ihm, der dumme Versprecher, der Vorbote war

weiterer Gednaken zum Thema Freistildenken: heute und gestern.

 

Meiner Meinung nach darf man das,

meine Meinung hielt man für erheblich! Meinungsstark

trat ich im Starkregen hervor, einsilbig,

Fakten Fakten Fakten, faktisch nichts als Fakten!

notierte und zitierte ich,

der Knoblauchpresse frisch entkommen.

Sie dirigierte gern umher, man nahm es ihr auf der Stelle nicht krumm,

dafür roch es scharf nach Angstschweiß der Ausgequetschten und schon vorab mit Nachrichten Überhäuften.

 

„Der Gedanken sind drei, lautete der Protest von Horden von Bannerträgern:

„eins

„zwoa,

hoch die Tassen aus dem Schrank!

 

Man einigte sich darauf, daß man sich nicht beschweren dürfe.

Die Hitze war plötzlich erträglich,

jetzt am Samstag am Gemüsestand. Es war so heiß,

keine Beschwerde, wenn es schon einmal so ist.

Sich den Mund zunähen, von oberster Stelle abgesegneter Protest, ich verkniff ihn mir.

 

Die graue Maus trug blau.

Der blaue Stefan wurde vom Rad geholt, von Umständen,

unbeschreiblich.

Dieser polizeibekannte Rentner durfte blasen.

 

Ich lobte die Grußworte vom zweiten Vorsitzenden des Dachverbandes als hübsche Beigabe

und trat ein für ein generelles Verbot

von Blasphemie.

Prominente Unterstützer zeigten ihre Unterstützung mit ihren fröhlichen und allbekannten Gummibärgesichtchen

oder wie das heißt.

Ich war überglücklich wie schon lange nicht.

Ich habe mich gerührt,

ich war gerührt,

ich bin’s noch.

26. April 2012

Die Geeeste – erfaßt!

bild: Hagen RetherNach Ergriffenheit durch die Geeeste alles weitere nicht mehr so genau nehmen –

Die Geste ist schlicht: zurücklehnen, sich nicht aufregen und plaudern; die Erwartungen im Publikum sind groß und werden erfüllt: Hagen Rether zieht sich vor sein Headset-Mikrofon die geistigen Absonderlichkeiten, die aus unserem medialen Leben heraus auf unser alltägliches Befinden und Urteilen Einfluß nehmen, und zerlegt sie in die Bestandteile. Von den vielen Sorgen und Aufregungen bleibt nur die Künstlichkeit übrig, mit der wir von den wirklichen Sorgen abgelenkt werden.

Er kommt demnächst zu uns, nach bild: R-TownMan hat mir von dem Wochenendereignis begeistert auf einer Feier berichtet; es war schon lange zu spät, mir Karten zu besorgen – nicht nur, weil alle ausverkauft waren. Gerne ließe ich mir den Kopf kalt waschen oder ihn mir zurechtrücken, um wieder frei und klar denken zu können, befreit von den Flöhen, die man mir in den Kopf gesetzt hat. Aber nun ist er mir von anderen anstatt von Rether gewaschen worden. In einer Besprechung über einen Auftritt des Kabarettisten, der „die Satire-Klischees unterläuft und Grundwerte freilegt“, las ich zwar, daß er „Klarheit und Ordnung in die Köpfe“ bringt, und die „verdrängten Widersprüche unseres Wohlstandes benennt“, aber dann beging ich den Fehler, anstatt wie üblich kursiv zu lesen, jeden Absatz durchzugehen.

„Über billige Feindbilder“ sei Hagen Rether hinweg.

Warum Todesstrafe und Folter in China beklagen, aber nicht in den USA?

heißt es dort, habe Rether erwähnt, und ich habe mich gefragt, welches billige Feindbild hier gemeint sei, China oder die USA. Vielleicht lese ich wieder nur die falschen Zeitungen. Von der einstmals, in meiner Jugend, als „Gelben Gefahr“ beschriebenen Angst ist geblieben ein vorsichtiges sich Arrangieren mit der sich ankündigenden politischen und wirtschaftlichen Macht der Chinesen: man entdeckt die Größe chinesischer Medizin, das Yin und Yang Weltprinzip ist bald in der Hausküche, man sticht sich mit Nadeln in wundheilende Kraftpunkte und feng-shuit beim Garteln und beim Haus-Tresoranlegen. Und nicht zu vergessen Konfuzianismus, Taoismus und Maoismus, mehrtausendjährige Weisheit, die uns schon deshalb imponieren muß, weil sie uns zeigen kann, wie man sich mit Diktaturen und Kaiser- und Königreichen arrangieren kann, indem man simpel und einfach sein Ich zurückstellt auf das Allgemeine – und das hören wir China-Konsumenten gerne – und deswegen gehen wir ins Kabarett.

