26. April 2012

Die Geeeste – erfaßt!

bild: Hagen RetherNach Ergriffenheit durch die Geeeste alles weitere nicht mehr so genau nehmen –

Die Geste ist schlicht: zurücklehnen, sich nicht aufregen und plaudern; die Erwartungen im Publikum sind groß und werden erfüllt: Hagen Rether zieht sich vor sein Headset-Mikrofon die geistigen Absonderlichkeiten, die aus unserem medialen Leben heraus auf unser alltägliches Befinden und Urteilen Einfluß nehmen, und zerlegt sie in die Bestandteile. Von den vielen Sorgen und Aufregungen bleibt nur die Künstlichkeit übrig, mit der wir von den wirklichen Sorgen abgelenkt werden.

Er kommt demnächst zu uns, nach bild: R-TownMan hat mir von dem Wochenendereignis begeistert auf einer Feier berichtet; es war schon lange zu spät, mir Karten zu besorgen – nicht nur, weil alle ausverkauft waren. Gerne ließe ich mir den Kopf kalt waschen oder ihn mir zurechtrücken, um wieder frei und klar denken zu können, befreit von den Flöhen, die man mir in den Kopf gesetzt hat. Aber nun ist er mir von anderen anstatt von Rether gewaschen worden. In einer Besprechung über einen Auftritt des Kabarettisten, der „die Satire-Klischees unterläuft und Grundwerte freilegt“, las ich zwar, daß er „Klarheit und Ordnung in die Köpfe“ bringt, und die „verdrängten Widersprüche unseres Wohlstandes benennt“, aber dann beging ich den Fehler, anstatt wie üblich kursiv zu lesen, jeden Absatz durchzugehen.

„Über billige Feindbilder“ sei Hagen Rether hinweg.

Warum Todesstrafe und Folter in China beklagen, aber nicht in den USA?

heißt es dort, habe Rether erwähnt, und ich habe mich gefragt, welches billige Feindbild hier gemeint sei, China oder die USA. Vielleicht lese ich wieder nur die falschen Zeitungen. Von der einstmals, in meiner Jugend, als „Gelben Gefahr“ beschriebenen Angst ist geblieben ein vorsichtiges sich Arrangieren mit der sich ankündigenden politischen und wirtschaftlichen Macht der Chinesen: man entdeckt die Größe chinesischer Medizin, das Yin und Yang Weltprinzip ist bald in der Hausküche, man sticht sich mit Nadeln in wundheilende Kraftpunkte und feng-shuit beim Garteln und beim Haus-Tresoranlegen. Und nicht zu vergessen Konfuzianismus, Taoismus und Maoismus, mehrtausendjährige Weisheit, die uns schon deshalb imponieren muß, weil sie uns zeigen kann, wie man sich mit Diktaturen und Kaiser- und Königreichen arrangieren kann, indem man simpel und einfach sein Ich zurückstellt auf das Allgemeine – und das hören wir China-Konsumenten gerne – und deswegen gehen wir ins Kabarett.

Aber das habe ich mir nicht gedacht, als ich es las, sondern, ob sich hier der Kabarettist nicht arg den Kopf verdreht und das Publikum dreht sich einfach mit?

Also „warum Todesstrafe und Folter in China beklagen, aber nicht in den USA?“ Nach dem letzten Bericht von amnesty international heißt es:

Auf jeden Fall … werden in China mehr Menschen hingerichtet als im gesamten Rest der Welt. Auf Platz zwei der Statistik lag wie im Vorjahr der Iran (mindestens 388 Exekutionen), gefolgt vom Irak (mindestens 120), Saudi-Arabien (mindestens 69) und den USA (52).

In allen Berichten wurden die USA erwähnt, nur nicht, zum Bedauern des Kabarettisten, an erster Stelle. Da will uns Hagen Rether unbedingt auf seinen Lieblingsmörder hinweisen. Wenn einer 1000 Leute umbringt, dann ist es für den Kabarettisten besonders wichtig auf den hinzuweisen, der 50 umbringt. Wir empören uns einfach immer an der falschen Stelle; jeder Kabarettist beklagt einmal im Programm, daß stets an der falschen Stelle gebeifallt wird – das haben wir so gelernt. Deshalb „geißelt er mediale Empörungsroutinen“ und tauscht sich mit dem Publikum über die eigenen, für’s Kabarett gültigen Routinen, aus.

Die Mediengläubigen ermuntert er zum Selberdenken

schreibt der Rezensent, der solches wohl in seinem Beruf nicht sehr oft tun darf. Aber das stimmt nicht.

Selbst gedacht ist halb schon wahr? Man fragt sich, ob markant formulierte Sätze alleine deshalb wahr sind, weil man sie lustig finden kann.

Wer hat Angst vor dem Islam?

Hat denn jemand Angst vor dem Islam?

70000 Alkoholtote in Deutschland: Hat wer Angst vorm Riesling?

Wo er recht hat, muß man ihm Recht geben! Vor dem Riesling hat keiner Angst, obwohl auch der in einen gewaltigen Rausch führen kann.

Früher hieß Rethers Botschaft: „Das ist nicht lustig!“ Heute: „Was reg’ ich mich auf!“ Die Geeeste stimmt immer noch: Kein kleinbißchen arrogant, weder überheblich noch herablassend, sondern ganz der Chefsessel selbst.

Ich werde demnächst wieder jedes Wort lesen, nicht kursiv, und hinhören, worin die kommende Saalberichterstattung schwelgen wird – und versuche dann noch selbst zu denken. Wird schwer werden. Wenn mir Live-Dabeigewesene von einem schönen Abend mit kurzweiliger Unterhaltung berichten werden und ich bei jeder ätzend klar formulierten Wahrheit nicken werde.