Archiv für den Monat: Januar 2012

13. Januar 2012

Nach Venedig ankommen

Wenn einer eine Reise tut, hieß es einmal, und es war vielleicht wahr, kann er viel erzählen. Man umgeht das heute (2012), indem man Bilder ins Webalbum lädt und die Hausadresse dazu, den Link, an Freunde und Bekannte mailt. Das muß man machen, um unnötiges Gerede über gemachte oder ungemache Reiseerfahrungen zu vermeiden, und man macht es wegen des Zeitdrucks, der auf einem lastet, wegen sich schließender Zeitfenster, durch die man noch schlüpfen muß, und wegen ungeduldigen Termingeschäften, die absolut nicht warten wollen.

Man sortiert die hochgeladenen Bilder gewöhnlich nicht mehr aus, auch das aus denselben Gründen wie oben erwähnt: Jeder soll selbst aus den Regalen eines unermeßlichen Angebots auswählen dürfen; wir sind frei und wollen niemandem etwas vorschreiben. Jeder soll sich selbst ein Bild machen, wenn er die Zeit dazu findet und Lust dazu hat. Meine Bilderstrecke, die noch auf ihre Eindampfung von 500 auf 2 oder 3 wesentliche Inhalte wartet, kommt demnächst – ich bin altunmodisch.

Bild: Venedig-Bild: Venezianischer Maskenmann

Ich war in Venedig – gewesen. Als ich wieder Zuhause war, wünschte man mir zuerst gute Ankunft. Das ist nicht widersinnig, sondern ein Extrakt der Erfahrung von Viel- oder Langreisenden. Man ist schneller wieder da, als man weg ist. Und man wünscht sich das nicht immer. Möge die Reiseerfahrung etwas länger dauern! Erst wer länger als ein Jahr reist, hat erfahren, daß die ganze Welt seine Heimat ist – das ist eine gestohlene Erfahrung, die ich von Reisenden genommen habe, die über 20 Jahre unterwegs waren. So lange bin ich nie gereist, bin vor Zeiten knapp an der 13-Monats-Marke gescheitert; ich wollte dieses Zeitfenster, das sich immer weiter öffnete damals lieber schließen und kam zurück in mein altes, inzwischen verblichenes Ich. Mir klingt noch die Warnung ewig Reisender im Ohr: wer länger als ein Jahr reist, verliert das Gefühl für sein altes Zuhause.

Nach langer Reise dauert die Rückkehr länger; nach so einer kurzen wie der letzten kann das schon beinahe unmittelbar geschehen. Eine Reise kann nichts weiter als ein Ortswechsel sein oder ist ein spiritueller Übergang von einer ungeistigen zu einer geistigen Ebene (nie umgekehrt). Die, denen das Leben eine einzige Reise ist, sind erst im Jenseits richtig Zuhause; eine glückliche Ankunft ist ihnen nur dort gewiß. Aber man muß sich auch so nicht freuen wieder Zuhause zu sein, in den vier Wänden, die einen beheimaten. Betrachtet man die zuletzt veröffentlichte Zahl aller lebenden Menschen vom jenseitigen Blickpunkt aus, denkt minimalistisch über Wiedergeburt nach, so kann einem scheinen, daß nun alle gleichzeitig hereindrängen, die einmal auf der Erde waren. Wie auf den letzten Drücker in der allerletzten Endzeit müssen sie noch hier sein, um ihr Karma hastig abzutragen und die ungemütlichen, unverdaulichen Reste mit dem unsortierten Abfall in die Verbrennungsanlage ein für alle Mal zu stopfen.

Bild: Venedig-Bild: nächtliche Brücke

Venedig läßt sich leicht vergleichen mit dem Leben – das kann man mit allem machen, worauf Füße trappeln. Jeder Weg ist ein Lebensweg, jede Sackgasse ein Irrtum. Sackgassen gibt es in Venedig mehr als genug; sie sind es aber nur für den Touristen.

Ich war gewillt, Eindrücke zu sammeln und auch das zu tun, was man mir zu besichtigen angeraten hatte. Das ist viel in Venedig; das Viele liegt auch nicht weit auseinander, alles sei zu Fuß und per Boot leicht zu erreichen.

Das stellte sich bald als schwierig heraus. Trotz Stadtplan und im Allgemeinen guter Orientierungsfähigkeit kam ich meist nur dort an, wo mich der Zufall hinbrachte, oder der „Corso principale“, wie ein eiliger Geschäftsmensch seinen Standort am Cellulare (italienisch), dem Handy (deutsch), kund gab. Ich überlasse mehr Dinge dem glücklichen Zufall als früher – er kommt nicht etwa öfter, aber wenn man ihn nicht so benennt, ist es bloß der pure Zufall, was sich da so ereignet. Das ist inakzeptabel; das ist einem geistigen, altmodischen Menschen zu wenig. Er geht lieber den Hauptweg als die Sackgasse, denn er will wohin kommen, er will ankommen. Wo? Im Leben. Das ist der Satz, den ich oft lese. Dabei kommt man gerade in der Sackgasse an ein Ziel: Man schließt eine Tür auf, und ist in einer andern Welt. Der Venezianer schließt dann ab und lebt sein Leben verborgen vor dem Touristen; der denkt neidisch daran, daß es gerade dort, in den Häusern, in den Wohnungen, so richtig venezianisch zugeht und hat selbst nur in irgendeinem Café mal ein paar Minuten Ruhe zum Zuschauen; ansonsten ist er in Venedig immer unterwegs, auf seinen eigenen Füßen. Zuhause holt er das Ungesehene nach, im Fotoalbum, das er ins weltweite Netz stellt, auf einen Server, in Kalifornien oder in Karlsruhe. Im Netz gibt es keine Sackgassen und keine Auswege, alles ist mit allem verbunden, alles im Fluß und alles rauscht durch Leitungen, es gibt nur Knotenpunkte. Auch das ist wie das Leben. Was anderes können wir nicht als Vergleich finden – wir sind mittendrin.