Aber das habe ich mir nicht gedacht, als ich es las, sondern, ob sich hier der Kabarettist nicht arg den Kopf verdreht und das Publikum dreht sich einfach mit?

Also „warum Todesstrafe und Folter in China beklagen, aber nicht in den USA?“ Nach dem letzten Bericht von amnesty international heißt es:

Auf jeden Fall … werden in China mehr Menschen hingerichtet als im gesamten Rest der Welt. Auf Platz zwei der Statistik lag wie im Vorjahr der Iran (mindestens 388 Exekutionen), gefolgt vom Irak (mindestens 120), Saudi-Arabien (mindestens 69) und den USA (52).

In allen Berichten wurden die USA erwähnt, nur nicht, zum Bedauern des Kabarettisten, an erster Stelle. Da will uns Hagen Rether unbedingt auf seinen Lieblingsmörder hinweisen. Wenn einer 1000 Leute umbringt, dann ist es für den Kabarettisten besonders wichtig auf den hinzuweisen, der 50 umbringt. Wir empören uns einfach immer an der falschen Stelle; jeder Kabarettist beklagt einmal im Programm, daß stets an der falschen Stelle gebeifallt wird – das haben wir so gelernt. Deshalb „geißelt er mediale Empörungsroutinen“ und tauscht sich mit dem Publikum über die eigenen, für’s Kabarett gültigen Routinen, aus.

Die Mediengläubigen ermuntert er zum Selberdenken

schreibt der Rezensent, der solches wohl in seinem Beruf nicht sehr oft tun darf. Aber das stimmt nicht.

Selbst gedacht ist halb schon wahr? Man fragt sich, ob markant formulierte Sätze alleine deshalb wahr sind, weil man sie lustig finden kann.

Wer hat Angst vor dem Islam?

Hat denn jemand Angst vor dem Islam?

70000 Alkoholtote in Deutschland: Hat wer Angst vorm Riesling?

Wo er recht hat, muß man ihm Recht geben! Vor dem Riesling hat keiner Angst, obwohl auch der in einen gewaltigen Rausch führen kann.

Früher hieß Rethers Botschaft: „Das ist nicht lustig!“ Heute: „Was reg’ ich mich auf!“ Die Geeeste stimmt immer noch: Kein kleinbißchen arrogant, weder überheblich noch herablassend, sondern ganz der Chefsessel selbst.

Ich werde demnächst wieder jedes Wort lesen, nicht kursiv, und hinhören, worin die kommende Saalberichterstattung schwelgen wird – und versuche dann noch selbst zu denken. Wird schwer werden. Wenn mir Live-Dabeigewesene von einem schönen Abend mit kurzweiliger Unterhaltung berichten werden und ich bei jeder ätzend klar formulierten Wahrheit nicken werde.

15. April 2012

Themaverfehlung: Gedichtinterpretation

Was Günter Grass uns sagen mußte, würde er uns heute anders sagen, sagte er. Als ein Dichter, der sich seiner Mittel immer unsicherer wird, sollte er nicht zu Versen greifen und sie der „Süddeutschen Zeitung“, der „New York Times“ und der „Reppubblica“ zur Veröffentlichung überreichen. Was er uns gesagt hat, darüber ist viel gestritten worden. Viele in Foren kommentierende Leser sind ihm dankbar, endlich einmal ausgesprochen zu haben, was sie Zuhause anscheinend seit Jahren hinter vorgehaltener Hand nur sich zuflüstern – denn es hat sich in Deutschland der Mythos verbreitet, man dürfe so manches nicht sagen – was mit Kritik an Israel zusammenhänge.

Doch zum zürnenden Verdruß des Dichters und seines nickenden Publikums, sagen die Zeilen und Strophen des Poems nicht nur das, was „gesagt werden muß“, sondern auch, was zum Dichter zu sagen ist.

