Archiv für den Monat: Februar 2013

11. Februar 2013

Wann ist Gemüse tot?

Diese Frage habe ich mir gestellt, nachdem mir ein Freund seine Umstellung auf Rohkost damit erklärt hatte, daß es ihm sofort eingeleuchtet habe, als ihm ein Freund gesagt habe, gekochtes, gegartes Gemüse sei tote Nahrung. Totes ist für den Organismus schädlich. Sein Freund esse nur noch „lebendige Nahrung“: rohes Gemüse und Obst – und, sagte er, er habe sehr gesund ausgesehen. Meine erste Frage darauf war, ob rohes Fleisch auch lebendige Nahrung sei.

Wenn man darüber nachzudenken versucht, wird es komplizierter. Es geht über rohe Gedanken zu rohem Fleisch weit hinaus – und mich treibt es wieder fernab in laue, seichte Altwasser. Denn schon nachdem ich die ersten Zeilen geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich meinen Freund erwähnen sollte. Würde er sich nicht bloßgestellt fühlen, wenn ich auf vielleicht unbewußt sarkastische Weise seine Umstellung und Erfahrung darstellen würde? – Soll ich also die Gespräche mit Freunden verwursten? dachte ich mir. Eine grundsätzliche Frage. Wenn ich weiterhin so verfahre, spann ich die Kränkung fort, würden sich meine Freunde rar machen, ihren Mund verschließen und nur mich mit meinem losen Maul reden lassen; offene Worte würden nicht mehr fallen, nur noch endgültige, man würde im Gespräch darauf warten, daß ich mich selbst bloßstelle. – Das mache ich ja schon. Diese Frage muß vor dem Schreiben geklärt werden, hier und für alle weiteren Schreibereien in diesem Blog.

Ich habe mich das oft gefragt: Wie halten es Schriftsteller mit ihrer Umgebung? Woher nehmen sie ihre Sachkenntnis, um Charaktere in Romane zu verwandeln – aus Zeitungen? Thomas Bernhard nahm keine Rücksicht; man liest neugierig von richtigen Zerwürfnissen („Holzfällen“).

Andererseits besteht die Gefahr bei mir nicht, daß sich jemand hier erkennt: meine Freunde lesen nicht, was ich schreibe. Also benütze ich sie ein bißchen, um meine eigenen Gedanken aus einem finstern Kohlenkellerloch zu heraufschaufeln, das ich mein Inneres nennen kann. Die schütte ich auf einen Haufen, entzündle sie, um mich mit dem glimmenden Feuerchen ein wenig warm zu halten in diesen kalten Tagen, sehr allgemein gesprochen.

Zurück an der Feuerstelle, dem Herd und dem Kochtopf bin ich beim Thema. Das Ergebnis meiner Gedanken über lebendige Nahrung ist so unwesentlich, daß ich es hier schon gleich verkünde: Als lebendige Nahrung sehe ich nur Fleisch vom lebenden Tier an, alles andere ist tote Nahrung, in verschiedenen Stadien der Verwesung. Es dürfte der grausliche Gedanke an Verwesung gewesen sein, der zur einfacheren Unterscheidung in tote und lebendige Nahrung geführt hat. Mit Verwesendem will man sich am allerwenigsten in Berührung bringen. Verwesung ist vom Charakter her ein Übergang; da gibt’s keine genaue Grenze, nur Nuancen.

Spricht man aber von toter Nahrung, dann muß man klar unterscheiden zwischen tot und lebendig, und das gibt ein sicheres Gefühl noch zum Lebenden zu gehören (wie wenig man das Leben auch schätzen mag). Wie unterscheidet sich das Tote vom Lebendigen? Das klingt so einfach und verlangt eine gerade Antwort. Meine lautet: Die Seele muß draußen sein! Und wo Seele ist, das definiert man selbst.

