Archiv für den Monat: Juli 2012

9. Juli 2012

Gebeutelt – Erster Ereignisfeldzug

Mein Hosenbund hatte einst 22 Mitglieder. Ich war oft dabei und mittendrin!

DABEISEIN

wurde ganzganzganzganz

groß bei mir geschrieben.

Und ich vergas, was ich nicht wußte, niemand konnte es mir wiederbringen.

Zum Hurra-Schreien war das leider nicht und zum Fahne-Zeigen auch nicht geeignet.

 

„Arbeit ist großartig, schrie ich schon frühmorgens nach dem Zubettgehen.

Fünf Worte, die fürchterliche Folgen hatten – man darf es sich ausmalen, nur nicht zu bunt, nur das nie nicht!

Doch heute saß ich alleine mit mir herum, grün hinter den Ohren, Strohrumwitwer, verkatet, verbeutelt, zerknaatscht,

absolut und relativ zufrieden und

unterhielt mich prächtig mit

– – semmelknödelweichen

– – weißwurstkesselwarmen

– – haferschleimfeuchten

Philosophiehappen über das Leben und

seine Begleitumstände und:

Wieso überhaupt Sterben?

 

„Arbeit machte Spaß und Denken ist auch Arbeit! sagte ich mir,

– ich habe es schon gesagt –

und hielt mich im Augenblick damit über Wasser.

 

Dann zum Zähneausputzen klinisch-getestete Creme.

Das kannte ich schon aus anderen reptilienschweren Zeiten, in denen nichts prächtig war außer meinem Gebiß.

Der Dauerbrenner verbruzzelte nie! –

 

Keiner verstand mich, ich war so komplizert bis Schlag Mittag, dann erwachte

ich im Umstand der Einfachheit in allzu blauer Gewandung,

einfache Worte trug ich im Korb,

mal fiel was raus, mal wurde ich reingelegt und am Ohr gezogen.

Von mir so bitterlich schwer enttäuscht bis zur glimpflichen Ermüdung sprachen ringsum Stimmen in vielen Sprachen:

„Meinen Schatten sieht man im Nebel nicht.

„Wirft der Nebel Schatten auf das Licht?

Große Fragen, die keine Antworten fingen,

 

aber, kein aber, aber doch:

Schnappatmung ist kein angemessener Ausdruck für mich

für diesen Augenblick als sich die Zehen aus dem Bett hervorstreckten,

ich löffelte Luft!

Kniee beugen, um den Drehstuhl einmal links, einmal rechts mit schlenkernden Armen, dann durchstrecken und wieder durchstarten.

Das hatte ich geschrieben an einen Unbekannten, und starrte gramerfüllt zerbrochen auf den Bildschirm. Hier stand:

„Schnappatmung ist kein angemessener Ausdruck für mich, ich löffelte Luft!

„Strohwitwer mit Vatermörder im Fasching auf gamsiger Tour fing sich eine Parodie auf sein Lebenswerk ein.

Ich meinte mich und beweinte mich zur unechten Zeit.

Zum Kopfschütteln! Einfach nur zum Abtanken – aber chillen? Nein danke.

 

Wie so manches immer schief läuft und auf der schiefen Bahn ausgerechnet im wahren Licht ins rechte Lot kommt

– man glaubt es nicht!

Man glaubt es mir einfach nicht so einfach –

und es ist auch gar nicht wahrer, weil’s unaufgeregt anstatt mit Leidenschaft hervorgedruckst wurde:

Streiten, lieber leise mit aller nur erdenklichen Seelenruhe und auf Distanz zu inneren Vorgängen.

 

Nur den Kopf zu schütteln, dafür war’s zu spät: Es stand da und war nicht mehr ungesehen zu machen.

Also frei Schnauze raus aus der Ecke, raus aus der Nische, mehr Erlebnisse mit Biß rein in die Currywurscht.

Schnell Eindrücke verfassen und im Netz versenken, Ei leik nicht vergessen und nicht dissen!

 

Gleich am U-Bahnhof kam mein alter Pizzahund um die Ecke gesaust,

und verdampfte mit einem

»Puff«,

schnappte sich ein Teilchen und vergnügte sich damit, der süße Köter!