Daran hat er selbst den größten Anteil. Hätte er nur ein zweizeiliges Haiku verfaßt über seine Angst

Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden

wäre der Widerhall gering bis gar nicht vorhanden gewesen. Hätte er darüber hinaus nicht einen Großteil des Gedichts der Begründung gewidmet, warum er nun etwas sagen müsse, und warum er so lange geschwiegen habe, kaum einer wäre darauf gekommen, daß hier die Verpackung der Inhalt ist, und drinnen eine Größe Tüte Hausgespenster. Glaubt er gar die Zeile

das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig

einfügen zu müssen, huschen sie auch schon heraus, und wird man gerade erst recht alle übrigen Zeilen, und alles, was dazwischen zu lesen ist, danach abklopfen und wird sich erst recht fragen, warum er sie einfügt. Was bewegt sein höheres Ich so sehr, daß er nicht einfach mitteilt, was doch bald Tatsache sei: Israel könnte

das iranische Volk auslöschen

Ein „Völkermord“ steht bevor – und die „gleichgeschaltete Presse“ verschweigt das. Passable Worte mit einer großen Vergangenheit! Woher weiß er all das nur? Liest er etwas anderes als „gleichgeschaltete Presse“ früh morgens, wenn er seine Pfeife anzündet? Wer hat seine Informationsquellen ungleichgeschaltet?

Statt dessen beschreibt uns Günter Grass deutsche Wohnzimmergeschichte und zeigt uns unfreiwillig die Tapeten, die wir über Jahrzehnte hinweg übereinander gekleistert haben. Nicht erst seitdem uns beim Häuten seiner Zwiebel einige Tränen in die Augen gelaufen sind über so viel Ehrlichkeit und geradezu deutsch-moralischen Mut uns aufrichtig, endlich, über seine SS-Zeit berichtet zu haben, sehen wir ihn als den auf unangenehme Wahrheiten hinweisenden Dichter – nun entwindet er sich wie Laokoon von den Schlangen, die sein Innerstes schickt:

Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren …

… jeeenes andere Land – dessen Name zu nennen alleine schon Unbehagen auslöst …

Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist …

… seine jugendliche Zeit in der SS, seine Abstammung, oder gar ungeordnete Familienverhältnisse?

auch weil wir – als Deutsche belastet genug …

… eine Erbsünde? nicht die persönliche Schuld Einzelner?

weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen …

… sein „Land mit den ureigenen Verbrechen“ dankt es ihm zum Teil, denn er nennt es nicht „Volk“, es waren keine Menschen da, die „ureigene Verbrechen“ begingen.

Nun haben ihm auch noch israelische Politiker so prominent wie überflüssig ein Einreiseverbot erteilt und damit, für alle, die mit ihm schon vorher einer Meinung waren, bestätigt: Du darfst nichts gegen Israel sagen.

Aber sie hören sich entweder selbst nicht zu oder sie wollen sich nicht hören, denn sie sagen alles, was sie nicht sagen dürfen, seit wie vielen Jahren? (seit 1972?) frei heraus und meist mit großer innerer Spannung – daß ein Gefühl aufkommt, als befände man sich hier inmitten eines lang geführten Stellungskriegs gegen nicht zum Schweigen bringende Feinde, und als wäre endlich der Schießbefehl erteilt worden.

Sie haben anscheinend nie Fernsehen gesehen, keinen Konzelmann, keinen Scholl-Latour, keine SZ-Feuilleton-Kommentare gelesen, keine der FAZ-Israel-Korrespondenten-Berichte, »TAZ« oder »Freitag«, sie waren nie an Wirtshaus- und Straßenreden beteiligt und haben keine Freunde Bekannten übers Welt-Kapital räsonieren hören! Sie alle lebten mit Grass isoliert in Schweigezellen.

Wer etwas kritisiert, sollte stets damit rechnen, daß er Widerrede bekommt. Und wer auch noch sagt, das Wort „Antisemitismus“ würde immer nur verwendet, um eine Diskussion zu ersticken, der glaubt, Antisemitismus sei kein ernst zu nehmendes Thema mehr, jedenfalls keines, das ihm nahestehe.

Vielleicht werden wir doch in den nächsten Jahren mehr hören, und andere werden ihre „Zwiebeln häuten“, wenn Leser sich die Worte zu Herzen nehmen

zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

Münder werden sich öffnen, und heraus kommen endlich: verbogene Gefühle. Wo können wir Deutschen mehr fühlen als wenn es um Gerechtigkeit und Weltfrieden geht als im „Nahen Osten“. Wir brauchen zwar keine „neue Holocaust-Debatte“, wie eine Schlagzeile lautete, aber wir brauchen eine über unsere deutschen Befindlichkeiten und Wehleidigkeiten, unser Besserwissen und über zurückgestaute Gefühle und uns einengende Tabu-Buhs. Wir brauchen weniger lehrplanmäßige Abarbeitung des III. Reiches und Wiedergutmachung (was für ein empfindsames Wort!) aus schlechtem Ungewissen. Nicht das Gewissen ist uns eigen, sondern das Ungewissen (in einer unsicheren Welt). Vom „Weltfrieden“ zu reden angesichts zahlloser Kriege und Kleinkriege hat da noch etwas sehr beruhigend Häusliches.