Wann ein Mensch oder ein Tier tot ist, läßt sich noch leicht sagen. Daß nach dem Tod eine Weile die Nägel weiterwachsen, macht einen Menschen für uns nicht mehr lebendig. Unter einem menschlichen Leben verstehen wir mehr. Das tierische Leben ist, soweit vom Menschen betreut, zum großen Teil auf sein Ableben hin für uns von Bedeutung. Der Tod und das Zubereiten zur Verspeisung sind das Ziel unserer massenhaften Tierliebe und -pflege; Nutztierrassen sterben aus, wenn wir sie nicht mehr benötigen, Haustierrassen entstehen nach Mode- und Niedlichkeits-Gesichtspunkten und gehen durch Vermischung, sprich Vernachlässigung, wieder ein. (Die Katze als solche allerdings bleibt ein wildes, extrem gefährliches Massenmördertier, das für das Aussterben unzählig vieler Vogelarten auf allen Kontinenten verantwortlich ist, las ich vor einigen Tagen – die Katze ist uns also sehr ähnlich und verdankt ihre weite Verbreitung in zivilisierte Wohngegenden auch uns; wir tragen gerne zur Verbreitung überlegener Arten bei, die den Kampf um die Vorherrschaft auf diesem Planeten, für sich entscheiden. Die Katze aber, heißt es nun, muß bekämpft werden. Wissenschaftler geben dem neuseeländischen Katzenanalytiker/hasser, der uns vom Massenmördertier berichtete „teilweise sogar“ recht. Über das Ausmaß der Zerstörung, das ich mir sehr gut vorstellen kann, bin ich entsetzt. Ich trage schwer an dem großen Vorrat an dunklen Bildern in mir!)

Gegen Mittag, beim Überlegen, was ich mir in die Pfanne haue, bin ich dann wieder zum Thema zurück. Esse ich gesunde/lebendige Nahrung oder kranke/tote? Fleisch gibt es selten bei mir, und wenn, dann hoffe ich doch, daß es tot ist. Bei Gemüse dagegen frage ich mich nun auch mal, ob das wirklich gut ist, was da geschmort, angebraten und gedämpft wird. Man könnte es daran ermessen, daß ich immerhin schon über mehrere Jahrzehnte mit dieser Nahrung hinter mich gebracht habe; so schlecht kann totes/gekochtes Gemüse nicht sein. Man ist aber nie ganz gesund oder gesund genug. Fühlt man sich wohl, hilft einem eine Augendiagnose auf die Sprünge: die Iris ist unklar, du bist innerlich verschleimt! wurde mir da einmal gesagt. Warum nur ließ ich mich darauf ein, wo ich doch so skeptisch allem Heilpraktischen gegenüber bin? Ich sei sozusagen innerlich vermüllt, ließ ich mir sagen – und ich ließ es mir gefallen. Man hatte mir zwar nicht aus der Seele geredet, aber mir doch gut ins Gewissen geredet, meine Ernährung und mich selbst auf Klarheit umzustellen – warum war ich denn beim Heilpraktiker!: keine Bananen mehr, keine Milchprodukte. Kein Käse mehr? Ein Leben ohne Käse ist wie … Sinn ohne Unsinn. Das lehne ich grundsätzlich ab. Meine Iris wird mittlerweile noch unklarer sein, vielleicht bereits sogar so getrübt wie mein Verstand, der einer Augendiagnose mit ganzheitlichen Ansatz Gerhorsam verweigert.

Anstatt mir in die Iris zu schauen, könnte ich an meiner Fußsohle nachsehen; auch da spiegeln sich alle inneren Organe wider, gemäß dem Motto: alles bildet sich in allem ab. Eine alte Weisheit, auf die man gerne und bei immer wachsendem Bedarf zugreifen kann. Du kannst das Große im Kleinen erkennen, is eh alles ähnlich. Da gab’s neulich die Möglichkeit einen Vortrag über ganzheitliches „Gesichtszeichenlesen“ zu lauschen: Wenn man die Zeichen richtig deute, könne man erkennen: seelische und gesundheitliche Probleme. Daß es die genug gibt, und daß wir danach suchen bei uns und bei andern ist keine Krankheit sondern eine Selbstverständlichkeit. Ich wäre hingegangen, läge mein Interesse am Zeichen- und Symbole-Lesen nicht gerade sehr am Boden und möchte ein wenig in Ruhe im Gesundheitsschlaf dösen.

Wer mehr weiß, ist klar im Vorteil beim Kampf gegen sich selbst. Freilich sind all die ganzheitlichen Erkennungsdiagnosen ernsthafter als Kaffeesatzlesen, wie ich sie hier darstelle. Wenn einer daraus meine seelischen Probleme lesen kann, da bin ich immer Ohr, denn das Innere, das ist so eine unsichere Sache, die muß man aushorchen; es sind dunkle Verkrümmungen und Verbiegungen, die mich nicht ganz werden lassen. Ich will zum ganzen, heilen Mensch gesunden, an dem die weltliche Unbill keinen Kratzer mehr hinterläßt. Dann läßt mich die Welt in Ruhe, oder ich sie.