Er ist besser dran als

3. Juli 2012

Das Sch-Wort zu allem

Nachhaltigkeit ist ein »Gebot der Stunde«, der letzten Stunde vielleicht sogar; wenn ich meinem eigenen Pessimismuschen (getrenntes Ess Zeh Ha) ein kleines Abstellklo in meinem gemütlichen Eigenheim zubillige – dann erkenne ich in dieser abgeschiedenen Stille, daß 5 vor 12 schon längst vorbei ist. Ich habe die Stufe des Post-Pessimismuses erreicht, manchmal glaube ich, es ist bereits lange nach 12 Uhr – und ich habe recht, es ist weit jenseits dieser Endzeitmarke: 20 nach 3!

Nachhaltigkeit heißt zunächst: weniger von allem, dafür aber alles von Dauer und den Gesetzen des natürlichen Verwertungskreislaufes entsprechend: Nichts erschaffen, was nicht wieder verwertet werden kann oder sich selbst entsorgt und übergeht in Gärung, Verwesung und Staub und dann wieder Erde, Humus und Rosen wird. Mit diesem Gedanken sah ich mich schon oft konfrontiert, doch auf völlig neue Weise als mich G aus A in meinem Arbeitszimmerchen besuchte und ich nichts besseres zu tun hatte, als ihn nach den neuesten Ereignissen zu fragen. Ich kenne seine Antworten, verstehe meist den Inhalt gar nicht, denn er handelt von und mit Teilen. Teile, das ist ein sehr allgemeiner Begriff, so kann man ihn erst einmal stehen lassen. G’s Teile haben Namen und Katalognummern, Baujahre, Einsatzgebiete, Fundorte, Lagerplätze und Produktions- und Firmengeschichten, alles hintereinander. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, um was es sich handelt, wenn er erzählt; um einen Motor? ein Getriebe? Porzellangeschirr? Blechschachteln? Zinnfiguren? Plakate oder Schrauben? Nur eines ist sicher: es ist gewiß nichts Neuwertiges.

Die Gegenfrage kam nach einigen Ausführungen über zu früh verkaufte Teile umgehend: Was gäbe es denn bei mir so? Da’s bei mir nie etwas gibt, außer Kaffee umsonst und mal ein Mittagessen, wenn er zufällig raufkommt, zeigte ich ihm, was in der Welt so los ist: mit zwei Fingern scrollte ich durch die Weltnachrichten eines online-Magazins, von oben nach unten, und auch mal von links nach rechts. Nur einen völlig abweisenden und erstaunten Blick gab’s dafür, er sagte das Sch-Wort ganz aus seinem Innersten heraus: „So ein Sch!! – Solche Zeitverschwendung!!“

Das sag ich ja auch selbst oft genug, aber es hatte nie eine nachhaltige Wirkung gehabt auf mich, zumal ich zur „Zeitverschwendung“ allmählich ein neues Verhältnis aufzubauen beginne: Zeit verschwenden mag mir bald als ein höchstes Gut des Lebens vorkommen. Fällt einem noch etwas ein, was nicht von Nutzen sein soll, optimiert und getrimmt auf Leistung? Ob Gesundheit, Essen, Arbeit, Freizeit, Konsumieren, Sex, Atemholen, Schlafen, Träumen und selbst das Locker-Lassen geht nicht ohne einen Hinweis darauf, wie man’s verbessern könne, um fitter für Beruf oder Rente und die Kreuzfahrt zu sein. Zeit verschwenden ohne schlechtes Gewissen ist asozial! – Mit schlechtem Gewissen dagegen ist es nur unverantwortlich seiner optimal angepaßten Lebensaufgabe gegenüber. So viel gibt’s zu erfüllen, da schlägt Gott die Hände über seinem Kopf zusammen.

G’s Sch-Wort hat mir gezeigt, daß es doch Zeitverschwendung gibt; es hat mich getroffen, daß ich vor dem Computer sitze und immer wieder über den ganzen Tag verteilt Schlagzeilen lese, um irgendwas aufzufüllen mit leeren Worten. Ich verschwende Zeit, damit ich nicht an die Zeitverschwendung komme, die ich im Sinne habe: mal ganz und gar nix zielgerichtet tun, die Zeit einfach laufen lassen, und sagen können: Es ist nichts von Bedeutung geschehen!