Auch wenn wir das Wort nicht mehr hören können, wir müssen es erst einmal dort anwenden, wo es hingehört: Antisemitismus ist nicht die Geschichte der Nachbarsfamilie, sondern vor allem eigene Familiengeschichte – Oma und Opa kannten ihn noch als er keinen so schlechten Klang hatte. Im eigenen Heim ist er kein Thema, das ist schon lange Geschichte. Thema ist: was uns zugefügt wurde, was an uns verbrochen wurde.

Plappern wir nicht einfach nur nach, was ein Dichter Ungereimtes „mit letzter Tinte“ faselt:

ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin

sondern fragen uns auch, wenn einer so redet, was könnte der „Heuchelei des Westens“ gegenüber stehen? die Aufrichtigkeit des Ostens? oder des Südens? oder des Nordens, oder doch nur die des Dichters oder Redners, der verallgemeinert, wie es kaum mehr simpler geht?

Es ist Sonntag. Ich war in meiner Jugend gewohnt, daß es am Sonntag eine Predigt gab! Morgen ist Montag. Da fängt der Alltag wieder an:

Liebe Brüder und Schwestern, Schafe und solche, die es nicht sind:

Befreien wir uns alle vom Schweigen: Reden ist Silber, Blabbern ist Gold und Dichten ist göttlich. Letzteres ist Preiseträgern vorbehalten.

Ist Grass ein Antisemit? Glaub ich nicht.
Ist Grass ein Dichter? Vielleicht.
Ist Grass ein Nobelpreisträger? Mit Sicherheit.
Und deshalb wurden die Zeilen publik, und deshalb wird mit diesen Zeilen geredet.

… und was gäbe es zu schreiben Wenn Israel islamisch wäre

30. März 2012

Schönen Gruß vom Trittbrettfahrer

„Wo haben Sie ihren Hund!“, wurde ich forsch aus der Entfernung angerufen, „lebt er noch?“ „Er lebt“, antwortete ich, „aber ich kann ihn nicht mehr überallhin mitnehmen.“ „Gut!“, sagte der Mann, „wenn er nicht mehr lebte, hätte ich Dich derschlagen!“ Der Mann war schlagfertig, ich verblieb sprachlos. Niemand hatte ihn erschlagen, als letztes Jahr sein Hund gestorben war – hat man ihn aus Rache am Leben gelassen?

Er wechselte das Thema Hund sogleich, während ich noch daran dachte, welche Nachteile es haben kann, daß man noch Hundebekanntschaften trifft, auch wenn der Hund schon tot ist, und welche Nachteile es hat, daß man mich nur in Begleitung mit meinem Hund zu kennen scheint. Dieser Umstand führt zu sich wiederholenden zwei drei Gesprächsstoffen, die nur schwer zu variieren sind. Wenn aber doch einmal, dann setze ich mich zuhause umgehend vor die Tastatur und mache mir Notizen.

Der Mann, im von mir so erstrebten Ruhestandsalter, hielt mir einen Zettel hin mit dem Gesicht eines jungen Mannes darauf und dem Slogan: Jetzt Zukunft wählen. Das sei der einzig richtige Mann für den Landkreis, alle anderen seien verlottert, man brauche sich nur in dieser Stadt umsehen, hier sei alles unten, alles schon lange korrupt und verdorben. Sein Mann, und dessen Partei, sei das, was das Land und die Stadt und der Landkreis brauche. Er sei schon aus dieser Stadt weggezogen, er könne sie, die Verhältnisse, nicht mehr sehen, Romantik hin oder her. Damit zog er wieder in die Kulisse ab, die diese Stadt so gerne ist.

Am Abend gingen Moreno und ich ums Haus, zu den Glas- und Dosenkontainern, wo mittlerweile oft der Scheitelpunkt unseres Spaziers ist, etwa 220 Meter von der Haustüre. Dort wartete ich ab, bis er die Gerüche ausgelesen hatte, sah vor mich hin in die romantische Umgebung am Bahnhof und spekulierte darüber, wie immer wieder mal seit über zehn Jahren vergeblich, was er aus den Gerüchen lesen mag und wie das in seine Träume wandert, daß es ihn im Schlaf bewegt.

