15. April 2012

Themaverfehlung: Gedichtinterpretation

Was Günter Grass uns sagen mußte, würde er uns heute anders sagen, sagte er. Als ein Dichter, der sich seiner Mittel immer unsicherer wird, sollte er nicht zu Versen greifen und sie der „Süddeutschen Zeitung“, der „New York Times“ und der „Reppubblica“ zur Veröffentlichung überreichen. Was er uns gesagt hat, darüber ist viel gestritten worden. Viele in Foren kommentierende Leser sind ihm dankbar, endlich einmal ausgesprochen zu haben, was sie Zuhause anscheinend seit Jahren hinter vorgehaltener Hand nur sich zuflüstern – denn es hat sich in Deutschland der Mythos verbreitet, man dürfe so manches nicht sagen – was mit Kritik an Israel zusammenhänge.

Doch zum zürnenden Verdruß des Dichters und seines nickenden Publikums, sagen die Zeilen und Strophen des Poems nicht nur das, was „gesagt werden muß“, sondern auch, was zum Dichter zu sagen ist.

Daran hat er selbst den größten Anteil. Hätte er nur ein zweizeiliges Haiku verfaßt über seine Angst

Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden

wäre der Widerhall gering bis gar nicht vorhanden gewesen. Hätte er darüber hinaus nicht einen Großteil des Gedichts der Begründung gewidmet, warum er nun etwas sagen müsse, und warum er so lange geschwiegen habe, kaum einer wäre darauf gekommen, daß hier die Verpackung der Inhalt ist, und drinnen eine Größe Tüte Hausgespenster. Glaubt er gar die Zeile

das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig

einfügen zu müssen, huschen sie auch schon heraus, und wird man gerade erst recht alle übrigen Zeilen, und alles, was dazwischen zu lesen ist, danach abklopfen und wird sich erst recht fragen, warum er sie einfügt. Was bewegt sein höheres Ich so sehr, daß er nicht einfach mitteilt, was doch bald Tatsache sei: Israel könnte

das iranische Volk auslöschen

Ein „Völkermord“ steht bevor – und die „gleichgeschaltete Presse“ verschweigt das. Passable Worte mit einer großen Vergangenheit! Woher weiß er all das nur? Liest er etwas anderes als „gleichgeschaltete Presse“ früh morgens, wenn er seine Pfeife anzündet? Wer hat seine Informationsquellen ungleichgeschaltet?

Statt dessen beschreibt uns Günter Grass deutsche Wohnzimmergeschichte und zeigt uns unfreiwillig die Tapeten, die wir über Jahrzehnte hinweg übereinander gekleistert haben. Nicht erst seitdem uns beim Häuten seiner Zwiebel einige Tränen in die Augen gelaufen sind über so viel Ehrlichkeit und geradezu deutsch-moralischen Mut uns aufrichtig, endlich, über seine SS-Zeit berichtet zu haben, sehen wir ihn als den auf unangenehme Wahrheiten hinweisenden Dichter – nun entwindet er sich wie Laokoon von den Schlangen, die sein Innerstes schickt:

Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren …

… jeeenes andere Land – dessen Name zu nennen alleine schon Unbehagen auslöst …

Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist …

… seine jugendliche Zeit in der SS, seine Abstammung, oder gar ungeordnete Familienverhältnisse?

auch weil wir – als Deutsche belastet genug …

… eine Erbsünde? nicht die persönliche Schuld Einzelner?

weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen …

… sein „Land mit den ureigenen Verbrechen“ dankt es ihm zum Teil, denn er nennt es nicht „Volk“, es waren keine Menschen da, die „ureigene Verbrechen“ begingen.

Nun haben ihm auch noch israelische Politiker so prominent wie überflüssig ein Einreiseverbot erteilt und damit, für alle, die mit ihm schon vorher einer Meinung waren, bestätigt: Du darfst nichts gegen Israel sagen.