So kann ein Erwachen sein als Fleischfresser inmitten der Knochenhaufen, verfaulenden Kadaver und Soßenresten, die man Jahrzehntelang nach dem Schlabbern als Müll von sich geworfen hat, und nie nur ein Augenmerk wert waren, so kann das mit einem Schlag auf den Hinterkopf aufgeschüttelt werden: dann sieht man im Überblick das zum Schlachtvieh bedrängte Leiden des Fleisches vorm Abstechen und Auf-den-Grill-Spieß-zur-Koma-Party stecken. Es tut mehr weh als Wehwehchen weh tun – es kann einem Leid antun.

Hupp! Das paßt nicht zum Zeitungsleser, der in seinen Nachrichten aufwacht – da ist mir jetzt mein bißchen Fantasy hinweggerutscht in fremde Berichte, die mit meiner Zeitverschwendung nix zu tun haben. Aber ich denk schon mal an die Zeit, in der ich offline sein werde, ich bereite sie vor, die Zeit, in der ich mein Nachrichtenleben, und damit auch diesen Blog, umstellen werde: nur mehr mit alten Notizen arbeiten; den notierten Müll aus Jahren zu objects trouvées stilisieren, damit er von mir weg kommt und begraben wird, und seine eigene Ruhe finden kann.

bild[… er ist schon lange tot und sieht niemanden mehr an.]

2. Juli 2012

Gednaken

„Die Gedanken sind frei,

deklamierte der Dichter und stürzte sich ins eigene Elend,

nicht damit, nicht dadurch

sondern weil es eben so ist.

„Es ist so wie es ist, sagte er, es hat keinen Grund und keinen Boden und keine Aussicht auf Besserung.

„Ich möchte weinen,

sagte er nicht.

„Unnötig,

sagte ich, der gerade hoch erhobenen Hauptes aus dem Elend stolzierte.

 

Ich schnallte den Gürtel enger. Wunderbar! kein Verrutschen der Hose mehr!

„Die Gednaken (Gedanken) sind blei,

wurde ein weiterer Dichter zitiert,

fälschlich von mir.

 

Das Publikum nahm Abschied vom Applaus.

Es gefiel ihm wenig, so verwöhnt war es, daß es schlichte Unterhaltung vorzog,

bevor es stillgelegt oder stilgerecht in den Biergarten einzog,

mit lauten Bestellungen, Getöse, Gedränge und

neuen Gednaken; das gefiel ihm, der dumme Versprecher, der Vorbote war

weiterer Gednaken zum Thema Freistildenken: heute und gestern.

 

Meiner Meinung nach darf man das,

meine Meinung hielt man für erheblich! Meinungsstark

trat ich im Starkregen hervor, einsilbig,

Fakten Fakten Fakten, faktisch nichts als Fakten!

notierte und zitierte ich,

der Knoblauchpresse frisch entkommen.

Sie dirigierte gern umher, man nahm es ihr auf der Stelle nicht krumm,

dafür roch es scharf nach Angstschweiß der Ausgequetschten und schon vorab mit Nachrichten Überhäuften.

 

„Der Gedanken sind drei, lautete der Protest von Horden von Bannerträgern:

„eins

„zwoa,

hoch die Tassen aus dem Schrank!

 

Man einigte sich darauf, daß man sich nicht beschweren dürfe.

Die Hitze war plötzlich erträglich,

jetzt am Samstag am Gemüsestand. Es war so heiß,

keine Beschwerde, wenn es schon einmal so ist.

Sich den Mund zunähen, von oberster Stelle abgesegneter Protest, ich verkniff ihn mir.

 

Die graue Maus trug blau.

Der blaue Stefan wurde vom Rad geholt, von Umständen,

unbeschreiblich.

Dieser polizeibekannte Rentner durfte blasen.

 

Ich lobte die Grußworte vom zweiten Vorsitzenden des Dachverbandes als hübsche Beigabe

und trat ein für ein generelles Verbot

von Blasphemie.

Prominente Unterstützer zeigten ihre Unterstützung mit ihren fröhlichen und allbekannten Gummibärgesichtchen

oder wie das heißt.

Ich war überglücklich wie schon lange nicht.

Ich habe mich gerührt,

ich war gerührt,

ich bin’s noch.