Mitleid mischt sich mit leicht gruseligem Schaudern vor der eigenen fernen Zukunft, wenn man mich auf Morenos langsamen, etwas wackeligen Gang anspricht: „Ja, das passiert uns alle einmal. So wird’s uns auch gehen.“ Das sagen mir die, die keinen Hund haben, und lassen mich dann mit dem Ausblick auf das leidende Alter weiterziehen. Sie gehen in ihren blühenden Alltag voran, ich habe meine blühende Phantasie wieder auf einen gesellschaftlichen Brennpunkt eingeschränkt: das Alter! Es ist nun an meiner Seite, es ist in meiner Wohnung, es frißt aus dem Napf, den ich ihm hinstelle aufgeweichtes Fressen. Die Hundegespräche waren schon einmal besser; und wenn ich jüngere Damen mit Hund treffe, dann erst recht merke ich, welche Nachteile das Alter haben kann, da hilft keine Reife und keine Erfahrung, keine silbrigen Schläfen: Moreno kann nicht mehr Schritt halten; wir beide fallen zurück und haben das Nachsehen und unsere schlichten Gedanken. Moreno macht das nichts aus; mich macht es etwas einsamer; beim Spazier.

Am Glaskontainer leerte eine Frau ihr Auto von Flaschen und Dosen. Als sie Moreno sah, kam sie zu mir. Sie hielt uns fünf Minuten bei sich, das klingt nicht nach viel, ist aber eine Ewigkeit, wenn man ein paar Meter weiter an der Ampel Fahrer hupen hört, denen der Vordermann nicht schnell genug losfährt, wenn die Ampel auf Vollgas umschaltet, nach eine halben Sekunde. Fünf Minuten, die einige Bilder und eine kleine Film-Sequenz in mir zurückgelassen haben. Zum Beispiel „kleine Bomben“, die man der Frau immer wieder auf den Gartenzaun lege. Sie kenne die Bomben, vor denen Nachbarn sie warnen; in der heutigen Zeit, da wisse man nie, sagen sie, aber es seien nur Dosen mit vier Beinen drinnen und einem geschundenen Körper, Kätzchen, die man ihr auf diese Weise bringe, wenn sie nicht ganz vom An-die-Wand-Schmeißen totzukriegen waren; auch halb-tote Hunde werfe man ihr in den Garten oder über den Zaun vom Tierheim.

Mit vielen Ländern in Europa gäbe es Abkommen, daß man Tiere nach Deutschland bringen könne, aus der Ukraine, Rumänien, Spanien, Griechenland, nur mit Italien nicht – das behauptete sie, als ich ihr sagte, Moreno käme aus Italien. „Dort gibt’s auch so viele Hunde, die an Ketten gehalten werden“, sagte sie, sie habe versucht, mal einige mitzunehmen, als sie an einer Halle vorbeigekommen sei, wo es elend herausgeklungen habe. Niemand wollte ihr darüber etwas sagen, bis einer sie gewarnt habe, dort nicht zu oft nachzufragen. Man sei gewiß freundlich zu ihr, einmal zweimal, aber insistieren solle sie nicht, das könne für sie gefährlich werden, auch einer netten alten Dame könne leicht etwas passieren; zu viele Fragen höre man nicht gerne. An diesem Tierheim verdiene die Mafia. „Du und ich“, sagte sie, „wir zahlen dafür mit EU-Geldern – damit es den Tieren dort nicht besser geht.“

Dann zog Moreno mich schließlich weiter; die Entscheidung des Hundes akzeptierte die Frau. Moreno wanderte in seiner kleinen Bahnhofswelt seinen Weg ab, ich dagegen war ausgeflogen in die Weite der Tierquälerwelt, in die Ukraine, nach Spanien, China, Italien und in den Garten der alten Frau. Es fiel mir schwer, im hiesigen Bahnhof wieder anzukommen. In der Wohnung fuhr ich sogleich im Netz weiter auf den vorgegebenen Schienen, Stichwörtern wie Tierschutz, Fördergelder, Italien – und kam auf Umwegen über das Wort Spenden zur Seite CharityWatch.de, die am selben Tage ihre Arbeit eingestellt hatte. Wo es um Spenden geht und Nachfragen wohin die gehen, das begreift man schnell, ist Verleumdung und Abmahnung das geeignetste Mittel der Wahl sein Ziel zu erreichen: Stille im Funkhaus.

