12. Januar 2012

Bauchgeschäfte

Bruder Ehrlich meint, die Welt gehe nun wieder weiter unter, aber er frage sich, es frage sich nur wie. Dieses Jahr (2012 – für spätere Generationen angemerkt) seien die Aussichten besonders günstig, ein Spektakel zu erleben, das man als Liebender, das Leben Liebender, bestimmt gar nicht sehen wolle.

„Für den Konsumenten aller bildorientierten Programme nix besonderes“, sagt Tenna, die Tochter des Tennos – aber der nennt sich nur so, weil: ein Spitzname muß sein. Er trägt ihn schon seit der Wahnsinns-WG seiner Studentenzeiten – die so schön waren wie’s die Wochen-Magazine mit ihren Kämpus-Beilagen gar nicht zu beschreiben vermöchten (wo Urlaub machen, welche Kneipe besuchen, welchen Cocktail schlabbern, wo am besten mit wem ins Bettchen hüpfen und wo seine Hängematte im Park aufhängen). Als Tenno in die Jahre kam, die er nun auf dem Buckel trägt, wurde er, kurz vor seiner Scheidung, Vater. Ihrem Tenno zuliebe gab seine Frau mitten im buntesten frühlingsduftigsten Rosenkrieg ihrer Tochter als Erinnerung an gute und schlechte Zeiten, die sie aber nicht teilen wollte, den Namen Tenna.

Das ist die Geschichte von Tenno, der in der Versenkung wieder verschwindet mit dem neuen Corsa fürs Gelände, sein Name ist Mokka, nach Marokka, wegen der Steuer. Er hat ihn sich, sagt die Staatsanwaltschaft, die neben Tausenden anderen seine Konto heimlich gläsern machte und wie einen Wald auflichtete und durchforstete, mit einem Wurm; an Würmer denkt ein solcher Mann wie Tenno nicht! – er hat ihn sich durch Sozialbetrug abgestaubt. Warum nur immer diese Sätze so verschraubt werden, so daß ich noch einmal halb von vorne anfangen muß. Ich mach’ das nicht gern!

Tenno macht nun in Bauchgeschäften und überhäuft Frauen in anderen Umständen mit Waren von Herstellern. Sich selbst hellt er den Winter auf mit Schuheinlagen und schlauem Schnickschnack, wohltätigem Nippes und falschen Klunkern. Mitunter berät er abnehmungswillige Wagemutige, denen das Fett der guten Vorsätze jedes Jahr zu viel wird und erleichtert sie um Einlagen, um dann, siehe oben, auf großem Fuß leicht und federnd aufzutreten, wo immer er erscheint.

Das ist Tenno, interessant. Ich werde auf ihn zurückkommen müssen, wenn ihm der Wind um die saumseligen Ohren pfeift, denn dann isses besonders rührend dabei zu sein, im Sturm des Schicksals ein Lüftchen mit ins Notizbuch nehmen, so mag’s der Schreiber, immer bestens aus der Ferne oder in der Distanz, und im Geiste brüderlich. Bei aller Disziplin darf die Gute Laune nicht zu kurz kommen, deshalb zurück zum Textfluß, und ein wenig Ruhe einkehren lassen, die Füßchen im Wasser, ein Käsebrot in der Linken und ein Gläschen vom Feinsten in der rechten, und schauen was vorübertreibt. Zum Beispiel: Wie mein Koffer eine Flugreise erlebt! ganz aus seiner Perspektive. Als ich es sah, von Anfang bis ans offene Ende im Hotelzimmer eines fremden Mannes, denn er wurde mir gestohlen, mußte ich zugeben, was mein Koffer erlebt hatte, war aufregender als meine eigene Reise nach Brurmei, war näher an der ungeschminkten Wirklichkeit, als ich es jemals vor dem Spiegel sein werde. Man darf das ruhig glauben, einfach mal glauben schadet nichts. Kommt gar nicht darauf an, was – man fühlt sich gut, wenn man Essentielles wahrnimmt. Moralisch im Vorteil ist man immer, wenn man glaubt.

Das muß ich Bruder Ehrlich mitteilen, noch bevor’s ein Ende hat. Am Ende des Jahres, man hat es mir am Wochenmarkt erzählt, beim Einkauf einer Flasche Wein. Die ist inzwischen auch leer. Gewußt hab’ ich’s aber vorher schon, schon lange vorher. Mag mich gar nicht mehr erinnern, wie lange schon das meine Litanei ist!

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