Bild: Venedig-Bild: Portraits

12. Januar 2012

Bauchgeschäfte

Bruder Ehrlich meint, die Welt gehe nun wieder weiter unter, aber er frage sich, es frage sich nur wie. Dieses Jahr (2012 – für spätere Generationen angemerkt) seien die Aussichten besonders günstig, ein Spektakel zu erleben, das man als Liebender, das Leben Liebender, bestimmt gar nicht sehen wolle.

„Für den Konsumenten aller bildorientierten Programme nix besonderes“, sagt Tenna, die Tochter des Tennos – aber der nennt sich nur so, weil: ein Spitzname muß sein. Er trägt ihn schon seit der Wahnsinns-WG seiner Studentenzeiten – die so schön waren wie’s die Wochen-Magazine mit ihren Kämpus-Beilagen gar nicht zu beschreiben vermöchten (wo Urlaub machen, welche Kneipe besuchen, welchen Cocktail schlabbern, wo am besten mit wem ins Bettchen hüpfen und wo seine Hängematte im Park aufhängen). Als Tenno in die Jahre kam, die er nun auf dem Buckel trägt, wurde er, kurz vor seiner Scheidung, Vater. Ihrem Tenno zuliebe gab seine Frau mitten im buntesten frühlingsduftigsten Rosenkrieg ihrer Tochter als Erinnerung an gute und schlechte Zeiten, die sie aber nicht teilen wollte, den Namen Tenna.

Das ist die Geschichte von Tenno, der in der Versenkung wieder verschwindet mit dem neuen Corsa fürs Gelände, sein Name ist Mokka, nach Marokka, wegen der Steuer. Er hat ihn sich, sagt die Staatsanwaltschaft, die neben Tausenden anderen seine Konto heimlich gläsern machte und wie einen Wald auflichtete und durchforstete, mit einem Wurm; an Würmer denkt ein solcher Mann wie Tenno nicht! – er hat ihn sich durch Sozialbetrug abgestaubt. Warum nur immer diese Sätze so verschraubt werden, so daß ich noch einmal halb von vorne anfangen muß. Ich mach’ das nicht gern!

Tenno macht nun in Bauchgeschäften und überhäuft Frauen in anderen Umständen mit Waren von Herstellern. Sich selbst hellt er den Winter auf mit Schuheinlagen und schlauem Schnickschnack, wohltätigem Nippes und falschen Klunkern. Mitunter berät er abnehmungswillige Wagemutige, denen das Fett der guten Vorsätze jedes Jahr zu viel wird und erleichtert sie um Einlagen, um dann, siehe oben, auf großem Fuß leicht und federnd aufzutreten, wo immer er erscheint.

Das ist Tenno, interessant. Ich werde auf ihn zurückkommen müssen, wenn ihm der Wind um die saumseligen Ohren pfeift, denn dann isses besonders rührend dabei zu sein, im Sturm des Schicksals ein Lüftchen mit ins Notizbuch nehmen, so mag’s der Schreiber, immer bestens aus der Ferne oder in der Distanz, und im Geiste brüderlich. Bei aller Disziplin darf die Gute Laune nicht zu kurz kommen, deshalb zurück zum Textfluß, und ein wenig Ruhe einkehren lassen, die Füßchen im Wasser, ein Käsebrot in der Linken und ein Gläschen vom Feinsten in der rechten, und schauen was vorübertreibt. Zum Beispiel: Wie mein Koffer eine Flugreise erlebt! ganz aus seiner Perspektive. Als ich es sah, von Anfang bis ans offene Ende im Hotelzimmer eines fremden Mannes, denn er wurde mir gestohlen, mußte ich zugeben, was mein Koffer erlebt hatte, war aufregender als meine eigene Reise nach Brurmei, war näher an der ungeschminkten Wirklichkeit, als ich es jemals vor dem Spiegel sein werde. Man darf das ruhig glauben, einfach mal glauben schadet nichts. Kommt gar nicht darauf an, was – man fühlt sich gut, wenn man Essentielles wahrnimmt. Moralisch im Vorteil ist man immer, wenn man glaubt.

Das muß ich Bruder Ehrlich mitteilen, noch bevor’s ein Ende hat. Am Ende des Jahres, man hat es mir am Wochenmarkt erzählt, beim Einkauf einer Flasche Wein. Die ist inzwischen auch leer. Gewußt hab’ ich’s aber vorher schon, schon lange vorher. Mag mich gar nicht mehr erinnern, wie lange schon das meine Litanei ist!