Die Frau hinterließ mir einen Reisebericht über Italien, den ich nur zu bereitwillig glaube: Der Mafia darf man alles zutrauen, was die eigene Phantasie zuläßt, und man kann noch auf die eigene Schlechtigkeit einiges draufgeben, aber ob die EU mit Steuergeldern italienische Tierquälheime finanziert – darüber fand ich im Netz nichts. Es bleibt in mir das Wissen, daß nur bei mir mein Hund es gut hat – er kommt aus Italien und hat seinen Nachbarn, der an einer Kette tagaus – tagein lebte, glücklich überlebt. Und es bleibt das Mißtrauen gegenüber Italiener und Spanier und Ukrainer, auch Asiaten natürlich, die kein menschliches Verhältnis zu Tieren haben. Von hier aus kann ich keinen Zentimeter mehr weiter gehen, ja ich zweifle sogar ein wenig an meinem Standpünktchen – bei Rechtsextremen landet man auf immer vielfältigere Weise. Rassistische und nationale Ressentiments lassen sich nicht nur mit wirtschaftlichen Themen gut bedienen (die anglo-amerikanische Finanzwelt kontra biedere EU), auch mit Tierschutz und Tierhaltung:

Jede Menge Trittbrettfahrer aus der rechtsextremistischen Szene nutzen das Tierschutzthema für ihre politischen Zwecke.

heißt es auf CharityWatch.de (Wer steckt hinter den Videos zur Fußball-EM?) oder hier: Über den Tierschutz zu den Rechtsextremisten

Ein Weile sprachlos zu bleiben, eine halbe Minute Einkehr, das passiert mir immer wieder; ich mag es nicht, aber ich kann es aushalten, dann drängt es mich doch einige unentschiedene Zeilen niederzuschreiben.

Gut, daß mein Hund noch lebt, sonst wäre ich noch vor der Begegnung mit der Frau am Container „derschlagen“ worden, nur im derben Spaß natürlich, und hätte nicht weiter nachgedacht über meine Tierliebe und meine Tierbekanntschaften, von Hundefreund zu Menschenfeind, zwei Gutmenschen, die sich wenig zu sagen haben. Ich rede lieber mit meinem Hund.

Was, frage ich mich, ist wenn ich die wenigen Hundegespräche, an denen mir doch etwas liegt, nicht mehr haben werde? Ich muß noch schnell darüber hinaus gelangen: Beim Hundespazier nicht immer über den Hund reden, sonst sagt man eines Tages nur: Ist dein Hund jetzt auch tot?

Gefühle für Tiere gehen uns gewiß nicht aus; ein neues Tierthema ist uns allen geboren worden, im Zoo von Wuppertal. Es trägt den Namen Anori. Am Anfang nur „verzückte es Wuppertal“, jetzt schon Deutschland. Bilder werden in die weite Welt versendet und warme Gefühle kommen zu uns zurück. Anori süüüß:

bild: Anori macht erste tapsige Schritte vor Publikum

Noch mehr, noch viiiiiel mehr:

bild: Eisbärbaby verzückt Zoo-Besucher: Der Knut-Klon

zeigt uns von unserer schönsten Seite: herzige Sofort-Gefühle können jederzeit aufgegossen werden, und sind schon wieder kühl, nach den ersten Schlücken, noch bevor sich ein warmes Gefühl im Innern ausbreiten kann.

13. Januar 2012

Nach Venedig ankommen

Wenn einer eine Reise tut, hieß es einmal, und es war vielleicht wahr, kann er viel erzählen. Man umgeht das heute (2012), indem man Bilder ins Webalbum lädt und die Hausadresse dazu, den Link, an Freunde und Bekannte mailt. Das muß man machen, um unnötiges Gerede über gemachte oder ungemache Reiseerfahrungen zu vermeiden, und man macht es wegen des Zeitdrucks, der auf einem lastet, wegen sich schließender Zeitfenster, durch die man noch schlüpfen muß, und wegen ungeduldigen Termingeschäften, die absolut nicht warten wollen.

Man sortiert die hochgeladenen Bilder gewöhnlich nicht mehr aus, auch das aus denselben Gründen wie oben erwähnt: Jeder soll selbst aus den Regalen eines unermeßlichen Angebots auswählen dürfen; wir sind frei und wollen niemandem etwas vorschreiben. Jeder soll sich selbst ein Bild machen, wenn er die Zeit dazu findet und Lust dazu hat. Meine Bilderstrecke, die noch auf ihre Eindampfung von 500 auf 2 oder 3 wesentliche Inhalte wartet, kommt demnächst – ich bin altunmodisch.

