3. Juli 2012

Das Sch-Wort zu allem

Nachhaltigkeit ist ein »Gebot der Stunde«, der letzten Stunde vielleicht sogar; wenn ich meinem eigenen Pessimismuschen (getrenntes Ess Zeh Ha) ein kleines Abstellklo in meinem gemütlichen Eigenheim zubillige – dann erkenne ich in dieser abgeschiedenen Stille, daß 5 vor 12 schon längst vorbei ist. Ich habe die Stufe des Post-Pessimismuses erreicht, manchmal glaube ich, es ist bereits lange nach 12 Uhr – und ich habe recht, es ist weit jenseits dieser Endzeitmarke: 20 nach 3!

Nachhaltigkeit heißt zunächst: weniger von allem, dafür aber alles von Dauer und den Gesetzen des natürlichen Verwertungskreislaufes entsprechend: Nichts erschaffen, was nicht wieder verwertet werden kann oder sich selbst entsorgt und übergeht in Gärung, Verwesung und Staub und dann wieder Erde, Humus und Rosen wird. Mit diesem Gedanken sah ich mich schon oft konfrontiert, doch auf völlig neue Weise als mich G aus A in meinem Arbeitszimmerchen besuchte und ich nichts besseres zu tun hatte, als ihn nach den neuesten Ereignissen zu fragen. Ich kenne seine Antworten, verstehe meist den Inhalt gar nicht, denn er handelt von und mit Teilen. Teile, das ist ein sehr allgemeiner Begriff, so kann man ihn erst einmal stehen lassen. G’s Teile haben Namen und Katalognummern, Baujahre, Einsatzgebiete, Fundorte, Lagerplätze und Produktions- und Firmengeschichten, alles hintereinander. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, um was es sich handelt, wenn er erzählt; um einen Motor? ein Getriebe? Porzellangeschirr? Blechschachteln? Zinnfiguren? Plakate oder Schrauben? Nur eines ist sicher: es ist gewiß nichts Neuwertiges.

Die Gegenfrage kam nach einigen Ausführungen über zu früh verkaufte Teile umgehend: Was gäbe es denn bei mir so? Da’s bei mir nie etwas gibt, außer Kaffee umsonst und mal ein Mittagessen, wenn er zufällig raufkommt, zeigte ich ihm, was in der Welt so los ist: mit zwei Fingern scrollte ich durch die Weltnachrichten eines online-Magazins, von oben nach unten, und auch mal von links nach rechts. Nur einen völlig abweisenden und erstaunten Blick gab’s dafür, er sagte das Sch-Wort ganz aus seinem Innersten heraus: „So ein Sch!! – Solche Zeitverschwendung!!“

Das sag ich ja auch selbst oft genug, aber es hatte nie eine nachhaltige Wirkung gehabt auf mich, zumal ich zur „Zeitverschwendung“ allmählich ein neues Verhältnis aufzubauen beginne: Zeit verschwenden mag mir bald als ein höchstes Gut des Lebens vorkommen. Fällt einem noch etwas ein, was nicht von Nutzen sein soll, optimiert und getrimmt auf Leistung? Ob Gesundheit, Essen, Arbeit, Freizeit, Konsumieren, Sex, Atemholen, Schlafen, Träumen und selbst das Locker-Lassen geht nicht ohne einen Hinweis darauf, wie man’s verbessern könne, um fitter für Beruf oder Rente und die Kreuzfahrt zu sein. Zeit verschwenden ohne schlechtes Gewissen ist asozial! – Mit schlechtem Gewissen dagegen ist es nur unverantwortlich seiner optimal angepaßten Lebensaufgabe gegenüber. So viel gibt’s zu erfüllen, da schlägt Gott die Hände über seinem Kopf zusammen.

G’s Sch-Wort hat mir gezeigt, daß es doch Zeitverschwendung gibt; es hat mich getroffen, daß ich vor dem Computer sitze und immer wieder über den ganzen Tag verteilt Schlagzeilen lese, um irgendwas aufzufüllen mit leeren Worten. Ich verschwende Zeit, damit ich nicht an die Zeitverschwendung komme, die ich im Sinne habe: mal ganz und gar nix zielgerichtet tun, die Zeit einfach laufen lassen, und sagen können: Es ist nichts von Bedeutung geschehen!

So kann ein Erwachen sein als Fleischfresser inmitten der Knochenhaufen, verfaulenden Kadaver und Soßenresten, die man Jahrzehntelang nach dem Schlabbern als Müll von sich geworfen hat, und nie nur ein Augenmerk wert waren, so kann das mit einem Schlag auf den Hinterkopf aufgeschüttelt werden: dann sieht man im Überblick das zum Schlachtvieh bedrängte Leiden des Fleisches vorm Abstechen und Auf-den-Grill-Spieß-zur-Koma-Party stecken. Es tut mehr weh als Wehwehchen weh tun – es kann einem Leid antun.

Hupp! Das paßt nicht zum Zeitungsleser, der in seinen Nachrichten aufwacht – da ist mir jetzt mein bißchen Fantasy hinweggerutscht in fremde Berichte, die mit meiner Zeitverschwendung nix zu tun haben. Aber ich denk schon mal an die Zeit, in der ich offline sein werde, ich bereite sie vor, die Zeit, in der ich mein Nachrichtenleben, und damit auch diesen Blog, umstellen werde: nur mehr mit alten Notizen arbeiten; den notierten Müll aus Jahren zu objects trouvées stilisieren, damit er von mir weg kommt und begraben wird, und seine eigene Ruhe finden kann.

bild[… er ist schon lange tot und sieht niemanden mehr an.]