Ich bedenke immer nur mein eigenes Leben, das kommt mir krank vor!

Das Leben von Pflanzen habe ich nach so vielen Zeilen noch kaum bedacht. Ich spreche nicht mit Blumen, ich habe nur einen Kaktus; ich spreche nicht mit ihm, aber ich hab ihn doch so lieb, wie ein Mensch einen Kaktus lieb haben kann: Zum Kuscheln ist er ungeeignet, aber als geistiges Wesen, das auf dieser Erde wächst und gedeiht und somit Teil der Gesamtheit ist, die ich mitunter (an)erkenne, beim Anblick der Stacheln, beachte ich ihn und bewundere ihn. Ich betrachte ihn bisweilen und habe meine eigenen vergessenen Gedanken dabei; der Kaktus begleitet mich in seinem Topf schon über 30 Jahre! Er war an meiner Seite. Still und manchmal unbeachtet hat er mich in Lebenskrisen und Schaffenskrisen gesehen, am Fenster stehend, hat mir geholfen mit seinem nie nachlassendem Wachstum — das klingt zu sehr neoliberal, ich schreibe dann lieber: Gedeihen.
bild: Mein Kaktus

Wenn dieser Kaktus einmal tot ist, sofort werde ich es nicht erkennen; er stirbt sich langsam weg, nehme ich an. Als Nahrung könnte er mir vielleicht auch als toter Kaktus dienen – wenn ich denn am Verdursten wäre in meinem wüsten Arbeitszimmer. Einige Tropfen Flüssigkeit sind in einem Kaktus bis über seinen Tod hinaus – man muß ihn nur feste drücken. Sein Tod aber dürfte nicht leicht festzustellen sein. Gestehe ich ihm eine Seele zu, dann lebt er weiter, und sein Tod ist nicht endgültig und nicht umsonst. Überhaupt: wenn man Seele als existent in Betrachtung zieht, dann ist es leichter Tod vom Leben zu unterscheiden; das eine trennt sich vom andern, das Leben verliert seine körperliche Hülle und lebt nackt im geistigen Universum weiter. Und wenn ich ihn dann essen würde, dann ja nur seine physische Hülle. So viel zum Kaktus.

Es liegen gelagerte Äpfel in einem kalten Raum nebenan. Ich hab sie selbst gepflückt oder vom Boden aufgelesen. Sind diese Äpfel tot? Wenn ja, wann starben sie? Wenn der Stengel (Stängel – neue klarere Rechtschreibung), an dem er hängt, sich vom Baum abschließt und keinen Saft weiterläßt? Oder fängt dann erst das Apfel-Leben an, mit Beginn der Vollreifung – die wiederum nur im Hinblick auf den genußreichen Verzehr so bezeichnet werden kann.

Was macht den Unterschied zwischen Leben und Tod? Das Zugeständnis an das Leben, daß es eine Seele gibt, daß es etwas gibt, das jenseits dessen ist, was wir als Körper wahrnehmen. Wir können das Leben nicht weiter denken, als wir selbst es wahrnehmen und definieren. Um uns selbst herum ist es klar, aber weiter weg hat es nur Sinn, wenn wir es auf uns beziehen. Ob ein Körper tot ist oder lebt, wenn wir es sagen: auch Verwesung ist Veränderung und Übergang. Doch wir brauchen die Grenzen.

Wann Gemüse für tot erklärt werden muß, weiß ich immer noch nicht; irgendwo zwischen knackig und matschig – man kann es nicht wissen, man glaubt es – und da scheiden sich die Geister. Ich habe mich auch noch nicht entschieden, ob ich dem Gemüse einen Geist zusprechen möchte. Beim Menschen bin ich mir sicher: ich brauche ihn; es fällt mir schwer, ihm zu entkommen.

Als ich meine Mutter auf dem Sterbebett einen wahrlich unheimlichen Seufzer ausstoßen hörte, wußte ich, daß sie nun in diesem Moment gestorben war. Man hätte meinen können, die Seele wäre mit diesem Hauch aus dem Körper in den Äther entschwunden. Daß es nur die vom Druck der Knochen auf die Lunge entweichende Luft war, nach dem Ende der Herztätigkeit, hat meiner Fantasie und meinem Wunsch nach Mehr keinen Abbruch getan. Ich habe noch eine Weile mit dem Geist meiner Mutter geredet. Es hat mir geholfen. Ich glaube an die Macht des Aberglaubens.