Aber sie hören sich entweder selbst nicht zu oder sie wollen sich nicht hören, denn sie sagen alles, was sie nicht sagen dürfen, seit wie vielen Jahren? (seit 1972?) frei heraus und meist mit großer innerer Spannung – daß ein Gefühl aufkommt, als befände man sich hier inmitten eines lang geführten Stellungskriegs gegen nicht zum Schweigen bringende Feinde, und als wäre endlich der Schießbefehl erteilt worden.

Sie haben anscheinend nie Fernsehen gesehen, keinen Konzelmann, keinen Scholl-Latour, keine SZ-Feuilleton-Kommentare gelesen, keine der FAZ-Israel-Korrespondenten-Berichte, »TAZ« oder »Freitag«, sie waren nie an Wirtshaus- und Straßenreden beteiligt und haben keine Freunde Bekannten übers Welt-Kapital räsonieren hören! Sie alle lebten mit Grass isoliert in Schweigezellen.

Wer etwas kritisiert, sollte stets damit rechnen, daß er Widerrede bekommt. Und wer auch noch sagt, das Wort „Antisemitismus“ würde immer nur verwendet, um eine Diskussion zu ersticken, der glaubt, Antisemitismus sei kein ernst zu nehmendes Thema mehr, jedenfalls keines, das ihm nahestehe.

Vielleicht werden wir doch in den nächsten Jahren mehr hören, und andere werden ihre „Zwiebeln häuten“, wenn Leser sich die Worte zu Herzen nehmen

zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

Münder werden sich öffnen, und heraus kommen endlich: verbogene Gefühle. Wo können wir Deutschen mehr fühlen als wenn es um Gerechtigkeit und Weltfrieden geht als im „Nahen Osten“. Wir brauchen zwar keine „neue Holocaust-Debatte“, wie eine Schlagzeile lautete, aber wir brauchen eine über unsere deutschen Befindlichkeiten und Wehleidigkeiten, unser Besserwissen und über zurückgestaute Gefühle und uns einengende Tabu-Buhs. Wir brauchen weniger lehrplanmäßige Abarbeitung des III. Reiches und Wiedergutmachung (was für ein empfindsames Wort!) aus schlechtem Ungewissen. Nicht das Gewissen ist uns eigen, sondern das Ungewissen (in einer unsicheren Welt). Vom „Weltfrieden“ zu reden angesichts zahlloser Kriege und Kleinkriege hat da noch etwas sehr beruhigend Häusliches.

Auch wenn wir das Wort nicht mehr hören können, wir müssen es erst einmal dort anwenden, wo es hingehört: Antisemitismus ist nicht die Geschichte der Nachbarsfamilie, sondern vor allem eigene Familiengeschichte – Oma und Opa kannten ihn noch als er keinen so schlechten Klang hatte. Im eigenen Heim ist er kein Thema, das ist schon lange Geschichte. Thema ist: was uns zugefügt wurde, was an uns verbrochen wurde.

Plappern wir nicht einfach nur nach, was ein Dichter Ungereimtes „mit letzter Tinte“ faselt:

ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin

sondern fragen uns auch, wenn einer so redet, was könnte der „Heuchelei des Westens“ gegenüber stehen? die Aufrichtigkeit des Ostens? oder des Südens? oder des Nordens, oder doch nur die des Dichters oder Redners, der verallgemeinert, wie es kaum mehr simpler geht?

Es ist Sonntag. Ich war in meiner Jugend gewohnt, daß es am Sonntag eine Predigt gab! Morgen ist Montag. Da fängt der Alltag wieder an:

Liebe Brüder und Schwestern, Schafe und solche, die es nicht sind:

Befreien wir uns alle vom Schweigen: Reden ist Silber, Blabbern ist Gold und Dichten ist göttlich. Letzteres ist Preiseträgern vorbehalten.

Ist Grass ein Antisemit? Glaub ich nicht.
Ist Grass ein Dichter? Vielleicht.
Ist Grass ein Nobelpreisträger? Mit Sicherheit.
Und deshalb wurden die Zeilen publik, und deshalb wird mit diesen Zeilen geredet.

… und was gäbe es zu schreiben Wenn Israel islamisch wäre

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.