Bild: Venedig-Bild: Venezianischer Maskenmann

Ich war in Venedig – gewesen. Als ich wieder Zuhause war, wünschte man mir zuerst gute Ankunft. Das ist nicht widersinnig, sondern ein Extrakt der Erfahrung von Viel- oder Langreisenden. Man ist schneller wieder da, als man weg ist. Und man wünscht sich das nicht immer. Möge die Reiseerfahrung etwas länger dauern! Erst wer länger als ein Jahr reist, hat erfahren, daß die ganze Welt seine Heimat ist – das ist eine gestohlene Erfahrung, die ich von Reisenden genommen habe, die über 20 Jahre unterwegs waren. So lange bin ich nie gereist, bin vor Zeiten knapp an der 13-Monats-Marke gescheitert; ich wollte dieses Zeitfenster, das sich immer weiter öffnete damals lieber schließen und kam zurück in mein altes, inzwischen verblichenes Ich. Mir klingt noch die Warnung ewig Reisender im Ohr: wer länger als ein Jahr reist, verliert das Gefühl für sein altes Zuhause.

Nach langer Reise dauert die Rückkehr länger; nach so einer kurzen wie der letzten kann das schon beinahe unmittelbar geschehen. Eine Reise kann nichts weiter als ein Ortswechsel sein oder ist ein spiritueller Übergang von einer ungeistigen zu einer geistigen Ebene (nie umgekehrt). Die, denen das Leben eine einzige Reise ist, sind erst im Jenseits richtig Zuhause; eine glückliche Ankunft ist ihnen nur dort gewiß. Aber man muß sich auch so nicht freuen wieder Zuhause zu sein, in den vier Wänden, die einen beheimaten. Betrachtet man die zuletzt veröffentlichte Zahl aller lebenden Menschen vom jenseitigen Blickpunkt aus, denkt minimalistisch über Wiedergeburt nach, so kann einem scheinen, daß nun alle gleichzeitig hereindrängen, die einmal auf der Erde waren. Wie auf den letzten Drücker in der allerletzten Endzeit müssen sie noch hier sein, um ihr Karma hastig abzutragen und die ungemütlichen, unverdaulichen Reste mit dem unsortierten Abfall in die Verbrennungsanlage ein für alle Mal zu stopfen.

Bild: Venedig-Bild: nächtliche Brücke

Venedig läßt sich leicht vergleichen mit dem Leben – das kann man mit allem machen, worauf Füße trappeln. Jeder Weg ist ein Lebensweg, jede Sackgasse ein Irrtum. Sackgassen gibt es in Venedig mehr als genug; sie sind es aber nur für den Touristen.

Ich war gewillt, Eindrücke zu sammeln und auch das zu tun, was man mir zu besichtigen angeraten hatte. Das ist viel in Venedig; das Viele liegt auch nicht weit auseinander, alles sei zu Fuß und per Boot leicht zu erreichen.

Das stellte sich bald als schwierig heraus. Trotz Stadtplan und im Allgemeinen guter Orientierungsfähigkeit kam ich meist nur dort an, wo mich der Zufall hinbrachte, oder der „Corso principale“, wie ein eiliger Geschäftsmensch seinen Standort am Cellulare (italienisch), dem Handy (deutsch), kund gab. Ich überlasse mehr Dinge dem glücklichen Zufall als früher – er kommt nicht etwa öfter, aber wenn man ihn nicht so benennt, ist es bloß der pure Zufall, was sich da so ereignet. Das ist inakzeptabel; das ist einem geistigen, altmodischen Menschen zu wenig. Er geht lieber den Hauptweg als die Sackgasse, denn er will wohin kommen, er will ankommen. Wo? Im Leben. Das ist der Satz, den ich oft lese. Dabei kommt man gerade in der Sackgasse an ein Ziel: Man schließt eine Tür auf, und ist in einer andern Welt. Der Venezianer schließt dann ab und lebt sein Leben verborgen vor dem Touristen; der denkt neidisch daran, daß es gerade dort, in den Häusern, in den Wohnungen, so richtig venezianisch zugeht und hat selbst nur in irgendeinem Café mal ein paar Minuten Ruhe zum Zuschauen; ansonsten ist er in Venedig immer unterwegs, auf seinen eigenen Füßen. Zuhause holt er das Ungesehene nach, im Fotoalbum, das er ins weltweite Netz stellt, auf einen Server, in Kalifornien oder in Karlsruhe. Im Netz gibt es keine Sackgassen und keine Auswege, alles ist mit allem verbunden, alles im Fluß und alles rauscht durch Leitungen, es gibt nur Knotenpunkte. Auch das ist wie das Leben. Was anderes können wir nicht als Vergleich finden – wir sind mittendrin.

Bild: Venedig-Bild: Portraits

12. Januar 2012

Bauchgeschäfte

Bruder Ehrlich meint, die Welt gehe nun wieder weiter unter, aber er frage sich, es frage sich nur wie. Dieses Jahr (2012 – für spätere Generationen angemerkt) seien die Aussichten besonders günstig, ein Spektakel zu erleben, das man als Liebender, das Leben Liebender, bestimmt gar nicht sehen wolle.

„Für den Konsumenten aller bildorientierten Programme nix besonderes“, sagt Tenna, die Tochter des Tennos – aber der nennt sich nur so, weil: ein Spitzname muß sein. Er trägt ihn schon seit der Wahnsinns-WG seiner Studentenzeiten – die so schön waren wie’s die Wochen-Magazine mit ihren Kämpus-Beilagen gar nicht zu beschreiben vermöchten (wo Urlaub machen, welche Kneipe besuchen, welchen Cocktail schlabbern, wo am besten mit wem ins Bettchen hüpfen und wo seine Hängematte im Park aufhängen). Als Tenno in die Jahre kam, die er nun auf dem Buckel trägt, wurde er, kurz vor seiner Scheidung, Vater. Ihrem Tenno zuliebe gab seine Frau mitten im buntesten frühlingsduftigsten Rosenkrieg ihrer Tochter als Erinnerung an gute und schlechte Zeiten, die sie aber nicht teilen wollte, den Namen Tenna.

Das ist die Geschichte von Tenno, der in der Versenkung wieder verschwindet mit dem neuen Corsa fürs Gelände, sein Name ist Mokka, nach Marokka, wegen der Steuer. Er hat ihn sich, sagt die Staatsanwaltschaft, die neben Tausenden anderen seine Konto heimlich gläsern machte und wie einen Wald auflichtete und durchforstete, mit einem Wurm; an Würmer denkt ein solcher Mann wie Tenno nicht! – er hat ihn sich durch Sozialbetrug abgestaubt. Warum nur immer diese Sätze so verschraubt werden, so daß ich noch einmal halb von vorne anfangen muß. Ich mach’ das nicht gern!

Tenno macht nun in Bauchgeschäften und überhäuft Frauen in anderen Umständen mit Waren von Herstellern. Sich selbst hellt er den Winter auf mit Schuheinlagen und schlauem Schnickschnack, wohltätigem Nippes und falschen Klunkern. Mitunter berät er abnehmungswillige Wagemutige, denen das Fett der guten Vorsätze jedes Jahr zu viel wird und erleichtert sie um Einlagen, um dann, siehe oben, auf großem Fuß leicht und federnd aufzutreten, wo immer er erscheint.

Das ist Tenno, interessant. Ich werde auf ihn zurückkommen müssen, wenn ihm der Wind um die saumseligen Ohren pfeift, denn dann isses besonders rührend dabei zu sein, im Sturm des Schicksals ein Lüftchen mit ins Notizbuch nehmen, so mag’s der Schreiber, immer bestens aus der Ferne oder in der Distanz, und im Geiste brüderlich. Bei aller Disziplin darf die Gute Laune nicht zu kurz kommen, deshalb zurück zum Textfluß, und ein wenig Ruhe einkehren lassen, die Füßchen im Wasser, ein Käsebrot in der Linken und ein Gläschen vom Feinsten in der rechten, und schauen was vorübertreibt. Zum Beispiel: Wie mein Koffer eine Flugreise erlebt! ganz aus seiner Perspektive. Als ich es sah, von Anfang bis ans offene Ende im Hotelzimmer eines fremden Mannes, denn er wurde mir gestohlen, mußte ich zugeben, was mein Koffer erlebt hatte, war aufregender als meine eigene Reise nach Brurmei, war näher an der ungeschminkten Wirklichkeit, als ich es jemals vor dem Spiegel sein werde. Man darf das ruhig glauben, einfach mal glauben schadet nichts. Kommt gar nicht darauf an, was – man fühlt sich gut, wenn man Essentielles wahrnimmt. Moralisch im Vorteil ist man immer, wenn man glaubt.

Das muß ich Bruder Ehrlich mitteilen, noch bevor’s ein Ende hat. Am Ende des Jahres, man hat es mir am Wochenmarkt erzählt, beim Einkauf einer Flasche Wein. Die ist inzwischen auch leer. Gewußt hab’ ich’s aber vorher schon, schon lange vorher. Mag mich gar nicht mehr erinnern, wie lange schon das meine Litanei ist!